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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Wenn ein Stern verglüht

© Herbert Schick


Wie gewöhnlich geht Jochen nach dem Abendessen noch an seinen Schreibtisch, um sich auf sein Studium vorzubereiten, welches in 4 Wochen, nach dem Ende seiner Zivildienstzeit, beginnt. Er ist froh darüber, dass er in München, seiner Heimatstadt, einen Studienplatz gefunden hat, dadurch erspart er sich zum einen das Suchen einer bezahlbaren Unterkunft in einer fremden Stadt, zum anderen aber, und das ist für Jochen weitaus wichtiger, bedeutet das keine zeitliche und räumliche Trennung von Sandra, dem Mädchen, mit dem Jochen seit fast einem Jahr zusammen ist. War Jochen anfangs nur von ihrer nahezu einzigartigen Schönheit fasziniert, von ihren strahlend blauen Augen inmitten einem makellosen hellen Gesicht, fühlte er sich schon nach kurzer Zeit von Sandra durch ein bis dahin noch nie gekanntes Gefühl der Geborgenheit angezogen. Sobald Jochen in Sandras Armen versinkt oder seinen Kopf auf ihren Schoß legt, vergisst er alles um sich herum. Und so ist es auch selbstverständlich für Jochen, Sandra den Gefallen zu tun, worum sie in ihrem Brief, den Jochen nun in der Hand hält und träumerisch liest, bittet.
Sandra ist für eine Woche mit ihrer Schulklasse auf eine Studienreise nach Wien gefahren und hat Jochen zum Abschied diesen Brief geschrieben, der weitaus mehr ist als der klassische Liebesbrief.
Womit die Angst, die nagende Ungewissheit und nervenaufreibende Spekulation beginnt, die in den nächsten Tagen auf Jochen zukommen soll, ist eben der Zusatz in Sandras Brief mit ihrer Bitte: "P.S. Bitte kümmere Dich um die Installation des neuen Programms auf meinem PC. Die CD-Rom liegt auf meinem Schreibtisch neben dem PC. Lieben Dank." Obwohl Sandra erst einen Tag weg war und Jochen noch länger Zeit dazu gehabt hätte, wollte er die Installation so bald wie möglich vornehmen. Nicht nur, weil er seine Arbeiten stets sofort erledigt, sondern auch, um das Gefühl zu haben, in Sandras Nähe zu sein, während er in ihrem Zimmer ist und vertraute Gegenstände und Gerüche um sich spürt. Hätte Sandra ihn nicht um diesen Gefallen gebeten, wäre Jochen gar nicht auf die Idee gekommen, während ihrer Abwesenheit zu ihr zu gehen. So hat er aber beschlossen, am folgenden Tag, dem Samstag, nachmittags zu Sandra zu gehen, um in aller Ruhe erst die Installation vorzunehmen, und anschließend ein wenig die Augen zu schließen und sich vorzustellen, wie Sandra hinter ihm auf den Stuhl zu bewegt und ihre Arme um seinen Oberkörper legt und ihn zärtlich umarmt. "Hallo Jochen, komm rein. Sandra hat mir schon gesagt, dass du mal kommen wirst wegen irgendwelcher CDs." "Hallo Frau Berger. Wenn es recht ist, gehe ich gleich an den PC." Obwohl Jochen bereits ein gern gesehener Gast ist im Hause Berger und Sandras Eltern ihn sehr mögen, konnte er sich noch immer nicht an das noble Ambiente der Bergers gewöhnen. Das Ehepaar Berger besitzt im Stadtteil Nymphenburg ein exklusives Autohaus und lebt in unmittelbarer Nachbarschaft in einer Jugendstilvilla, deren moderne Einrichtung einen einzigartigen Kontrast zum Baustil und zur inneren Eleganz des Hauses bildet. Sandras Zimmer befindet sich im 2. Stock, und aus dem Fenster kann man über den gepflegten, parkähnlich angelegten Garten bis hin zum Schloss Nymphenburg sehen. Als Jochen ihr Zimmer betritt, spürt er sofort die Aura seiner Freundin, die er über alles liebt und verehrt, und die er in diesem Moment unbeschreiblich stark vermisst. Jochen geht durch das Zimmer bis an den Schreibtisch, auf dem der PC steht und beginnt mit der Installation. Die CD-Rom liegt, wie von Sandra in deren Brief beschrieben, direkt neben der Tastatur bereit.
