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Post

© Christian Kirschner


Für Maria
Es ist schon dunkel über der Stadt. Der klare Nachthimmel ist gespickt von unzähligen, unendlich vielen kleinen und großen Sternen. Manche scheinen sogar ein wenig zu flackern, wenn man sie nur lange genug beobachtet. Die Dächer sind bedeckt mit frisch gefallenem Schnee, der sich glatt und weich, wie eine weiße Decke, den Konturen der Dächer anschmiegt, aus denen hier und da ein rauchender Schornstein ragt. Die Lichter in den Häusern und Wohnblocks sind schon längst erloschen.
Bis auf eines. Im gelben Wohnhaus. Es ist nach ein Uhr nachts.
Sie kann nicht schlafen. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein geöffneter Briefumschlag, daneben ein Brief. Die Leselampe ist die einzige Lichtquelle und wirft bedrohlich wirkende Schatten an die kahle, weiße Wand über ihrem Bett. Fassungslos blickt sie auf das unscheinbare, weiße Blatt Papier worauf irgendetwas in wenigen Zeilen gekrakelt steht.
Sie war völlig aus dem Häuschen als ihr ihr Vater heute Abend die vermeintlich freudige Post überreichte. Sie rannte in ihr Zimmer und öffnete vorsichtig, mit zitternden Händen die lang ersehnte Post. Der Umschlag war ein anderer als er sonst zu schicken pflegte, aber es war ihr egal. Ihr Vater öffnete noch eben schnell ihre Zimmertür und verabschiedete sich bevor er in die Klinik fuhr und bevor sie einen Blick auf den gefalteten Zettel werfen konnte. Sie wartete noch einen Moment bis sie die Haustür ins Schloss fallen hörte. Überglücklich entfaltete sie den Brief, wirkte dann aber verdutzt.
Das ist doch nicht seine Handschrift, oder? Nein … Ihr Herzklopfen wurde heftiger, ihr Brustkorb schien mit jeder Zeile, die sie las, zu zerreißen. Ihr Gesichtsausdruck verzog sich zum blanken Entsetzen. Ihre Augen waren geweitet und starrten nur noch auf den weißen, unbefleckten Briefbogen in ihrer Hand. Sie versuchte die Banalität dieser Situation, dieser handschriftlichen Nachricht in ihren Händen, zu begreifen. Ihr stockte der Atem, als sie das Papier wieder auf den Tisch legte. Ihre Knie zitterten. Ihre Lippen bebten. Sie sackte mit einem leisen Schluchzen zusammen, sank auf den Boden und weinte. Weinte leise. Es glich eher einem Winseln. Immer wieder versuchte sie sich aufzurichten, wieder auf ihre wackligen Beine zu kommen, doch mit jedem Mal wurde es schwieriger. Schließlich lag sie ganz am Boden, konnte nicht aufhören zu weinen. Ihre Tränen rannten ihr über das verzogene rote Gesicht.
Die roten Digitalziffern ihres Weckers zeigten 20.53 Uhr. Mit der Zeit linderte sich ihr Kummer.
Jetzt ist es nach ein Uhr nachts. Sie sitzt auf dem Stuhl, vor ihr auf dem Tisch liegt dieses verhängnisvolle Papier. Ihre Tränen sind getrocknet und haben salzige Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen. Sie nimmt nichts mehr wahr außer dieser unbeschreibbaren Leere in ihrem Innern.
Wieso musste das passieren? Es war doch so schön.
In Gedanken erlebt sie all die schönen Stunden, die sie miteinander verbracht hatten, noch einmal. Szenen, Emotionen schießen ihr durch den Kopf. Ihr erster Kuss vor einem Jahr. Sie kann förmlich seine warmen Lippen auf ihren spüren, das Gefühl wie auf Wolken zu schweben, ihre innere Hitze, die Aufregung, wie sie errötet. Sie fühlt noch einmal seinen Körper, seine Umarmungen, wie er sie fest an sich drückt auf der Wiese, im Regen und sie denkt ihr Herz zerspringt. Dann, vor einem Monat, die Trennung. Er musste in eine andere Stadt, einhundertundfünfzig Kilometer entfernt, wegen des Berufes seiner allein erziehenden Mutter. Er schwor ihr immer zu schreiben. Jeden Tag.
"Liebe Bianca, es fällt mir schwer dir dies mitzuteilen", stand in dem Brief. "Vor zwei Tagen war Stefan mit Freunden in der Nacht auf einer Landstraße. Er hatte einen schweren Autounfall. Ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll. Er ist in derselben Nacht auf dem Weg ins Krankenhaus verblutet. Es tut mir Leid, dir das sagen zu müssen. Du musst verstehen, dass ich nicht in der Lage bin weiter zu schreiben. Seine Beisetzung ist in einer Woche in Augsburg. Melde dich bitte sobald wie möglich. Brigitte Hoffmann." Sie betrachtet ihr Gesicht im kleinen Spiegel über dem Waschbecken. Ihre hellbraunen Augen sind ausdruckslos und leer. Niemand ist Zuhause. Sie ist allein. Ganz allein. Wie in Trance wandelt sie durch den Hausflur in das Wohnzimmer zu dem Schränkchen neben der großen Glasvitrine und öffnet es. Auf dem obersten Brett, ganz hinten, steht eine unscheinbare, hellbraune Plastikdose mit weißem Deckel. Sie geht in die Küche, nimmt sich ein Glas und eine Flasche Mineralwasser und wandert zurück in ihr Zimmer. Sie setzt sich an den Schreibtisch, schüttet sich Wasser in das Glas, öffnet die braune Packung, hat Tränen in den Augen. Aber nicht mehr wegen des Briefs. Sie nimmt eine kleine, runde, weiße Pille, einen Schluck Wasser, noch eine Pille, noch einen Schluck Wasser. Wieder und wieder. Bis sie genug hat. Dann schließt sie die Packung, lehnt sich zurück, betrachtet den Brief, die Schrift, ohne zu lesen. Sie hatte ihn nur einmal gelesen, kannte ihn aber längst in- und auswendig. Ihre Pupillen weiten sich. Irgendwie fühlt sie sich entspannt, ruhig. Ihr Herzschlag wird langsamer. Ihre Atmung flacher. Sie sieht sein Gesicht, lächelnd. Dann schläft sie ein.
Gegen sieben öffnet sich die Haustür. Ihr Vater betritt die Wohnung. In seiner linken Hand ein weißes Kuvert. Er betritt ihr Zimmer, will ihr den Brief auf den Schreibtisch legen.
Sie liegt mit dem Kopf auf dem harten, schwarzen Holz, ihre Augen geschlossen, Gesicht zur Tür. Die eine Hand hängt schlaff herunter. Die andere liegt auf dem Tisch zur schwachen Faust geballt. Im Innern das zerknüllte, weiße Schreiben.
Der Vater steht fassungslos in der Tür, sein Augenmerk auf die hellbraune Dose neben dem leblosen Körper richtend. Er lässt den unscheinbaren Brief zu Boden fallen, rennt zu seiner schlafenden Tochter, schreit sie an, weint. Doch sie wacht nicht auf. Nie mehr.
Auf dem braunen Holz des Parkettbodens der weiße Umschlag.
"Liebste Bianca, bitte nimm meinem großen Bruder diesen makaberen Scherz nicht zu übel - er hat seine gerechte Strafe erhalten. Ich liebe dich und hoffe du hast dich nicht allzu sehr erschrecken lassen …"



Eingereicht am 14. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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