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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Habemus Papam

© Dirk Christofczik


1) Sarkophag der Ehepaare
Kardinal Luca Trimonte saß auf der Motorhaube der schwarzen Limousine und starrte ziellos in die Nacht. Wie eine Armee von Glühwürmchen, die unten im Tal ihr Lager aufgeschlagen hatte, erleuchteten Tausende kleine Lichtpunkte die Fenster Merans. Der Kardinal hatte kein Auge für die Schönheit der Nacht, seine Gedanken waren bei Simone, die Frau die er liebte und auf die er an dem Ort wartete, wo sie sich schon oft getroffen hatten.
Eigentlich hätte er nicht hier sein dürfen, sondern müsste in seinem Zimmer im Gästehaus Domus Sanctae Marthae sein, wo alle Kardinäle während des Konklave, das am Morgen begonnen hatte, kaserniert waren. Die Papstwahl war mehr Schein als Sein, eine Huldigung an einen uralten Mythos, degradiert zu einem Schauspiel für die Augen der Welt, denn wenn die wahlberichtigten Kardinäle in die Sixtinische Kapelle schreiten, steht schon lange fest, wer der nächste Pontifex sein würde. Diesmal war er, Luca Trimonte aus Lucchini, der designierte Papst. So war es geplant, seit über zwei Jahren. Ein minutiöses Vorhaben, das jetzt an einer Kunststudentin aus Meran zu scheitern drohte.
Simone und Luca lernten sich bei einem Besuch im Museum der Villa Giulia in Rom kennen. Sie bewunderte den Sarkophag der Ehepaare, war begeistert von den Terrakottafiguren und bombardierte Luca, der zufällig in der Nähe stand, mit Fragen zu den etruskischen Kunstwerken. Kardinal Trimonte war gerade zu erschlagen gewesen von der Schönheit dieser Frau. Ihre leicht gebräunte Haut, die ihm im Halbdunkel des Ausstellungsraums so eben wie die Oberfläche der Figuren vorkam, erweckte verloren geglaubte Gefühle in ihm. Sie tranken einen Espresso zusammen, tauschten ihre Handynummern. Noch am Abend rief er sie an und sie trafen sich im Garten der Villa Medici. Nachdem sie zurück in Meran war, sahen sie sich einmal im Monat auf der kleinen Lichtung, wo er jetzt wieder auf sie wartete.
Das entfernte Knattern eines Zweitaktmotors holte ihn zurück aus seinen Gedanken. Wenig später bockte Simone ihre Vespa neben Lucas Wagen auf, eilte wortlos zu ihm hinüber, nahm ihn in den Arm und küsste ihn so innig, als ob sie jahrelang voneinander getrennt gewesen wären.
"Du hast wieder keinen Helm auf", flüsterte Luca und berührte mit den Lippen ihre Ohrläppchen.
"Wir sind in Italien", antwortete sie kichernd.
"Du hast es mir versprochen!"
"Wenn du darauf bestehst."
Simone presste ihre Lippen auf die von Luca und ließ ihre Zunge in seinen Mund gleiten. Der Kardinal drückte sie sanft von sich fort und schüttelte den Kopf.
"Ich habe wenig Zeit", sagte er leise. "Wir müssen etwas besprechen."
Simone wich zurück und rollte ihre braunen Augen, so wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und nahm Lucas Hände.
"Was ist so wichtig, dass du dich aus dem Konklave geschlichen hast?"
"Ich habe mich nicht rausgeschlichen! Ich wurde rausgeschickt!"
"Rausgeschickt?", fragte sie überrascht. "Wirst du doch nicht Papst?"
Kardinal Trimonte löste seine Hände aus den ihren und legte sie behutsam auf ihre Schultern.
"Ich habe dir doch schon mal von diesem Balzer erzählt?"
"Der deutsche Kardinal?"
"Genau! Kardinal Balzer hat mich heute nach dem ersten Wahlgang um ein vertrauliches Gespräch gebeten."
"Was wollte er von dir?"
Luca antwortete nicht sofort, sondern starrte Simone an.