"Kann ich dir etwas zu trinken bringen, Jochen?" Erschrocken dreht sich Jochen um, er war bereits so tief in Gedanken an Sandra versunken, dass er gar nicht bemerkt hat, wie ihre Mutter in das Zimmer kommt und nur noch wenige Meter von ihm entfernt stand. Frau Berger ist eine ebenso faszinierend wirkende Frau wie Sandra, und auch deren Ausstrahlung und Schönheit lässt auf den ersten Blick die Bindung von Mutter und Tochter erkennen.
"Nein danke, Frau Berger. Ich kümmere mich nur schnell um das Programm, dann muss ich gleich wieder weiter." Er wollte lieber alleine und ungestört sein und die Umgebung von Sandras Zimmer ganz für sich alleine haben. Daher wollte er auch nicht, dass Sandras Mutter bei ihm steht und evtl. noch zusehen möchte. Erleichtert atmet Jochen auf, als sie das Zimmer wieder verlässt. Jochen startet den PC, wartet, bis das Betriebssystem bereit ist, und beginnt dann mit dem installieren des neuen Programms, von dem sich Sandra einen besseren Fortschritt bei der Arbeit für ihr Abitur erhofft. Das Aufspielen der neuen Software bedeutet für Jochen keinen großen Aufwand, und nachdem die CD im Laufwerk gestartet ist, drückt Jochen lediglich noch zweimal die Eingabetaste auf der Tastatur, wie es im Beschreibungstext der Software angegeben ist, und die restliche Installation verläuft automatisch. Jochen lehnt sich auf dem Stuhl vor Sandras Schreibtisch zurück, verschränkt die Hände hinter dem Kopf und schließt die Augen, um sich an den Tag zurück zu erinnern, an dem er zum ersten mal mit Sandra alleine in diesem Zimmer war. Es war ebenfalls ein Samstagnachmittag, Sandras Eltern waren nicht zu Hause, so waren sie ungestört und konnten sich ganz unbefangen über alles unterhalten, was ihnen gerade eingefallen ist. Jochen erinnert sich noch mal an den Moment zurück, an dem er mit Sandra auf deren Couch saß, sie sich gegenseitig in einem ausgedehnten, aber absolut nicht peinlichen Schweigen tief in die Augen blickten, und ihre Lippen sich danach ganz langsam aufeinander zu bewegten, bis diese sich anschließend in einem zärtlichen, lange anhaltenden Kuss ineinander verschmolzen, während sich Jochen und Sandra gegenseitig in den Armen lagen und sich am liebsten nie mehr voneinander gelöst hätten. Beide wussten in diesem Augenblick, dass sie füreinander geschaffen waren, dass sie zueinander gehörten. Ebenso hatten beide das gleiche Gefühl, wenn sie sich trafen - das Gefühl der Geborgenheit und des Vertrauens zueinander. In diesem Punkt waren sich Jochen und Sandra einig, ohne sich darüber vorher abzusprechen, und so kam es, dass sich aus der anfänglichen flüchtigen Bekanntschaft, die zwischen ihnen bei der Party eines gemeinsamen Freundes begann, schnell eine intensive und seelisch tiefgehende Liebesbeziehung entwickelt hat, die scheinbar nur glückliche Momente zu kennen scheint. Denn in den vergangenen zwölf Monaten, seit Jochen mit Sandra zusammen ist, hat es kaum irgendwelche Differenzen gegeben, die nicht nach wenigen Minuten beigelegt waren. Jochen war sehr glücklich darüber, mit Sandra zusammen zu sein, und für ihn war es immer selbstverständlich, Sandra gegenüber nicht nur charmant und liebenswert, sondern auch vor allem ehrlich und treu zu sein, denn das sind für Jochen seit je her die Grundvoraussetzungen in einer Beziehung, eine Einstellung, die, wie er erleichtert feststellte, auch für Sandra gilt. Beide sind sich gegenseitig treu, davon ist