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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Höllisches Paradies

© Xelanja


"Das ist Menschenarbeit!"
Vorwurfsvoll will der hochgewachsene blonde Mann aus Kasachstan mir die Motorsense aus der Hand nehmen. Frauen sind für ihn noch keine Menschen, was nichts mit mangelnder Achtung, sondern nur mit gelegentlich abhanden kommenden Vokabeln zu tun hat. Er spricht bereits nach einem halben Jahr sehr gutes Deutsch.
"Finger weg, Viktor! Ihr habt erst heute Nachmittag Einweisung!"
Er grinst. Ich bin schon ein halbes Jahr hier, Vik ist neu. Die letzte Gruppe bestand vorwiegend aus Deutschen, meist Jugendlichen. Mit denen war leicht mithalten. Die kasachischen Landarbeiter sind ein anderes Kaliber.
Dafür bin ich das Küken, weil die Bären, die mich um mindestens Haupteslänge überragen, sich als meine Schutzengel fühlen.
Anfangs haben sie morgens im Umkleideraum in Russisch herumgeulkt, zwei Wochen lang, bis jemand ihnen verriet, dass ich ihre Sprache spreche. Schade. Es war lustig.
Dass ich darüber lachen konnte, hat sie beeindruckt. Ich hab geile Titten. Das hört Frau doch gern.
In der Pause sitzen wir gedrängt um einen kleinen Tisch und spielen "Mandowaschka", ein Spiel, nicht unähnlich unserem "Mensch ärgere Dich nicht".
Doch wenn ich frage, was das Wort bedeutet, grinsen die Jungs verschämt und weichen aus. Im Wörterbuch ist es nicht zu finden.
Nach Feierabend treffe ich meinen Nachbarn, Iwan. Der schaut mich an und lacht los als ich ihn frage, ohne Bosheit, einfach nur fröhlich.
"Du, Mandowaschki sind ... ich glaube Filzläuse ist das ordentliche deutsche Wort dafür ..."
Ihm schießen Lachtränen in die Augen, er weiß, dass wir die Tiere hier weit weniger salonfähig bezeichnen.
Am Montag darauf sind wir im Forst, Roteichen fällen.
Gegen Mittag ist noch nicht einmal die Hälfte erledigt. Wir haben nur eine Kettensäge. Das ist wirklich "Menschenarbeit", die abgeästeten und auf anderthalb Meter Länge geschnittenen Stammstücke müssen auf der Schulter 200 Meter eine Waldschneise hinauf, zum Stapelplatz getragen werden. Nach vier Stunden haben meine Schultern die Farbe reifer Heidelbeeren und die Knie die Konsistenz von Pudding.
Die Männer tun so, als bemerkten sie meine länger werdenden Pausen nicht. Und das morgen noch einmal?!
Viktor setzt sich neben mich auf den gerade zurechtgesägten Stamm und weist auf die Axt in seiner Hand:
"Wenn ich das damit ... werden wir heute fertig."
Ich nicke. Es hat sich einfach so ergeben, dass sie mich fragen. Nun klingen die Schläge der Äxte neben dem Rattern der Kettensäge.
"Baum fällt!" - alle 5 Minuten.
Aufrappeln! Wenn wir heute noch alles an den Hauptweg schaffen, geht es morgen mit Rasenmähen in der Grundschule weiter. Also Endspurt!
Gegen 4 holt uns der Fahrer ins Hauptquartier. Feierabend. Meine Muskeln brennen.
Waldemar, fast 60 und ehemaliger Kolchosvorsitzender schaut mich an, spricht dann mit Paul, unserem "kleinen" Polen.
"Du heute nicht mit dem Rad fahren. Wir nehmen Dich mit ..."
Als ich im Tempo einer lahmen Schnecke ins Haus schleiche, steht die Tür zur Wohnung meines Exmannes offen und er schaut mich spöttisch an.
"Na, hast dus mal mit Arbeit versucht? Nun weißt du wie das ist. Hab ich 10 Jahre lang gemacht!"
Seit zwei Jahren hat er allerdings nur noch Bierflaschen gestemmt, das sagt er nicht dazu.
'Leck mich doch, Arschloch ...'
Ich ziehe mich die Treppe hoch, nach dieser Begrüßung schon in Erwartung, heute noch einkaufen krabbeln zu müssen, alles Gute kommt ja immer auf einmal.
Mein Großer rührt in einem Topf herum. Es riecht gut.
"Ich habe Kohlrübeneintopf gemacht. Wenn du mir Geld gibst, husch ich gleich noch in die Kaufhalle ..."
Jan, mein Lebensgefährte, kommt von der Arbeit, schimpft über die saumäßige Organisation in seinem Betrieb und seine Chefin.
Meine geschundenen Knochen liegen auf dem Sofa wie abgestorben, als gehörten sie nicht mehr zu mir. Der Kopf beginnt langsam, sich wieder in die Shellprogrammierung der neusten Hausaufgabe hinein zu denken. Letzten Monat war Bergfest. Noch 335 Tage Fernschule. Das packen wir!
Es zieht mir die Augen zu. Nur eine halbe Stunde schlafen ... Aber sobald ich mich hinlege, werd ich vor morgen nimmer wach. Jan kommt mit einer großen Tasse: "Capucchino, mit Mandeln."
Er nimmt mir das Lehrheft aus der Hand, liest sich den Text kurz durch, erklärt ihn auf Idiotenlevel. Irgendwann meint er: "Eine verkettete Liste musst du dir vorstellen, wie die Schlange an einer Würstchenbude."
Seitdem heißt seine Methode, Dinge verständlich zu machen, die Würstchenbudenmethode. Am Ende zählt nur, dass man es begriffen hat. Nach dem "wie" fragt keiner mehr.
"Was macht ihr morgen?"
Ich verdrehe die Augen.
"Hanghuhn spielen mit der Motorsense."
Jan lacht: "Gehts dir gut?"
Meine Schultern tun weh, jeder Muskel schreit nach Urlaub, im Kopf ist Vakuum und alles zusammengenommen - fühle ich mich phantastisch.
Morgen früh wird Viktor hupen, in der Hoffnung, mich aus dem Bett poltern zu hören und wenn ich aus der Haustür komme grinsend auf meine Brüste starrend sagen: "Heute gibts Menschenarbeit!"
Ich freu mich drauf.



Eingereicht am 30. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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