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Hermann Hesses "Unterm Rad" und der aggressive Gast

© Wolfgang Scholmanns


Eine Stunde saß ich nun schon in diesem kleinen Kulturcafe. Weit weg von dem Geschehen um mich herum, las ich in Hermann Hesses Roman, Unterm Rad. Diese Epik aus deutschromantischer Tradition, moderner Psychologie, seine Naturanbetung und Zivilisationsverachtung fesselte mich dermaßen, dass ich mich regelrecht in diese Geschichte integriert fühlte. Ich möchte behaupten, dass ich fast alle Werke von Hermann Hesse gelesen habe, aber dieses Buch, in dem der sensible Träumer Hans Giebenrath unter den Zwängen der modernen Gesellschaft leidet, habe ich zu meinem absoluten Favoriten erklärt! Nun ja, Hesse ist nicht jedermanns Sache, aber ich liebe seine Werke so sehr, dass ich mir manche Bücher von ihm mehrmals zu Gemüte geführt habe.
Als er die Erzählung "Unterm Rad" 1903 schrieb, war Hermann Hesse gerade sechsundzwanzig Jahre alt und stand noch ganz am Anfang seiner großen schriftstellerischen Karriere. Erst 1946 bekam er den Nobelpreis für Literatur, und erst in den weiteren Jahrzehnten bis zu seinem Tode 1962 und darüber hinaus wurde er zu einer Kultfigur der Jugend. Womit er berühmt wurde, waren Romane wie Peter Camenzind, Siddharta, Narziß und Goldmund, der Steppenwolf und das Glasperlenspiel, in denen er die Grundprobleme unserer Welt auf eine faszinierende Art und Weise behandelte.
Viel weniger bekannt ist die Erzählung "Unterm Rad". Für den Dichter selbst aber war sie 1903 von großer Bedeutung. Immerhin war er zu diesem Zeitpunkt eine ziemlich gescheiterte Existenz. Streng religiös erzogen, unterzog er sich erfolgreich dem Landexamen, einer strengen Ausleseprüfung und konnte daraufhin 1891 im theologischen Seminar Maulbronn die Ausbildung zum Pfarrer beginnen. Die war aber schon nach einem halben Jahr zu Ende, als der eigenwillige Junge aus dem Internat floh. Es folgte eine stürmische Zeit größter innerer Belastungen, bis er schließlich 1904 nach ersten Erfolgen freier Schriftsteller wurde.
Wenn man diesen Hintergrund kennt, kommt einem in der Handlung der Erzählung vieles bekannt vor: Hans Giebenrath, ein begabter Junge, der in einfachen Verhältnissen aufwächst, bekommt die Chance, sich auf das Landexamen vorzubereiten. Das bedeutet jede Menge zusätzlicher Unterrichtsstunden, bei Lehrern, die es ja alle so gut meinen. Von Freizeit bald keine Spur mehr. Als der Junge dann zur Aufnahmeprüfung antritt, ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Aber er besteht sie. Nach einer kurzen Erholungszeit beginnt die strenge Ausbildung, die dem Jungen Spaß macht, ihn aber auch wieder voll fordert.
Als ich einige Kapitel gelesen hatte, legte ich das Buch aus der Hand und dachte über einige Passagen nach, die mich an meine Jugendzeit erinnerten. So in Gedanken versunken, erschienen Bilder aus längst vergangener Zeit vor meinen Augen. Die Erinnerung an Angelerlebnisse mit Freunden, meine erste Erfahrung mit Pilzen, Kräutern und anderen Wald und Wiesenbewohnern wurde wach. Ich sah die weiten Felder meiner Heimat, die bunt geschmückten Wiesen und Auen und glaubte sogar ihren Duft zu riechen. Doch dieser Leistungsdruck, so wie ihn Hans Giebenrath erfuhr, den gab`s damals bei mir nicht. Oft ist es ja so, dass Eltern ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen auf die Kinder übertragen ohne dabei zu berücksichtigen, dass diese damit total überfordert sind. Plötzlich wurde ich durch ein lautes Geräusch aus meinem Traum geweckt. Irgendwo an der Theke, war ein Glas zu Boden gefallen und sein Inhalt verteilte sich breitflächig über die alten Holzbohlen. Ein ziemlich angetrunkener, noch junger Mann, blickte zu mir herüber und meinte, ich solle die Seiten meines Buches auf die nasse Fläche legen, die hätten eine tolle Saugfähigkeit. Ich reagierte nicht auf diesen dummen Spruch und begab mich zum nächsten Kapitel. Kaum hatte ich ein paar Zeilen gelesen, stand dieser Typ grinsend vor mir und fragte mich, ob ich ihn nicht verstanden hätte. Ich teilte ihm mit, dass ich seine Worte wohl gehört hätte aber diese doch als einen Scherz aufgefasst habe. "Ich scherze nicht", meinte er und griff nach meinem Buch. Schnell klappte ich es zu und steckte es in die Tasche meines Mantels, der neben mir auf der Bank lag. "Das Buch, ist kein Putzlappen, es enthält einen wertvollen Inhalt", sagte ich zu ihm. "Wenn du möchtest, kann ich es dir ausleihen, wenn ich es gelesen habe". Er war wohl überrascht darüber, dass ich so friedlich und ruhig reagierte und sagte: "Ich lese solchen Scheiß nicht, hab Wichtigeres zu tun". Nach diesen Worten drehte er sich um und setzte sich wieder an die Theke. In der Zwischenzeit, hatte die Kellnerin das "Übel" schon beseitigt. Jetzt ging sie auf den jungen Mann zu, hielt ihm seine Rechnung unter die Nase und sagte:" So, du zahlst jetzt deine Rechnung und verlässt unseren Laden. Solche Typen wie dich brauchen wir hier nicht". Er maulte: "Was ist das nur für ein Scheißladen? Hier sind Leseratten wohl willkommener als richtige Kerle". Er zahlte widerwillig sagte noch, Trinkgeld gibt`s dann mal nicht und verließ das Cafe. Eine Weile dachte ich noch über diesen Menschen nach. Was mochte ihm wohl widerfahren sein, dass er seinen Artgenossen so aggressiv gegenübertrat? Irgendwie bedauerte ich ihn, denn ich dachte daran, dass die Gründe für solche Verhaltensweisen oft in der Kindheit zu suchen sind.



Eingereicht am 05. Juli 2005.
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