Jochen voll überzeugt. Um so stärker war jetzt der seelische Stich, den Jochen verspürte... Ein Signal aus Sandras PC meldete die erfolgreiche Installation des Programms. Jochen wollte gerade die CD aus dem Laufwerk entnehmen, als er ein Foto auf Sandras Schreibtisch entdeckt. Es ist ein Foto von Sandra mit einem gleichaltrigen Kerl, den Jochen bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen hat. Und dass dieses Bild erst wenige Wochen alt ist, erkennt Jochen an einem Plakat im Hintergrund, welches eine Ausstellung in einer Münchner Galerie ankündigt. Jochen würde diesem Bild keine größere Bedeutung beimessen, wenn der Arm des Fremdlings nicht zu vertrauensvoll auf Sandras Schulter liegen würde, ein Umstand, der Sandra aufgrund ihres Gesichtsausdrucks gar nicht unbehaglich zu sein scheint. Jochen blickt einige Minuten irritiert und ungläubig auf das Bild, unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, sich zu bewegen. Nur zögernd streckt er nun seinen Arm aus, um das Bild in seine Hand zu nehmen und es sich noch näher zu betrachten. Jochen fühlt sich wie ein angeschlagener Kämpfer im Boxring, der sich nach einem Magenschlag nur schwer wieder aufrichten kann. Fühlte er sich vor wenigen Augenblicken in seiner träumerischen Erinnerung noch wie der glücklichste Mensch auf Erden, so kommt es ihm jetzt vor, als ob er sich in einem Trümmerfeld befindet. Sich noch selbst beruhigend mit dem Gedanken, dass sich alles ganz leicht erklären lässt und dieses Bild eigentlich ganz harmlos ist, drehte er das Foto, während er es auf seinen Platz zurück legen wollte, instinktiv um und entdeckt dabei die Worte, die auf der Rückseite zu lesen sind: Schön, dass es Dich gibt. Bussi, Tom. Als Jochen dies gelesen hat, war es für ihn und seinen momentanen Zustand das sprichwörtliche KO eines Boxers. Dass Jochen nahezu mechanisch in einer Art Trance das Haus der Bergers verlässt, nimmt er bewusst gar nicht mehr wahr.
"Hey Joe, altes Gehäuse, was treibst du so verloren hier auf der Straße?" Es war die Stimme von Stefan, seinem besten Freund, die ihn aus seinem Dämmerzustand herausholt. Jochen und Stefan kennen sich seit Kindesbeinen an, waren zusammen im Gymnasium in allen Klassen und absolvieren jetzt auch ihren Zivildienst gemeinsam in einem Pflegeheim am Münchner Stadtrand. Seit sie beide als damals 8-jährige Buben am selben Tag in einen Sportverein eingetreten sind, sind sie die besten Freunde, woran sich in all den Jahren nichts geändert hat. Ob es irgendwelche Kinderstreiche waren, mit denen sie ihre Nachbarschaft manches mal zur Verzweiflung trieben, oder Schwierigkeiten, mit denen einer von beiden belastet war, grundsätzlich taten sie immer alles gemeinsam. Während der gesamten Dauer ihrer Freundschaft konnte sich immer jeder auf den anderen verlassen. Und eben wegen dieser langen gemeinsamen Zeit und der daraus entstandenen Vertrautheit merkt Stefan sofort, dass etwas geschehen ist. Als Jochen aus seiner Lethargie erwacht, bemerkt er, dass er sich im Stadtteil Trudering befindet, und er nimmt nun auch die bereits angebrochene Dämmerung wahr. Ein Blick auf seine Uhr sagt ihm, dass er seit fast 5 Stunden ziel- und planlos durch München irrt. Jochen hörte nicht, wie sich Sandras Mutter hinter ihm noch an ihn zu wenden versucht, während er apathisch das Haus verlässt und seinen Weg nahezu mechanisch zur nächsten U-Bahnstation lenkt, wo er den folgenden Zug