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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein wichtiger Geschäftstermin

© Rosita Hoppe


Nervös stand ich an diesem regnerischen Montagvormittag am Gleis 8 des Hauptbahnhofs Hannover und wartete auf den ICE, der mich nach Hamburg bringen sollte. Ich hatte einen wichtigen Geschäftstermin mit einer Werbeagentur in Hamburg.
Zum ersten Mal war ich ganz allein für das neue Projekt meiner Firma verantwortlich. Ich hoffte, dass ich das Vertrauen, das meine Chefin in mich legte, nicht enttäuschen würde.
Mein Blick fiel auf die große Bahnhofsuhr. Noch fünf Minuten, bis mein Zug einfuhr! Genügend Zeit, um noch einmal zu prüfen, ob ich auch alle Unterlagen bei mir hatte. Ich wühlte in meinem Aktenkoffer und hörte nur mit halbem Ohr die Durchsage auf meinem Bahnsteig.
Aha, mein Zug läuft ein!, dachte ich und schob schnell alle Papiere zurück in den Koffer. Erwartungsvoll sah ich in die Richtung, aus der der Zug einlaufen sollte. Plötzlich nahm ich wahr, dass eine Menge Reisende in Richtung Rolltreppe strömte.
Schon hörte ich die Durchsage: "Achtung! Achtung! Auf Gleis 8! Ich wiederhole, der ICE 1070 aus Frankfurt zur Weiterfahrt nach Hamburg Altona, planmäßige Abfahrt 8.19 Uhr, fährt heute aus Gleis 4."
Ach, du Schreck! Schnell schnappte ich mein Gepäck und hastete ebenfalls zur Rolltreppe. Doch ich hatte die Rechnung ohne diesen halbwüchsigen Schnösel gemacht, der seine Reisetasche direkt vor meine Füße schmiss. Ich konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen und fiel der Länge nach über sein Gepäck.
"Aua!" Wie ein Häufchen Elend hockte ich auf dem Bahnsteig, zwischen seinem und meinem Gepäck. Ich war den Tränen nahe.
Mein linkes Knie brannte höllisch. Mein Handgelenk tat weh.
Während ich mich aufrappelte, sah ich die Bescherung. Mein schöner neuer, beigefarbener Hosenanzug, den ich extra für diese Reise gekauft hatte, war total verdreckt. In Höhe des Knies zierte ein langer Riss die Hose.
Stotternd versuchte mir der Übeltäter zu helfen.
"T'schuldigung, das wollte ich wirklich nicht ..." Er war puterrot im Gesicht und man sah ihm seine Verlegenheit an.
"Idiot!", zischte ich wütend und suchte meine Gepäckstücke zusammen.
So schnell ich konnte, humpelte ich zum Gleis 4. "Hoffentlich ist der Zug noch nicht weg!", betete ich im Stillen.
Ich hatte Glück. Doch kaum war ich eingestiegen, setzte er sich in Bewegung. Das war knapp! Zu allem Überfluss musste ich mich noch durch drei Waggons quälen, bevor ich meinen reservierten Platz fand.
Ich war heilfroh, als ich endlich an meinem Abteil ankam. Die teils amüsierten, teils mitleidigen Blicke der anderen Reisenden hatten mir ganz schön zugesetzt. Am liebsten hätte ich mich unsichtbar gemacht.
In meinem Abteil waren schon zwei Plätze besetzt. Am Fenster saß eine ältere, grauhaarige Frau und direkt neben der Tür ein elegant gekleideter Herr, mittleren Alters.
Aufstöhnend und den Tränen nahe, ließ ich mich auf meinen Sitz fallen. Das Gepäck ließ ich achtlos auf dem Boden stehen.
"Kindchen, was ist denn mit Ihnen passiert?", erkundigte sich die Dame sofort.
"Fragen Sie lieber nicht!", stöhnte ich und schloss für einen Moment die Augen. Mein Knie brannte immer noch und mein Handgelenk tat auch verdammt weh.
"Vielleicht war es ja ein Hurrikan!", hörte ich eine tiefe, männliche Stimme.
Empört drehte ich mich in die Richtung, aus der die Stimme kam um und hatte schon eine freche Antwort auf der Zunge, als ich in zwei leuchtende, himmelblaue Augen sah, die mir amüsiert zuzwinkerten.
Mein Mund klappte wieder zu. Ich hatte vergessen, was ich sagen wollte.
"Darf ich Ihr Gepäck hochstellen?", sprach er mich nun direkt an.
"Was? Äh ... ja, danke ...", stotterte ich und betrachtete ihn verstohlen, als er meine Reisetasche und meinen Aktenkoffer verstaute.
Er sah verdammt gut aus. Groß, schlank und doch wirkten seine Schultern sehr kraftvoll. Er war braungebrannt, hatte leicht gewellte, schwarze Haare, ein markantes Kinn mit einem kleinen Grübchen, dichte Augenbrauen und einen wundervoll geschwungenen Mund. Er trug einen dunklen gut sitzenden Anzug, ein weißes Hemd und eine, für meinen Geschmack, äußerst hässliche Krawatte.
