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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein Vögelchen fiel aus dem Nest

© Anne Zegelman


Sie trug ein Kleid aus blassblauem Leinen, das zu groß für sie wirkte. Ich erinnere mich noch heute an den Anblick, denn so verletzlich hatte ich meine Mutter nie zuvor erlebt. Es ist der Tag meines vierzehnten Geburtstages, und sie arrangiert Kornblumen in einer rot gepunkteten Vase, die sie auf den Plattenspieler stellt. Ich erinnere mich an den irdenen Ton, mit dem das Gefäß auf der Glasverkleidung der Musikanlage klackt. Ich weiß noch, wie das Nachmittagslicht durch die Fenster fällt. Auf dem Boden tanzen flimmernd Sonnenpunkte, und draußen bellt angeleint ein Hund. Was ich allerdings nicht mehr weiß, ist, warum ich sie ausgerechnet in diesem Moment fragte, was mich schon so lange beschäftigte.
"Bin ich Papas Tochter?"
Sie steht mit dem Rücken zu mir, richtet die Blumen in der Kindervase, und ich sehe noch ihre hochgesteckten Haare vor mir und ihren breiten Rücken.
"Nein", sagt meine Mutter.
Ich schlucke. Eine so klare Antwort habe ich nicht erwartet, und doch bin ich im ersten Moment beeindruckt von ihrer Offenheit. "Danke", presse ich hervor und verlasse mit vorsichtigen Schritten das Wohnzimmer. Draußen weine ich.
Ihre Antwort war keine Überraschung. Ich habe es lange vorher vermutet. Er ist winzig, ich bin groß und grobknochig. Seine Augen haben eine andere Form, sein Haar wächst anders als meins. Ich habe nichts mit ihm gemeinsam außer der Tatsache, dass er mein Vater ist. War. Dass er mich mit aufgezogen hat. Die ersten Jahre. Er ist schon lange fort. Am Anfang holte er mich alle zwei Wochen ab, später rief er bestenfalls zum Geburtstag an.
Wir wohnten nach der Scheidung in einem Reihenhaus mit Garten, wir beide. Meine Mutter führte den Haushalt ordentlich, hielt das Haus sauber. Wir lebten sparsam, doch um Geld brauchten wir uns nicht zu sorgen. Musste ich einen bestimmten Betrag in der Schule abgeben, für die Klassenfahrt oder eine Kunstarbeit, holte meine Mutter eine Blechbüchse aus dem Vorratsschrank und zählte mir die Scheine in die Hand. Ich wunderte mich nicht darüber, dass die Dose niemals leer war. Meine Mutter ging nicht arbeiten, und mein Vater zahlte uns kaum mehr, als er mit seinem winzigen Einkommen als Lehrer musste.
Meine Mama war eine gute Köchin. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, sah ich sie durch das Küchenfenster, über dampfende Töpfe gebeugt. Das Essen war fertig, sobald ich die Tür aufschloss und meinen Rucksack in die Flurecke warf. Beim Essen redeten wir über meinen Schultag und ihren Kräutergarten. Meistens gab es mein Lieblingsgericht, denn ich mochte alle ihre Rezepte.
Vierzehn Jahre lang hatte ich angenommen, ich hätte einen Vater, der eine einzige Enttäuschung für mich war. Nun, da ich wusste, dass er nicht mehr als der Mann meiner Mutter gewesen war, vertrödelte ich die Zeit, statt sie danach zu fragen. Obwohl mir viele Fragen im Kopf glühten, spürte ich kein großes Verlangen nach Antworten.
Einige Tage ging das so, und meine Mutter drängte mich nicht. Sie kochte mir jeden Mittag eines meiner vielen Lieblingsessen und verhielt sich ansonsten ganz normal.
Ich kam zu ihr, als sie gerade im Garten nach ihren Kräutern sah. Wie immer, wenn sie in der Erde grub, hatte sie sich ein rotes Tuch um die Haare gebunden und die Ärmel aufgeschlagen. "Wer ist denn mein Vater?"
Einen Augenblick hielt sie inne. Ihre Hand, die die Gartenharke hielt, zitterte. Sie musste die Harke weglegen. "Das ist ein bisschen schwierig zu erklären."
"Dann fang doch vorne an", sagte ich und fühlte mich erwachsener als jemals zuvor. Ich setzte mich neben sie ins Gras und zog an einem Halm.
Und dann erklärte meine Mutter. "Das war in der WG-Zeit." Ich kannte den Anfang der Geschichte. Meine Mutter, gerade neunzehn geworden, hatte in der Schule, auf Umwegen und auf einer Party drei ungewöhnliche junge Männer kennen gelernt. Peer, Adam und Torben. Die bewährten Freunde. Ihre Namen waren mir so geläufig, als hätte ich vor all den Jahren selbst mit ihnen gelebt. Ihr Foto hängt noch heute über ihrem Schreibtisch. Die vier wurden unzertrennlich, und als meine Mutter die Schule verließ und begann, zu studieren, zogen sie zusammen.
