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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

(M)ein Praktikum

© Alina Wegner


Ich gehe aus dem Haus. Super, Schnee, toller Anfang. Ich bleibe stehe, schaue mich um. Motivation? Keine Spur ...
Gemütlich schlendere ich die Straße hinunter zur Bushaltestelle, der Bus kommt um zwanzig nach sieben, mein Dienst fängt um neun Uhr an. Vor mir steht ein zweiwöchiges Praktikum in einem Kaufhaus, genauer gesagt, in der Spielwarenabteilung.
Endlich angekommen, es ist viertel vor acht, schließe ich meine Tasche ein, hänge meine Jacke auf und hole mir einen Kaffee. Schwarz. Nachdem setze ich mit einem freundlichen " Guten Morgen" zu den anderen Mitarbeitern des Hauses-
Freundlich stellt sich mir jeder vor, stellen ein paar Fragen, ich antworte bedacht. Schnell habe ich die Namen der Mitarbeiter gelernt.
Neun Uhr, es geht los.
Ich gehe in meine Abteilung und schaue mich um, bald kommt meine "Vorgesetzte" und stellt sich mir freundlich vor "Hallo, du musst unsere neue Praktikantin sein. Ich heiße Marisa Müller, aber ... Mari reicht auch. Wie lange bist du bei uns im Haus?"
"Zwei Wochen" antworte ich kurz angebunden, überrascht, diese Frage gestellt zu bekommen.
"Also, heute schaust du dich erst einmal um, morgen geht es dann richtig los" erklärt Mari mir. Ich beantworte ihr freundlich einige Fragen, dann macht sich Fr. Müller - pardon, Mari - an die Arbeit und ich schaue mich um, mehr sollte ich ja heute nicht tun.
Ein paar Minuten schlendere ich durch die doch so kleine Abteilung, versuche mir zu merken, was an welchem Platz zu finden ist. Nach einer Stunde ist schnell Langeweile aufgekommen, kaum Kunden, keine Arbeit, tolles Praktikum.
Ich mache Kaffeepause, wurde von Mari eingeladen und gehe mit ihr in die Kantine. Mari gibt mir einen Kaffee aus und wir setzen uns an den Tisch. Dreißig Minuten reden wir über Gott und die Welt, genauer gesagt, über die Notausgänge des Hauses.
"So, jetzt müssen wir aber wieder los. Die Arbeit ruft", sagt meine Vorgesetzte, nachdem die halbe Stunde wie im Fluge vergangen ist. Schnell bringen wir die Becher weg, gehen zurück in die Spielwarenabteilung.
Hier ist immer noch genauso viel los wie vor der Pause. Alles ist ruhig, als hätte der Laden nie geöffnet.
Ich trete wieder meinen kleinen Rundweg an, gehe an den verschiedensten Regalen vorbei und überlege, wieso ich mich heute von neun bis achtzehn Uhr einfach nur umschauen soll?
Vielleicht würde meiner Vierzeh-Tage-Kollegin bald auffallen, dass ich keine acht Stunden benötige, um mir zu merken, wo die Puzzle stehen.
"Alina?!", tönt es plötzlich durch die Abteilung. Den Namen kannte ich doch, ich wurde gerufen?
Mit schnellen Schritten lief ich zu meiner Chefin. "Ich zeige dir jetzt mal, wo das Lager der Spielwarenabteilung ist. Dort wirst du die nächsten zwei Wochen des Öfteren Ware hinbringen oder von dort welche hierher holen", erklärt sie mir.
Ich nickte brav.
Gesagt getan. Wir gehen durch die Abteilung zum Otello.
Otello ist übrigens der Aufzug des Personal, mit dem auch große Lieferungen transportiert werden können (oder Leute, die nicht mehr auf die Rolltreppe passen), den ich liebevoll so getauft habe.
Na ja, jedenfalls fahren wir mit Otello zum Lager. "Wenn du in unser Lager willst, drücke die Zwei. Die Eins, um wieder in unsere Abteilung zu kommen. Die anderen Tasten erkläre ich dir im Laufe des Tages, wir werden fast überall hinfahren", meint Mari geduldig, als wir in der zweiten Etage ankommen.
Direkt neben dem Aufzug befindet sich das Lager.