betritt und eine Weile durch den Untergrund fährt. Irgendwann hat er die U-Bahn verlassen, und läuft seitdem ohne festen Zielpunkt durch die Stadt. Seit er das Bild von Sandra und dem anderen Typen gesehen hat, hat er ein gemischtes Gefühl aus Wut, Angst und Schmerz in sich, das er bis dahin noch nie spürte. Und jetzt beginnt sich Jochen, zu fragen, ob Sandra ihn tatsächlich liebt oder ihn nur als eine Art Ersatz betrachtet, bis sie einen anderen gefunden hat, mit dem sie glücklicher ist. Plötzlich wird ihm auch wieder klar, wie unterschiedlich Sandra und er doch sind. Sandra, das verwöhnte Einzelkind aus gut betuchtem Hause, dem nahezu jeder Wunsch von den Augen abgelesen und ebenso schnell erfüllt wird, und er, das jüngste von drei Kindern eines Buchhalters und einer Kaufhausangestellten, der sich sein Studium mit Bafög und Nebenjobs finanzieren muss. Obwohl Sandra ihm immer wieder versichert hat, dass sie keinen Wert auf seine Herkunft oder ähnliches legt, sondern ihn um seiner selbst willen liebt, kommt Jochen jetzt alles so fremd und unwirklich vor, was in der Vergangenheit alles zwischen ihm und Sandra war, die Vertrautheit, die Geborgenheit, die sie selbst bei ihm gespürt zu haben scheint und all die schönen Worte mit
Liebes- und Gefühlsinhalten, die Jochen häufig von Sandra zu hören bekam, all das scheint jetzt für Jochen nur noch eine Floskel zu sein. "Kannst du dir vorstellen, dass Sandra einen anderen hat?" Jochen stellt sich diese Frage selbst schon seit Stunden, weil er es sich eben nicht vorstellen kann, dass es wirklich so ist.
"Wie kommst du darauf?" Für Stefan klingt es fast ebenso unglaublich wie für Jochen. Immerhin hat Stefan wie kein anderer aus Jochens Umgebung miterlebt, wie die Beziehung der beiden begonnen und sich weiter entwickelt hat. "Hat sie etwas in dieser Art andeuten lassen?" "Nein, gesagt hat sie überhaupt nichts. Sie ist mit der Schule nach Wien gefahren. Aber ich war heute bei ihr..." Jochen musste erst einmal tief durchatmen, um nicht in Tränen auszubrechen, wobei ihm dieses in Gegenwart seines Freundes absolut nichts ausgemacht hätte. Und nun beginnt Jochen, während er sich an den Straßenrand auf den Boden gesetzt hat, Stefan zu erzählen, weshalb er heute in Sandras Zimmer gegangen ist, von der Installation der Software, von seinen Träumen und Gedanken, und von dem Bild, das er auf Sandras Schreibtisch gefunden hatte mit den Worte, die eindeutiger nicht mehr sein können. "Tja," meint Stefan, "ziemlich verzwickte Lage. - Hast du ihre Mutter gefragt, wer der Typ sein könnte?" "Nein. Ich glaube, die hat mir noch etwas hinterher gesagt, als ich gegangen bin, aber ich hab irgendwie nicht mehr darauf reagiert." Und nach einer längeren Pause sagte er in einem leisen, fast schon resignierten Ton: "Am liebsten würde ich mich jetzt zusaufen, um dieses ganze Elend wenigstens für heute zu vergessen!" "Das kannst du haben, Alter. Wir gehen jetzt erst mal zu mir, ziehen uns ein paar Flaschen Bier rein, und morgen sieht die Welt sicher schon ein kleines bisschen anders aus. Ich kann mir ehrlich gesagt absolut nicht vorstellen, dass Sandra dich mit einem anderen Kerl auf den Arm nimmt. Bei tausend Weibern würde mich das nicht wundern, aber Sandra ist echt nicht der Typ dazu. Wenn, dann stellt die dich von vornherein vor die Wahrheit." Mit den gleichen Worten versuchte sich Jochen bereits selbst zu beruhigen, allerdings ohne Erfolg.
