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Wenn die Wut nachlässt ...

© Andrea Schmid


Ich weiß nicht mehr wann es war. Es gab keinen speziellen Augenblick, den ich nennen kann. Ich weiß nur, dass ich eines Tages ihr Foto wieder anschauen konnte ohne das Bedürfnis zu haben, es in 1000 Stücke zu zerfetzen.
Es kommen mir Tränen, wenn ich mich an sie erinnere. Doch es sind nicht mehr Tränen der Wut. Nein, es sind Tränen der aufrichtigen Trauer. Tränen des Verlustes. Ich habe früher auch schon wegen ihr geweint. Aber da waren es Tränen der Wut, manchmal auch des Hasses. Das dachte ich zumindest zu der Zeit. Doch wirklich gehasst habe ich sie vermutlich nie. Manchmal konnte ich nicht ertragen sie anzusehen und wünschte mir, sie würde aus meinem Leben verschwinden. Aber mittlerweile habe ich nicht das Gefühl, dass ich sie je gehasst habe. Dafür verdanke ich ihr zu viel. Denn ohne sie wäre ich nie der Mensch geworden, der ich bin. Und letztendlich bin ich die, die ich bin, auch wegen dem Schmerz und der Wut.
Es ist ein befreiendes Gefühl, ihr Foto ansehen zu können, ohne diese Wut zu spüren. Inzwischen betrachte ich ihr Bild und spüre Traurigkeit. Traurigkeit darüber, dass wir uns nicht mehr unterhalten können. Wir hatten oft gute Gespräche. Wie lange hatte ich das wegen der Wut verdrängt?! Ich spüre Traurigkeit darüber, dass sie meinen Kindern keine Großmutter sein wird. Sie wäre wirklich eine fantastische Großmutter gewesen! Aber auch wenn die Wut nachlässt, werde ich die Dinge die vorgefallen sind, nie vergessen. Dafür haben sie mich zu sehr geprägt. Aber ich denke nicht mehr mit Bitterkeit daran zurück, sondern nur mit der Gewissheit, dass ich diesen Teil meines Lebens hinter mich gebracht und überlebt habe. Es hat mich nicht zerstört!
Ich bin auch nicht mehr wütend darüber, dass meine Kindheit so war, wie sie war. Wer weiß, was aus mir geworden wäre wenn diese Dinge nicht passiert wären. Vielleicht wäre ich nicht so stark, nicht so gefestigt. Ich werde das nie erfahren. Aber letztendlich bin ich froh, dass es so war, wie es war, denn ich bin ganz zufrieden mit der Person, die ich bin.
Mama, Danke für Alles!!
Danke, dass du aus mir den Mensch gemacht hast, der ich heute bin!
Danke, dass du aus mir eine Kämpferin gemacht hast!
Und da spüre ich sie wieder - diese Traurigkeit. Traurigkeit darüber, dass ich nie die Chance hatte, ihr all das zu sagen.



Eingereicht am 11. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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