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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Juan

© Frank Moné


Die kalte Nässe spiegelte sich in den roh behauenen Quadern des Kopfsteinpflasters. Ein Mann eilte schnellen Schrittes durch die verlassene Straße. Sein bis zu den Knöcheln reichender lederner Mantel schütze ihn vor den Unbilden des spätherbstlichen, regnerischen Wetters. Keinen Blick verschwendete er an die armselige Umgebung, durch die er gehen musste, um auf kürzestem Weg in bessere, sicherere Viertel der Stadt zu gelangen. So sah er auch nicht den dunklen, fast flüchtigen Schatten, der ihm lautlos durch die Nacht folgte.
Dem dunstigen, kaum einen Meter weit reichenden, Lichtkreis einer Straßenlaterne folgte eine lange Strecke tiefer, alles aufsaugender Dunkelheit. Kurz nur, sich angstvoll umblickend, zögerte der einsame Mann, dann tauchte er ein in die lichtlose Enge der menschenleeren Gasse.
Ein halblautes Geräusch, wie zerreißendes Papier, ließ den Spaziergänger herumfahren. Seine weit aufgerissenen Augen versuchten noch die Dunkelheit zu durchdringen, aber es war bereits zu spät. Ein furchtbarer Hieb, von noch furchtbareren Klauen geführt, zerriss die Haut seines Gesichtes und die Wucht des Schlages ließ seinen Körper leicht vom Boden abheben und hintenüber in die kalte Pfütze des sich sammelnden Regenwassers stürzen. Einen Sekundenbruchteil nur erkannte er die furchtbare Fratze, die übergroße, groteske Gestalt des unheimlichen Dämons, bevor dieser ihn mit einem weiteren, harten Schlag seiner Sinne beraubte. Das Brechen seines Genicks, die überlangen braun-gelblich schimmernden Reißzähne, welche sich in das weiche Fleisch seines entblößten Halses bohrten und das hässliche Geräusch seiner zerreißenden Blutbahnen blieben dem unglücklichen Wanderer erspart. Seine, im Augenblick des höchsten Entsetzens gebrochenen, Augen starrten dem Entweichenden blicklos hinterher. Der entkam unbehelligt. Aber nicht unbeobachtet.
Eine ebenso schmutzige wie dunkle Straßenecke weiter verließen den heimlichen Zeugen vor Ekel und Gram die Kräfte. Winselnd wie ein hungernder Welpe rutschte seine dünne, ausgezehrte und vom Alter derb gezeichnete Gestalt an der feucht-dreckigen, mit fauligem Moos bewachsenen, Hauswand herunter. Bis sie in einer kauernden Haltung auf dem Boden zitternd zur Ruhe kam. Zutiefst verabscheute er das eben Erlebte, wusste aber doch um das eigene Mitverschulden an dieser unmenschlichen Gräueltat, die er vielleicht hätte verhindern können. Nicht hier, nicht heute, sondern schon vor langer Zeit. Aber jetzt musste er weg, bevor jemand die grausam zugerichtete Leiche entdeckte. An allen Gliedern schlotternd raffte er sich auf und schlich sich im Schutze der Nacht davon.
Der kleine Juan rannte. So schnell wie es ihm sein gesundes Bein erlaubte. Das andere, verkrüppelte, zog er schleppend hinter sich her. Natürlich entkam er ihnen nicht. Er entkam ihnen nie. Weder vor der Schule, noch in den Pausen und niemals nach der Schule. Immer stellten sie ihn. Auf offener Straße oder wo auch immer. So wie auch heute. Die Meute wilder, schreiender Jugendlicher umkreiste ihn, ließ ihm keine Möglichkeit zur Flucht. Sie riefen höhnisch seinen Namen. Das machten sie jedes Mal, bevor sie anfingen auf ihn einzuprügeln, ihn zu treten, mit Weidestöcken zu schlagen und ihn mit Steinen und Dreck zu bewerfen. Aber heute waren sie besonders schlimm. Sie warfen ihn auf die staubige, knochenharte Erde und traten auf ihn ein. Grundlos. Zügellos. Sinnlos. Ein Tritt traf seine dünnen, blutleeren Lippen und er verlor, mit grellem Schmerz erfüllt, die oberen Schneidezähne. Ein weiterer Schlag riss ihm großflächig die Haut an einer seiner Wangen auf und einer seiner Mitschüler schmierte ihm mit grausamen Vergnügen den Dreck der Straße in die Wunde. Juans heiße, hilflosen Tränen vermischten sich mit dem Staub zu einer braunen schlierigen Masse, die zäh seine Wangen hinunter kroch. Zwischen den vielen, fortwährend auf ihn eintretenden Füßen, sah er, keine zehn Meter entfernt, verschwommen den einzigen Lehrer seiner Schule. Doch als dieser schnell den Blick abwandte und anteilslos weiterhastete, wusste Juan, dass keine Hilfe kommen würde. Jetzt nicht. Morgen nicht. Niemals. Hilflos und wehrlos musste er noch den Stoß eines dünnen, aber harten Knies auf seine Schläfe hinnehmen, bevor ihn die Bewusstlosigkeit gnädig von seinen Qualen befreite. Aber sie traten weiter auf seinen bewegungslosen, kleinen, zerschunden Körper ein. Bis es ihnen dann doch zu langweilig wurde. Wenigstens für heute.
