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Briefe an N

© Anita Mlynarczyk


Berichte über die schönen Stunden verschweige die düsteren
Meine zitternden Hände öffneten den mit dem Klinikstempel versehenen Umschlag mit Mühe und Hemmungen, als wollten sie den auf ein Zettel Papier gedruckten , innen versteckten Inhalt nie erfahren.
,,Betreffs Ihre Untersuchungen vom 8. Dezember.
Melden Sie sich bitte unverzüglich in der Klinik."
Ein Satz, der die Macht hat alle Schwerpunkte zu verschieben, alle Pläne zu beseitigen, ganzen Alltag zu verwandeln, vieles zu ändern, was so stabil in meinem Leben zu sein schien."
Sofortiger Besuch, kurzes Gespräch mit Frau Dr. B., sachliche Erklärung zu den gezeigten Aufnahmen und die Frage: ,,Für wann entscheiden Sie sich für die Operration? Wir können Sie nicht zwingen, aber je schneller desto besser "
Mein Zögern und schüchterne Bemerkungen von meinen Verpflichtungen, Arbeit, beruflichen Terminen schienen kein Verständnis gefunden zu haben.
- ,,Nur eine rasche Entscheidung ließe erfolgreiche Behandlungsergebnisse erhoffen. Sie verstehen wohl, wie ernst die Situation ist?"
Mit wirbelnden Gedanken, wie betäubt verließ ich das Gesprächszimmer.
,,Das kann doch nicht wahr sein!
Doch nicht ich, wieso denn, es musste ein Irrtum entstehen, die ganze Familie der Reihe nach, nein der Himmel wird doch nicht so erbarmungslos sein, es muss doch ein Ende geben, warum ich, werden alle meine Nächsten von der Biest ausgerottet, warum jetzt ich?, so verrückt kann doch diese Welt nicht sein, darf nicht sein!"
Nach etlichen Stunden, nicht mehr von meinem Willen verjagt, hatte sich der Gedanke eingesiedelt, sobald ich aufgehört habe mich gegen ihn zu währen.
Nur ein Wort, wie eine zudringliche Mücke kreiste in meinem Kopf, durchdrang meine grauen Zellen, zerfraß meine Gedanken und spuckte sie wieder aus, wonach sie sich nicht mehr zusammenfinden konnten, als wären sie von seinen Scheren in Stucke zerschnitten.. Das schrecklichste und Schrecken einjagende Wort ,,Krebs"
Wort-Diagnose, Wort-Urteil?, Wort-Erinnerung, Wort-Leid, Wort- nahe Vergangenheit, Wort-Zukunft, meine Zukunft, Tage, Monate, Jahre…?
Und der Gedanke: mit wem kann ich die Nachricht teilen, mit wem darf ich sie teilen, lässt es sich teilen???
Die Nachricht, deren Last niederschlägt, deren Last viele nicht in der Lage sind zu tragen, die manche, obwohl sie sich als Freude bezeichnen nicht teilen wollen und können Lange Überlegung, viele Hemmungen, zahlreiche Versionen und…
Lieb... N,
wollte Dir den Brief ersparen, aber der Druck ist unerträglich!
Es kocht in meinem Kopf seit einigen Tagen und er wird gleich platzen, wenn ich das längst geschriebene nicht abschicke. Da hat man wenigstens das Gefühl mit jemandem die Sorgen geteilt zu haben. Angeblich sind geteilte Sorgen, halbe Sorgen und geteiltes Glück, verdoppeltes Glück. Das zweite ist mir schon geschenkt worden, das erste kenne ich noch nicht aus eigener Erfahrung.
Dessen bin ich mir nicht sicher, ob ich irgendwann erwähnt habe, dass nicht nur mein lieber Bruder aber auch beide Eltern vor Jahren an Krebs gestorben sind. Umso mehr bin ich jetzt in Panik, obwohl ich scheinbar versuche ein ,,normales Leben" zu führen, als ob ich im voraus positive Ergebnisse der Untersuchung annehmen könnte. Ich plane sogar eine Auslandsreise für dieses Jahr!
Die Reaktion im Bekanntenkreis übertraf meine Erwartungen im positiven und negativen Sinne.
Offenheit, Beistand, Hilfsbereitschaft, aber auch Angst, Ratlosigkeit eventuell ,,falsch" zu reagieren, nicht entsprechende Miene zu verziehen, keine ,,richtigen" Worte gesagt zu haben.
Manchmal habe ich den Eindruck, ich halte bis Donnerstag nicht aus. Am vergangenen Mittwoch [dem 2 Februar] sind mir von der linken Brust sämtliche böse Zellenbündel entfernt worden. Ohne genaue, leider ein paar Tage dauernde Untersuchung der Zellen lässt sich nicht feststellen, welcher Art sie gewesen sind.
In 3 Tagen werde ich so glücklich, wie man auf dieser Welt nur sein kann, oder ums Leben kämpfen müssen. Ich bete, aber selbst in meiner Situation ist das nicht leicht, für andere kann man immer beten und hat mehr Sicherheit und Hoffnung im Herzen, Vertrauen, als wenn man für sich selbst um die Erbarmung Gottes flehen soll.
AM
