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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

In Scherben

© pe & pe


Ich betrete ihr Zimmer. Stickige Krankenhausluft schlägt mir entgegen.
Sie liegt fast auf der Seite, der Tür abgewandt. Eine dicke Wolldecke stützt den wund gelegenen Rücken. Leise gehe ich um's Bett. Schläft sie?
Die Augen sind geöffnet, starren geradeaus zum Fenster.
"Hey!", flüstere ich und berühre vorsichtig ihre fast weißen durchsichtigen Finger. Sie sind noch dünner geworden. Die beiden goldenen Ringe an ihrer Hand wirken zu groß inzwischen. Sie bewegt nicht ihren Kopf, nur ihre Augen blicken mich an. Ein kleines, fast unmerkliches Zucken des Mundwinkels, deutet ein Lächeln an. Ich ziehe den Krankenhausstuhl heran und sitze so, dass sie mich sehen kann. Eine warme Hand liegt jetzt auf meiner. Seit sie nicht mehr sprechen kann, reden wir mit den Händen. Ein flüchtiges kraftloses Drücken manchmal. Ein bisschen muss ich schmunzeln, als ich mich erinnere. Der fast männliche und kräftige Händedruck war berüchtigt. Nicht nur einmal habe ich sie aufgezogen und beteuert, dass derartige Begrüßungen mit Schraubstockcharakter wohl nicht sehr lady like seien.
Ein Blick, sie weiß, was ich denke. Wie oft, wenn Worte unnötig zwischen uns waren. Ihre Augen lachen wenigstens.
In der Erinnerung höre ich es auch, laut und hell.
Während ich noch erzähle, von Trampi, dem schwarzen Kater und den Streitigkeiten mit Sammy, dem Goldi-Rüden, ihrem Liebling, schläft sie ein.
Ich weiß, sie hätte ihn gern noch einmal gesehen.
Einen Moment noch betrachte ich dieses Gesicht. Ihre Wangen sind gerötet, sehen geradezu gesund aus. Das blühende Leben ...!
Auch Gift kann Farbe auf Wangen zaubern.
So viel würde ich gern noch sagen, wieder lachen und sie umarmen.
Sie ist wie Glas, zerbrechlich und dünn.
Leben in Scherben.
So streichle ich nur vorsichtig ihre Wange und gehe.
Bald heißt es für immer Abschied nehmen.



Eingereicht am 03. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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