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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Cordula

© Felix Clervaux


Cordula
Ich war zwölf, sie elf. Höchstens. Ich weiß es nicht mehr genau.
Ich glaube, ich habe ihr wirkliches Alter auch damals nicht gewusst. Weil sie mir eigentlich nicht allzu nahe stand, keine Freundin im üblichen Sinne war. Was nicht negativ gemeint ist.
Sie hieß Cordula und war ein Mensch, dem ständig etwas Neues einfiel. Sie war in alle mögliche Projekte, wie sie es nannte, involviert, schien dauernd unterwegs und daher bekam ich sie oft lange Zeit kaum oder gar nicht zu Gesicht.
Und verbrachten wir Zeit miteinander, dann ging es meist nach ihrem verrückten Kopf, und wir stellten etwas an. Irgendetwas.
Dass sie so verdreht war, sah man ihr keineswegs an.
Sie wirkte äußerlich eher bieder, und es war mir nie klar, ob sie das so wollte oder ob ihre Eltern ihr verboten, auffälliger herumzulaufen. Zu ihrem Charakter hätte es eigentlich gepasst.
Aber über so etwas haben wir nie gesprochen. Wir haben überhaupt nicht über uns gesprochen. Und das, obwohl wir ja fast im gleichen Alter waren und man sich hätte austauschen können. Oder was man eben so an Privatem in jenen Jahren von sich einfach so mitteilt.
Auch von ihren Projekten erzählte Cordula nie. Und ich fragte auch nicht danach. Wohl weniger aus Zurückhaltung als aus Angst, dass sich hinter den mit Projekt bezeichneten Dingen etwas für mich Langweiliges verbergen könnte.
Daher steckte ich sie nie in eine Schublade, auf der Freund zu lesen war. Eine der Schubladen, die für einen in der Orientierungsphase befindlichen Halbwüchsigen doch so wichtig sind. Sie passte überhaupt zu nichts und niemandem.
Anderen gegenüber nannte ich sie nur beim Namen und sagte höchstens zur näheren Erläuterung: "Ein Mädchen, das einen Block weiter wohnt." Mehr nicht.
Ich erinnere mich, wie sie immer ganz plötzlich auftauchte. Sie stand wie vom Himmel gefallen wieder vor der Tür oder rief an. Und immer erweckte sie den Anschein, als hätte sie gerade noch etwas furchtbar Wichtiges getan, aber nun bliebe ihr etwas freie Zeit.
Verabreden konnte man sich nicht mit Cordula. Selbst zu einem Geburtstag konnte man nicht zuverlässig mit ihr rechnen. Cordula war einfach da. Oder eben nicht.
Warum sie gerade Zeit mit mir verbrachte und mit keinem der anderen Kinder aus der Nachbarschaft, weiß ich nicht. Ich kann noch nicht einmal mehr sagen, wie ich sie überhaupt kennen gelernt habe. Vielleicht war sie eben einfach da.
An die Dinge, die wir taten, erinnere ich mich dafür umso mehr.
Wie wir im Kaufhaus stundenlang mit dem Fahrstuhl von einem Stockwerk ins andere fuhren, in alle möglichen Abteilungen gingen, die ich allein vorher nie betreten hatte, und taten, als wären wir reich und müssten schrecklich viele neue Sachen kaufen.
Unten bei den Parfums schraubte Cordula verschiedene Stifte auf, begutachtete sie und tauchte ihren Zeigefinger in diverse Cremetöpfe. Bis die Verkäuferin uns anwies, schleunigst das Haus zu verlassen, da wir ja sowieso nichts kauften.
So rannten wir prustend auf die Straße, und vielleicht hatte Cordula dann schon die nächste Idee.
Ich glaube, die Zeit wäre für mich so viel langweiliger gewesen ohne sie. Denn was ihr einfiel, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen.
Ob wir nun auf dem Rodelberg standen und die Namen derer in die Gegend brüllten, die wir nicht leiden konnten und mit Schimpfwörtern belegten, bis wir heiser waren. Oder uns zum Hinterausgang der Bäckerei schlichen und bergeweise Brötchen und Kuchen vom Vortag stahlen, die dort in großen Körben lagerten.
Manchmal saßen wir einfach auf einer Bank im Rathauspark und machten uns lautstark lustig über jeden, der vorbeiging. Natürlich ließ sich das nicht jeder gefallen, und oft bekamen wir Ohrfeigen angedroht. Dann flüchteten wir von unserem Platz und kletterten so schnell und hoch wie wir konnten in einen der umstehenden Bäume.
Eines Tages kam Cordula am späten Nachmittag in einem seltsamen Aufzug zu mir. Sofort schoss mir die Frage durch den Kopf, was wohl ihre Eltern von dieser Verkleidung hielten, und sie sah mir meine Skepsis wohl an.
