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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Meine Liebe zur Natur

© Wolfgang Scholmanns


Der Sommer geht zu Ende und heftige Regengüsse mit kräftigem Wind kündigen das baldige Erwachen des Herbstes an. Ich liebe diese Jahreszeit, und die rauschenden Stürme oder Regenschauer stören mich bei meinen Spaziergängen nicht. Außerdem habe ich auch dementsprechende Kleidung, Gummistiefel, Regenmantel und so mache ich mich auch bei diesem Wetter, wenn es die Zeit erlaubt, auf den Weg in den nahen Wald oder zu meinem See.
Es begann vor ca. fünfundzwanzig Jahren. Mein Freund Rainer, mit dem ich oft Angeln ging, beschäftigte sich seit einigen Wochen mit der Mykologie (Pilzkunde). Ich sah ihn jetzt oft, die Nase tief in sein Pilzbuch gesteckt, unten am See sitzen. Was mir jedoch auffiel, er hatte immer seine Angel dabei. Der Haken war mit einem Wurmköder bestückt und so musste er nicht die ganze Zeit auf die Pose starren. Der Wurmköder dient dazu, Karpfen, Brassen oder auch Schleien und Aale an die Wasseroberfläche zu befördern. Ich könnte jetzt noch einige Fischarten, die diesen Köder bevorzugen, nennen aber ich möchte eigentlich nur erklären, dass so ein Wurmköder von den Fischen nicht auf einmal verspeist wird, sondern meistens wird vor seinem Verzehr eine Weile mit ihm gespielt. Dann wandert die Pose mal ein Stück nach hier oder dort. Sie bedarf also nicht der ständigen Aufmerksamkeit des Anglers. Ab und zu einen Blick auf sie werfen reicht in den meisten Fällen, obwohl es auch vorkommen kann, dass ein großer Fisch diesen Köder mit einem mal verschlingt. Aber Rainer hatte sich schon richtig entschieden. Für solche Fälle gab es dann immer noch den Bügel der Angelrolle, den man umlegen kann, damit die Angelschnur freien Lauf hat und der Fisch keinen Widerstand spürt.
An einem Morgen, der den Himmel in grauroten Tönen erschienen ließ, machte ich mich auf den Weg zum See um noch ein wenig den zur Neige gehenden Sommer zu genießen. Die meiste Felder waren schon abgeerntet und nur die Kronen der Maiskolben wehten noch im milden Wind, doch bald würden auch sie dem Toben der riesigen Landmaschinen zum Opfer fallen denn ihr grünes Kleid hatte sie schon mit der Farbe des Herbstes getauscht. Von den Brombeerhecken und Holundersträuchern waren nun auch die letzten Früchte zu Marmeladen, Säften oder Likören verarbeitet worden und an dem Hagebuttenstrauch, der am Hang bei der alten Lindenallee stand, glänzten nur noch einzelne orangerote Köpfchen. Auf der Wiese lagen schon einige von den frühen Stürmen der letzten Nacht abgewehte Kastanienschalen, deren Inhalt allerdings noch die helle Farbe der unreifen Frucht zeigte.
Langsam ging ich den Hang zum See hinunter und bemerkte, wie sich mein Mund zu einem Lächeln verzog. Rainer saß mal wieder dort unten und studierte die Merkmale der kleinen Wald- und Wiesenbewohner. Ich blieb einige Zeit stehen und beobachtete ihn. Es schien so als sei er tief in sein neues Hobby versunken, aber doch schweifte sein Blick gelegentlich über das Wasser um nach seiner Pose Ausschau zu halten. Für viele Menschen waren wir zwei seltsame Vögel, die anstatt in die Disco zu gehen, oder ihr Leben Autos und Motorrädern zu widmen, die Verbundenheit zur Natur suchten. Aber damit konnten wir umgehen. Ein müdes Lächeln für die, denen der Materialismus Löcher in den Geldbeutel frisst und die dann irgendwann feststellen, dass die Freude über das Neuerrungene doch nur von kurzer Dauer ist, wohingegen die Geschenke der Natur das Herz und die Seele immer wieder aufs Neue erblühen lassen und sich der Geist in der Freiheit wahrer Erkenntnis bewegt. Nun aber Schluss mit der Diskriminierung und jedem das Seine.
