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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Müllersche

© Xelanja


Die alte Frau geht durchs Dorf.
"Schaut nur, die Müllersche", sagen die Leute.
"Nun ist sie ganz wunderlich geworden. Sie redet mit sich selbst ... Aber wollen mal froh sein, wenn wir mit 90 noch so beieinander sind ..."
In das Lästern mischt sich Anerkennung. Man kennt die tapfere kleine Frau.
Vor der neuen Kaufhalle bleibt sie stehen.
"Schau", sagt sie, sich zu ihrem Begleiter umwendend, "hier stand früher unser Haus. Mit der Rückseite zum Bach. Es war immer scheußlich kalt im Winter und alles feucht."
"Ich erinnere mich", antwortet der Mann neben ihr.
"Ich war oft bei Euch zu Gast."
Die Alte denkt einen Moment nach, schmunzelt dann: "Stimmt ja. Ist aber lange her."
Sie gehn an der alten Kirche vorbei. Da war ihre Einsegnung. Hier hatte man sie die Gebote gelehrt und ihren Glauben.
"Sag, wie viele der Gebote hab ich eigentlich eingehalten? Aber ehrlich?"
In der Stimme ihres Begleiters liegt ein Lachen: "Na, wenn DU das nicht weißt ..."
Sie setzt sich auf die Bank unter der Linde, ein wenig erschöpft.
"Ja, eigentlich, gestohlen hab ich nie ..."
"Ach nein? Und was war mit den Kohlen und den Rüben? Gleich nach dem Krieg?"
"Hmmm ... meinst Du, das zählt? Das wäre aber ungerecht. Und das mit dem Töten ... na ja, als ich der alten Gerstenbergerin gesagt hab, ich wünsch ihr, dass sie die Kirchtreppe runterfällt, war das ja nicht ernst gemeint. das müsste der Obere aber wissen, wenn er alles weiß ..."
Die schmale Gestalt neben ihr antwortet nicht, hält das Gesicht der Spätsommersonne entgegen.
"Ist ja auch egal. Werd schon sehen, hab ja auch einen Mund, mich zu verteidigen ... hab ich doch, oder? Ich meine ... dann?"
Kurze Pause.
"Außerdem muss er mir auch noch sagen, warum er mir Hansi weggenommen hat. Damals im Krieg ... und meinen Sohn, Werner ..."
"Das sollte er Dir wohl erklären, Anna."
"Genug ausgeruht, gehn wir weiter, es wird bald dunkel."
Und so geht das ungleiche Paar, sie klein, auf ihren Stock gestützt, er groß, schlank, in einen schwarzen Mantel gehüllt durchs Dorf, am Feldrand entlang zum Wald, bis hin zum Entenweiher ... Es ist ein Weg, der fast einen ganzen Lebenskreis beschreibt, denn weiter hinaus ist die Alte nie gekommen. Sie sitzen da, auf dem umgestürzten Baum, nebeneinander und sehen zu wie die Sonne untergeht.
Endlich regt sich die Alte: "So, es wird kalt. Zeit um nach Hause zu gehen ..."
Und ihr Begleiter dreht die bleichen Knochen seines Gesichtsschädels dem aufgehenden Mond entgegen: "Warum glauben die Menschen, ich trüge eine Sense, Anna?"



Eingereicht am 26. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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