"Das ist ein Petticoat!", sagte Cordula, und ihrer Stimme war deutlich Entrüstung anzuhören. Sie wiegte ihre Hüften und machte eine Drehung auf dem Absatz, so dass dieses Taftungeheuer noch voluminöser wirkte als schon im Ruhezustand. Ich hatte so etwas bisher nur auf alten Schallplattenhüllen bei meiner Großmutter gesehen.
Eigentlich konnte es mir ja egal sein, was sie trug.
Aber es wirkte einfach befremdlich, dass Cordula so völlig anders als sonst aussah und in den Straßen auch die Blicke auf sich zog. Umso mehr, da sie nicht wie sonst neben mir ging, sondern eher tanzte.
So abenteuerlich ihre Einfälle auch immer gewesen sein mochten: nie habe ich mich so unwohl an ihrer Seite gefühlt wie in diesem Moment. Und das, wo wir jenseits jeglichen Unsinns waren.
Der Petticoat hatte sie auf irgendeine Weise verwandelt. Es konnte nur daran liegen. Sicher, sie war vielleicht ein wenig verrückt, aber nie wirkte Cordula so abwesend wie jetzt.
Es schien mir, als wäre es egal, ob ich bei ihr bin oder nicht.
"Wir gehen zum Rodelberg", sagte sie und summte dann eine Melodie. Das hatte sie vorher noch nie getan. Und plötzlich kam ich mir unendlich allein vor.
Wir waren gerade am Fuß des Berges angekommen, und ich machte mich bereits daran, ihn zu erklettern, da sah ich, wie Cordula, für mich völlig unerwartet, in Richtung der Straße weglief.
Dabei hüpfte sie ab und zu und fuhr mit den Händen durch diesen Rock, als wolle sie ihn in noch mehr Bewegung versetzen.
Für einen Augenblick dachte ich darüber nach, ob ich nicht einfach nach Hause gehen sollte. Ich hatte mich zwar bis dahin noch nie in dieser Form von Cordula abgewandt. Aber jetzt, wo ihr meine Anwesenheit scheinbar unwichtig war, zog ich dieses Verhalten in Betracht.
Nein, ich würde sie zur Rede stellen, sie fragen. Was genau ich sie fragen würde, wusste ich nicht, doch ich entschloss mich dennoch, ihr nachzulaufen.
Die Dämmerung ging schon fast in Dunkelheit über, als ich sie kurz vor der Straße einholte. Keuchend packte ich Cordula an der Schulter und sie drehte sich ruckartig um. Für eine Sekunde starrte sie mich voller Entsetzen an. Dann verlor sie das Gleichgewicht und stürzte rücklings auf die Fahrbahn. Und augenblicklich schien alles um mich herum zu einem einzigen, immer lauter werdenden Schrei zu verschmelzen.
Ich weiß bis heute nicht, wie es möglich sein konnte, aber meine Eltern erfuhren von alledem offenbar nichts. Zumindest sprachen sie mich nicht darauf an.
Und ich? Obwohl mir die Sache nicht aus dem Kopf ging, hatte ich kein Bedürfnis darüber zu reden. Ich verkroch mich lieber in meinem Zimmer und tat, als wäre nichts geschehen.
Doch eine gewisse Unruhe ließ sich auf Dauer nicht vertreiben. So kam es, dass ich mich immer öfter zu Cordulas Haus schlich. Manchmal war ich sogar kurz davor, bei ihr zu läuten. Aber dann verließ mich im entscheidenden Moment der Mut, und ich stahl mich wie ein Dieb davon.
Eines Tages war Cordulas Nachname von der Klingel der Wohnung im dritten Stock rechts verschwunden. Von den anderen Kindern wusste natürlich keines etwas, denn niemand hatte je wirklich etwas mit ihr zu tun gehabt.
Ich war ja hier ihr einziger Freund. Freund?
Erst vier Jahre später sah ich Cordula wieder.
Ich war inzwischen Lehrling in genau der Bäckerei, die wir damals um etliche Rosinenbrötchen und Streuselkuchen erleichtert hatten. Und die Körbe wurden noch immer auf die gleiche Weise vor den Hinterausgang gestellt. Dafür war ich jetzt verantwortlich.
Es war Donnerstag, und ich trat gerade mit einem Arm voller Bauernbrot vor die Tür. Und Cordula war plötzlich einfach da.
Um ihrem Blick zu entgehen, starrte ich auf diesen verdammten Petticoat. Ich erkannte ihn sofort wieder.
Seine Fülle wirkte nun, da Cordula saß, regelrecht bedrohlich - und bildete zugleich eine Art Abschluss für den ihr verbliebenen Körper.
"Ich sollte meine Brötchen wohl demnächst woanders klauen", lachte sie. "Nicht, dass du Ärger bekommst, weil etwas fehlt. Wo wir doch befreundet sind."
Während sie noch sprach, drückte sie bereits einen Hebel, und der Rollstuhl drehte sich surrend. Dann fuhr sie davon. Ohne ein einziges weiteres Wort.
In dieser Nacht weinte ich bittere Tränen.



Eingereicht am 10. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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