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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein Leben

© Jonathan David Weinert


Bereits als Kind wurde mir unfreiwillig bewusst, dass die Welt eine Schlechte ist. Ich bekam nicht immer das, was ich wünschte und was ich bekam, waren meist Schläge. Ich begriff: Wünsche gehen nicht in Erfüllung, nur Ängste.
Anfangs dachte ich noch, ich könne versuchen, das Gegenteil zu wünschen. Oder so tun, als hätte ich mich damit abgefunden. Anscheinend konnte ich das Leben nicht austricksen.
So blieb es beim Alten: Ich bekam kein Fahrrad, keine neue Hose, einen Fußball oder ein paar Freunde. Da merkte ich, die Welt ändert sich für mich nicht.
Das Fahrrad würde ich doch auch mit dir teilen, Gott, versprochen! Wir können spielen, Freunde sein. Willst du?
Vergeblich.
So erkannte ich: Ich kann die Welt nicht ändern, sie ist so, wie sie eben ist. Gott würfelt nicht. Man muss es so nehmen, wie es kommt. Das hörte sich erwachsen an und machte mir Mut.
Doch wenn Stiefvater aus der Kneipe kam und nach ekelhaftem Gift roch, sank mein Mut in die Hose und floss als etwas Gelbes aus mir. Durch die Hose, auf den Boden.
Gebrüll. Geschrei. Schläge prasselten wie Hagel nieder. Auf Mutter, auf mich. Ich machte wääähh. Meine Mutter machte nichts. Sie wusste wohl auch, wie die Welt ist.
Nach dieser Explosion schlief dieser aufgedunsene, große Teufel auf dem Kanapee. Meine Mutter versank wie meist im Badezimmer. Ich, dieser kleine Knirps mit feuchten Hosen und Wasser in den Augen klopfte stets an die Tür. Sie jammerte und sagte immer und immer wieder, ich solle ins Bett gehen.
Wääääh!
Gott, ich würde dich auch jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Ich mach es ja, ich mach es ja. Keine Bange.
Wäääh und bäääh ... und ich schlief ein und erwachte wieder im Leben.
Stiefvater saß am Küchentisch. Hörte ihn weinen und verstand nicht, wie ein Teufel heulen kann. Tut mir leid, tut mir leid, sagte er. Teufel, mir auch.
Mutti war nicht da. Ihre Stiefel und Anorak auch nicht. Sie war schon oft gegangen. Sie kam immer wieder, vermutlich wegen mir. Dem Sohn, der in die Hose pinkelt.
Doch heute kam sie nicht. Der weinende Teufel ging abends, um einige Stunden später als Zerstörer wieder zu kommen.
Und ich war alleine, diesmal auch körperlich.
Stiefvater kam zur Wolfsstunde. Es polterte einen Augenblick. Danach trat Stille ein. Gesunde Stille.
Mutter, der Keim seines Hasses, fehlte. Und ich war nur ein Kriechtier, dass es letztlich nicht wert war. Falls ich aber im Weg stand oder Fragen stellte, die Erwachsene nur ungerne beantworteten, dann gab es auch für mich Schläge.
Mutter kam auch am nächsten Tag nicht. Sie würde nie mehr kommen, meinte der qualmende, in sich zusammengesunkene Teufel.
Gott, oh Gott ... ich will auch das Fahrrad oder den Fußball nicht mehr haben, gibst du mir dann Mami zurück? Ich weiß, ich hab versprochen, dich mit dem Fahrrad abzuholen, aber Mami ist wichtiger, die kann kochen und gibt mir frische Hosen.
Bist du sauer? Gott? Hallo?
Gott wollte nicht antworten.
Dieser Stiefvater - was immer das sein sollte - ging abends weg, kam nachts wieder, schlug mich, wenn er den Drang verspürte. Für Stiefvater war ich eine nervende Schmeißfliege, die nichts Besseres verdient hatte.
Ich lernte, was es heißt zu verdrängen und ich wusste, auch das ist ein Bestandteil des Lebens. Und gleichwohl wusste ich nichts über das Leben. Gott ließ mir die Türe auf, um fliehen zu können.
Ich floh und verlor trotzdem.
Die Zeit raffte dahin und Mama kam nicht. Sechs Jahre war ich nun alt. Sechs Schritte in die Küche, um mir selbst Essen zu machen. Sechs Bisse für ein kleines Brot.
Es war die Zeit des Sommers, der Blumen, der lachenden Kinder. Und ich würde nach diesem Sommer in die Schule gehen müssen.
