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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Seltsames Licht

© Felix Clervaux


Paul sagt, ich solle nicht dauernd am Fenster herumlungern. Er sagt wirklich herumlungern, und es klingt furchtbar abwertend. So als wäre ich ein Penner oder täte irgendetwas Verbotenes.
Dabei habe ich bis eben gar nicht mal hinaus geschaut, sondern mich nur um die Pflanzen gekümmert.
Aber wenn er mir das schon unterstellt, dann ist es jetzt auch egal. Ich lasse also meinen Blick über die Fassade des gegenüber liegenden Hauses wandern: nach links und rechts, nach oben und unten.
Ich sei zu neugierig, sagt Paul immer.
Und du bist zu ignorant, denke ich dann.
Es dämmert schon, und einige der Mieter haben Licht in ihren Zimmern angemacht. Die Frau aus dem zweiten Stock sitzt trotzdem noch mit einem Buch auf dem Balkon. Ich sehe sie die Seiten umblättern.
In der Wohnung unter ihr geht der große dünne Mann wie so oft auf und ab. Er redet wohl mit sich selbst. Und schimpft offenbar über etwas.
Unter dem Dach sind erst vor kurzem neue Leute eingezogen. Auf der Terrasse, die seit mindestens einem Jahr kahl und grau war, stehen jetzt Blumenkübel und zwei Palmen. Manchmal sehe ich dort auch ein kleines Mädchen. Sie hat lange blonde Zöpfe.
Nun geh doch endlich vom Fenster weg, sagt Paul. Dabei kann er mich gar nicht sehen, da er im Ohrensessel sitzt, der mit der Rückseite zum Fenster steht.
Vielleicht hat er sich aber auch kurz umgedreht, und ich habe es nur nicht bemerkt.
Ich wollte nur etwas frische Luft herein lassen, erwidere ich. Und dazu muss ich nun mal hier stehen.
Paul gibt ein Grummeln von sich, und ich höre auch, wie er an seiner Pfeife saugt. Paff, paff, paff. Es duftet würzig und süß.
Die Dachwohnung mit ihren Schrägen stelle ich mir gemütlich vor. Ich sehe nach dort oben, und es ist auch Licht in dem Fenster, das direkt neben der Terrasse liegt. Ein seltsames Licht. Es scheint sich zu bewegen.
Ich denke an das Mädchen und wie es in seinem Zimmer auf dem Fußboden sitzt und spielt. Vielleicht mit einer Puppe. Und das Dachfenster halb über ihr. Wenn sie den Kopf ganz weit nach hinten legt, kann sie direkt in den Himmel sehen.
Das Licht bewegt sich und scheint heller geworden zu sein. Vielleicht sind es ja Kerzen, denke ich. Auf so einer Platte, groß wie ein Tablett, wo ganz viele Kerzen unterschiedlicher Höhe und Dicke stehen. Das habe ich einmal in einer Zeitschrift gesehen.
Das Fenster ist doch nun offen, keift Paul mich an. Und du lungerst immer noch da herum.
Er sagt es tatsächlich schon wieder. Obwohl er wissen müsste, dass er mich damit kränkt.
Warum stört es dich eigentlich?, frage ich. Und das zum ersten Mal überhaupt.
Paul beugt sich seitlich aus seinem Sessel heraus und dreht sich nach mir um. Er sieht ziemlich überrascht aus.
Was sollen denn die Leute von uns denken?, sagt er dennoch. Dass wir ein neugieriges Pack sind oder was?
Paul redet ruhig, ist aber ärgerlich. Ich höre die Vibration in seiner Stimme.
Sie werden denken, antworte ich, dass wir alte Leute sind, die nicht sehr viel zu tun haben. Und eben auch die Zeit totschlagen, indem wir aus dem Fenster sehen.
Ich wende mich schnell von ihm ab und gebe vor, mich den Pflanzen widmen.
Meine Worte müssen ihn auf gewisse Weise getroffen haben, denn er sagt nichts mehr. Nach dem Knarren des Sesselleders zu urteilen, hat sich Paul auch wieder richtig hingesetzt.
Noch einmal schaue ich auf das Fenster im Dachgeschoss. Das Licht wirkt jetzt fast grell, aber vielleicht hat nur jemand eine weitere Lampe angemacht.
Durch den Winkel der Schräge kann ich dort immer nur verschiedene Helligkeitsstufen ausmachen. Wirklich erkennen kann ich nichts.
Ich höre, wie Paul einen Seufzer von sich gibt und sich räuspert.
Nein, denke ich, nicht schon wieder. Ich schließe das Fenster schnell und gehe ins Bad.
Ich möchte vor dem Abendbrot noch eine Maschine Wäsche fertig machen. Das dauert immer geraume Zeit, denn ich muss viele von Pauls Sachen vorbehandeln. Er hat die Angewohnheit, sich immer alles an seinen Hemden und Hosen abzuwischen. Ich habe ihn nie dazu bringen können, einen Lappen oder ein Taschentuch zu benutzen.
Er drückt den Schmutz, den Klebstoff, die Marmelade ganz tief in die Fasern. Das kann die Waschmaschine allein nicht bewältigen. Das habe ich schon versucht.
Ich muss alles immer erst mit Bürste und Fleckenmittel bearbeiten. Unter einer halben Stunde bin ich damit nie fertig.
Gerade als ich das letzte Wäschestück in die Maschine stopfe, steht Paul im Türrahmen. Natürlich denke ich, dass er auf die Toilette muss und will ihm Platz machen. Aber er rührt sich nicht von der Stelle.
Sag mal, hast du irgend etwas anbrennen lassen?, fragt er mich.
Ich war doch noch nicht einmal in der Küche, gebe ich zur Antwort und beginne instinktiv mit der Nase zu ergründen, was er meint.
Er hat Recht. In der Luft liegt der Geruch von Rauch.
Das Mädchen, schreie ich und laufe zum Fenster im Wohnzimmer. Und weiß sofort, wohin ich den Blick wenden muss.
Unter dem Dach des Hauses gegenüber schlagen Flammen aus der Öffnung, wo ich das seltsame Licht gesehen hatte. Hätte ich Paul nur nicht nachgegeben und wäre weiter am Fenster stehen geblieben, dann ...
Ich sehe unwillkürlich nach unten, und da sind viele Menschen, die ihre Hälse nach dem Schauspiel recken.
Unter ihnen ist eine Frau, die versucht, ein zappeliges Kind an der Hand zu halten. Es dreht sich quengelnd in alle Richtungen und blickt fast verstört umher. Plötzlich schaut es mich direkt an und wird still. Es ist das Mädchen mit den blonden Zöpfen, doch heute trägt sie ihr Haar offen.
Auf ihrem Gesicht macht sich ein Lächeln breit, und mit ihrer kleinen Hand winkt sie mir zu. Ich winke zurück und versuche auch zu lächeln. Und höre eine sich nähernde Sirene.



Eingereicht am 13. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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