"Er weiß von uns", ließ er nach einer Weile des Schweigens die Bombe platzen.
"Verdammte Scheiße!", fluchte Simone. "Das kann nicht wahr sein! Wie konnte der das nur rauskriegen?"
Luca hob resigniert die Schultern. "Keine Ahnung", antwortete er knapp.
"Und nun?", fragte Simone.
Der Kardinal antwortete nicht. Er war so still, als wäre er ins Koma gefallen. Nur der Hauch seines Atems, der kegelförmig in die kalte Nachtluft aufstieg, ließ ihn lebendig erscheinen.
"Mach mir nichts vor, dieser Balzer will bestimmt, dass du die Sache mit mir beendest. Stimmt's? Du solltest mal schnell zu deiner kleinen Mätresse ..."
"Simone!", unterbrach er sie mit brüchiger Stimme. "Ich liebe dich", sagte er leise, "genauso wie ich Gott liebe und ich werde dich genauso wenig verlassen, wie ich den Herrn verlassen werde. Kardinal Balzer hat mir nicht den Helikopter zur Verfügung gestellt, damit ich hier herkomme und mit dir Schluss mache."
Simones Gesichtsausdruck verwandelte sich von wütend in fragend.
"Was will er dann?"
Luca blickte zu Boden und schwieg. Er hatte seine Fingernägel in die feuchten Handflächen gegraben. Auf seiner Stirn spürte er eine Invasion von Schweißperlen. Langsam hob Kardinal Trimonte seinen Kopf.
"Er will ..." Luca schloss die Augen und holte tief Luft. "Er will, dass ich dich töte!"
"Ach!", rief Simone grinsend. Als Luca nicht in ihr Lachen einstimmte, verfinsterte sich ihre Miene. Erst jetzt zeigten seine Worte Wirkung und prasselten wie Kanonenkugeln auf Simone ein. Der Rückstoß ließ Luca wanken. Unter seinem Hintern schien das Auto zu vibrieren. Simone starrte ihn an, den Mund halb geöffnet, sodass man ihre Zungenspitze zwischen den schneeweißen Zahnreihen sehen konnte. In ihrer erstarrten Schönheit wirkte sie wie eine der Terrakottafiguren aus der Villa Giulia. Als endlich wieder der schwache Dunst zwischen ihren Lippen aufstieg und Leben signalisierte, fragte sie: "Und was wirst du tun? Mich überfahren, erschießen oder erwürgen?", sagte sie zitternd.
"Was ich machen werde? Ich werde zurück nach Rom fliegen und alles hinschmeißen. Soll Kardinal Balzer dafür sorgen, dass man mich nicht wählt, das ist mir egal. Sollen sie mich exkommunizieren und aus der Sixtinischen Kapelle schmeißen. Meine scheinheilige Rolle in diesem verlogenen Spiel ist beendet!"
"Was ist mit deinen Träumen, die Kirche neu zu beleben. Jahrelang hast du ihnen den konservativen Hardliner vorgespielt, nur damit du in die Position kommst, von der du deine Pläne in die Tat umsetzen kannst."
"Das ist vorbei!", antwortete er entschlossen. Ein Pontifex, der sich sein Amt erlogen hat, durch Intrigen auf den heiligen Stuhl gekommen ist und wohlmöglich noch alles mit einem Mord garniert hat, der will ich nicht sein. Außerdem", sagte Luca und schlang seine Arme um Simone, "wäre ich der unglücklichste Mensch unter Gottes Himmel, wenn ich dich aufgeben müsste. Ich weiß nicht, welchen Weg der Herr für mich vorgesehen hat, aber ich spüre, dass du mich auf diesem begleiten wirst."
"Und du mich!", erwiderte Simone.
"Fahr jetzt am besten nach Hause. Warte dort, bis ich dich anrufe."
"Ist gut", sagte Simone. Sie kämpfte mit ihren Gefühlen, stand kurz davor in Tränen auszubrechen, doch als Luca sie in den Arm nahm, ihr zärtlich mit den Fingern über die Lippen strich und seinen Mund auf ihren legte, da beruhigte sie sich. Sie vertraute ihm und wusste genau, dass er es richten würde.
