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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Mr. G

© Kendra M. Parker


Sein Hemd war zerknittert, aber das unterstrich sein rebellisches Aussehen.
Die Augenringe, Spuren seiner Partynächte, die schon zu ihm gehörten wie sein Dreitagesbart und die er nur selten jemandem zeigte, verdeckte eine verspiegelte Sonnenbrille.
Sie mochte die Sonnenbrille nicht. Es war das Einzige, was sie an ihm nicht mochte. Nicht, weil sie ihm nicht stand. Er sah unheimlich gelassen damit aus, wie der coole Typ Mann, der in fast jedem Actionfilm auftauchte. Sie mochte die Sonnenbrille nicht, weil sie sich darin spiegelte.
Ihre blasse Haut, die grünen Augen mit den hellen Wimpern, die sie schon längst hatte dunkler färben wollen und der viel zu volle Mund. Der Mund eines Flittchens, wie ihre Mutter ihn nannte. Der Mund, den so viele Männer versucht hatten zu küssen, obwohl sie erst vierzehn Jahre alt war. Aber der volle Mund und ihre große Oberweite hatte sie schon mit zwölf erwachsen wirken lassen.
Das Einzige, was sie an sich mochte waren ihre langen roten Haare. Die Haare, von der sich ihre Mutter nicht erklären konnte, von wem sie die hatte. Alle in der Familie waren blond.
Deswegen liebte Jamie ihre Mähne, auch wenn sie widerborstig war und sich kaum frisieren ließ. Alles, was ihre Mutter zur Verzweiflung brachte, war gut.
Ein diabolisches Grinsen umspielte ihre Lippen, als er ihr die Beifahrertür aufhielt. Ein Camaro Cabriolet. Sie liebte dieses Auto. Ihr Vater hatte so eins gefahren. Woher sie das wusste, daran konnte sie sich nicht mehr erinnern. Vielleicht hatte sie es auch nur geträumt, aber das war ihr egal.
Was würde ihre Mutter sagen, wenn sie sähe, dass sie zu einem älteren Mann in den Wagen stieg. Sie würde nichts sagen, sie würde toben, schreien, sie anspucken und ihr Zimmer sperren. Aber ihre Mutter war zu Hause und schlief ihren Rausch aus und so lange sie unter der Wirkung Jack Daniels litt, konnte Jamie tun was sie wollte. Niemand der darauf achtete, ob sie in die Schule ging, oder ob ihre Kleidung nach Zigarettenrauch roch.
"Wo soll's hingehen?", fragte er, als sie sich breitbeinig in den Ledersitz gesetzt hatte, so dass sich ihre Kniescheiben berührten. Seine Hand strich über ihr nacktes Knie, das kaum von dem fast durchsichtigen Stoff ihres kurzen Rockes verhüllt wurde, dann drückte er ihre Beine zusammen und fuhr los. Sie sah ihn beleidigt an.
"Willst du, dass ich mich strafbar mache und in den Bau wandere?", fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. Sie vergaß immer wieder, dass er schon dreißig war.
Seine langen Haare, die er meist offen trug und das schelmisches Grinsen ließen ihn eher wie Anfang zwanzig wirken. Und wie er manchmal redete, so klang er wie die Jungs aus ihrer Klasse. Diese Reden von der Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit, wo man doch meinen könnte, dass jemand in dem Alter unabhängig genug sein müsste. Doch sie hörte ihm gerne zu, wenn er redete, selbst wenn er sich wiederholte.
Der Klang seiner Stimme ließ sie eine Zeitlang die Monotonie ihres Alltags vergessen. Wenn er redete, dann gab es keine grabschenden Männer, die zu Hause auf sie warteten, kein Gekreische drohte ihr das Trommelfell zu zerplatzen, wenn sie den Müll nicht raus brachte, kein Schweigen bestrafte sie über Tage, wenn sie das Wort Alkoholikerin benutzte, keine Ohrfeige hinterließ einen brennenden Abdruck, wenn sie dabei erwischt wurde, wie sie dem Freund ihrer Mutter einen blies, damit er nicht abhaute und sie ohne Geld dastanden.
"Erzähl mal etwas", forderte er sie auf, als er auf den Highway bog. Der Wind wehte durch ihr Haar und sie suchte nach einem Zopfband in ihrer Handtasche, damit sie keine Kletten bekam.
Vor einer Woche hatte sie deswegen ihre Haare um zwei Zentimeter kürzen müssen. Vier Stunden auf dem Highway und zwanzig Kletten im Haar.
"Mr. G hat mich wieder nachsitzen lassen, weil ich zu spät gekommen bin", sagte sie und fischte ein graues Haarband aus ihrer Tasche. "Er hat mich ein paar Sätze schreiben lassen, dann musste ihm einen blasen und konnte gehen", sagte sie, als ob sie von einem Kaffeekränzchen sprach.
Er warf ihren Blick von der Seite zu, doch sie beugte den Kopf nach unten, um sich die Haare im Nacken zusammen zu binden.
