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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Familienbande

© Xelanja


Vorsorglich kommt er uns, die ausgestreckte Hand wie eine Waffe vor sich hertragend, bis ans Auto entgegen.
"Liebe Güte, der überschlägt sich ja bald", flüstert meine Praline.
"Nö, er will verhindern, dass wir uns auf offener Straße abknutschen- von wejen die Nachbarn und so ..."
Ich spreche nicht laut, aber ich flüstere auch nicht - er hatte es gehört. Sollte er auch. Die Hand fällt runter.
"Hallo, toll, dass Ihr gekommen seid!"
Das heißt, nach meiner internen Übersetzung: 'Schade, dass ich meine Schwägerin nicht dran hindern konnte, ne Lesbe zu werden, aber man denkt ja modern.'
Glücklicherweise ist Praline auf dem Ohr taub.
Ihre Schwester, steht schon, zwei Paar Gastpantoffel in der Hand, hinter der Tür.
"Zieht die nur gleich an. Sonst gibts Drecktapsen und Werner wird sauer."
Igitt, wer mag da schon alles seine Schweißfüße dringehabt haben? Entschlossen zerre ich unsere Papuschen aus der Tasche.
"Danke, wir sind Selbstversorger."
Ich hoffe, mein Grinsen entschärft den Satz ein wenig.
Praline zögert eine Sekunde zu lang, schlüpft aber nach einem scharfen Blick von mir in ihre eigenen Schuhe.
Inzwischen drängt Werner, der in der noch immer offenen Haustür steht: "Na geht schon in die Stube, machts Euch gemütlich ..."
'... damit ich endlich die verfluchte Tür hinter Euch zumachen kann. Ich werd noch 3 Meter an den Flur anbauen ...' Manche Menschen denken so laut, dass man es hören kann.
Bisher amüsiere ich mich ganz gut. In der Stube kommen die beiden Frauen endlich dazu, sich zu begrüßen, wenn auch eher flüchtig.
"Nicht so schüchtern, setzt Euch doch!"
Praline ist nicht schüchtern, ihr tut nur der Podex weh, aber das kann er ja zum Glück nicht wissen.
Währenddessen wuselt Rita wie ein Aufziehauto durch die Gegend, rennt dreimal zum Tisch und wieder zurück, überlegt, rast wieder los ... Ich bin neugierig, wann ihr Mann den Schlüssel nehmen und sie wieder aufziehen muss.
"Nun setz Dich doch endlich hin!", meint Praline, leicht irritiert.
Werner fläzt kuchenbreit uns gegenüber.
"Die Zuckerdose fehlt noch, Rita! Und hol die anderen Kuchengabeln, die silbernen. Ich hoffe, die sind geputzt."
"Aber ja, Werner."
Er textet uns zu, von seiner Arbeit, den grauenhaften politischen Zuständen in der Kommune, geht dann dazu über, uns zu erzählen, wer in seinem Alt-Herren-Verein an den letzten Niederlagen schuld ist, kommt dann mit lodernden Augen zum Hauptthema des Tages.
"Und dann haben wir hier jetzt ne Zähne-Kneipe ..." Er spricht das wirklich so aus.
"Das gehört ja verboten. Wenn es Leute gibt, die es geil finden, sich zu verdreschen, ist das natürlich ihre Sache, aber ... Rita, ist der Kaffee denn immer noch nicht fertig? Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, aber dass die Lederfutzis nun hier am hellerlichten Tag herumrennen ... ich bin ja tolerant, seht ihr ja (bedeutungsvoller Schwenkblick) nur das ist doch dann wirklich zu viel ... Rita, sag mal, baust Du den Kaffee erst an oder was?"
Ich sitze günstig und kann durch einen Spalt in die Küche sehen, wie sie an den Silbergabeln herumschrubbt. Ach menno ...
"Komm gleich, Werner, komm gleich ..."
Praline zupft inzwischen ein wenig unruhig an ihrem Rollkragenpullover herum, unter dem sie einen Lederbody trägt. Ich nicke leise Richtung Küche. Sie versteht sofort und steht erleichtert auf:
"Ich helfe Rita mal eben schnell in der Küche ..."
"Ja, ja, mach nur, allein bekommt die ja nie was auf die Ordnung."
Dann empört er sich fröhlich weiter.
Endlich kommen wir zum Kaffeetisch. Mit vollen Backen schmatzend ist das Thema des Hausherren inzwischen auf die Unmoral seines Städtchens im Besonderen und der Welt im Allgemeinen gekommen. Wir müssen die Zwang unterdrücken, vor seinem Krümelregen in Deckung zu gehen. Bei alldem starrt er Praline unverhohlen auf die T... Zweimal versucht Rita seinen Redeschwall zu bremsen, wird aber mit einer knappen, herrischen Bewegung wieder zur Ruhe gezwungen. Jeder Versuch unsererseits, mit ihr zu sprechen, wird abgewiegelt: "Ach, die kommt doch nicht auf die Straße, die hat doch gar keine Ahnung ..."
Ich sehe, dass sie die Tränen unterdrückt und würde dem Typen zu gern Nachhilfe in gutem Benehmen geben, müsste Rita das nicht ausbaden, sobald wir fort sind. Sobald als irgend mit Anstand möglich, verabschieden wir uns.
Werner muss endlich mal aufs Örtchen und so bleiben uns wenigstens ein paar Sekunden.
"Alles Gute zum Geburtstag, Schwesterchen!", meint meine Praline und reicht ihr, fast zögernd, unser Geschenk.
Sie bedankt sich, schaut uns nicht an dabei.
Der Hausherr bringt uns vorsichtshalber wieder bis ans Auto.
"War nett, dass Ihr gekommen seid. Lasst Euch doch mal wieder sehen!", trompetet er laut über die Straße. Ich darf meine Liebste gar nicht ansehen. sonst blutet mir das Herz, wenn ich sehe, wie tapfer sie die Tränen hinunter zu schlucken versucht.
Das nächste Mal werden wir das Geschenk wohl lieber mit der Post schicken.



Eingereicht am 28. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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