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Ein verlorener Traum

© Enrico Andreas Brodbeck


Morgens um 4:45Uhr, irgendwo in Deutschland. Eine kleine Wagenkolonne von fünf Vans schlängelt sich durch die Straßen einer Vorstadt und suchen sich ihr Ziel. Vor einem mehrstöckigen Gebäude kommen sie dann geordnet zum Stehen. Beamte der hiesigen Polizeibehörde und Männer von der örtlichen Ausländerbehörde versammeln sich auf dem Bürgersteig vor dem Eingang. Lagebesprechung - Vorgehensweise.
"Meine Herren, die Aufgabe ist klar umrissen!" - "Nach dem mir vorliegenden Gerichtsbeschluss, muss die Familie Öczalan allesamt die Bundesrepublik um 6:00 Uhr verlassen haben!" - "Uhrenvergleich!" - "Es ist jetzt auf die Minute 4:50Uhr." - "Zugriff!"
Gespenstisch betritt eine Gruppe von Vollzugsbeamten das spärlich ausgeleuchtete Treppenhaus.
"Im 3. Stock", erwähnt einer der Beamten, "wohnt die Familie Öczalan."
Dort angekommen drückt er lang anhaltend den Klingelknopf. Gequält schallt der Ton der Hausglocke in die friedliche Ruhe der Wohnung. Nach wiederholtem Versuch, öffnet sich die Eingangstüre zaghaft einen kleinen Spalt. Verschlafen schaut ihnen das Gesicht eines kleinen Jungen mit mandelbraunen Augen entgegen. Ohne große Vorwarnung, reißt einer der anstehenden Männer die Türe auf und stürmt mit einem Gefolge in die Wohnung. Durch die Unruhe im Flur aufgeschreckt, schaut ein Mann etwas zaghaft von seinem Schlafzimmer in den Flur.
"Polizei?" - "Was is passiert?" - "Ich nix verstehn!"
Ein Mann von der Ausländerbehörde geht zielgerichtet auf den Mann zu.
"Sind sie Mustaffa Öczalan?"
"Ja bin ich, aba - was is passiert?"
Von einem rechtsgültigen Abschiebebescheid liest der Mann den Inhalt ab und übergibt eine Kopie. Ungläubig schaut Herr Öczalan dem Mann entgegen.
"Aber, hab ich gestern noch gesprochen mit Anwalt!" - "Hat mir gesagt, ist alles in Ordnung, werden bekommen Aufschub für Duldung!"
Durch das Geschehen im Flur sind jetzt auch die restlichen Familienmitglieder wach geworden und finden sich im kleinen Flur ein. Entsetzt schaut die Frau in die Runde der anwesenden Beamten und legt verzweifelt die Hände vor ihr gezeichnetes Gesicht. Mit schnellen Worten berichtet ihr der Mann auf Türkisch den Sachverhalt. Für einen Moment kehrt Ruhe in das Geschehen, bis ein Wehklagen die Ruhe jäh durchbricht. Ein Aufschrei der Mutter schreckt die Kinder auf. Wortfetzen auf Türkisch und Deutsch machen schnell die Runde.
"Bitte Herr Öczalan, wir haben keine Zeit!" - "Nutzen sie die Gelegenheit um notwendige Sachen in diese Reisetaschen zu verstauen!"
Der Mitarbeiter von der Ausländerbehörde hatte vorsichtshalber einfache Reisetaschen mitgebracht und verteilte diese an die Familienmitglieder. Ihr Fassungsvermögen glich das eines großen Wanderrucksackes. - Zirka 70 Liter.
"Bitte, ziehen sie sich an und halten sie sich bereit!"
Während die älteren Kinder der Familie die Aufforderung bestürzt hinnahmen und den Jüngeren beim Anziehen behilflich waren, fing die vierzehnjährige Tochter verzweifelt zu weinen an. Mit fragendem Blick richtet sie sich an die Mutter, die sie beschützend in ihre Arme schließt.
"Nein", schluchzte sie von einem Weinkrampf geschüttelt, "nein ich komme nicht mit - ich bleibe hier!" - "Ich gehe hier doch noch zur Schule - habe hier meine Freunde und meine Bekannten und Verwandten!" - "Das kann doch nicht wahr sein - schließlich bin ich hier geboren und lebe in Deutschland!" - "Die Türkei ist mir fremd - und ich spreche diese Sprache kaum!"
