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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Sinn des Lebens

© Jürgen Acker


"Fünf Bier bitte!" Stefan hebt die Hand in Richtung Kellnerin, die wortlos zurücknickt. Es ist einer der zwei Abende im Jahr, an denen wir uns treffen. Wir, das sind fünf Freunde, die schon vor über zwanzig Jahren die besten Freunde waren. Früher hätte jeder von uns sein ganzes Geld dagegen gewettet, wenn uns einer gesagt hätte, aus euch wird mal was, und jetzt sitzen wir hier. Alle Familie, außer Michael, der seit zwei Jahren in Scheidung lebt. Alle gute Jobs, alle 'nen dicken Bauch, außer Michael und alle froh, die andern mal wieder zu sehen. An unseren Treffen gibt es ein ungeschriebenes Protokoll. Nachdem endlich alle eingetroffen sind, was die Sache oft um Stunden verzögert, ist das erste Thema immer die alten Geschichten, die nach so vielen Jahren so gewachsen sind, dass sie ein ganzes Buch füllen könnten. Das zweite Thema sind Frauen. Frauen von früher, Frauen die in unmittelbarer Nähe sitzen und Fantasie-Frauen, bei denen dann auch die Fantasie mit den meisten durchgeht.
"Der Sinn des Lebens besteht darin, zu versuchen sich so viel wie möglich fortzupflanzen", sagt plötzlich Michael.
"Das ist doch nicht der Sinn des Lebens!", erwidert Claus.
"Doch, der Sinn des Lebens hat zwei lange Beine, einen geilen Po, zwei große Brüste und steht da vorne an der Theke"
"Michael, Thema Wechsel!", meint Stefan.
"Für mich besteht der Sinn des Lebens in meiner Familie, in meiner Frau, die ich liebe und in meinen Kindern, sie groß werden zu sehn, mit denen dann ein Stück von mir weiter lebt, auch wenn ich nicht mehr da bin."
"Und für mich ist es mein Job", meint Volker, " in dem ich mich entfalten kann und der Welt neue Ideen gebe."
"Also, der primitive Sinn des Lebens besteht bestimmt in dem was Michael sagt. Das kann aber nicht alles sein. Vielleicht ist es wichtig die Weisheit zu besitzen, sinnvoll von sinnlos zu unterscheiden", sage ich.
"Ja genau", meint Claus. "Dazu fällt mir eine Geschichte ein.
Einst lebte ein Wüstenjunge in einer Oase. Sein Vater war ein angesehener Mann, der nach den alten Traditionen lebte. Der Wüstenjunge mochte die Oase.
Doch am liebsten war er draußen in der Wüste. Dort hatte er einen Lieblingsplatz, zu dem er oft hinging. Der Platz lag ein Stück weit von der Oase entfernt und auch weit weg vom Weg, auf dem die Karawanen vorbei kamen.
Es waren drei große Dünen, die in einem Dreieck angeordnet waren, hier im Dünental, zwischen den drei Dünen, saß er oft. Er beobachtete die Tiere, von denen es hier viel mehr gab als draußen in der offenen Wüste, sie kamen immer nur kurz aus dem Sand, oder zwischen den einzelnen Steinen hervor, um gleich wieder zu verschwinden. Im Dünental war es auch lange nicht so heiß wie draußen in der Wüste und der Wind wehte nur ganz leicht. Der Wüstenjunge war oft hier zwischen den Dünen, manchmal wenn er Ärger hatte und manchmal einfach nur zum Spielen. Eines Tages kam eine Karawane mit Händlern in die Oase. Sie hatten bunte Stoffe mit wunderbaren Mustern dabei, Gewürze und Früchte, die es in der Oase nicht gab. Einer hatte alle möglichen Samen dabei, von Bäumen, Sträuchern und Blumen. Der Händler hatte alle Samen ordentlich in kleine Holzboxen auf dem Tisch vor sich liegen und vor jeder Box ein gemahltes kleines Bild, das die Pflanzen zeigte, wie sie später aussehen würde. Der Wüstenjunge war von den Samen und was aus ihnen werden kann, so begeistert, dass er nach Hause lief und für sein gesamtes Geld Samen kaufte. Als ein paar Tage später sein Vater bemerkte, dass der Junge sein ganzes Geld ausgegeben hatte, fragte er ihn: "Mein Sohn, was hast du mit deinem ganzen Geld gemacht."