Die Glocken der nahe gelegenen Kirche schlugen wie jeden Sonntag zur Mittagszeit in ihrer ganzen Entfaltung, wodurch Jochen etwas unsanft aus seinem Schlaf gerissen wird. Er ist über Nacht bei seinem Freund geblieben, nachdem er nach dem Genuss einiger Flaschen Bier sowie diverser Martinis und Whiskys nicht mehr in der Lage war, sich selbst fort zu bewegen. Gegen drei Uhr morgens hat es Stefan endlich geschafft, seinen Freund auf die Couch in seinem Zimmer zu legen, wo er in einen tiefen Schlaf fiel. Erst langsam realisiert Jochen, nachdem er sich mühsam aufgerichtet hat, wo er sich befindet und weswegen er überhaupt bei seinem Freund aufwacht. Während er vorsichtig aus dem Zimmer geht, um sich ins Bad zu begeben, stolpert er noch über einige leere Flaschen, die er in der letzten Nacht mehr oder weniger im Unverstand leer getrunken hat. Nun muss er zu seinem eigenen Bedauern feststellen, dass ihm dieser Vollrausch außer einem schweren Kopf und lichtempfindlichen Augen rein gar nichts gebracht hat. Denn sofort nach dem Aufwachen musste er trotz seines Zustandes sofort an Sandra denken, und ebenso schnell kam ihm auch wieder die Erinnerung an das Foto auf Sandras Schreibtisch. Als Jochen das Schlafzimmer verlässt und auf den Flur tritt, kommt ihm gerade Stefan entgegen mit einem Grinsen im Gesicht, das eine Mischung aus Mitleid und Schadenfreude ausdrückt. Mitleid wegen dem Grund des nächtlichen Besäufnisses, und Schadenfreude wegen dem momentanen physischen Zustandes seines Freundes.
"Na, Alter, soweit alles klar? Im Bad hängt ein frisches Handtuch für dich, ich glaube, du solltest dich mal ne Weile unter die Dusche stellen." Für Jochen war ein einziger Blick in den Spiegel ausreichend, um seinem Freund nicht zu widersprechen. Später saßen Jochen und Stefan noch eine Weile zusammen in der Küche, wobei Jochen außer einer Tasse Tee nichts weiter zu sich nehmen konnte.
"Hast du schon ne Ahnung, was du nun machen willst?" Jochen blickt seinen Freund auf diese Frage hin nur wortlos an mit einem Ausdruck völliger Mutlosigkeit in seinen Augen. Er ist sich selbst im Klaren darüber, dass er nur eine Möglichkeit hat, um hier Gewissheit zu bekommen, nämlich Sandra unumwunden zu fragen, wer der Kerl ist, mit dem sie zusammen auf dem Foto aufgenommen wurde. Allerdings würde er so etwas niemals am Telefon tun. Er wird Sandra ganz direkt fragen, das ist für ihn beschlossene Sache. Dazu muss er allerdings warten, bis sie aus Wien zurückgekehrt ist.
Und das bedeutet für Jochen, dass vor ihm nun fünf Tage voller Ungewissheit liegen, in denen er nichts weiter machen kann, als abzuwarten. Und sowohl ihm als auch Stefan ist klar, dass diese Tage nicht von großer Fröhlichkeit für Jochen sein werden.
Die folgenden Tage vergehen für Jochen nahezu mechanisch, in einem festgefahrenen Rhythmus. Nicht nur Stefan bemerkt während dieser Zeit, dass Jochen am Leben rein gar nicht mehr teilnimmt, sondern alles nur noch aus einem Zustand endlos scheinender Trance verrichtet. Die wärmenden Erinnerungen an seine gemeinsame Zeit mit Sandra vermischen sich mit einem Gefühl von Enttäuschung, Bitterkeit und Angst.
