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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein siegreicher Tag

© Lex Lange


Der Kaffee rinnt heiß und mit leicht bitterem Geschmack, trotz zwei Stück Süßstoff den langen Weg zu meinem Magen hinunter. Ich mag Kaffee sehr. Er bringt mich zum Zittern und orientierungslosen Umherschweifen durch die gemeinsame Wohnung. Die alltägliche selbst gedrehte Zigarette gehört in diese Verbindung wie ein Opfer zum Mörder. Filterzigaretten habe ich nur solange geraucht, bis ich einst eine Gedrehte angeboten bekam was nun auch schon einige Jahre her ist. Eine Fliege bewegt sich in ihrer brechenden Unscheinbarkeit über den Tisch. Diese kleinen Mistviecher scheinen immer da zu sein wo auch immer ich mich bewege. Sie sind wie Hyänen, die lachend, spottend, voller Hohn nur darauf lauern einen Bissen von mir oder den Genussstücken meines Tages abzubekommen.
Ein kratzendes Gefühl der widerlichen Entrüstung überkommt mich. Die erste negative Erfahrung an diesem nicht besonders verheißungsvollen Tag. Die erste schlecht zu lesende Seite in einem guten Buch. Zigarette und Kaffee neigen sich ihrem Ende und meine Fülle an Gefühlen, die noch der Klärung bedürfen, lassen mich lasziv auf die geschlossene Jalousie starren. Mir wird noch ein Kaffee gebracht und eine sanfte Welle der Euphorie gleitet von meinem Kopf bis zum Bauchnabel.
Im erträglich lauten Ton erklingt die Musik Mozarts kaum einen Meter von meinem rechten Ohr und obwohl ich kein großer Fan klassischer Musik bin lasse ich mich doch davon hinreißen. Meine Arme schwingen sich zu einem Gesamtkunstwerk von Kaffee, Zigarette Mozart und mir. Die Musik eines Toten vermag mich bei Laune zu halten. Irgendwie obszön pervers finde ich und erfreue mich daran. Nun bewege ich mich vom Tisch zum Fenster um zu erfahren, welches Wetter mir heute die Stimmungsrichtung vorgeben wird.
Wie nicht anders zu erwarten begleitet mich auf dem Weg dorthin eine Fliege.
Männlich oder weiblich, frage ich mich und gebe der Fliege einen Namen. Gott nenne ich sie, da ich mir denke, dass sie ihn verdient hat. Ja Gott, das ist gut sage ich mir und ziehe ein paar Parallelen. Eine Fliege vermag sich über die Köpfe Anderer zu erheben, sie vermag mit ihren tausend Augen mehr zu sehen als irgendwer sonst auf und über dieser Welt. Sie ist ein immer gegenwärtiger Zeigefinger, der sich krümmend über die Häupter der Menschen bewegt. Ja, Gott passt zu diesem Geschöpf.
Am Fenster angelangt weiß ich nicht mehr, was ich zu erwarten vermochte, aber mir wird sehr schnell klar, dass diese Erwartung von Wind, Wolken und ein paar Regentropfen zerschlagen wurde. Die Musik scheint nicht mehr so mitreißend und ich höre auf ihr zuzuhören.
Meine Gefühle sind nicht gut und ich sehne mich, klammernd an einen kleinen Aufschwung, nach meiner Kaffeetasse.
Hier am Fenster erwartet mich nichts und so lege ich den Weg zu meinem Tisch zurück, auf welchem mich die schwarze Suppe schon erwartet.
Die Musik scheint nun wieder erhellend und ich beginne mich zu freuen. Die Kaffeetasse ist noch genug gefüllt um nicht in Tränen auszubrechen und so nehme ich einen guten Schluck, der nicht mehr bitterlich schmeckenden Soße während mich Gott anblickt bevor sie wieder die Flucht ergreift. Fragend denke ich darüber nach, was dem Süßstoff in meinem Kaffee denn eigentlich diese Süße verleiht. War es Saccharin oder Cyclamat? Keine Ahnung. Ich lasse mir den Süßstoffspender bringen um meinen mir selbst als unwichtig zuerkannten Wissensdurst zu stillen und lese, dass eine Süßstofftablette der Süßkraft von einem Teelöffel Zucker das sind ca. 4,4 g entspricht.
Der Eckzahn der Wut beißt mich, als ich feststelle keine Information darüber zu finden welcher dieser beiden Stoffe nun eigentlich ausschlaggebend für die enorme Süße ist.
Verspottend werde ich von Gott ausgelacht, wissend, dass sie sich niemals über derartiges aufregen würde. Mit ungerechtem Ton verlange ich nach der Fliegenklatsche, welche mir ungerechterweise ohne Kritik an meinem Ton gebracht wird.
Ohne zu zögern fern sensibler Koordination schlage ich auf Gott ein.
Doch zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass sich Gott ihrer Flügel bemächtigt hat und somit vor ihrem Fegefeuer geflohen ist. Krieg sage ich mir, Krieg soll nun mein Tun bestimmen und mich über die Stellung des höchsten erheben. Krieg soll der Entscheidungsträger über Leben und Tod von Mensch und Geschöpf sein. Krieg wird solange herrschen bis sich der Mensch über den Menschen stellt.
Nicht lange muss ich warten, dass mein Gegner wieder auf dem Schlachtfeld zwischen Kaffeetasse und Aschenbecher Stellung bezieht. Mit tausend Augen hinter tausend Netzen blickt mich mein Gegner, mein Feind, mein Schöpfer an.
Mit mehr Geduld erhebe ich nun die Fliegenklatsche und führe sie langsam hinter den Leib Gottes wo keine Augen sind, hinter jenen Rücken, wo Sünden Flügel bekommen. Die Musik dessen, der keine Musik mehr komponieren kann, gibt sich in einem Geigenrausch zum Besten während sich Gott von meinem Mordinstrument mit unmenschlicher Stärke erschlagen lässt.
Gott ist tot.
Gott ist tot.
Mit siegreichem Grinsen lege ich die Fliegenklatsche auf den Tisch neben den Süßstoffspender und ergreife die Räder meines Rollstuhls um erfüllt vom Schlachtfeld zu ziehen.



Eingereicht am 15. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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