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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein glücklicher Zufall

© Wolfgang Scholmanns


Es war ein wunderschöner Sonntagmorgen, der Himmel strahlte in seinem herrlichsten Blau und das Leuchten der Sonne ließ diesen Morgen wie das Erwachen eines frühlingshaften Tages erscheinen. Aber ein Blick auf das Thermometer zeigte mir, dass es noch Winter war und die Temperatur sich tief im Minusbereich befand.
Genauer gesagt waren es exakt 7 unter Null!
Ich hatte mir vorgenommen zum Friedhof zu gehen, um das Grab meiner Eltern zu besuchen. Also zog ich mich nach dem Frühstück warm an, steckte noch zwei Kerzen und ein Feuerzeug ein und machte mich dann auf den Weg Richtung Friedhof. Er lag nicht weit von meinem Zuhause entfernt, etwa zwanzig Minuten Fußweg.
Als ich den Friedhof erreicht hatte und mich gerade auf dem Weg befand, der zum Grab meiner Eltern führte, fiel mir eine alte Dame auf, die zitternd und gebückt vor einem Grab stand und verzweifelt versuchte eine Kerze anzuzünden. Ich blieb stehen und fragte sie, ob ich ihr behilflich sein könnte. Sie sah mich dankbar an, und sagte: "Ich bekomme die Kerze einfach nicht zum Brennen." Ich nahm ihr die Kerze aus der Hand und stellte fest, dass diese gar keinen Docht hatte. Eine dieser Fehlproduktionen hatte man ihr da angedreht. "Ja", sagte ich, "da hat man ihnen eine kaputte Kerze verkauft! Eine Kerze ohne Docht. Das kommt bei diesen Massenproduktionen manchmal vor!" Ich merkte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen als sie sagte: "Jetzt habe ich heute an diesem wunderschönen Morgen mal wieder die Kraft gefunden, mich zum Grab meines Mannes zu bewegen, und da kann ich noch nicht einmal eine Kerze für ihn anzünden."
Da machen Sie sich mal keine Sorgen", sagte ich zu ihr, griff in meine Manteltasche und zog die zwei Kerzen hervor. "Ich habe zwei Kerzen dabei, und da ich nur eine benötige, werden wir jetzt gemeinsam eine davon anzünden und sie auf das Grab ihres Mannes stellen." Sie strahlte vor Freude, als ich ihr eine der Kerzen in die Hand gab, mein Feuerzeug herauskramte und sie anzündete. Dann öffnete ich die Grablaterne, nahm ihre Hand und gemeinsam stellten wir dieses Licht dort hinein. Sie bedankte sich mit einem liebevollen Lächeln bei mir und ich spürte wie ein wunderschönes Glücksgefühl in mir aufstieg. Ich verabschiedete mich von ihr, und machte mich auf den Weg, um das Grab meiner Eltern aufzusuchen.
Als ich nach ca. einer Viertelstunde den Rückweg antrat, stand die alte Dame immer noch am Grab ihres Mannes.
Sie hatten sich bestimmt viel zu erzählen!



Eingereicht am 11. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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