Mari schließt auf und deutet auf den voll bepackten Einkaufswagen. "Die Sachen müssen hier einsortiert werden. Du wirst schnell wissen, wo was hinkommt, aber heute musst du wohl noch etwas suchen. Es ist ganz einfach. Die Puppenkledier kommen ins erste Regal von links, dort lagern ausschließlich Puppen und Zubehör. Dann guckst du einfach, wo noch Platz ist. Und so machst du es bei allen anderen Waren auch. Ich hoffe, du hast das verstanden?"
Aber mal ehrlich: Was soll man daran nicht verstehen? Ich ahnte, dass ich in diesem Praktikum bei verschiedensten Situationen in die Gesichter der Mitarbeiter sah, die genau dies dachten.
Schnell war die Ware einsortiert, in zehn Minuten. Geduldig wartet Mari auf mich, worauf ich sie mit dankendem Blick ansah. Sicher würde ich auch bald wissen, wo ich was im Lager zu finden hatte. Schnell schließt sie das Lager wieder ab und ruft Otello zu uns hoch.
"Jetzt fahren wir zur Auszeichnung. Dort kannst du ab morgen die eingetroffene Ware abholen."
Wir steigen in den Aufzug ein, ich schließe die zwei Türen des Otello. Mari erklärt weiter "Um zur Auszeichnung zu kommen, drückst du einfach auf diesen Knopf", sagte sie und drückte den genannten Knopf. "Du musst nur aufpassen ... ", der Aufzug bleibt stehen, vor den beiden Türen, eine Wand.
Mari lächelt "… der Ausgang befindet sich diesmal auf der anderen Seite", vollendet sie ihren Satz.
Erleichtert atme ich auf, habe doch schon zu hören bekommen, dass Otello gerne mal stecken bleibt.
Aussteigen, Türen schließen, umschauen.
Und wo sollte hier die Auszeichnung sein?
Ich blicke in einen menschenleeren, kahlen Raum. Wow. Wirklich interessant hier. Und wo sollen hier die Pakete ausgezeichnet werden? Und vor allem: Von wem?
Ich verstehe. Wahrscheinlich kommen sie angeflogen, fix und fertig ausgezeichnet und verkaufen tut sich die Ware dann auch von selbst.
Alles klar ...
Mari führt mich in einen Raum, einsehbarer Größe, direkt neben dem Alles-Fix-Und-Fertig-Raum, ich schaue mich um.
Gegenüber von uns steht ein Schreibtisch, eine braun haarige Frau, Mitte vierzig, steht dahinter und zeichnet die eingetroffene Ware aus.
"Hallo, Frau Schreiber. Das ist Alina, unsere Praktikantin. Sie wird in den nächsten Tagen öfter hier vorbeischauen und die Ware abholen", ruft Mari schon beim hereinkommen zu der Frau herüber.
Diese nickt nur und arbeitet wortlos weiter. Freundlich und gesprächig, wie man es sich vorstellt.
Im Laufe des Nachmittags, Mari ist in Pause und ich sortiere ein paar Sachen ein, kommt ein älterer Herr in die Abteilung.
Meine Kollegin, Frau Schmidt, schickt ihn zu mir. Mir wurde relativ schnell bewusst warum.
Der nette Herr hatte eine Fahne, die roch man zwei Kilometer gegen den Wind.
Aber was solls, immer nett und freundlich sein, dachte ich mir.
Wie hieß es doch so schön? Der Kunde ist König.
Er fragte mich nach einem Kartenspiel, dessen Namen er (natürlich) nicht kannte.
Ich führte ihn zu einem Regal mit diversen Spielen und schon bald fanden wir das gewünschte Exemplar.
"Ich hab da noch ne Frage", sagte der Herr als ich mich gerade mit einem freundlichen "Auf Wiedersehen" davon schleichen wollte.
"Ja, bitte", antworte ich weiterhin, notgedrungen freundlich und bleibe stehen.
"Ich suche eine Zange. Also genauer gesagt suche ich eine Zange für meine Füße, weil, Sie müssen wissen, meine Zehennägel. Die sind schon gelb und lang und …"
"Da fahren Sie einfach die Rolltreppe runter ins Untergeschoss", antworte ich ihm schnell, bevor ich es mir noch bildlich vorstellen muss.
"Vielen Dank", sagt der "leicht angeheiterte" und geht, endlich, davon.
Na hoffentlich kommt der auch heil unten an und fällt vorher nicht von der Rolltreppe, denke ich mir und gehe in Pause …



Eingereicht am 03. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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