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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Neues Leben

© Jürgen Acker


5.45 Uhr. Der Wecker klingelt wie jeden Morgen um diese Zeit. Maria macht die Augen auf. Es wird ein Tag wie jeder andere der 365 werden. Seit über zwei Jahren, nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, ist jeder Tag wie der andere. Marias Leben dreht sich nur noch im Kreis. Die Träume, die sie früher geträumt hat, sind schon längst in Vergessenheit geraten und über neue Lebenspläne denkt sie gar nicht mehr nach. Gut, das Sorgerecht für die zwei Jungs hat sie bekommen, wäre ja auch schlimm wenn nicht, und im Haus darf sie auch weiter wohnen. Aber mit dem Sorgerecht hat sie auch die Sorgen, die man mit einem 16- und einem 13-Jährigen hat, und mit dem Haus die Arbeit, die dazu gehört. Maria steht auf und macht sich Kaffee. Sie schaut aus dem Fenster, es regnet. Für Maria ist es egal ob es draußen regnet oder ob die Sonne scheint, ob es Werktag oder Sonntag ist, Frühling oder Herbst, jeder Tag ist gleich. Sie macht Frühstück für die Jungs, dann weckt sie sie. Wie jeden Morgen wollen sie nicht aufstehen, weil sie gestern Abend wieder mal zu spät ins Bett sind. Als die Jungs gefrühstückt haben und aus dem Haus gehen, geht Maria wie jeden Morgen ins Bad um sich fürs Büro fertig zu machen. Da die Unterhaltszahlungen ihres Mannes für das Haus und den Rest nicht reichen, geht Maria noch die ganze Woche in einem Versicherungsbüro im Nachbarort arbeiten.
Als sie dann das Haus verlässt und in ihr Auto steigt, denkt sie ans Büro, wo sie gleich sein wird. An ihre zwei Kolleginnen, die über alles und jeden lästern, sicherlich auch über sie, wenn sie nicht da ist. An ihren Chef, der nur noch per E-Mail kommuniziert, und nur ins Büro kommt um seinen Frust los zu werden. Maria fährt los, es sind ca. 10 Kilometer bis zum Büro. Sie fährt an den letzten Häusern vorbei, dann in den Wald, die lang gezogene Rechtskurve. Sie denkt daran, was nach der Arbeit noch erlediget werden muss, doch sie hat ihre Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, als plötzlich ein Reh direkt vor ihr auf der Straße steht. Sie schaut dem Reh direkt in die Augen, die Zeit verschwindet und Sekunden werden zu Minuten. Sie sieht diese großen braunen Augen, die einen Blick von Mitgefühl und Mitleid ausstrahlen. Ihr Puls rast hoch, Lenken, Bremsen. Dann nur noch das Geräusch von zerknirschendem Blech und zersplitterndem Glas.
Dann ... Ruhe, dunkle Ruhe. Sie sieht nur noch diese Augen mit dem Blick von Mitgefühl. Sie spürt nichts, keinen Schmerz, keinen Kummer, keine Angst. Sie fühlt sich ganz leicht, wie ein Wanderer, der nach einem langen Weg seinen schweren Rucksack neben sich gesellt hat, und die Zeit fließt dahin wie ein weißes Band im Wind, bis hinein in den dunklen Horizont. Sie sieht die Träume, die sie früher hatte an sich vorbei ziehen.
Maria denkt an ihre Jungs und fühlt sie manchmal ganz nah bei sich. Sie hört leise Stimmen "Mama wach auf." Doch sie will die Augen nicht aufmachen, es ist so schön, schwerelos.
Dann sieht sie wieder das Reh, es schaut sie an mit diesen beruhigenden Augen. Im Dunkeln hört sie eine Stimme "komm" und sie folgt dem Reh, dem dunklen Horizont entgegen. Doch mit jedem Schritt, den sie macht, wird der Horizont heller, bis er so hell wird, dass sie die Augen öffnet.
