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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Kabukitheater

© Ihepih


Schlusspfiff. Die Spieler schütteln sich sportlich, herzlich die Hand und verlassen den Platz. Jede Mannschaft dreht noch eine Ehrenrunde und nimmt den jubelnden Applaus entgegen, der einer Leistung Respekt zollt, die kaum einer der Zuschauer hätte erbringen können. Sie haben Rugby gespielt, 7er Rugby, die kleine Variante zum 15er Rugby. Sehr physisch und unglaublich schnell. Japan hat dieses Spiel um Platz sieben gewonnen. Professionelle Sportlichkeit prägt auch nach diesem Spiel den Ablauf aller Handlungen. Keine Unüberlegtheiten, keine Irritationen. Dem Publikum wird höflich entgegen geklatscht und man versammelt sich in einer Ecke des Spielfeldes, um sich noch abschließend zu besprechen. Die Spieler sind weiterhin konzentriert bei der Sache und haben keinen Blick für die Alltäglichkeiten um sie herum.
Plötzlich löst sich der Huddle auf und alle Spieler verlassen, auf einen winzigen Befehl hin, sprintend das Spielfeld, um nach wenigen Sekunden wieder zurückzukommen. Jeder hat plötzlich einen Fotoapparat in der Hand. 14 Spieler und 4 Betreuer stehen mit digitalen Kompaktkameras neben dem Spielfeld und alle wollen ein Foto von der Gruppe machen. Der ganzen Gruppe selbstverständlich, sich selbst mit abgelichtet wissen. Ausnahmslos. Die Mannschaftsbetreuerin, die von der Organisation der Worldgames 2005 für die japanische Mannschaft abgestellt wurde, bekommt nun alle Hände voll zu tun. Mit einem Mal hängen ein halbes Dutzend Kameras um ihren Hals und die restlichen Aufnahmegeräte liegen auf dem Boden aufgehäuft, als wäre es Unrat, den man zusammengefegt hat.
Die Mannschaft nimmt in der allseits bekannten Pose Aufstellung. Die beflissene Betreuerin ist sehr bemüht und nach kurzem, doch leicht verzweifelt wirkendem Entwirren, hält sie schließlich die erste Kamera vor ihrem Auge. Sie ist bereit für das erste Foto.
In diesem Moment entwickelt sich ein Schauspiel, das alle förmliche Zurückhaltung von den Spielern abfallen lässt. Einem Kindchenschema gleich, feixen die Spieler in die Kamera hinein und es beginnt ein fast groteskes Possenspiel, das nun in allen, scheinbar einstudierten Facetten auf jede Kamera gebannt werden soll. Umherstehendes Hilfspersonal eilt herbei, um die verzweifelte Betreuerin zu entlasten. Vier oder fünf Menschen stehen letztlich vor einem Haufen von Kabukispielern und nehmen sich wahllos Kameras oder tauschen sie gegenseitig aus, um ununterbrochen die Auslöser zu bedienen. Ein fast hektisches Hin und Her von Posieren und Instruieren lässt ein Bild entstehen, das an Situationskomik keine Wünsche offen lässt.
Das Publikum ist schon den Tränen nahe, doch das hemmt nicht eine Sekunde lang die Spieler in ihren Aktionen.
Die Welle der Komik verebbt langsam, so dass die Zuschauer, nach dem ersten entlastenden Atemzug, schließlich die eigenen Kameras vor ihre Gesichter nehmen, um diese skurrile Situation festzuhalten.
Irgendwann hatten die Betreuerin und die Helfer alle Kameras in den Händen gehalten und bedient. Man beschloss, dass nun jeder zu seinem Recht und seinen Fotos gekommen sei und gaben die Kameras an ihre Eigentümer zurück. Glaubt man nun, dass damit alles vorbei sei, so hat man sich in dem japanischen Ergeiz, von Jedem und Allem ein Foto machen zu müssen, entschieden getäuscht.
Vollkommen unübersichtlich begann nach den Gruppenfotos jetzt ein Ringen um die Einzelfotos, auf denen der Fotografierende ausnahmsweise nicht selbst mit auf dem Bild ist. Niemand nahm nun mehr Rücksicht auf die anderen und die Szenen von Dreier- und Vierergruppen gestalteten sich wort- und gestenreich immer verwirrender.
Irgendwann hatte jeder wohl die gleichen Bilder wie sein Mitspieler. Um aber wirklich sicher zu sein, ob das auch so ist, verglich man augenblicklich über die Quickview-Funktion die Ergebnisse. Hatte nun einer ein scheinbar besseres Bild, mussten alle solange weiter machen, bis das gleiche, perfekte Bild auch im eigenen Kasten war. Mit großer Intensität wurden weitere Posen gestellt und herumgealbert. Und noch ein Foto. Und diesen oder jenen noch. Knipsen, vergleichen, dirigieren, posieren. Es schien kein Ende in Sicht und doch, plötzlich löste sich alles auf, als wenn eine Schablone fertig benutzt worden ist. So plötzlich, wie der Spuk begonnen hatte, so schnell war alles vorbei.
Die Spieler nahmen wieder ihr professionelles Gesicht in Empfang, gaben noch ein paar Autogramme und verließen das Spielfeld.



Eingereicht am 26. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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