"Ich war die Frau in unserem Haushalt", sagte meine Mutter, und ihre Pupillen wurden zu Leinwänden guter Erinnerungen. "Sie haben mich gebraucht. Wir haben uns zusammen stark gefühlt. Wenn wir zu viert zusammen saßen, wussten wir, dass wir alles schaffen konnten. Wir waren so unerfahren damals. Peer und ich ... Nach all der Zeit. Aber es war so ein schöner Abend."
"Warst du da schon mit Papa zusammen?", frage ich gespannt und versuche gleichzeitig, mich an den gut aussehenden, dunkelhaarigen Peer auf dem Bild über dem Schreibtisch zu erinnern. Als ich klein war, haben sie sich noch oft gesehen, sie und ihre Jungs, sagt meine Mutter. Heute kommen sie nicht mehr regelmäßig. Sie sind berufstätig und haben eigene Familien.
"Ja und nein", fährt meine Mutter fort. "Ich kannte Papa schon. Aber wir haben uns erst verliebt, als du schon auf der Welt warst."
"Also weiß Papa, dass ich nicht sein Kind bin", flüstere ich atemlos. Ich wage die Frage kaum auszusprechen. "Weiß Papa, dass Peer mein Vater ist?"
"Ich glaube nicht", antwortet meine Mutter zögerlich.
"Gut, dann werde ich es ihm nicht sagen", verspreche ich meinerseits, und frage mich, ob es für ihn überhaupt von Bedeutung wäre.
Sie nimmt die Gartenharke, die sie neben den Kräutern auf den Rasen gelegt hat, und fährt schweigend fort, das Beet umzugraben. "Wenn du noch irgendwelche Fragen hast, dann ..."
Ich habe tausend Fragen. Aber ich spüre, dass ich warten soll. Und das tue ich.
An diesem Nachmittag in unserem Garten hat meine Mutter mich nicht angelogen. Aber zur Wahrheit gehört unsere ganze Geschichte. War es Rücksichtnahme, falsche Vorsicht, die sie dazu gebracht hat, nicht weiterzusprechen? Oder hatte sie Angst, mich zu verlieren?
Fast zehn Jahre später laufe ich durch einen grün gekachelten Gang. Intensivstation. Die Lichter sind grell und blenden mich. Meine Mutter, ein blasses, dünnes Häufchen Schmerz, verliert sich fast unter der dünnen Decke. "Nierenversagen", steht auf dem Klemmbrett des Arztes. "Wir brauchen eine Spenderniere", sagt er.
Ich ziehe meine Jacke aus. "Wenn ich als Spenderin in Frage komme ..."
"Nun, wir müssten Sie testen."
Meine Mutter, bei aller Kraftlosigkeit, hebt die Hand und legt sie auf meinen Arm. "Lass, Merle."
"Nein, das macht mir nichts."
"Lass, bitte."
"Ich will dir helfen, Mama!" Ich weine.
Der Arzt wird ungeduldig. Sentimentale Szenen mag er nicht. "Kommen Sie bitte mit, wenn Sie sich testen lassen wollen. Wir haben keine Zeit mehr."
Ich folge ihm aus dem Raum. Habe ein ungutes Gefühl. "Merle", ruft meine Mutter, und ihre Stimme ist schwach wie die eines kleinen Vögelchens. "Du kannst mir nicht helfen."
Etwas fällt mit einem flachen Aufprall im Nebenzimmer auf den Boden. Ich sehe den Arzt an, der mit den Schultern zuckt. Lasse ihn stehen und gehe zurück zu meiner Mutter. "Der Umschlag ist runtergefallen", keucht sie. Ich gehe ums Bett herum und hebe ihn auf, den Umschlag mit ihrem Schmuck, ihrer Brieftasche und ihren Dokumenten. Ich lege ihn neben ihren schmalen Körper aufs Bett. Sie will darin kramen, doch es fehlt ihr die Kraft.
"Nimm meine Brieftasche heraus", bittet sie mich. "Im Geldscheinfach ist ein Schlüssel." Ich öffne die schwarze Lederbörse, suche den Schlüssel. "Er ist ins Futter eingenäht", flüstert meine Mutter, und für einen Moment glaube ich, Schalk in ihrer Stimme zu hören, Freude über das gelungene Versteck. "Trenn ihn heraus und nimm ihn mit. Es ist der Schlüssel zu meiner Schreibtischschublade."
Ich bleibe, bis ich weggeschickt werde. Kein Wort mehr von meiner Spenderniere. Durch einen dünnen Schlauch fließen starke Medikamente in ihren Körper, doch sie scheint ruhiger zu werden. Ich fahre nach Hause.