Sie merkt, dass ihr Puls plötzlich schneller wird und sie weiß nicht wo sie ist. Im Hintergrund nur dieses monotone Piepsen. Maria will sich aufsetzen, doch eine Hand hält sie zurück "Sie müssen liegen bleiben", sagt eine Stimme. "Was ist passiert?", fragt Maria. "Sie hatten einen Unfall. Das ist aber lange her, Sie haben sechs Monate im Komma gelegen", antwortet die Krankenschwester, die Maria jetzt auch erkennen kann. Die Krankenschwester nimmt Marias Hand und sagt "Sie müssen sich noch ausruhen, bleiben Sie liegen, ich hole ihre Familie" Kurze Zeit später geht die Türe auf und Maria schaut in die zwei Gesichter, die sie so vermisst hat. Sie nimmt ihre zwei Jungs in den Arm und weiß was sie am meisten auf dieser Welt liebt.
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Nach einer Woche darf Maria das Krankenhaus verlassen. Als sie nach draußen kommt, hört sie die Vögel singen, als würden sie ein Konzert nur für sie geben, und die Bäume blühen in wunderbaren Farben, es ist wieder Frühling geworden. Zuhause stehen ihre Jungs mit einem großen Blumenstrauß an der Treppe und über der Tür haben sie ein großes Banner aufgehängt "Willkommen zuhause Mama". Sie geht durch die Tür ins Haus und sie riecht diesen Geruch, den sie schon sehr lange nicht mehr gerochen hat, diesen Geruch zuhause zu sein.
Die nächsten Tage bleibt Maria bei ihren Jungens. Macht morgens Frühstück, bringt die Jungs in die Schule und macht mittags mit ihnen Hausaufgaben, danach gehen sie zusammen Eis essen, fahren Fahrrad oder schwimmen.
Nach fünf Tagen beschließt Maria, wieder ins Büro zu gehen. Um 5.45 Uhr klingelte der Wecker, Maria steht auf und macht Kaffee, danach das Frühstück für die Jungs, dann weckt sie sie. Als die Jungs nach dem Frühstück aus dem Haus sind, geht Maria ins Bad und macht sich fertig fürs Büro. Sie geht zum Haus hinaus und steigt ins Auto. Sie hat den Brief dabei, den sie gestern Abend geschrieben hat, ihre Kündigung. Die Sonne scheint und Maria hat dieses Leuchten in den Augen, wie zu der Zeit, als sie noch Mut hatte, Träume zu Leben. Nachdem sie im Büro alles erledigt hatte, fährt sie wieder nach Hause. Auf dem kleinen Parkplatz im Wald kurz hinter der lang gezogenen rechts Kurve hält sie an und steigt aus. Sie geht in den Wald, schaute zu den Bäumen hinauf die schon langsam ihre Blätter bekommen, und sie riecht den Duft des Frühlings. Ein Stück weiter kommt sie an eine kleine Lichtung, das Gras leuchtet hellgrün und aus einem Felsvorsprung fließt ein kleiner Bach. Sie ist schon so oft hier vorbei gefahren und hat nie gesehen wie schön es hier ist "Wahrscheinlich bin ich die letzten Jahre am ganzen Leben vorbei gefahren und hab die schönen Sachen nie gesehen", denkt Maria bei sich und schließt die Augen. Sie hört den Wind, der die Blätter der Bäume streichelt, die Vögel und den kleinen Bach mit seinem plätschernden Wasser.
Es hat den Klang einer Sinfonie. "Der Sinfonie des Lebens". Maria läst noch eine Weile die Augen zu und lauscht der Sinfonie, dann sagt sie " Danke".
Sie weiß nicht zu wem sie es sagt, aber das ist egal. "Danke für das neue Leben". Da hört sie ein Geräusch hinter sich, sie dreht sich um und hinter ihr steht ein Reh. Maria schaut in diese großen braunen Augen und es hat den Anschein als würden die Augen lächeln und Maria lächelt zurück.



Eingereicht am 13. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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