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Insektenmorde

© Felix Clervaux


Sommer. Ich ertrage die Tage fast nicht.
Ich versuche, so lange wie möglich zu schlafen. Mit herunter gelassenen Jalousien und Ventilator auf Höchststufe. Der Lärm von draußen macht mich schließlich wach.
Die Sonne steht auf der Hauswand und versucht, sich in mein Zimmer zu bohren. Am liebsten würde ich in dieser Zeit in einem Keller wohnen. Mir ist so heiß.
Der Windhauch des Ventilators fühlt sich unnatürlich an und ist nur eine fadenscheinige Frische: produziert aus bereits verbrauchter Luft.
Manchmal glaube ich, fast zu ersticken und öffne ein Fenster. Ein Schwall Hitze ergießt sich in den Raum, und ich schließe es gleich wieder. Trotzdem habe ich schnell und tief etwas von dem neuen Sauerstoff geatmet, der aber unerträglich feuchtwarm ist. Es ist, als schlucke man eine Tablette. Doch sie bleibt einem im Hals stecken.
Dennoch wird sie ihre Wirkung entfalten - so tröstet man sich.
Am Abend ist es anders. Nichts versucht meine Wohnung grell zu fluten und zu erhitzen. Die Luft hat sich abgekühlt, und es weht sogar eine leichte Brise. Ich öffne die Fenster weit. Und spüre deutlich, wie sich meine Lungen entspannen.
Dann werde ich erst richtig wach. Ich lese, sitze vor dem Fernseher oder höre einfach nur etwas Musik.
Und bald bin ich nicht mehr allein. Sie fallen mir immer erst ein, wenn es schon zu spät ist.
Ein Sirren ganz nah an meinem Ohr und ein reflexartiger Schlag nach dem Verursacher. Ein Kribbeln am Bein, auf dem Arm. Ich sehe mich im Zimmer um und muss meinen Blick oft besonders schärfen, um sie zu erkennen.
Grün, schwarz und braun.
Wenn sie erst meine Aufmerksamkeit erregt haben, kann ich mich weniger und weniger auf andere Dinge konzentrieren.
Sie schwirren, sitzen und kriechen.
Ich höre, wie sie sich nähern. Ich fühle sie auf meiner Haut. Ich sehe sie - manchmal nur für einen Moment aus dem Augenwinkel. Es kann aber auch einfach nur Einbildung gewesen sein.
Mein Körper schaltet immer wieder auf Abwehr: zack!
Habe ich ES erwischt? Ein kontrollierender Blick auf die Handfläche, die betroffene, getroffene Stelle, das Stück Sessel, Bett, Fußboden in nächster Nähe rings herum.
Sie machen mich nervös. Sogar, wenn sie gar nichts tun. Weil ich weiß, dass sie könnten. Und womöglich im nächsten Augenblick werden.
An einer Gardine im Licht einer Stehlampe sitzt etwas, das aussieht wie eine Ameise mit langen Fühlern. Es bewegt sich nicht. Ich hätte jetzt die Möglichkeit, es mit einem gezielten Schlag zu vernichten, zwischen den Händen zu zerquetschen. Zu töten.
Doch ich tue es nicht. Noch nicht. Im Gegenteil, ich beobachte es. Fast schon interessiert.
Ich versuche, mich zu erinnern. Im Leben seitdem nie wieder benötigtes Schulwissen in meinem Kopf aufzuspüren.
Sie leben in Staaten, in fast so etwas wie Familien.
Kehren sie von hier aus meinem Zimmer irgendwohin zurück?
Das Insekt dreht sich jetzt behäbig, und sitzt wieder still.
Warum kommen sie überhaupt allein? Und was gibt es hier? Nahrung?
Ein verirrter Vogel gerät in Panik und sucht nach einem Ausweg. Aber sie?
Und trotzdem gehören sie zu jemandem, zu anderen.
Dieser Gedanke erzeugt ein unerwartetes Schwindelgefühl. Denn es geht nicht nur um ein Leben, das ich hier aus niederen Beweggründen auszulöschen mich schuldig mache.
Kann ich denn wissen, ob da nicht jemand wartet? Und dann vergeblich? Durch meine Tat?
Ich versuche, diese Überlegung als absurd beiseite zu schieben. Und denke im gleichen Moment über Morde an Menschen nach. Manchmal genauso achtlos, aber weder nebensächlich noch sinnlos. Für den Täter.
Ich bin ein Mörder. Jede bewusst herbeigeführte Beendigung eines anderen Lebens ist zunächst einmal ein Mord.
Empfinden Insekten Trauer über den Verlust eines Artgenossen? Eines Verwandten? Kann einwandfrei erforscht sein, dass sie es nicht tun?
Und was und wer gibt mir eigentlich das Recht, Geschöpfe ohne auch nur eine halbwegs gleichberechtigte Möglichkeit der Gegenwehr des Lebens zu berauben?
Es sind doch nur niedere Organismen.
Ein schnell heran gezogenes und primitiv entschuldigendes Faktum, um eventuell aufkommende Gefühle von Scham und Schuld gewissenserleichternd zu beseitigen.
Doch was können sie mir denn schon antun?
Ist mein Verhalten das Resultat einer übertriebenen Empfindlichkeit, die die Gesellschaft ihren Nachkommen in ständig zunehmendem Maße anerzieht und sie somit immer stärker verweichlicht? Und infolgedessen allein der Anblick einer solchen Kreatur teilweise Panik ohne berechtigte Grundlage und Gewaltbereitschaft ohne Notwendigkeit erzeugt?
Die Ameise mit den langen Fühlern sitzt noch auf der Gardine. Vielleicht schläft sie ja. Wer weiß das schon genau? Ich am allerwenigsten.
So verhalte ich mich einfach entsprechend dem, was mir mein mit einer neuen Sichtweise getränktes Gefühl zu tun vorgibt: ich lösche das Licht und lasse das Insekt schlafen. Und wenn ich ins Bett gehe, schließe ich die Fenster nicht.
Als ich am nächsten Tag schon früh von der Morgensonne geweckt aufwache, ist das Insekt offenbar verschwunden. Vielleicht. Hoffentlich. In seinen Staat, seine Familie zurückgekehrt.



Eingereicht am 20. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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