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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Das Mädchen

© Luana Mooshain


"Nimm endlich den Wachs aus den Ohren, Kind!" Als der Vater merkte, dass sie nicht reagierte, deutete er auf sein Hörorgan und mimte, wie er etwas herausnahm. Seine Tochter allerdings tat, als verstünde sie nicht seine Gesten; blickte ihn nur trotzig an, kehrte ihm dann den Rücken zu und rannte aus dem Haus. Er ließ entkräftet die Arme sinken, sah zur Tür, durch deren Spalt ein feiner Luftzug wehte, welcher ihn mit seinen unsichtbaren Fängen umgab, sich dann aber sogleich wieder verflüchtigte.
Nun hatte er sie wohl endgültig verloren. Er hasste sich, machte sich Vorwürfe. Hätte er doch nur schon früher etwas unternommen, sich mit ihr abgegeben, sich um sie gekümmert. Sie war immer da, es war so selbstverständlich. Doch was sie dachte, was sie fühlte ... hatte es ihn je interessiert? Er verneinte die Frage, schlug verzweifelt mit Fuß und Faust gegen die graue Wand, die früher wohl weiß gewesen sein musste, da noch ein feiner Schimmer an die ursprüngliche Farbe erinnerte. Durch den heftigen Schmerz, der nun seinen ganzen Körper durchzog, verflüchtigte sich der Gram aus seinem Kopf. Nicht wissend, was er tun sollte, fuhr er sich durch sein dichtes, filziges Haar, wuselte zur Tür, um zu sehen, ob seine Tochter nicht doch noch zurückkehren würde. Allerdings waren seine Hoffnungen vergebens.
Nach einer Weile des Wartens schloss er die Tür, drehte den rostigen Schlüssel um und warf ihn in eine verstaubte Ecke. Der Schmerz im Arm war noch immer da, doch schien der Vater ihn nicht mehr wahrzunehmen; genauso wenig die grauen Dielenwände, die er sich vorgenommen hatte zu streichen.
Sich am Kopf kratzend schlurfte der Vater zurück ins Wohnzimmer, schien die Welt um sich herum wieder vergessen zu haben. In ihm ward es leer; die Erinnerungen an die Tochter passierten sein spezielles Filterprogramm, durch das nur die Bilder des Fernsehers dringen und langfristig hängen bleiben konnten. Erst wenn ihm niemand mehr etwas zu Essen und zu Trinken bringen wird, sich nicht mehr um sein Wohl kümmern wird, dann wird er gezwungen sein, sich wieder an sein liebes Kind zu erinnern; sein kleines Spielzeug.
Er vergaß.
Mit weit aufgerissenen Augen wanderte das kleine Mädchen unter den schützenden Armen der Bäume entlang, welche die Wege des Parks säumten. Wie wundersam ihr doch diese mächtigen Gebilde vorkamen. Flehend erhoben sie sich in die Lüfte, erwartungsvoll.
Die leuchtenden Farben des Blattwerkes, so wie es im Winde wiegelte, sich aufbauschte, im Sonnenlicht schillerte, durchdrangen das Mädchen mit einer solchen Heftigkeit, dass es nicht auf den Weg achtete und über eine Wurzel stolperte. Benommen rappelte es sich auf, merkte gar nicht, dass ihre Hände aufgeschürft waren und Blut heraus sickerte. Noch einmal sah es zu den Baumkronen auf, ließ sich einnehmen von deren Feuer, das nun auch ihr Inneres zu ergreifen schien. Gierig begann das Mädchen diese fremde Umgebung mit ihrem Blick einzuverleiben. Etwas allerdings machte sie stutzig: Als erneut der Wind um die Bäume schlich, sich durch das Geäst arbeitete, um dann mit den Blättern spielen zu können, kam es ihr vor, als nehme sie ihn wahr. Nicht, dass sie ihn auf der Haut spüren würde, nein, sondern auf eine andere Art und Weise.
Ihr kam ein erschreckender Gedanke. Umgehend betastete sie ihre Ohren, und die Vermutung wurde zur Gewissheit: Beim vorherigen Sturz musste ihr das Wachs herausgefallen sein. Abrupt drehte das Mädchen sich um, suchte verzweifelt nach der Masse, die seit langem ihr Hörorgan nach außen blockiert hat.
Je länger es aber akribisch jeden Zentimeter des Weges absuchte, unter jedem Blatt nachsah, genauestens alle Winkel der knorrigen Wurzeln begutachtete, umso mehr verlor das Mädchen die Hoffnung, das schützende Gut wiederzufinden.
Hatten es diese schwarzen geflügelten Wesen davongetragen?
Ängstlich ließ sich das Mädchen am Fuße einer Eiche nieder, drückte sich so sehr an diesen einnehmenden Wuchs, dass man meinen könnte, sie möchte in das Innere des Baumes flüchten, um vor der Außenwelt sicher zu sein.