"Alles wie besprochen!", flüsterte sie ihm ins Ohr.
Der Kardinal schenkte ihr ein Lächeln, dann nickte er kurz mit dem Kopf.
"Alles wie besprochen!", wiederholte er.
2) Cum Clave
Es kam alles anders, als Trimonte es sich vorgestellt hatte. Luca hatte erwartet, dass Balzer ihn bereits in der Nacht seiner Rückkehr aus Meran erwarten würde, doch das erste Mal, dass er den deutschen Kardinal wiedersah, war in der Sixtinischen Kapelle. Der Wahlgang begann, ohne dass sie auch nur ein Wort gewechselt hatten. Luca war irritiert, er war sich nicht sicher, wie er weiter vorgehen sollte. Der Beginn des zweiten Skrutinium kam ihm Recht. Mit einer Entscheidung war in dieser Runde noch nicht zu rechnen, so blieb ihm Zeit seine Gedanken zu ordnen. Kardinal Trimonte irrte sich, denn spätestens als sein Name zum siebzigsten Male vorgelesen wurde und noch mehr als vierzig Kardinäle ihre Stimme abzugeben hatten, stand im Grunde fest, dass man ihn tatsächlich zum Pontifex wählen würde.
"Nimmst du deine kanonische Wahl zum Papst an?", fragte ihn Kardinaldekan Edward Jones fünf Minuten später. Zu diesem Zeitpunkt war Luca immer noch wie vor den Kopf gestoßen.
"Ich nehme die Wahl an!", hörte er seine eigene Stimme.
Ein Raunen ging durch die Reihen der Kirchenmänner. Luca fühlte sich seltsam, tausend Gedanken schwirrten durch seinen Kopf, so schnell, dass er keinen zu fassen bekam.
Sein ganzer Körper schien von einer Ameisenkolonie bevölkert. Überall kribbelte und pochte es unter seiner Haut und sein Kopf fühlte sich wie ein Schwamm an, den man ausgepresst und in der Sonne liegen gelassen hat. Um ihn herum verformten sich die Gesichter der Kardinäle zu grotesken Grimassen. Wie in einem Drogentaumel bildete sich um ihn herum ein Schleier, durch den er die Szenerie wie in Trance sah. Die bunten Fresken Michelangelos verschwammen zu einem großen Tupfen moderner Kunst.
"Mit welchem Namen willst du gerufen werden?"
149 Augenpaare ruhten auf ihm und erwarteten seine Antwort, doch Luca hatte nicht einmal bemerkt, dass Kardinaldekan Jones ihn angesprochen hatte.
"Mit welchem Namen willst du gerufen werden?", wiederholte der Leiter des Konklave seine Frage.
Wie durch eine Fernsteuerung gelenkt stand Luca auf und sagte leise: "Ich möchte Alexander IX. gerufen werden!"
Als er wieder zu sich kam und die ersten klaren Gedanken fassen konnte, fand er sich im Saal der Tränen wieder, ein Nebenraum der Sixtinischen Kapelle, in dem sich neu gewählte Päpste ihren ersten privaten Gefühlsausbrüchen hingeben konnten, der aber auch den praktischen Zweck hatte, dass sich dort der Pontifex sein erstes päpstliches Gewand anlegen konnte, welches in mehreren Größen dort bereitlag.
Was ist hier passiert, fragte er sich selbst. Warum hat Balzer das zugelassen? Denkt er, dass ich seinen Auftrag ausgeführt habe? Luca hatte nach den vergangenen Ereignissen mit allem gerechnet, aber nicht, dass er zum Pontifex gewählt werden würde. Früher oder später würde Balzer kommen, das war völlig klar. Als hätte er eine geheime Regieanweisung gegeben, klopfte es an der Tür zum Saal der Tränen. Kardinal Balzer trat herein.
"Heiliger Vater", sagte er, "ich bitte Sie um eine kurze Unterredung." Das entfernte Läuten einer Alarmglocke näherte sich langsam aus dem hintersten Winkel seines Gehirns und versetzte Luca in höchste Alarmbereitschaft. Nun geht es los, dachte der Papst und bedeutete Balzer mit einem Kopfnicken, dass er bereit war ihm zuzuhören.