"Du solltest Mr. G melden", sagte er, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte. Er bot ihr eine an, aber sie lehnte ab. Ihr war nicht nach rauchen. Ihr Hals kratzte etwas.
"Mr. G sagt ich soll die Klappe halten, weil sonst meine Zukunft mitsamt ihm untergehen würde." Sie lachte kaut auf. "Meine Zukunft!", schrie sie und lachte wieder. Ein hysterisches Lachen, das ihm eine Gänsehaut verursachte.
Sie sah es an seinen Armen und hörte auf. Ihr Hals kratzte noch mehr.
"Ich denke, du warst seit zwei Wochen nicht mehr in der Schule", sagte er dann.
"Ja", sagte sie nur und starrte auf die Straße. Ein Jeep fuhr vor ihnen und sie verspürte auf einmal den Impuls, ihren Fuß aufs Gaspedal zu quetschen.
Würde es wehtun? Aber dann drehte sie den Kopf zur Seite und sah ihn an und sie wusste, dass sie, wenn sie es machen würde, es alleine tun würde.
Vielleicht konnte sie das Auto ihrer Mutter nehmen, das seit Wochen in der Garage rostete. Der Vergaser war kaputt, aber vielleicht bekam sie ihn irgendwie repariert. Sie hatte ein Händchen für so was.
"Siehst du die rote Stelle hinter meinem Ohr?", fragte sie und hielt den Kopf schräg, damit er die Stelle sehen konnte.
"Mr. G hat versucht, mir das Ohr abzureißen, als ich gedroht habe zur Polizei zu gehen." In ihrer Stimme lag stolz. Er sah sie mit einer Mischung aus Verwirrtheit und Unglaube an, dann schnippte er den Zigarettenstummel auf die Straße, um sich gleich darauf eine neue Kippe anzuzünden.
"Das Leben besteht aus Drohungen und Gefahren. Einige schaffen noch nicht einmal die erste Hürde der Drohungen zu beseitigen, andere ertrinken in der Gefahr", sagte er.
Sie nickte, obwohl sie nicht verstand wovon er redete. Sie verstand vieles nicht von dem was er sagte, dennoch wusste sie, dass er Recht hatte. Seine Stimme klang zu weise, als das er hätte falsch liegen können. Sie zumindest konnte an der Stimme und die Art wie jemand redete, erkennen, ob derjenige klug war oder nicht. Dass sie ihn nicht verstand, hatte lediglich damit zu tun, dass sie dumm war. Aber sie hoffte, dass er es nicht wusste oder irgendwann bemerken würde.
"Ich wäre sowieso nicht zur Polizei gegangen, ich wollte ihn bloß reizen", sagte sie und lächelte.
"Wieso?", fragte er.
Sie dachte nach, dann zuckte sie mit den Schultern. "Einfach so", sagte sie und sie war sich sehr wohl im Klaren darüber, dass das eine dumme Antwort war, die Antwort eines Kindes.
"Lässt er dich oft nachsitzen?", wollte er wissen. Der Jeep bog auf eine Auffahrt und sie spürte eine tiefe Melancholie, als ob eine wichtige Person sie gerade im Stich gelassen hätte.
"Ja", sagte sie und blickte zur Seite. Vor ihnen fuhr nun ein brauner Buick. Sie mochte keine Buicks, die erinnerten sie an Whiskey, Sex und Prügel. Sie versuchte das komische Gefühl abzuschütteln, dass sie eingehüllt hatte, seit der Jeep den Highway verlassen hatte, in dem sie tief durchatmete.
"Also Mr. G lässt dich oft nachsitzen, obwohl du nicht in die Schule gehst."
Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage.
"Ja, das sagte ich doch schon", sagte sie gereizt.
"Wieso gehst du dann nicht in die Schule? Vielleicht siehst du ihn dann weniger."
"Vielleicht will ich das nicht", sagte sie und blickte ihm für einen kurzen Moment direkt in die Augen.
"Vielleicht wäre er dann irgendwann nicht mehr da, wenn ich nach Hause komme", sagte sie leise und eine Träne rollte über ihre linke Wange.
Schnell wischte sie sich über das Gesicht.
"Vielleicht wäre es das Beste", meinte er.
"Vielleicht wäre es das Schlimmste"; sagte sie.
Sie schaltete das Autoradio an. Eine rauchige Stimme sang Countrymusik und sie konnte nicht unterscheiden, ob die Stimme einem Mann oder einer Frau gehörte, aber sie hoffte, dass diese androgyne Musik ihr half, die Tränen im Zaum zu halten. Sie wollte nicht weinen, nicht hier, nicht jetzt, nicht vor ihm.
"Du bist gar nicht mal so dumm für dein Alter", sagte er nach einer Weile.
Er war vom Highway abgebogen und fuhr nun auf einer schmalen Landstrasse; um sie herum nur Wüste.
Erstaunt sah sie ihn an, aber er blickte nach vorn, pulte mit einem Zahnstocher im Mund herum, während er mit der linken Hand lenkte.