"Vielleicht sollten Sie sich erst einmal restaurieren gehen", riss mich die Grauhaarige aus meinen Betrachtungen.
"Wie bitte?"
"Ich mein ja nur, so von Frau zu Frau ..." Sie sah mich entschuldigend an.
"Ja, Sie haben Fecht, das sollte ich wirklich tun!"
Ich nahm meine Handtasche und humpelte aus dem Abteil zum Waschraum. Der erste Blick in den Spiegel war ein Schock. Meine Locken, die ich heute Morgen so kunstvoll hochgesteckt hatte, hingen mir wirr um den Kopf. Mein Make-up war verschmiert und außerdem prangte noch ein dunkler Fleck auf meiner Stirn. Von der schmutzigen Kleidung ganz zu schweigen.
So gut es ging richtete ich mich wieder her. Panisch überlegte ich, ob ich in Hamburg noch genügend Zeit hatte, mich neu einzukleiden, ohne zu spät zu meinem Geschäftstermin zu kommen. Denn so, wie ich jetzt aussah, konnte ich dort nicht erscheinen. Es dauerte eine Weile, bis ich mit meinem Aussehen einigermaßen zufrieden war und zurück zu meinem Platz gehen konnte.
Als ich die Tür zu meinem Abteil öffnete, sah ich zu meinem Bedauern, dass dieser gut aussehende Kerl nicht auf seinem Platz saß.
"Schade eigentlich!", überlegte ich. Er war wirklich eine Augenweide und seine herrlichen blauen Augen waren viel zu schön für einen Mann.
Ich setzte mich auf meinen Platz, ohne die Dame zu stören, die sich so nett um mich gekümmert hatte. Sie war inzwischen eingenickt. Vorsichtig schob ich mein Hosenbein hoch, um mir mein lädiertes Knie anzusehen. Eine ziemlich große Schürfwunde kam zum Vorschein, die auch noch geblutet hatte.
"Sieht gar nicht gut aus", riss mich diese wunderbare Stimme aus meinen Betrachtungen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er zurückgekommen war. Er wühlte in seiner Tasche und holte ein weißes Stofftaschentuch mit eingesticktem "J.B." hervor. Mit Mineralwasser befeuchtete er das Tuch und drückte es mir in die Hand.
"Damit können Sie die Wunde etwas säubern. Mehr habe ich leider nicht."
"Das geht doch nicht. Es ist doch viel zu schön", wehrte ich mich.
"Sie können es mir ja irgendwann zurückgeben."
Daraufhin sagte ich nichts mehr und betupfte vorsichtig meine Wunde.
Sein Blick ruhte während meiner Säuberungsaktion auf mir und mein Herz schlug Purzelbäume, sobald ich zu ihm aufsah.
"Danke", hauchte ich und steckte das inzwischen blutverschmierte Taschentuch in meine Handtasche.
Die Abteiltür öffnete sich, der Schaffner kam.
"Die Fahrkarten bitte ..."
Während meine beiden Mitreisenden ihre Fahrkarten vorzeigten, wühlte ich in meiner Handtasche. "Oh, nein! Wo ist meine Karte?" Mir wurde heiß und kalt. Fieberhaft suchte ich in meiner Tasche und in meinem Aktenkoffer. Nichts!
"Scheint heute nicht gerade Ihr Glückstag zu sein", ließ sich Herr "J.B." vernehmen.
Ich schoss ihm einen Blick entgegen, der ihn hoffentlich töten oder zumindest zum schweigen bringen würde.
"Immer mit der Ruhe, junge Frau!" Der Schaffner war sehr nett und wartete geduldig.
Schließlich fand ich meine Fahrkarte doch noch. In meiner Jackentasche!
Den Rest der Fahrt versuchte ich, mich mit meinen Geschäftsunterlagen zu beschäftigen und "J.B." zu ignorieren, was mir jedoch sehr schwer fiel. Immer wieder schielte ich zu ihm hinüber. Manchmal trafen sich unsere Blicke für einen kleinen Moment. Dann sah ich schnell wieder auf meine Unterlagen. Dieser Mann verwirrte mich unwahrscheinlich und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Als der Zug in Hamburg einlief, drückte er mir seine Visitenkarte in die Hand.
"Falls Sie mir mein Taschentuch wiedergeben wollen", sagte er leise und lächelte so unwiderstehlich, dass ich weiche Knie bekam.
Ich verzieh ihm auf der Stelle all seine Bemerkungen.
Ich widerstand der Versuchung, sofort auf seine Karte zu schauen, doch sie brannte wie Feuer in meiner Hand. Erst als er aus meinem Blickfeld verschwunden war, las ich:
Jan Berger
Werbeagentur
Hamburg
Tel.
"Du wirst dich wundern, wie schnell wir uns wiedersehen", flüsterte ich.
Er war mein Geschäftstermin.



Eingereicht am 05. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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