Der Kardinal kam näher, kniete sich vor dem Pontifex nieder und küsste seine Hand. Den anschließenden Treueschwur ließ Luca mit unbewegter Miene über sich ergehen.
"Was wollen Sie so Dringendes mit mir besprechen?" Der Kardinal musterte ihn aus seinen stahlgrauen Augen. Balzers Gesicht war von violetten Äderchen durchzogen, die sich wie ein Spinnennetz von seiner Erdbeernase bis zu den spitzen Wangenknochen verästelten.
"Nun, bevor Sie auf die Loggia des Petersdoms treten, halte ich es für dringend notwendig, einige Fakten zu klären."
"Fakten?"
"Ich weiß, dass Sie das kleine Übel nicht beseitigt haben."
"Ja," sagte Luca, "Simone lebt!"
"Ach, stimmt, Simone haben Sie die gute Sophia genannt."
"Wer ist Sophia?", fragte der Pontifex.
Balzer kam noch einen Schritt näher an Luca heran.
"Sophia, Simone, egal wie man sie nennt!", flüsterte er dem Papst ins Ohr.
"Bitte reden Sie Klartext und lassen Sie diese Rätselsprache!"
"Wie Sie wünschen, heiliger Vater" Für einen Augenblick konnte man den Anflug eines Grinsen auf dem Gesicht des Kardinals erkennen, zumindest bildete sich Luca das ein.
"Eine Gemeinschaft von treuen Kirchendienern hat Sie schon lange vor dem Beginn dieses Konklave als Oberhaupt der katholischen Kirche ausgesucht, das wissen Sie ja. Was Sie nicht wissen ist, dass ich Sie schon lange durchschaut habe. Mit Verlaub, Sie sind ein Revoluzzer und wollen jeden Stein umdrehen. Aus diesem Grund waren wir genötigt uns eine Sicherheitsvorkehrung auszudenken, damit wir Sie unter Kontrolle behalten."
"Warum haben sie sich nicht einfach einen Anderen ausgesucht?", rief Luca dazwischen. "Schließlich sind Sie es, denn man den Papstmacher nennt."
Balzers Grinsen wurde jetzt unübersehbar. Sein schmallippiger Mund erstreckte sich fast von einem Ohr zum anderen.
"Sie haben Recht. Einige Leute wären in Frage gekommen, auch ich hätte es machen können, aber was wir suchten, war eine Marionette nicht den Puppenspieler. Von den Männern, die wir ins Auge gefasst hatten, waren Sie derjenige, den wir am einfachsten für unsere Interessen gebrauchen konnten. Wir haben Sophia Kolo, eine Schauspielerin aus Meran auf Sie angesetzt. Sagen Sie eure Heiligkeit, haben Sie wirklich geglaubt, dass diese Frau Sie liebt?" Luca sass wie versteinert auf dem einfachen Holzstuhl, den man ihm im Saal der Tränen bereitgestellt hatte. Mit düsterem Blick fixierte er Balzer. Die Worte des Kardinals schockierten ihn zutiefst, jedes einzelne Detail des perfiden Plans schmerzte ihn wie tausend Nadelstiche.
"Mir war klar, dass Sie Sophia nicht umbringen würden, deshalb habe ich Ihnen erst nach Beginn des Konklave diesen Auftrag erteilt. Offiziell waren wir alle eingesperrt, abgekapselt von der Außenwelt. Sie sind zwar ein Reformer, aber Sie haben geschworen, dass nichts aus dem Konklave an die Öffentlichkeit gelangt. Selbst Sie würden diese Prinzipien unserer Kirche nicht brechen." erzählte Balzer weiter, dabei kramte er etwas aus seiner Robe hervor. Als er es hochhielte, erkannte Luca eine Plastikbox, in der eine Compact Disc silbern schimmerte.
"Sie hätte wirklich besser einen Helm tragen sollen!"