"Mensch Jochen, nun mach dich mal etwas locker. Seit Tagen läufst du durch die Gegend, dass man meinen könnte, du seiest geistig völlig ausgeschaltet." Die Worte von Stefan sind ebenso erfolglos für Jochens Stimmung wie die Versuche anderer Menschen, die Jochen auf sein merkwürdiges Verhalten angesprochen haben. Mit einem Blick aus dem Fenster, der ins Leere verläuft, entgegnet Jochen: "Ständig denke ich darüber nach, welchen Grund es geben kann, dass Sandra dieses Bild auf ihrem Schreibtisch hat und mir nichts, aber auch rein gar nichts von diesem Typ erzählt hat." "Wieso bist du überhaupt bei ihr gewesen? Das mit dem neuen Programm hätte doch noch Zeit gehabt, bis sie wieder da ist." "Ja, das ist mir selbst klar geworden. Aber sentimental und verträumt, wie ich bin, dachte ich, wenn ich hin gehe, während sie weg ist, könnte ich wenigstens ihre Nähe fühlen. Der Brief, den sie mir geschrieben hat, war...", ihm bleibt das nächste Wort regelrecht im Hals stecken und ihm kommt urplötzlich ein Gedanke, der im ersten Moment noch regelrecht utopisch klingt. "Ob es von Sandra so gewollt ist?" "Wie bitte?" Für Stefan ist dieser Satz irritierend.
"Na hör mal, sie hat mir geschrieben, ich solle das neue Programm auf ihren PC installieren, und wo die CD liegt, hat sie auch geschrieben, in dem Nachsatz ihres Briefes. Und das Foto hat sie ebenfalls da stehen lassen. Ob sie es bewusst so hingestellt hat, dass ich es zu sehen bekomme?" "Und so steckt da nun der tiefere Sinn? Ich begreife nämlich bis jetzt noch nichts." "Die hat schon seit einer ganzen Weile einen anderen und mir noch nichts davon gesagt. Und weil sie bis jetzt nichts gesagt hat, weshalb auch immer, hat sie es mir auf diese Weise klar gemacht. ‚Schau her, auf dem Bild ist mein Neuer'. Diese gerissene, hinterhältige Schlange." "Jetzt mach mal Halblang", unterbricht Stefan seinen Freund schon etwas schockiert über die ungewohnt harten Worte aus Jochens Mund. "Du hast überhaupt keine Ahnung, wer dieser Mensch auf dem Foto ist, und um das rauszufinden, bleibt dir nur eine Möglichkeit. Es gibt weis Gott wie viel verschiedene Gründe, weshalb Sandra dieses Bild hat. Aber selbst wenn du jetzt Recht haben solltest, und sie hat einen anderen, traust du ihr dann zu, dass die so etwas abzieht, was jetzt gerade in deinem Gehirn vor sich geht? Traust du ihr das echt zu?" "Nein." "Eben. Und hat sie in letzter Zeit mal was in dieser Art andeuten lassen?
Ihr ward doch die meiste Zeit zusammen so wie immer." "Schon, aber..." "Nichts aber! Du hast dich in den letzten Tagen genug verrückt gemacht.
Jetzt warte einfach ab, bis du dir Gewissheit verschaffen kannst. Heute ist Donnerstag, also kommt sie morgen wieder heim, oder?
"Ja. Irgendwann in der Nacht, die fahren erst abends weg." "Dann geh gleich am Samstag zu ihr hin und kläre das. Und wenn es doch so ist, wie du denkst - dann hast du immerhin Gewissheit. Aber jetzt spekulieren und sich in den Wahnsinn treiben, das bringt nichts. Außerdem werden gleich die Leute aus ihrem Mittagsschlaf aufwachen, dann gibt es jetzt wenigstens was zu tun, was dich hoffentlich etwas ablenkt. Also hoch mit dir." Jochen kann sich noch gut daran erinnern, wie ihm zumute war, als er zum ersten mal zu Sandra gegangen ist und vor dem Haus der Bergers stand. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend und etwas Hemmung ist er einige Meter vor dem Haus stehen geblieben, um noch mal gegen seine innere Schüchternheit anzukämpfen und sich möglichst lässig zu geben. Genau so ist es jetzt wieder. Es war fast Mitternacht, als Jochen auf seinem Handy eine SMS von Sandra erhielt mit dem Hinweis, dass sie wieder zuhause wäre und ob er am nächsten Tag vorbei kommen würde. Nun steht er wieder vor der Haustüre und fragt sich, während er die Türklingel drückt, ob es jetzt das letzte mal sein wird, dass er in dieses Haus kommt.