Keine Ergebnisse! Ich versuche es positiv zu interpretieren. Wenn es nicht so leicht festzustellen ist, dann hat es vielleicht keine Krebszellen in meiner Brust gegeben.
Lieb... N,
leider muss meine Geduld immer stärker werden.
Da 2 Patomorphologen behaupten es seien Krebszellen und 2 weitere sind grade nicht der Meinung, muss ich bis Mittwoch warten, weil die Proben zu einer anderen Klinik zur Konsultation gebracht werden müssen.
Kann man vom Stress verrückt werden?
Ich glaube manchmal auf dem besten Wege dazu zu sein!
Lieb... N, ,
Die heutige Nacht war eine Hölle, hab fast nicht geschlafen, obwohl ich erst gegen 3 ins Bett gegangen bin und bin schon KO, fast am Ende.
Ich befürchte, vor mir steht noch eine Operation.
Lieb... N,
Die Entscheidung ist leider nicht erfreulich!
Morgen findet eine Besprechung mit dem Arzt statt.
Wie die Behandlung weiter verlaufen wird, erfahre ich am Freitag
Lieb... N,
Ich hatte die Wahl gleich am Montag operiert zu werden oder erst in einem Monat. Aus persönlichen und beruflichen Gründen habe ich die 2. Version gewählt. So habe ich noch die Möglichkeit einiges zu erledigen. Es ist noch nicht ausgeschlossen, dass ich Anfang März noch nach Heidelberg fahre, hoffe nicht das letzte mal im Leben………
So ausgestoßen man sich fühlt, so ausgerissen aus dem Alltagsleben, ausgeschnitten aus der Berufsgruppe, so schmerzhaft am Rande der Realität, nur im Kreis der Gleichkranken, der ähnlichen Fällen, den gleich gestressten, genauso besorgten aus dem Leben durch ,, Krebs" verjagten, ,,selenverwandten" Patientinnen der Frauenklinik.
Ich als die frühere ich existiere nicht mehr, begrenzt auf die engste private Sphäre meiner Krankheit, nicht mit mehr oder weniger netten Treffen an alle Bekannte und Verwandte verflochten, mit zahlreichen Verpflichtungen ans Berufsleben verankert, mit unzähligen Terminen an Realisierung meiner Pläne verbunden. Von der breiten Palette meines Daseins ist nur eine ziemlich graue Farbe übrig geblieben.
Lieb... N,
Nach dem Eingriff ist eine 4-6 Monate lange Behandlung nicht ausgeschlossen, alles hängt von den Ergebnissen der Zellen-Untersuchung ab. Jetzt werde ich meine Kräfte sammeln, positive Denkweise zu üben versuchen und sich zum Kampf gegen oder mit der Krankheit vorbereiten.
Ich muss mir einprägen, dass nur ein Sieg in Frage kommt.
Umgeben von meinen Nächsten bin ich vom Verrücktwerden geschützt worden, so scheint es jedenfalls zu sein, aber trotzdem eine schwere Zeit.
Operation und Klinikaufenthalt sind Gott sei Dank hinter mir, eine Erfahrung die ich keinem, wenn es sie gibt, meiner Feinde wünschen würde.
Lieb... N,
jetzt muss nur noch die Radiotherapie durchgeführt werden.
Am 28 April die Thomographische- Untersuchung, warum und wozu noch , wurde mir nicht gesagt.
Die Bestrahlung soll gegen den 10-15 Mai beginnen DIE LIMPHKNOTTEN sind mir leider entfernt worden, obwohl es nicht unbedingt notwendig war, was jetzt das größte Problem ist. Die Flüssigkeit entsteht im Übermaß und der Arm ist auch, wie gelähmt, es soll aber besser werden.
Die Zeit verrinnt und es gibt immer noch keinen Termin für mich.
Ich beginne zu zweifeln, ob ich als kranke Person für andere noch ein Mensch im vollen Sinne des Wortes bin. Man wird wie Luft übersehen, und nur als der Art Fall in Bertecht genommen, nicht der Aufmerksamkeit wert, besonders seitens der Ärzte.
Die Familie dagegen tut so, als ob sie von meiner Krankheit keine Notiz genommen hätte, auch wenn in meinem Inneren ein unbeschreibliches, für sie wahrscheinlich unvorstellbares Nervenspektakel abläuft.
Lieb... N,
am 13 Juni habe ich endlich die Bestrahlung begonnen, jetzt bleibt mir nur Geduld und Hoffnung. Manchmal scheint es mir nur ein schrecklicher, unendlich dauernder Traum zu sein, wobei ich ein rasches Aufwachen erhoffe, vergeblich…
Die letzten Tage Julis bringen mir jedoch die Rückkehr in das normale Leben, Ende der radiologischen Behandlung!!!
Die tägliche Pflicht da zu sein, verdrängt die Gefühle der Angst vor Folgen, des Ekels an der Anlage zu liegen, wo tausende ähnliche Fälle behandelt werden und Trotzt all dem, was ich überstehen musste und gegen die Vernunft, die von meinen Erinnerungen gesättigt wird, blicke ich mit Zuversicht in die Zukunft.



Eingereicht am 10. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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