Rainer hatte mein Kommen wohl bemerkt und winkte mir freudig zu. "Na, hast du das Buch noch nicht durch", fragte ich ihn. "Ist gar nicht so einfach, dieses Studium der Mykologie", antwortete er. "Aber zwei dicke Aale habe ich schon gefangen." Ich schaute in den Eimer und es waren tatsächlich zwei besonders große Exemplare der Gattung Aal. "Hast du in den letzten Tagen mal nach Pilzen gesucht? Das derzeitige Wetter müsste doch eigentlich ideal für das Pilzwachstum sein." "Habe ich heute vor", sagte er. "Hast du etwas dagegen, wenn ich dich bei deinem Ausflug begleite?" "Nee, ich freue mich wenn du dabei bist, wenn sich meine Körbe mit den schmackhaften Waldbewohnern füllen", sagte er schmunzelnd und zeigte auf zwei mitgebrachte Körbe. "Na, dann lass uns aufbrechen, denn ich bin schon neugierig darauf, was du aus deinem Buch schon alles gelernt hast." Wir packten sein Angelzeugs zusammen und legten es in die nahe des Ufers stehende Hütte. Dann ging es los. Jeder mit einem Korb in der einen und einem Taschenmesser in der anderen Hand, wollten wir nun diesen kleinen Hutmännchen zu Leibe rücken. Der Wald war nur ein paar Schritte vom See entfernt und so hatten wir ihn schon bald erreicht. Sein Boden war feucht und aus dem Dickicht der Bäume und Sträucher wehte der Wind einen herrlich mildsüßen Duft zu uns herüber. Rainer erklärte mir unterwegs, dass es wichtig sei, sich zunächst einmal die Merkmale der tödlich giftigen Pilze genauestens einzuprägen, denn es gibt unter ihnen einige, die mit den leckeren Speisepilzen verwechselt werden können. Dann gäbe es noch die, die am leichtesten als Speisepilze zu erkennen sind. Bei diesen sei der Hut auf der unteren Seite mit einem Schwamm gefüllt, und wenn die Röhrchen dieser Schwämme nicht gerade rot oder rötlich sind, könne man diese Arten, zu denen der Steinpilz, die Braunkappe oder Rotkappe, der Birkenpilz oder auch die Ziegenlippe gehören, bedenkenlos essen. Ich musste seinen Erläuterungen Glauben schenken, aber ich wusste, dass ich Rainer vertrauen konnte, denn wenn er sich mit einer Sache beschäftigte, machte er es eindringlich und sorgfältig.
Ca. vier Stunden verbrachten wir hier im Wald und Dank unseres eifrigen Suchens, hatten sich die Pilzkörbe mit einer stattlichen Anzahl von unterschiedlichsten Schwammerln gefüllt.
"So, dann haben wir ja gleich noch einiges zu tun", sagte Rainer. Die Pilze müssen sorgfältig geprüft und gesäubert werden und dann werde ich uns ein leckeres Mittagessen zubereiten." Ich schluckte. "Ein leckeres Mittagessen?" Ja, eine Pilzpfanne mit Speck und Zwiebeln. Ich habe nämlich zwischendurch auch mal in Mutters Kochbuch gestöbert und dort die leckersten Pilzgerichte entdeckt." Die Angelhütte unseres Vereins, in der wir Rainers Angelzeugs abgelegt hatten, war mit einer kleinen Küche ausgestattet, in der auch ein Zweiplattenkocher stand. Auf diesem Herdchen wollte Rainer unser Mittagessen zubereiten. Zwiebeln gab's hier auch und im Kühlschrank befand sich noch ein großes Stück geräucherter Speck. Bei der Säuberungsaktion stellte Rainer fest, dass alle Pilze genießbar seien und sich auch sonst in einem guten Zustand befänden. Keine Maden und auch wenig Schneckenfraß und Fäulnis hatte er entdeckt und so schmorten die kleinen Waldbewohner schon bald in der großen gusseisernen Bratpfanne. Es duftete köstlich und wir bekamen mächtigen Appetit. Schon nach kurzer Zeit dampfte das Essen auf unsren Tellern und ich muss sagen, es war das köstlichste Gericht, das ich seit langer Zeit gegessen hatte.
Das war meine erste Begegnung mit der Pilzkunde und auch das erste Mal, dass ich selbst gesuchte Pilze gegessen hatte. Die Faszination dieses Pilzabenteuers hatte mich so gefesselt, dass ich mich kurz danach selbst eindringlich mit dem Thema Mykologie beschäftigte und dieses Studium mich jetzt schon über viele Jahre auf meinem Weg begleitet. Einige Semester an Volkshochschulen, Pilzexkursionen und eigene Erfahrung haben mich im Laufe dieser fünfundzwanzig Jahre zu einem erfahrenen Pilzkenner gemacht. Hier bei uns am Niederrhein gibt's immer weniger Pilze und so muss ich, um meine Körbe voll zu bekommen in den Herbsttagen oft auf andere Gegenden ausweichen. Es ist nicht allein der Appetit auf diese leckeren Waldbewohner, der mich zu solchen Unternehmungen bewegt, es ist die Verbundenheit mit der Natur und das Erleben ihrer immer wieder neuen Bilder, die von den Jahreszeiten mit den herrlichsten Farben geschmückt werden.



Eingereicht am 20. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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