Luca zuckte zusammen. Er richtete sich kerzengerade auf, so als hätte ihm jemand einen Besenstiel in den Nacken gesteckt.
"Oh nein, haben Sie Simone etwas angetan?" schrie er Balzer an.
"Sophia Kolo ist gestern Nacht in der Nähe von Meran mit ihrer Vespa in eine Schlucht gestürzt!!
"Nein!" schrie Luca und schlug die Hände vor das Gesicht.
"Warum haben Sie das getan?"
"Nicht ich habe ihre etwas angetan," entgegnete er dem Papst, "sondern Sie!" Der Kardinal wedelte mit der CD-Box in der Luft.
"Wie meinen Sie das?", schluchzte der Pontifex mit brüchiger Stimme.
"Wissen Sie, was auf dieser CD ist?"
Mit geschlossenen Augen starrte Luca gedankenversunken auf den Boden des Saals.
"Sie und diese Schauspielerin sind auf dieser CD." fuhr Balzer fort. "Fotos, Filmaufnahmen und Mitschnitte von Ihren Telefonaten mit dieser Frau. Außerdem eine Aufzeichnung der Überwachungskamera am Gästehaus Santa Marthae, die zeigt, wie Sie gestern das Haus verlassen haben. Alles was auf dieser Disc zu sehen ist, würde den Unfall von Sophia in einem anderen Licht erscheinen lassen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, wer dann als Hauptverdächtiger am Tode von Sophia Kolo gelten würde."
Luca schaute auf. Sein Augen waren rotgerieben und schimmerten glasig. Er schaute Kardinal Balzer an und beobachtete die eisigen Züge des verlebten Gesichts. Luca Trimonte musterte die kleinen Äderchen und die dicke Nase seines Förderers, sein Blick glitt über die kantigen Wangen bis zu den borstigen Koteletten, deren Weiß von einem Gelbstich durchzogen waren, die an die nikotinverfärbten Fingerkuppen eines Kettenrauchers erinnerten.
"Sie sind 79, stimmt's?" fragte Luca unvermittelt. Balzer zog eine seiner buschigen Augenbrauen hoch, schaute skeptisch, dann nickte er zustimmend.
"Ein sehr alter Ball", murmelte Luca mit einem süffisanten Unterton.
"Was?" fragte der Kardinal. In seiner Stimme schwang ein leichter Anflug von Unsicherheit mit.
"Mein alter Pater Christiansen hat einmal gesagt," fuhr Luca fort, "dass das Leben wie ein Gummiball ist. Am Anfang ist man prall gefüllt und wirbelt wie eine Kanonenkugel durch die Luft, doch mit der Zeit bilden sich kleine Löcher und Risse, durch die unbemerkt die Luft entweicht. Langsam, ohne das man es mitbekommt, verliert man an Volumen. Man wird vergesslich und je älter und weiser man in den Augen der Anderen wird, um so mehr verschließt man sich der Realität. Sie sind übersät mit Rissen und Löchern. Ihre Luft ist raus, Sie sind verbraucht und merken nicht mehr, was um Sie herum passiert."
"Was soll das Gefasel?" rief Balzer barsch dazwischen.
"Es wird Zeit, dass Sie hereinkommen", sagte Luca zu einem imaginären Dritten. Nur wenige Sekunden später öffnete sich die Tür. Unter dem verduzten Blick von Balzer traten Kardinaldekan Jones und der nigerianische Kardinal Ikedia in den Raum.
"Was ist hier los?", stammelte Balzer.
"Wollen Sie es ihm erklären, Kardinaldekan?" Jones nickte.
"Ich werde es kurz machen", begann der Vorsitzende des Konklave.
"Vor etwa einem halben Jahr kam Kardinal Trimonte zu mir und offenbarte, dass er eine Beziehung ...", Jones stockte kurz, "zu einer Frau hätte. Als ob dies nicht problematisch genug gewesen wäre, berichtete er mir, dass die Frau eine Schauspielerin sei, die von Ihnen auf den Kardinal angesetzt wurde, sich aber tatsächlich in Trimonte verliebte. Der Verdacht einer Erpressung lag nahe und eine geheime Untersuchung wurde eingeleitet. Wir beobachteten Sie genau und kamen zu dem Schluss, dass Sie Kardinal Trimonte zum Papst machen wollten, um ihn dann mit seiner Beziehung in der Hand zu haben."