Der kleine alte Mann saß zusammengesunken auf seinem einzigen, klapprigen Stuhl in seiner ebenso dem Verfall preisgegebenen Wohnung in einer der vielen anonymen Elendsvierteln der Stadt.
Der Dämon hatte in der vergangenen Nacht wieder getötet. So wie er es schon fast vier Monate lang trieb. Doch heute hatte der Alte eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die ihn vor Angst erzittern ließ. Aber es war die vielleicht die einzige Möglichkeit dieses bestialische Morden zu beenden. Irgendjemand musste etwas dagegen tun. Nein! Er musste etwas tun. Denn er hatte Schuld auf sich geladen, hatte viel zu lange weggeschaut. Viele lange Jahre. Ein Mal zuviel. So wie alle Anderen auch, in dieser verfluchten Zeit, die von Armut und Hoffnungslosigkeit gezeichnet war.
Entschlossen machte er sich an die Vorbereitungen. Er hatte alles durchdacht. Eigentlich sollte er Erfolg haben.
Juan erholte sich langsam. Hatte ihn Gott seit seiner Geburt mit einem verunstalteten Körper gestraft, für eine Sünde die er nicht einmal kannte, so hatte er Juan aber auch mit einer starken Konstitution gesegnet. Die Wunden verheilten, ließen aber furchtbare, entstellende Narben zurück. Und als klar wurde, das Juan wohl nie wesentlich zur Ernährung der vielköpfigen Familie würde beitragen können, prügelte ihn sein Vater erbarmungslos aus dem Haus und drohte, ihn zu erschlagen, wenn er sich je wieder blicken lassen sollte. Seine Mutter senkte nur den Kopf und sah weg.
Für Juan begann ein einsam-kaltes, trostloses Leben unter den zugigen Brücken des stinkenden Flusses und in den nassen Gossen der Stadt. Er überlebte die Jahre durch Stehlen und Sichverbergen und seine arme, geschundene Seele, die niemals Liebe und Geborgenheit erfahren hatte, verkümmerte weiter in der grausamen Wahrheit einer Welt ohne Gnade.
Gestern hatten sie ihn beim Stehlen erwischt. Vier brutale, schmutzige Kerle waren ihm auf seiner Flucht gefolgt, hatten ihn eingeholt und ihre großen, harten, das Zuschlagen gewohnte, Fäuste zerschmetterten sein Gesicht und brachen ihm einige seiner Rippen. Dann, nach einer schier endlosen Zeit, hatten sie von ihm abgelassen. Aber nicht, ohne ihm alles zu nehmen, was er am Leibe trug. Sie ließen ihn einfach liegen, nahmen ihm seine, nur aus schmutzigen Fetzen bestehende, Kleidung, nahmen den alten, harten, zum Teil schon schimmelnden, Brotlaib, der seit Tagen seine einzige Nahrung war und verzogen sich wieder, laut grölend, stolz ob ihrer heroischen Tat. Bis auf den Einäugigen . Der blieb und sein einziges Auge blitzte mordgierig. Er drehte Juan ganz auf den Rücken, beugte sich nach vorne, zog aus seinem Stiefelschaft ein langes, böse funkelndes Messer und hob es zum letzten Stich.
