www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Meine Hölle

© Frank Moné


Zuerst war es nur eine Bewegung, die ich verschwommen im Augenwinkel wahrnahm.
Ich hätte den Kopf wenden können, um Genaueres zu erkennen. Aber eben das wollte ich nicht. Nicht um das Verrecken, welches unbeirrbar näher kam. Bloß nicht mehr, von diesem namenlosen Grauen, spüren als unbedingt nötig. Bewegungsunfähig blickte ich ins Leere. Klammerte mich an die dumme Hoffnung allein dadurch zu überleben.
Der unheilvolle Schatten glitt näher. Quälend langsam, um sich noch länger diabolisch an meiner sich steigernden Angst zu laben.
Meine Hände verkrampften sich, ohne dass ich es hätte verhindern können, zu Fäusten. Meine Fingernägel gruben neue, tiefe Täler in die Handflächen. Verkürzten meine fast aufgebrauchten Lebenslinien noch mehr.
Es wurde größer und größer, baute sich turmhoch hinter mir auf. Verwehrte jede Möglichkeit einer letzen, verzweifelten Flucht.
Ich spürte, wie alle Flüssigkeit meinem Mund entwich, um als kalte Schweißperlen auf meiner fiebrigen Haut meinen Körper hinunter zu flüchten.
Meine Lungen schrien nach Sauerstoff, aber ich wagte es nicht meinen Mund zu öffnen. Hätte doch jede noch so kleine Bewegung das Interesse des unsagbar Bösen an mir noch weiter entfacht.
Plötzlich, ohne jede Vorwarnung, berührte es mich. Messerscharfe Krallen schlossen sich um meinen Schädel.
Wie ein eisiger Stromschlag durchzuckte diese kalte Grausamkeit jede Faser meines Körpers. Kündete von meiner unmittelbar bevor stehenden Agonie. Wie Säure zerfraß das Entsetzen mein Inneres und stürmte als pure Angst meine Kehle hinauf. Brach als lautloser Schrei aus mir heraus.
Dann, im Moment der absoluten Gewissheit dem Ungeheuerlichen nie mehr zu entkommen, fiel jeglicher törichter Stolz von mir ab und aus meinen rot geäderten Augen strömte der salzige Beweis meiner ungezügelten Angst.
Mein Kopf wurde hart zurück gerissen. Irgendetwas Schlängelndes erzwang sich brutal und kaltschleimig seinen Weg in meinen Rachen...
In meinem Kopf explodierten grelle Feuerräder... und ich begann meinen Weg durch eine unbeschreibliche Hölle...
Und endlich, endlich, nach Äonen der Verzweiflung und Schmerzen öffnete sich auch vor mir dieser blendendweiße Tunnel, von dem so viele berichteten.
Ob man dort, am Ende des Lichts, auch auf mich wartete? Mich liebevoll empfing? Mich barg in ihrer tröstlichen Nähe?
Ich streckte meine Arme aus, aber ein kaltes, grausames Lachen zerfetzte jäh meine Hoffnung: "Nein, oh nein. Es ist noch nicht vorbei." Ich hasste meinen Zahnarzt.



Eingereicht am 27. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««