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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Hühnergott

© Regina Kaute


Es gibt viele schöne Steine mit diesem besagten Loch.
Man sagt, dass diese Löcher durch Auswaschen einer dünnen Gesteinsschicht entstanden sind. "Hühnergott" heißt "Loch im Stein".
Leider ist die Herkunft des Wortes bis heute nicht geklärt. Den Lochsteinen werden in einigen Regionen Deutschlands geheimnisvolle Kräfte zugeschrieben, sind sie doch außergewöhnliche Naturerscheinungen.
Als eine Sturmflut wütete, das Land überschwemmte mit der Kraft der Wellen, wurden neben anderem Geröll auch seltsame Steine an das Ufer gespült.
Gunter war ein munterer Junge im Alter von 12 Jahren und ging regelmäßig zum Strand. Es war für ihn faszinierend, in die Wellen zu schauen, den Sonnenuntergang zu beobachten und angeschwemmte Schätze zu suchen. So auch an diesem Morgen.
Ein wunderschöner weißer Stein leuchtete in der Morgensonne. In seiner Mitte war ein kleines Loch, nicht sehr groß, nicht regelmäßig rund geformt.
"Oh, welch ein Schatz", dachte Gunter, hob ihn auf und schloss seine Hand um den kühlen nassen Fund. Dann trocknete er ihn an seine Hose ab, hob ihn hoch und blinzelte durch das kleine Loch gen Himmel.
Was war das? Welch eine Farbenpracht tat sich ihm da auf. Ganz anders als ein Regenbogen, noch leuchtender, noch strahlender. Es war wunderbar. Dann war es ihm, als wenn er ein Tier sah, in roten, rotbraunen Farben, auch ein bisschen blau schien zu leuchten. Er blinzelte, nahm seine Hand herunter und etwas verwundert, aber auch beglückt von diesem Moment steckte er den Stein in seine Hosentasche.
Stolz zeigte er ihn am Abend seiner Großmutter und erzählte ihr, wie toll das Gefühl war, als er in das Licht durch das kleine Loch schaute.
"Es ist wahrlich ein schönes Stück, das du gefunden hast", freute sich die Großmutter. "Es ist ein Glücksstein, der dir Freude und Liebe schenkt und dich vor Unheil bewahrt. Man nennt ihn "Hühnergott"."
"Ach, deswegen war es mir, als wenn ich ein Tier sah. Hühnergott, Glücksstein …"
"Ja, das ist ein guter Name für einen Glücksbringer."
So begab sich Gunter in sein Zimmer, zog ein dünnes Lederband durch seinen Hühnergott, band ihn um den Hals und freute sich über diese, seine besondere Kette.
Es war Wochenende. Die Sonne schien und der Tag versprach wunderbar zu werden.
"Wir machen heute eine Bootstour", sprach Gunters Vater beim Frühstück und sah in die strahlenden Augen seines Sohnes.
Schnell wurden die Sachen zusammengepackt und eine Stunde später saßen Vater und Sohn in einem kleinen seetüchtigen Boot. Der lütte Bordmotor tuckerte und ließ die Landzunge zusehend kleiner werden.
Später wurden die Angeln ausgepackt und in stillem Einvernehmen genossen sie diesen herrlichen Vormittag.
"Ach, wäre es schön", dachte Gunter, "wenn ich doch auch einmal einen Fisch fangen würde?" Ein leises Stöhnen, ein Blinzeln zum Wasser … oh … kleine Wellen umspielten die Angel, ein Zupfen, Ziehen und ab ging die Leine.
Gunter sprang auf, kämpfte mit der Angel … mit dem Fisch, der angebissen hatte und hörte kaum, wie sein Vater ihm Hilfe anbot. Das Boot wurde wahrlich von dem Fisch in Bewegung gesetzt. Der Kampf Mensch gegen Tier trat in die Entscheidungsphase. Schweißperlen waren auf Gunters Stirn, die Kräfte schienen nachzulassen, aber er hielt standhaft seine Angel, gab mal ein bisschen mehr Leine, dann wieder aufkurbeln. Nein, er würde es nicht alleine schaffen, ohne Hilfe …? In diesem Moment des Kräfte zehrenden Kampfes dachte er an seinen Glückbringer. Der Fisch schien zu ermüden, Gunter atmete auf und konnte die Leine langsam einholen. Sein Dad stand mit dem Käscher bereit und gemeinsam hieften sie ein Prachtexemplar an Board.
Was für ein Fang? Gunter blickte stolz auf den vor ihm liegenden zappelnden Fisch.
Als der Vater das Messer nahm und ihn töten wollte, hielt Gunter seine Hand fest, sah ihm in die Augen und sprach: "Bitte, lass ihn. Auch er hat nur ein Leben und für mich war es genug, ihn zu fangen. Essen mag ich ihn nicht."
"Schade, es ist dein Fisch, also geben wir ihm die Freiheit zurück."
So setzten sie ihn ins Wasser und sahen zu, wie er sich langsam erholte, nach einigen Sekunden in Bewegung setzte und in den Tiefen des Meeres verschwand.
In der ganzen Aufregung hatten beide gar nicht bemerkt, wie das Wetter umschlug. Die Sonne verschwand immer öfter in den Wolken, ein leichter Wind kam auf und der Vater blickte sorgenvoll zum Himmel. So wurde der Motor gestartet und das Boot setzte sich zur Rückfahrt in Bewegung.
Die Windböen wurden immer stärker, das Meer begann zu schäumen und der kleine Bordmotor kämpfte gegen die Natur. "Oh, jetzt komme ich mir wie ein Fisch vor", seufzte Gunter und sah in das aufgeregte Gesicht seines Gegenübers.
Donnergrollen ertönte, gefolgt von leichtem Nieselregen. Gunter hielt sich im schaukelnden Boot fest, das wie ein Spielzeug auf den Wellen des Meeres dahin glitt. Jetzt wurde ihm auch noch schlecht, er wollte brechen, würgte, die Augen tränten und dann … übergab er sich.
Automatisch fasste seine Hand an seinen Hühnergott und es war wie ein stilles Beten.
Nein, so hatte er sich die Bootsfahrt nicht vorgestellt.
Da war das Ufer. Gar nicht mehr weit. Sie würden es schaffen und etwas Farbe kehrte in das Gesicht zurück. Seine Hände hielten seine Kette, wie an einem Rettungsanker klammernd, immer noch fest. Seine Augen sahen auf das Wasser.
War es nicht "sein" Fisch in der Gicht, dessen Schuppen silbern leuchteten und wie ein Zeichen gebend aufflammten - wie sein Hühnergott in der Morgensonne?
Später, als sie zu Hause waren, froh der Gefahr entronnen zu sein, lag Gunter auf seinem Bett, nahm den Stein und betrachtete ihn noch einmal von allen Seiten, bevor er ihn dankbar umschloss.



Eingereicht am 12. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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