Ein erneuter Weinkrampf unterbricht ihren Redeschwall. Die jüngeren Geschwister, die den Sachverhalt nicht einschätzen können, sind ergriffen und weinen mit.
"Bitte Herr Öczalan, machen sie es sich und ihrer Familie nicht noch schwerer als es schon ist!" - "Die Rechtslage ist eindeutig!" - "Sie wussten von Anfang an, dass sie in diesem Land nur geduldet sind." - "Dass sie durch in Anspruch nehmen von Rechtsbeistand eine Duldung von achtzehn Jahren erreichen konnten, erwirkt nicht gleichzeitig ein dauerhaftes Bleiberecht!" - "Schließlich haben sie es ihrem Anwalt zu verdanken, dass er in den letzten Jahren immer wieder einer Abschiebung entgegen wirken konnte." - "Im übrigen ist ihr Anwalt über diese Maßnahme unterrichtet worden."
Der Beamte gibt seinen Kollegen einen Wink und nickt ihnen sachlich zu. Verkrampft hält die Mutter, noch immer ungläubig, ihre weinende Tochter in ihren Armen.
"So sind die Nazis früher auch gegen die Juden vorgegangen!"
Verstohlen richtet die Tochter ihren Blick gegen den Beamten, der unmittelbar in ihrer Nähe steht, der aber auf die Äußerung nicht reagiert. Aufgeregt packt der Mann seine Tochter an den Arm und zieht sie nah an sich heran.
"Nein Myried, nein!" - "So sind sie nicht, so darfst du nicht denken", entgegnet ihr der Vater, der bestützt über die Aussage seiner Tochter ist, "es sind die Gesetze in diesem Land, die alles regeln!"
Dann wechselte der Mann die Ausdrucksform vom Deutsch ins Türkische und maßregelt seine Tochter und die Frau mit harschen Worten. Mit gesenktem Kopf verlassen die Tochter und die Frau den Flur und gehen in ihre Zimmer, um sich herzurichten und um das Nötigste in die bereitgestellten Taschen zu verstauen. Einer der Beamten schaute ungeduldig auf seine Uhr. "Es ist Zeit, wir müssen gehen - der Flieger wartet nicht!"
Hilfsbereit nehmen einige Beamte den Kindern die großen Reisetaschen ab.
Gegen 5:25 Uhr schleppten sich die siebenköpfige Familie und die Beamten über das Treppenhaus hinaus in den frühen Morgen. Eine gedrückte Stimmung legt sich auf die kleine Gruppe, die schweigend ihre Plätze in den Wagen einnimmt. Hier und da wechselten noch ein paar Anweisungen zwischen den Beamten. Dann schließen sich nach und nach die Schiebetüren der bereitstehenden Vans. Mustaffa Öczalan steht vor dem letzten Van und schaut auf seine Uhr. 5:30 Uhr. Er dreht sich noch einmal um und sieht mit verklärtem Blick auf das vertraute Gebäude. Vor achtzehn Jahren hatte er einen Traum. Einen Traum von einem besseren Leben in einem besseren Land. Seine Familie sollte es einmal besser haben, als die Menschen in dem Land, das er vor langer Zeit verlassen hatte. Nun hatte er mit seinem Traum gegen die Mühlen einer Bürokratie verloren - verloren, gegen ein geltendes Gesetz, in das die Humanität für enthusiastische Einwanderer nicht eingebunden war. So verlor er wie viele Andere auch, gestern, heute und morgen.
Wenig später bahnte sich die Wagenkolonne ihren Weg heraus aus einem Vorort, irgendwo in Deutschland. Nicht mehr lange, und die Ruhe der ausklingenden Nacht würde durch die Betriebsamkeit des frühen Berufsverkehrs verdrängt und das rhythmische Treiben der Menschen würde den Tageslauf dieser Stadt bestimmen. Doch diesmal etwas gedämpfter, als in den achtzehn Jahren zuvor.



Eingereicht am 09. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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