"Ich habe mir bei einem der Händler, die mit der Karawane kamen, Samen gekauft", antwortete der Junge.
Das Gesicht des Vaters verzog sich zu einer ernsten Mine. "Und was hast du mit den Samen gemacht."
"Ich habe sie in der Wüste vergraben."
"Was, du hast dein ganzes Geld sinnlos ausgegeben um Samen zu kaufen und sie dann in der Wüste zu vergraben?" Der Vater kochte vor Wut. "Ich habe gedacht du hättest von mir gelernt, mit seinem Geld und seinem Verstand nicht sinnlos umzugehen."
Und vor Wut verbot der Vater dem Jungen weiter in der Wüste zu Spielen. Der Wüstenjunge war sehr traurig, dass er nicht mehr zu seinem Lieblingsplatz durfte, dann ärgerte er sich selbst über seine Sinnlosigkeit. Doch schnell hatte er neue Plätze zum Spielen gefunden und die drei Dünen mit dem Dünental gerieten in Vergessenheit.
Die Jahre vergingen und mit der Zeit wurde aus dem Wüstenjungen ein Junger Mann, der seine erst große Liebe kennen gelernt hatte. Doch die alten Traditionen der Oase verboten es, dass sich ein Paar vor der Heirat treffen durfte. Da fielen dem Jungen Mann die drei Dünen wieder ein, zwischen denen er so oft als Kind gespielt hatte und wo nie jemand hinkam. Er nahm heimlich das Mädchen und sie gingen in die Wüste hinaus. Der Junge wusste nicht, ob er die drei Dünen noch finden würde, weil die Wüste sich ständig verändert. Sie gingen in die Richtung, in die er auch früher immer gegangen war, und nach einiger Zeit sahen sie die drei Dünen, die, obwohl im Laufe der Zeit die Wüste nicht mehr die gleiche war, noch genauso da standen wie früher. Als sie die erste Düne bestiegen hatten und ins Dünental hinunterschauten, trauten sie ihren Augen kaum. Im Dünental sah es aus wie in einem Paradies. Unter den kleinen Bäumen, die gewachsen waren, standen blühende Blumen in wunderbaren Farben und in allen nur erdenklichen Formen. Der wenige Regen, der in der Wüste gefallen war, hatte sich im Dünental gesammelt und die Samen zum Keimen gebracht. Die dann mit ihren Wurzeln jeden einzelnen Tropfen Wasser aufgefangen hatten, sodass sich sogar inmitten dieses grünen Paradieses ein kleiner See bilden konnte. Das junge Paar ging hinunter und verbrachte seine erste gemeinsame Nacht unter einem kleinen Baum zwischen den Blumen.
Und da, wo damals dieses junge Liebespaar seine erste Nacht verbrachte, ist heute die schönste Oase der Wüste."
"Und der Sinn?", fragt Stefan, dessen Blick mehr Fragen aufwirft, als beantwortet.
"Hmm, der Sinn liegt in der Zeit, die aus sinnlos, sinnvoll gemacht hat", antworte ich. "Und manche Sachen, die uns jetzt vielleicht sinnlos erscheinen, können in der Zukunft sinnvoll sein."
"Und der Sinn des Lebens?", fragt Michael, während sein Blick im Ausschnitt der Kellnerin versinkt, die uns gerade die bestellten fünf Bier auf den Tisch stellt.
Ich schaue Michael ins Gesicht und kann an seinem Blick erkennen, dass in seinen Gedanken die Kellnerin schon längst nichts mehr anhat. Michael hatte in dieser Beziehung früher schon immer die meiste Fantasie. Stefan zieht die Augenbraun bis hinter die Geheimratsecken. Volker atmet tief ein um die Luft dann wieder über die dicken Backen langsam durch den Mund entweichen zu lassen und während Michael ein wenig blass wird, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass das Körperteil, das bei Michael scheinbar zur Zeit den Sinn des Lebens bestimmt, Blut anfordert, sagt Claus: "Vielleicht besteht der Sinn des Lebens aus verschiedenen Puzzelteilen und ein Teil des Puzzles vom Sinn des Lebens ist der, dass wir nach über zwanzig Jahren immer noch hier als die besten Freunde sitzen."
Er greift zum Tisch, nimmt eines der Biere und sagt: "Prost!"



Eingereicht am 19. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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