www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Im Steinbruch

© Xelanja


Wenn jemand von sich behauptet, er habe im Steinbruch gearbeitet, dann denken viele Menschen sofort: Sträflingsarbeit. Dass jemand das freiwillig auf sich nimmt, glaubt man kaum, dass es Spaß gemacht hat, wohl noch viel weniger. Und doch war es so:
Wir haben den Teich im Park befestigt und kommen schmuddlig und nass zur Teambesprechung. Der Minichef (es gibt auch noch die Maxiversion) sitzt mit geheimnisvoller Miene am Tisch. Wir lästern leise in Russisch. Der Kurze macht sich gern wichtig, aber wir mögen ihn.
"Also wie haben uns umgehört, wegen der Gehwegplatten für den Garten der Grundschule. Wenn wir selbst in den Steinbruch fahren und uns aussuchen, was wir brauchen, kostet es nicht einmal ein Zehntel des normalen Preises. Wie denkt ihr darüber?"
Er müsste nicht fragen. Die Meister sind weisungsberechtigt. Ich erkläre kurz in Russisch die Situation für diejenigen, die noch nicht ganz so sprachfest sind.
Karl, der Wortführer der zweiten Gruppe, stellt einige Fragen. Er kennt den Venusberg.
Schließlich sind alle einverstanden.
Am nächsten Morgen brausen wir mit zwei Kleinbussen und einem LKW los. Es ist noch kühl, gegen Mittag wird die Sonne wieder herunterprasseln. Diesmal sind die beiden Meister dabei.
Der LKW muss über die Waage, die beiden Kleinbusse schlägeln sich am PKW- Einlass durch.
Wenige Minuten später klettern wir aus dem Auto, froh die zusammengeknüllten Beine endlich ausstrecken zu können.
Wow! Wer noch niemals einen Steinbruch von der untersten Ebene aus gesehen hat, ist schlicht und ergreifend überwältigt.
Viele Meter über uns fahren die riesigen LKW, die wir am Eingang gesehen haben, ihre Runden.
Ich könnte bequem in einem Rad Mittagsschlaf halten, doch von hier unten wirken die gewaltigen Fahrzeuge wie Spielzeug.
Eine Steinkugel kracht in die Wand, doch es dauert Sekunden, bis das Geräusch bei uns ankommt.
Die Platten sind schwer. Selbst die Männer müssen sie zu zweit tragen. Es wird zunehmend heißer, der Steinbruch wirkt wie ein Backofen.
Gegen 10 steigt Maximeister aus den Hosen seines Blaumanns und liefert damit den ersten Lacher des Tages. Welch ein Anblick und kein Fotoapparat!
Ein Mann, Mitte 50, leicht beleibt, mit krachbuntem Hawaiihemd, Bermudashorts und Arbeitsstiefeln. Auf unser Lästern hin erklärt er den kleinen Grundwasserteich zum Nacktbadestrand. Irgendjemand fordert ihn auf, ihn einzuweihen. Er wechselt rasch das Thema.
Wir schwitzen nicht, wir schmelzen. Gleich die erste abrutschende Platte beschert mir eine Blutblase in der Größe eines Markstücks auf dem Handteller - alle Männer kommen pusten.
Waldemar bringt einen Stein. Ich weiß erst nicht, was er will, bis ich das Funkeln sehe. Eine Quarzdruse, die in allen Farben schimmert.
Die Arbeit wird zur Schatzsuche. Jeder findet ein Stück, nein zwei, nein drei und eins für die Frau ... die Tochter will auch noch eins ... Gehwegplatten haben wir längst genug. Aber unser zweiter Bus wurde anderweitig benötigt und ist noch nicht zurück, also sammeln wir weiter. Maxichef schließt in einem Gewaltakt die Tür zum Laderaum des Kleinbusses.
"Nun ist aber genug! Ihr seid ja schlimmer als die Kinder!"
Wir grinsen und suchen weiter - so ein Blaumann hat verdammt viele Taschen.
Gegen 3 Uhr nachmittags wird auch der letzte schlapp. Wie die geprellten Hutschen liegen wir im Schatten der Autos. Unser Fahrer verspätet sich, kommt erst kurz nach 4.
Als der LKW über die Waage fährt, grinsen wir wie erfolgreiche Schmuggler. Unsere beiden Riesentaxis werden nicht gewogen. Schätze gibts kostenlos.
Am Morgen danach ärgert uns Maximeister reihum mit unserem Sammelwahn. Die Autos sehen aus wie nach der Teilnahme an einer Wüstenralley, feiner Steinstaub in allen Ritzen.
Während die Männer mit dem Wasserschlauch dem Äußeren zu Leibe rücken, mache ich den Innenraum sauber, klappe das Handschuhfach auf ... und ein funkelnder Regen kleiner Steine fällt mir entgegen.
"Wem gehören denn die noch?"
Alle gucken sich an - keine Ahnung. Schließlich meldet sich zögernd das Chefchen, das uns den ganzen Vormittag gefoppt hat.
"Na, das sind meine!"
Im ersten Stock schauen die ADAC-Leute erschrocken aus den Bürofenstern, als 20 Leute geschlossen losgrölen.
Wir sind schon ein Superteam.



Eingereicht am 30. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««