Sie wusste nicht, was ihn zu dieser Erkenntnis gebracht hatte. Sie ließ das Gespräch Revue passieren und kam zu dem Ergebnis, dass sie nichts Dümmeres hätte sagen können. Im Nachhinein hätte sie sich am liebsten geohrfeigt.
"Du machst dich über mich lustig", sagte sie schließlich und erneut brannten Tränen in ihren Augen, die sie mit aller Macht versuchte zurückzudrängen.
"Denkst du ich weiß nicht wer Mr. G ist, so blöd bin ich auch nicht. Ich weiß es schon, seit unserem zweiten Treffen", sagte er und warf ihr einen kurzen Blick zu.
"Keine Kunst", meinte sie kaum hörbar.
"Du kannst viel mehr als das", sagte er dann ernst und wandte den Kopf zu ihr. Sie wich seinem Blick aus. "Woher willst du das wissen. Du weißt ja noch nicht einmal wie gut ich es kann."
"Mr. G weiß es, reicht dir das nicht?", fragte er mit unüberhörbarer Provokation in der Stimme.
"Wenn du es wüsstest, dann", begann sie und sah ihn an, doch sein Blick war nach vorne gerichtet. "Dann wäre es etwas anderes. Für mich, verstehst du? Ich mag dich. Für dich würde ich es gerne tun." Ihre Stimme hatte etwas Flehendes in sich.
"Gerne tun", schnaubte er, dann riss er das Lenkrad nach rechts und mit quietschenden Reifen kam das Auto zum Halten. Eine Staubwolke aus Sand ließ sie husten. Er öffnete seinen Gurt und setzte sich seitlich hin. "Na los, mach!", sagte er und fummelte an seiner Gürtelschnalle. "Du kannst es so gut, du willst es unbedingt, dann mach es doch. Zeig ob du nur eine 0/8/15 Lolita bist oder ob Mr. G wirklich eine Edelschlampe gefunden hat."
Ihr Hals brannte wie Feuer, als sie ihr Gesicht zu ihm drehte. Sie schluckte mehrmals, aber das Kratzen wurde immer stärker.
"Was ist?", schrie er. "Leere Versprechungen?" Er lachte. Er lachte und öffnete seinen Gürtel.
Sie starrte ihn einfach nur an, unfähig etwas zu sagen oder zu tun. Ihr Kopf war leer, nur das Bild des Jeeps sah sie deutlich vor sich, wie er immer näher kam. Der Knall ließ sie zusammenzucken.
"Hör auf", sagte sie leise und drehte sich zur Seite. Lautes Hupen verschmolz mit den zersplitterten Rücklichtern, die sich über den gesamten Highway verteilten und wie Konfetti die Straße schmückten. Rote Konfetti.
Blut wie Blut.
"Was ist? Nicht romantisch genug? Muss es euer Küchentisch sein oder das Bett deiner Mutter, während sie ihren Rausch auf der Couch auspennt? Oder hast du deine Prinzipien, zu denen Sexverbot im Auto zählt?" Er schloss seinen Gürtel, dann zündete er sich eine weitere Zigarette an.
Sexverbot im Auto. Sie hätte fast gelacht, aber die Blutlache, die sich unter dem Jeep ausbreitete, ließ sie verstummen. So schön rot, lief es bis an den Straßenrand, wo es sich mit dem Gras vereinte. Und wenn der Wind abends kam, würde er die letzten Tropfen ihres Lebens in die Landschaft hinaus wehen. Von Grashalm zu Grashalm getragen, quer durch das ganze Land, bis es sich in ein Nichts auflöste.
"Ich hasse Buicks, weißt du?", sagte sie, dann nahm sie seine Zigarette aus dem Mund und zog daran. "Mr. G hat einen. Einen widerlichen dunklen Buick.
Es riecht nach Whiskey da drin, weißt du? Er feiert kleine Partys mit Mr. F und Mr. P. Die sind dick befreundet, weißt du? Dann machen sie kleine Trinkerspiele. Mit Karten, weißt du?", sie lachte nervös.
"Rate mal was der Gewinn ist." Erneutes Lachen, das mit jeder Träne, die über ihr Gesicht lief lauter wurde. Dann verstummte sie, zog die Knie an und schnippte die Zigaretten auf die Straße.
Er blickte sie an, eindringlich; verstört. Er schüttelte den Kopf, immer wieder, nur ganz leicht.
"Fahr mich nach zu Hause", sagte sie kaum hörbar. Er rührte sich nicht, sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht. Er beobachtete wie eine einzelne Träne über ihr Gesicht lief, über ihren Mund bis zum Kinn und in ihren Ausschnitt tropfte. Er widerstand dem Impuls, der Träne mit dem Finger zu folgen und sie weg zu wischen, so wie er am liebsten ihren Schmerz weg gewischt hätte; mit einer einzigen Handbewegung. Aber er wusste, dass das nicht möglich war.
Nicht mit einer Handbewegung. Vielleicht konnte nichts und niemand ihr den Schmerz nehmen.
"Du kannst mehr als das", sagte er, als er den Wagen startete. "Du bist mehr als das."



Eingereicht am 26. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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