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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Das Sprachgenie

© Kendra M. Parker


Es roch nach Gebratenem. Wie immer, obwohl weder eine Pfanne auf dem blitzblank geputzten Herd stand, noch ein Braten im Ofen schmorte.
Meine Vermutung war, dass Marge Bratensaft als Raumduftspray verwendete.
Denn Kochen tat Marge nie. Sie hatte vor zehn Jahren eine recht einseitige Diät angefangen, die aus Vollkornbrot und Wurst bestand. Morgens eine Scheibe mit Schinkenwurst, mittags eine Scheibe mit Leberwurst, abends zwei Scheiben mit Salami.
Zwischendurch gab es Obst. Aber auch das Obstessen lief nach bestimmten Regeln ab. Es hatte gedauert, bis ich diese durchschaut hatte. Am Anfang der Woche aß sie ausschließlich rotes Obst. Aber nur, wenn die Sonne schien.
Wenn es regnete gab es grünes.
In der Mitte der Woche, das beinhaltete Mittwoch und nur einschließlich den Donnerstag, wenn es einen Regenbogen innerhalb der Woche geben hatte, aß sie Pflaumen. Sonst gab es am Donnerstag Waldbeeren.
Am Freitag gab es Obst nach Wahl, Farben unbeachtet. Am Wochenende nur Obst, das auf Bäumen wuchs.
Wenn es schneite hingegen, aß sie nur frühmorgens eine Apfelsine.
Marge soll schon immer etwas eigenartig gewesen sein, zumindest behauptete das meine Mutter, die mit ihr aufgewachsen war.
Als Kind soll sie immer nur barfuß herumgelaufen sein. Beim Versuch ihr Schuhe anzuziehen, hätte sie angeblich ihre Eltern gebissen.
Ich bezweifelte diese Geschichte nicht, auch nicht das sie zwei Jahre lang nur in einer Geheimsprache geredet hat, so dass sie schließlich zwei Klassenstufen wiederholen musste.
Marge hingegen bestritt das, als ich sie danach fragte. Auf ihre Art, denn seit zwei Jahren schwieg sie. Sie haute mit der Faust auf den Tisch, wenn sie einer Sache nicht zustimmte, und sie verzog die Mundwinkel unmerklich nach oben, wenn sie einverstanden war.
Wenn ich sie besuchte, gewöhnlich jeden Samstag und Donnerstag, war ihre rechte Hand abends meistens ganz geschwollen. Ich habe mir wirklich schon überlegt meinen Besuch auf einen Tag in der Woche zu reduzieren, damit die blauen Flecken ganz verschwinden können, bevor sie wieder neue dazu gewinnt.
Mein Mann hat gesagt, ich solle einfach nur dafür sorgen, dass ich sie nicht verstimme und ihr kein Grund geben soll, auf den Tisch zu hauen.
Das habe ich wirklich versucht. Aber wie kann ich ahnen, dass sie schon ein Guten- Morgen-Gruß aufregt? Wie ein Betonbrocken knallt die Hand auf den Tisch, so dass ihr Strickzeug herunterfällt und vor ihren Füßen auf den Fliesen landet. Dann zeigt sie mit der anderen Hand zum Fenster. Es regnete draußen. Natürlich war es kein schöner Morgen, das hätte ich wissen müssen.
Wie gedankenlos von mir!
Ich bückte mich, um das Strickzeug aufzuheben, aber der ohrenbetäubende Knall, der noch minutenlang als Echo in meinen Ohren widerhallte, ließ mich hochschrecken.
Sie ist zwar alt, aber nicht zu alt, um ihren Kram selbst aufzuheben, sagte ihr Blick.
Ich nickte und setzte mich zu ihr an den Tisch. "Schöner Pullover, den du da machst, so einen ähnlichen ..."
Womm! Wieder sauste die Hand auf den Tisch und ich wich ein Stück zurück.
Fragend blickte ich sie an. Sie schob ihre Hose ein Stück hoch und zeigte mit ihren langen Fingern auf ihre Socken.
Ich weiß nicht, ob sie nun senil wurde, oder aber ob sie die Patenschaft für einen Elefanten im Zoo übernommen hatte, aber kein Mensch konnte dermaßen riesige Socken tragen.
"Für wen sind sie denn?", fragte ich unsicher.
Sie zuckte mit den Schultern. Dann zeigte sie wieder zum Fenster.
Ich begriff nicht.
Sie zuckte erneut mit den Schultern und zeigte noch einmal zum Fenster.
"Ach so", sagte ich und lächelte, in der Hoffnung sie würde mir meine Planlosigkeit nicht anmerken.
Ich beobachtete sie stumm beim Stricken und beschloss, mich selbst zu loben.
Immerhin hatte sie nur zwei Mal auf den Tisch gehauen und ich blieb nur noch eine halbe Stunde zu Besuch.
Doch nach ein paar Minuten legte sie das Strickzeug auf den Tisch und sah mich erwartungsvoll an. Ich zuckte mit den Schultern. Viel falsch machen konnte ich damit doch nicht, doch im nächsten Moment donnerte ihre Hand auf die Tischplatte. Wütend funkelte sie mich an.
"Was?", fragte ich.
Sie zuckte mit den Schultern und zeigte auf mich.
Nein, nicht schon wieder!
"Ich verstehe dich nicht", sagte ich laut.
Sie wiederholte diese Geste, aber ich begriff immer noch nicht. Dann deutete sie zur Tür.
Als ich sie nur fragend anblickte, stand sie auf, schubste mich beinahe vom Stuhl und schob mich Richtung Haustür. Sie öffnete sie und sah mich mit ihren kleinen, grünen Augen an.
"Soll ich gehen?", fragte ich überflüssigerweise, im nächsten Moment knallte sie mit hochgezogenen Mundwinkeln die Haustür hinter mir zu.
Verwirrt fuhr ich nach Hause. Ich erzählte meinem Mann von dem Nachmittag und er brach in einem schallenden Gelächter aus.
"Verstehst du etwa, was sie meinte?"
"Du hast mit den Schultern gezuckt und sie angesehen!"
"Ja. Und? Sie hat auch einmal mit den Schultern gezuckt und dann nach draußen gezeigt", sagte ich genervt.
"Schulternzucken in ihrer Sprache bedeutet: "Ist mir doch scheißegal". Als du sie dabei noch angesehen hast, hast du damit zum Ausdruck gebracht, dass sie dir scheißegal ist. Als sie hingegen mit den Schultern gezuckt nach draußen gezeigt hat, wollte sie damit sagen: "Ist mir doch scheißegal, es regnet"."



Eingereicht am 12. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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