Teufel hatte Recht, Mama kam nicht mehr. Tage, Stunden, Augenblicke waren vergangen. Ich stierte aus dem Küchenfenster, um nach ihr Ausschau zu halten. Vieles sah ich, doch nicht das, was ich erhoffte.
Ich weinte oft und fragte mich, wie es möglich war, soviel zu weinen. Bin ich eine, mit Tränen gefüllte Regentonne, die man nach Lust und Laune ausschöpft?
Stiefvater kaufte ein, saß am Tisch, paffte und knurrte mich an.
Er prügelte nicht mehr, er saß nur da.
Tagsüber war ich draußen, suchte nach Freunden, spielte in Büschen "Indianer und Cowboy". Mit jedem Tag ging ich weiter weg, in der Hoffnung, Mama oder Freunde zu finden. Irgendwohin, egal wo - Hauptsache weg.
Wie ein hungriger Löwe nach Beute sucht, so suchte ich nach Freunden, die mich nicht fressen und die ich nicht fressen will. Freunde eben.
Auch in den nächsten Tagen war ich fort, weit entfernt von dem Unheil, vor der Angst, dem alleine seien. An jenem Tag war ich soweit von zu Hause weg, wie nie zuvor.
Damals hörte ich fremdes Kinderlachen, ich spähte durch das Dickicht der Büsche und entdeckte einen gewaltigen Fußballplatz. Viele Kinder waren da. Sie lachten, spielten, grölten - und waren so, wie ich gerne wäre.
Mein Mut war auf dem besten Wege wieder in die Hose zurutschen. Anstatt das Gelbe in die Hose zulassen, öffnete ich meine Hose und pinkelte. Ein erstklassiges Gefühl. Und mein Selbstbewusstsein wuchs wieder ein Stück. Nach diesem Prozedere entschloss ich mich, zu den Kindern zu gehen.
Als ich bei ihnen war, bemerkten sie mich nicht, sie spielten.
Am Rand des Spielfeldes wartete ich. Hoffte, dass sie fragten wer ich sei und ob ich mitspielen wolle.
Es geschah jedoch nichts. Kein "Hallo", kein "willst du mitspielen"?
Ich war zwar in einem Rudel von Kindern, dennoch war ich alleine. Wie einer von seiner Mutter und dem ganzen Rudel ausgestoßener Wolfsjunge. Unbrauchbar.
Auch in den kommenden Tagen schlich ich zum Sportplatz, beobachtete die anderen aus Büschen und stellte mir vor, ich sei Winnetou. Auf der Pirsch nach den bösen Weißen. Doch ich brauchte einen Old Shatterhand, einen Gefährten, der mich schützte und Befehle ausführte. Gott wollte ja nicht, also musste sich ein anderer finden lassen.
Ich nahm abgebrochene Zweige, stellte mir vor, ich hätte ein Gewehr in den Händen und zielte auf alles und jeden.
Nach diesem Geplänkel huschte ich aus den Büschen und ging erneut zu den Kindern, den Weißen Cowboys. Wieder stand ich am Rand, schaute ihnen zu, wie sie Tore schossen, jubelten oder sich anbellten.
Wie es der Zufall haben wollte, kullerte der Ball nach einem missglückten Pass vor meine Füße. Ich bolzte den Ball zurück. Und erst da bemerkten sie mich. Endlich kamen jene Fragen, die ich erhoffte. Willst du mitspielen? Ja, gerne, sehr gerne. Nun war ich ein Cowboy, der sich brüllend in den Dreck schmiss, wieder aufstand - und kaltblütig das Leder ins Netz schoss. Verdammt gut!
Wir trieben den Ball über das Feld, so als sei das runde Leder ein entlaufener Stier, der zurück in den Stall muss - ins Gegnertor.
Und abends, als die Mütter pfiffen, sodass die Jungs wussten, sie müssen nach Hause, so ging auch ich. Diesmal fröhlich, denn ich wusste, morgen würde es weitergehen.
Schlagartig änderte sich meine Vorstellung vom Leben. Es war gar nicht so schlimm, zumindest gab es einen Ausgleich für das Schlechte. Heute würde ich sagen: Es war das Yang für das Yin. Ausgleichende Gerechtigkeit.
Keine Mutter zu haben, ist schlimm, aber eine Mutter zu haben, die dich verlässt, die dich in einem kalten Gefängnis zurücklässt, ist verdammt schlimm.
Aber die Welt ist im Fluss, wie die Jahreszeiten, wie die Landschaften. Nichts ist statisch in dieser Welt ... dass war das Wichtigste, was ich über das Leben lernte.



Eingereicht am 09. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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