Lange sitze ich an ihrem Schreibtisch und trinke Wein, ein Glas nach dem anderen. Betrachte das Foto von Peer, meinem Vater. Sehe ihn zum ersten Mal bewusst. Ich habe ihn damals nicht angerufen, nachdem ich erfahren habe, dass er der Mann ist, der mich gezeugt hat. Der winzige Schlüssel wiegt schwer in meiner Hosentasche, ich lege ihn auf die Schreibtischplatte.
Dann schließe ich die Schublade auf und ziehe sie mit einem knarzenden Geräusch aus ihrer Fassung. Auf dem dunklen Mahagoni-Boden liegt eine schwarze Ledermappe. Ich nehme sie heraus. Mein Herz klopft. Das Leder fühlt sich weich an. Ich lege sie auf die Tischplatte und öffne sie.
"Vertrag" steht zuoberst. Dann Text. Darunter die markante Männerunterschrift von Peer und der zierliche Schriftzug meiner Mutter Lena, der bis heute ähnlich ist. Außerdem hat noch eine dritte Person unterschrieben. Ich versuche, das gekünstelte Geschnörkel zu entwirren. Nicole, vermute ich. Mehr kann ich nicht lesen.
Dann sitze ich da. Lese das wenige, betrachte eine winzige Sammlung von Bildern, die mein Leben begründen sollen. Die ganze Nacht. Ich erfahre die Wahrheit aus einer schwarzen Ledermappe, schön weich immerhin, aber nicht aus dem Mund meiner Mutter. Und ich begreife, was passiert sein muss. Vielleicht bin ich auch eingeschlafen und träume. Aber es gibt keinen Zweifel. So oder so ähnlich muss es gewesen sein.
Meine Mutter, gerade einundzwanzig geworden, ein zierliches, hübsches Persönchen, steht in der Küche der WG, lehnt vielleicht am Kühlschrank. Peer sitzt auf dem Küchenschemel und sieht sie an.
"Ich lasse das nicht zu", könnte meine Mutter gesagt haben. Und hat zurückgestarrt.
"Aber Nicole will das Kind nicht."
"Es ist dein Kind."
"Nicht nur."
"Es ist dein Kind. Unser Kind. Es geht uns alle an."
"Was willst du denn tun?", hat Peer vermutlich gefragt. "Einen Vertrag aufsetzen?"
Ich kann mir das Funkeln in den Augen meiner Mutter vorstellen. "Wir bekommen das Kind", flüstert sie. "Sie soll es nur austragen. Ich nehme es."
"Aber dein Studium?" Peer muss verwirrt ausgesehen haben, als er das erwidert, und ich lächle, vierundzwanzig Jahre nach diesem Gespräch in der Küche der WG lächle ich über seine wahrscheinliche Reaktion.
"Ich nehme es", hat meine Mutter wiederholt. "Es ist dein Kind. Wir lassen nicht zu, dass sie es dir wegnimmt."
Peer muss dankbar gewesen sein, ich kann es mir nicht anders vorstellen. Vielleicht ist er am selben Abend noch zu Nicole gefahren und hat ihr den Vorschlag gemacht. Auf jeden Fall muss sie damit einverstanden gewesen sein, mich auszutragen und abzugeben. Nicole, meine leibliche Mutter.
Aus den Dokumenten geht hervor, dass Peer seine damalige Freundin finanziell entschädigt hat. Und dass er uns monatlich eine schöne Summe Geld zahlt, immer noch, so viel, dass wir es niemals verleben können. Das, was übrig bleibt, zahlt Lena auf ein Sparbuch ein. Es liegt in der Mappe, genauso wie die Adoptionspapiere und wenige Fotos, die mich als Baby zeigen, in der WG-Küche oder auf einer Decke, mit Peer und Lena, und auch mit Torben und Adam. Von Nicole gibt es kein Bild in der schwarzen Ledermappe.
Lena liebt mich, begreife ich. Mehr als jemals zuvor. Sie hat mich angenommen, als niemand sonst mich wollte. Sie hat ihr Studium abgebrochen, um mich aufzuziehen, und sie sorgt für mich, lange, nachdem Peer mich hätte zu sich nehmen können. Ich bin ihre Tochter.
Am nächsten Morgen stecke ich die Mappe in meine Tasche und fahre ich ins Krankenhaus. Lenas Zustand hat sich über Nacht verschlechtert, sie ist nicht ansprechbar. Zwei Tage später stirbt sie, ohne dass ich noch einmal mit ihr reden kann. Auch wenn ich ihr gerne Auf Wiedersehen gesagt hätte, bin ich doch versöhnt mit ihr, deswegen ist es ein guter Abschied.
Ich finde Peers Telefonnummer in ihrem Adressbuch und seine Bankverbindung auf unseren Kontoauszügen. Als ich den Hörer abnehme und die Ziffern in unser altes Telefon tippe, möchte ich ihm nur sagen: "Peer, hier ist Merle. Lena ist heute Morgen gestorben." Doch als er abnimmt und ich seine Stimme höre, bin ich überwältigt von Liebe und Dankbarkeit. Und muss weinen.



Eingereicht am 24. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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