Eine Träne netzte die eine Wange des Mädchens, welches dieser neuartigen Welt am Liebsten gleich wieder entfliehen möchte. So saß es da, ohne sich zu regen, wartete. Auf was? Auf das, dass die Schreie in ihrem Kopf verklingen mögen, die seit Jahren nun wieder hervortraten? Durch ein herausgebrochenes Stück eines demolierten Abfallkorbs, der sich in einiger Entfernung von dem Mädchen befand, nahm sie etwas Blaues wahr, nicht irgendein Blau, ein ganz bestimmtes Blau. Nämlich das Blau in den Augen der Frau mit den anmutigen Händen, die auf dem Körper des Mädchens ein ähnliches Blau hinterließen.
"Du unnützes Ding!", schrie sie immer mit ihrer sonst so warmen Stimme. Auch schrie sie, wenn der Mann sie attackierte. Immer dieses Geschrei, das die angenehme Stille durchbrach.
Wie sehr das Mädchen allerdings diese Gestalt mit den vollkommenen Händen in den Momenten liebte, wenn sie an ihrem Holzkasten saß; die weißen Finger, welche Spinnenbeinen glichen, über die weißen und schwarzen Tasten glitten; sie sanft anschlugen und so ein unvergleichlich lieblicher Klang aus dem Musikorgan kam. Stundenlang konnte es dann hinter dem Türspalt verharren und diesen Klängen lauschen, sich die Bewegungsvorgänge einprägen; die Augenblicke, in denen diese bewundernswerte Erscheinung ihre elfenbeinfarbenen, schmalen Hände zum Angriff erhob, und sie auf das Mädchen niederprasseln ließ, vergaß es zu diesem Zeitpunkt vollends. Nie verlor die ehrfurchtsvolle Gestalt ihren Liebreiz, außer die Spiegel der Seele, sie waren schon immer kalt und lieblos gewesen.
In Zeiten der Schreie, während das Mädchen in ihrem Zimmerchen zubrachte, zündete sie sich einige Kerzen an, da der Strom wieder mal ausgefallen war.
Wie sie mit dem noch weichen Wachs spielte, daraus Figuren formte, knetete sie sich unbewusst zwei zylinderartige Gebilde, welche sie sich dann einfach, ohne zu überlegen, in die Ohren stopfte. Sofort wurde es ruhig um sie herum. Endlich.
Irgendwann war diese wundervolle Gestalt nicht mehr da, auch der Holzkasten war verschwunden. Nur sie und der Mann blieben übrig.
Die schwarzen geflügelten Wesen waren zurückgekehrt, beäugten das Mädchen misstrauisch, stolzierten dann erhobenen Hauptes näher, ließen ein Krähen ertönen, das in dem Mädchen ein Schaudern auslöste. Doch seit es hier saß, hat es schon so viel Neues gehört, und nach anfänglichem Zaudern begann es, genauso wie die noch fremden Bilder, die sich ihr hier darboten, gierig in sich einzusaugen. Immer mehr gewöhnte es sich daran, empfand sogar Wohlgefallen. Der Wind, der durch den Park fegte und das Laub tanzen und erklingen ließ, löste in ihr Assoziationen an das melodiöse Zaubergerät und dessen Herrscherin aus. Ein Lächeln glitt über das feine Gesicht des Mädchens.
Ihm war aber entgangen, dass es beobachtet wurde. Eine ältere Dame ließ ihren Blick auf dem Mädchen schon geraume Zeit ruhen, bemerkte auch aus dieser Entfernung, wie sich die Gesichtszüge nach und nach entspannten, ein Lächeln erkennen ließen. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters besaß diese aparte Frau immer noch eine ausgezeichnete Sehfähigkeit. Nach einigen Minuten innigen Überlegens erhob sie sich, näherte sich dem Mädchen gemächlichen Schrittes, während eben dieses Geschöpf aufstand, die immer noch zarte, ihr dargebotene Hand ergriff, als würden sie sich schon lange kennen und miteinander fortgingen. Das Mädchen hatte den guten Zauber gespürt, der von der Dame aus kam, sie umfing und ihr Vertrauen einflösste.
Jahre später, als Kirchenglocken ihre Trauermelodie beendeten, erklang eine ebensolche aus einem schwarzen Flügel, der nur für diesen Zweck in dem Aufbahrungsraum sich befand. Die junge Frau, ganz versunken in ihrem Spiel, bemerkte nicht, dass sich niemand, außer einer alten Dame, in diesem Raum befand. Zufrieden blickte die alte Frau auf ihren Schützling, welche gefangen war in ihrem vollendeten Konzert für den aufgebahrten Ehrengast.
Nach der Darbietung für die ohnehin schon verlorene Seele, machten sich beide Frauen auf und verschwanden in dem dichten Herbstnebel.



Eingereicht am 09. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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