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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Interessanter Versuch

© Xelanja


Ich lebe in einem 8-Stöcker Betonsilo, einem recht eigenwilligen Biotop.
Man weiß, wann der Obermieter aufs Örtchen geht, der Nachbar sein Geschirr spült oder über Nacht eine Freundin da hat.
Alles völlig anonym.
Bis vor kurzem.
Unser Vermieter wechselte den Fußbodenbelag im gesamten Treppenhaus.
Beim ersten Regen wurde uns die Genialität dieses Kennenlernplans klar.
Der neue Bodenbelag ist spiegelglatt, sobald er nass wird.
Frau A kam vom Einkaufen und versuchte, zwei volle Beutel zum Fahrstuhl zu transportieren.
Herr B war im gleichen Moment mit dem Müllereimer vom Aufzug in Richtung Container unterwegs.
Herr C, wohnhaft Parterre links, verließ die Wohnung mit einer Flasche Wein und einem großen Blumenstrauß.
Vom Gang gegenüber gesellte sich der Postmann dazu.
Frau A kam ins Rutschen. Aus ihrem Beutel purzelten mehrere Äpfel vor die Füße von Herrn B., der daraufhin mit einem eingesprungenen Arschklatscher vor den Füßen von Herrn C landete und den vollen Mülleimer, mit bewundernswerter Treffsicherheit, einige Meter in den Gang auf der anderen Seite schleuderte, wo der Postbote, beim Versuch ihn aufzufangen und eine größere Katastrophe zu verhindern, die Pakete fallen ließ, was das überraschend aus der Tür tretende Pärchen EF zu einem neuen Rekord im Dreisprung motivierte, der leider im Flur der noch immer offen stehenden Wohnung von Herr C endete, während dieser seinerseits, um den teuren Blumenstrauß zu retten, selbigen über die Köpfe aller Beteiligten hinweg Richtung Treppe warf, bevor er selbst hoffnungslos zu Boden ging ...
Es dauerte keine 10 Sekunden und jeder hatte mit jedem anderen Feindberührung.
Das Experiment der Wohnungsverwaltung ist gelungen. Wenn ich heute mit meinem Obermieter, das ist der, der mir mal seine Briefe in die Einkauftasche geworfen hat, über Frau Z, das ist die, die immer so viele Zigaretten im Beutel hat, rede, dann weiß er sofort, dass das die Frau von dem ist, der immer mit seinem Spazierstock den Leuten in die Beine haut.



Eingereicht am 13. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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