Juan sah nur dieses gefühllose Auge, nichts anderes mehr nahm er wahr. Und er hasste es. Abgrundtief, mit aller Leidenschaft, die er aufzubringen fähig war. Denn es sagte ihm seinen Tod voraus. Und es überkam ihn wieder diese Angst. Diese kindliche Urangst, die einem noch einmal die schon verloren geglaubten, Kräfte zum Handeln verleiht. Und er tat das Einzige wozu er noch in der Lage war. Ruckartig setzte er sich, alle Schmerzen ignorierend, auf und sein Arm schoss nach oben. Mit einem hässlich schmatzenden Geräusch durchbohrte sein Zeigefinger das böse Auge und drang bis ins Gehirn des Mordlüsternen vor. Mit einem gurgelnden, erstickten Laut kippte der ehemals Einäugige langsam nach hinten, schlug auf dem Rücken auf und rührte sich nicht mehr.
Juan sah überrascht zu dem Toten. Eigentlich sollte er über seinen gewonnenen Kampf froh sein, doch die meisten Gefühle schienen wie ausgebrannt zu sein. In ihm loderte nur noch der Hass, der heiß und alles verzehrend durch seine Adern pulste.. Er stand unter unsäglichen Schmerzen auf, sah auf den Getöteten herunter und das grausame Lächeln seines entstellten Gesichtes kündete vom nun mehr gänzlichen Fehlen jeglicher Menschlichkeit.
Es war so leicht gewesen zu töten... und auf so animalische Art befriedigend...
Als ein fahler Mond die kalte Nachte vergeblich zu erhellen versuchte, machte sich der alte Mann auf den Weg. Er wusste, in welchem Teil der Stadt er und zu welcher Zeit er den Dämon stellen konnte.
Zufällig nur hatte er die wahre Identität des Mörders erfahren. Und die daraus erfolgte Erkenntnis hatte ihm seine Schuld vor Augen geführt. Die Schändlichkeit seiner Unterlassung. Eine Schuld, die er sich vor vielen, vielen Jahren selbst auferlegt hatte. Seit dem hatte er sich gehasst und der Gram darüber hatte ihn verbittern lassen. Deshalb war sein Plan, sollte er gelingen, eine gerechte Strafe.
"Juan. Kleiner Juan."
Der große, massige Körper des Totmachers verharrte abrupt in seiner Bewegung. Der dämonische Kopf des Ungeheuers neigte sich zur Seite, als würde er versuchen, ein leises Geräusch aus weiter Ferne wahrzunehmen. Dann wandte sich der eisige Blick wieder dem kleinen, alten Mann zu und ein animalisches Knurren drang aus seinem Rachen.
"Halt ein! Juan. Lass mich dir ein paar Worte sagen. Bitte. Lass mich erklären. Und dann... dann sollst du mich töten."
"Juan, erinnert du dich noch an den heißen Tag nach der Schule?", die Stimme des Alten brach, doch dann, unter bitteren Tränen, fuhr er fort. "Ich hab gesehen, wie sie dich schlugen, dich misshandelten. Und ich habe nichts getan. Ich habe dich in dieser grausamen Situation allein gelassen. Ich hatte Angst. Angst, dass sich die Wut derer, die dich schlugen, auf mich richten würde, sollte ich dir helfen."
Wie unter Krämpfen öffneten und schlossen sich die Klauen an den Händen des Ungeheuers. Seiner schwerer, tiefer Atem erfüllte die einsame Stille der Nacht.
"Juan. Einen einzigen Moment lang konnte ich in deine Augen sehen. Und ich sah, wie dein Herz brach, wie die Hoffnung und der Glaube aus dir entflohen. Weil ich dir nicht geholfen habe." Die zitternde Hand des alten Mannes streckte sich dem Dämon hilfesuchend entgegen.
"Es ist meine Schuld, Juan. Wäre ich damals dazwischen getreten... dir zu Hilfe gekommen, wärst du nicht das, was du heute bist."
Juan schüttelte in kurzen, abgehackten Bewegungen sein verformtes Haupt, so, als wolle er die herauf stürmenden, vergessen geglaubten Bilder und Schmerzen aus seinen Gedanken vertreiben. Er machte einen Schritt nach vorne..
"Juan. Sieh her." Der alte Mann zog eine alte Pistole aus der Tasche seines Mantels und richtete sie auf Juan.
"Beide haben wir grässliche Schuld auf uns geladen. Ich werde uns erlösen, Juan. Uns beide. Verstehst du? Komm...komm...Tu es."
Juan senkte und hob schwerfällig den Kopf. So als würde ihm die Bewegung schwer fallen.
Dann spannten sich seine Muskeln und der Dämon, Juan, schnellte nach vorne. Seine Arme zuckten vor und die Klauen zerrissen die Kehle des alten, kleinen Mannes. Im selben Moment peitschte der Schuss durch die Nacht.



Eingereicht am 10. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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