"Hallo mein Lieber", und ohne Jochen überhaupt zu Wort kommen zu lassen, geht Sandra auf ihn zu, umarmt ihn und gibt ihm, noch während er im Türrahmen ihres Zimmers steht, einen fast endlos wirkenden Kuss, wobei ihr süß-liebliches Parfüm und die wärmende Zärtlichkeit ihrer Berührung ihm fast den Verstand rauben.
"Na, Kleine, hast du mich vermisst?" Jochen bemüht sich, ruhig und gelassen zu bleiben und ein freundliches Lächeln hervor zu bringen.
"Und wie, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie öde es war. Gut, es war ganz interessant und mit der Klasse war es auch lustig, aber", mitten im Satz hält Sandra inne und dreht sich zu Jochen um, "mit dir wäre es traumhaft gewesen." Langsam geht Sandra auf Jochen zu, der sich auf den Stuhl an Sandras Schreibtisch gesetzt hat, um langsam das Thema auf das Bild zu bringen. Sandra jedoch setzt sich wortlos auf seinen Schoß, lehnt ihrem Kopf auf seine Schulter und schlingt ihre Arme um seine Taille. Völlig irritiert über dieses Verhalten glaubt Jochen kaum noch, dass derjenige auf dem Bild sein Nachfolger sein soll. Nach einer Weile der wortlosen Zärtlichkeit und Nähe, die bis vor kurzem beide sehr genossen haben, stellt Jochen in einem eher nebensächlich wirkenden, fast belanglosen Tonfall die Frage, wer der Kerl auf dem Foto neben Sandra ist und versucht, sich so zu geben, als hätte er dieses Bild noch nie gesehen.
"Ach das ist Tom, mein Cousin aus Köln. Ich hab dir doch mal von ihm erzählt, wir schreiben uns gelegentlich Briefe. Er ist mit seinen Eltern schon vor über zehn Jahren weg gezogen. Das hab ich dir noch gar nicht gesagt, dass er vor einigen Tagen völlig überraschend nach München kam. Du glaubst gar nicht, was dem passiert ist." "Erzähl es mir." Jochen spürt bereits einen leichten Anflug von Erleichterung in sich, nach dem Sandra Tom als ihren Cousin bezeichnet hat.
"Hat er etwas Ärger gehabt?"
"Ärger ist gut. Seine Freundin hat ihn abserviert, und das auf eine echt üble Art. Die beiden waren über ein Jahr zusammen, und urplötzlich zückt die Tussi ein Foto von einem anderen Typ, hält es Tom vors Gesicht und sagt ihm so mehr oder weniger, dass sie Schluss macht. Die war schon bald drei Wochen mit ihrem neuen Lover zusammen. Und in der Zeit hat sie Tom immer noch die große und einzige Liebe vorgespielt mit allem möglichem, was dazu gehört.
Der war völlig fertig, als er hier war." "Ich hab gar nicht bemerkt, dass du Besuch hattest." "Tom war auch nur einen Tag hier, er hat ja seinen Job in Köln, und kann nicht ohne weiteres einfach mal für ein paar Tage weg fahren. Es war an dem Tag, wo du mit Stefan und den anderen Jungs vom Sportverein den Kinoabend eingelegt hast.
Tom war an dem Tag fix und fertig, er musste einfach mal weg, und da ist er eben spontan zu mir gekommen." Jochen fühlt sich, als ob in ihm eine Lawine abgeht, die ihn von allen schweren Gedanken der letzten Tage befreit. Äußerlich immer noch teilnahmslos gefasst, beginnt er innerlich zu jubeln und zu triumphieren angesichts der Tatsache, dass seine Befürchtung sich als völlig haltlos erwiesen hat.
"Jochen?"
"Ja, Kleines?"
"Kannst du dir vorstellen, dass ein Mensch so abgrundtief gemein sein kann?"
"Nein, Kleines", entgegnet Jochen, "das kann ich wirklich nicht." Und langsam beginnt Jochen, seine Hand unter Sandras T-Shirt zu schieben und ihre Haut zu streicheln, um die Begrüßung etwas intensiver voranzutreiben, während sich ihre Lippen langsam in einem heißen und innigen Kuss miteinander verbinden.



Eingereicht am 25. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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