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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Stachel

© Regina Kaute


"Also nein, das wird langsam zu viel", stöhnte Katja, als sie den Wintergarten betrat und diese Vielzahl von Kakteen inspizierte. Fein säuberlich steckte in jedem dieser stachligen grünen "Monster" ein Kärtchen mit dem Namen desselben. "Das ist ja schon kein Hobby mehr, das wird langsam zur Tortour", dachte Katja. Lieber hätte sie hier eine schöne Sitzecke mit einem Schaukelstuhl zur Entspannung. Nun gut, ein paar dieser stachligen Pracht wäre ja nicht schlecht, aber der ganze Wintergarten? Unbedingt musste sie mit ihrem Mann darüber sprechen, so ging das nicht weiter. Aber wiederum, seitdem ihr Mann dieses Hobby betrieb, war er viel ausgeglichener und harmonischer. Ein leichter Seufzer entfuhr ihr, als sie den Entschluss fasste, die Kakteen zu belassen und nur dahingehend ihren Mann zu beeinflussen, keine weiteren mehr anzuschaffen. Also griff sie zur Gießkanne und fing an, seine "Lieblinge" zu gießen, da er leider für zwei Wochen auf Dienstreise war und sie darum gebeten hatte.
"Ich könnte ja den einen oder anderen tot gießen", kam ihr dabei so die Idee, brachte es aber doch nicht übers Herz, drehte sich um und ...
Nein - ein Aufschrei! Die Hand versuchte zu fangen. Einer der "Lieblinge" fiel hernieder, entglitt ihren Händen, hinterließ Stacheln.
Wie in Zeitlupe fiel das Prachtexemplar vom Hocker und lag, die Stacheln anklagend empor gerichtet, auf der Erde. In Katjas Händen klafften zwei Stacheln. Vor Schmerz und Wut aufschreiend gab Katja diesem "Etwas" einen Tritt. Der Kaktus rollte ein Stück weiter und blieb eiskalt liegen. "Das wirst du mir büßen", schrie sie den Kaktus an, nahm ein Tuch hob ihn auf und schmiss ihn in den Müll. Erst dann wurde sie sich ihrer schmerzenden Hand bewusst. Vorsichtig versuchte sie die Stacheln zu entfernen. Aber diese hatten es in sich.
Kleine Widerhaken verursachten eine tiefere blutende Wunde.
Dieser Tag war gelaufen. Keinen Schritt würde sie mehr in den Wintergarten tun.
So vergingen die Tage. Heute würde ihr Mann zurückkommen.
Sie musste noch einmal in den Wintergarten. Hoffentlich merkte er nicht, dass ein Kaktus fehlte. Mit Schaufel und Besen fegte sie die Reste des "Unglücksfalles" weg.
Danach ein letzter Blick, ein kleines Verschieben einiger Kakteen und es fiel gar nicht auf, dass einer fehlte. Schon wollte sie sich umdrehen und den Raum verlassen, als einer dieser noch auf dem Boden liegende Stacheln ihr ins Augenlicht blitzte.
Ihre Augen musterten zusammengekniffen dieses noch zu entfernende Schmerz bringende Objekt. Schnell holte sie aus der Küche Papier, nahm den Stachel und wickelte ihn vorsichtig, fast liebevoll, als klitzekleines Päckchen ein und dann ab in den Mülleimer.
Ein Aufatmen - dann Klingeln.
Freude des Wiedersehens ließen das Kakteenabenteuer vergessen.
Gegen Mitternacht, Katja lag glücklich schlafend im Bett. Ein Aufschrei …
Sie schnellte empor. Ein Blick zur Seite - Mann war weg. "Oh Gott, er hat es gemerkt!", waren die ersten Gedanken. Schnell in ihre Hausschuhe steigend, lief sie zur Küche.
Ihr Mann saß am Küchentisch, hielt die Hand empor und Blut tropfte aus einer kleinen Wunde. Daneben lag fein säuberlich ausgewickeltes Papier und ein kleiner Stachel mit Widerhaken.



Eingereicht am 01. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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