Glitzernde Schweißperlen standen auf Balzers Stirn, immer wieder schluckte er mühsam und ließ seinen Blick hektisch durch den Raum schweifen.
"Gestern Morgen kam Hauptmann Tuhm zu mir." sprach nun Ikedia weiter. "Einer seiner Leute hatte ihm gebeichtet, dass er von Ihnen beauftragt wurde, einen Mord zu begehen. Diesen Schweizer Gardisten hatten Sie auch für die Beschattung von Kardinal Trimonte und der Frau benutzt. Wir entschieden uns ihr perfides Spiel scheinbar mitzuspielen und so berichtete ihnen der Gardist gestern Nacht, dass er die Frau ermordet hätte. Wir hatten damit gerechnet, dass Sie schon vor der Wahl auf Kardinal Trimonte zugehen. Vorsichtshalber haben wir seine Wahl zum Papst aber in unsere Planungen einbezogen. Nun stehen wir hier!"
Eisige Stille herrschte im Saal der Tränen. Luca sass auf seinem Stuhl, musterte Balzer neugierig, genauso wie Jones und Ikedia.
"Ich habe viele Freunde, mächtige Freunde!" sagte Balzer in einem letzten, sinnlosen Anflug von Kampfeslust.
"Seien sich nicht albern", erwiderte Luca. "Niemand steht Ihnen noch zur Seite! Alles was hier gesprochen wurde, konnte im Hauptsaal mitgehört werden. Sie haben ausgespielt!" Balzer sackte in sich zusammen, ließ die Arme hängen, so als sei der Rest Luft in seinem Körper, mit einem Schlag entwichen.
"Was wird jetzt geschehen?" murmelte Kardinal Balzer leise.
"Das liegt nicht in meinen Händen!" antwortete Luca.
"Aber Sie sind der Pontifex!" entgegnete Balzer.
"Ich werde von meinem Amt noch heute zurücktreten. Sie haben Kardinäle bezahlt und erpresst, damit ich gewählt werde. Ihnen dürfte klar sein, dass meine Wahl simonisch war. Es ist unmöglich, dass ich als gekauftes Oberhaupt der katholischen Kirche vor die Menschen trete."
"Sie wollen wissen, was geschehen wird?" mischte sich Kardinaldekan Jones ein. "Sie und alle Kardinäle, die ihn diesen unwürdigen Fall verwickelt sind, werden noch heute das Konklave verlassen. Der neue Papst wird entscheiden, was mit Ihnen geschehen wird. Sollten Sie jemals über die Ereignisse des heutigen Tages sprechen, dann werden alle Beweise die wir gesammelt haben an die Behörden übergeben und Sie werden die strafrechtlichen Konsequenzen zu tragen haben. Dieses Konklave wird fortgeführt. Es gibt keine Regelungen für einen sofortigen Rücktritt eines Pontifex, also werden wir weiterwählen."
Balzer stand nur da, blickte auf den Boden, ein gebrochener Mann, der sich in sein Schicksal fügte. Luca Trimonte blieb noch einen Augenblick zurück, als man Balzer hinausgeführt hatte. Er dachte an Simone, spürte diese tiefe Liebe zu ihr und wusste, dass er alles richtig gemacht hatte. Auch er würde die Sixtinische Kapelle verlassen müssen, das war mit Kardinaldekan Jones im Vorfeld abgesprochen.
Zwei Tage später quoll weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle. Eine Stunde später trat der Kardinalprotodiakon auf die Loggia des Petersdoms und verkündete Kardinal Ikedia als neuen Papst. Luca Trimonte verfolgte die Bilder an seinem Fernseher. Er bezog gerade die kleine Wohnung mitten im Herzen vom Meran, wo man ihm eine Gemeinde übertragen hatte.



Eingereicht am 17. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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