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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Später

© Karl-Heinz Manier


Hätte es ihm vorher jemand erzählt, hätte er es nicht geglaubt. So aber … Hermann-Josef Kardenbach schleppt sich durch den Eingang des Wohnheims, hinauf in die erste Etage. Vor einer Türe bleibt er stehen und klopft. Eine ältere Frau öffnet ihm die Türe: "Hereinspaziert …" sagt sie und müht sich zur Seite, um den Besucher hineinzulassen. "Tag Mutter", sagt er, "wie geht es dir denn heute?", obwohl er die Antwort schon kennt.
Alle Knochen im Leib tun ihm weh. Zusammen mit dem Betriebselektriker hat er eine Kranreparatur durchführen müssen, weil der Limbacher den Betriebsschlosser unbedingt hat auf Montage schicken müssen. Sozusagen als Autoritätsbeweis. So etwas hat Tradition in Zeiten, in denen es mehr Arbeiter als Arbeitsstellen gibt. Der Limbacher hieß nicht nur so weil er aus Limbach kam. Das mit dem Limbacher hat auch so seine Tradition. Die kommt aber von der nahe gelegenen Hütte. Sagen wir mal so: Steht jemand mit einem Limbacher unter der Dusche und ihm flutscht sein Stück Seife auf den Fußboden - liegen lassen!
Seine Lehrstelle bei der Firma Stein & Sohn hat Hermann-Josef Kardenbach damals nur bekommen, weil der damalige Betriebsleiter an der falschen Stelle gespart hatte. Der Sicherheitszaun rund um den Sickerwasserteich war dem zu teuer. Gut für Hermann-Josef Kardenbach, schlecht für Werner Kardenbach, seinen Vater. Der konnte nicht schwimmen. Und als er einmal im Dunkeln Material von hinterm Haus holen wollte, kam er nicht mehr zurück. Bemerkt hatten das die Kollegen von der Mittagsschicht kurz nachdem Feierabend war. Das heißt eigentlich war dann gar kein Feierabend mehr. Der Zirkus ging da erst richtig los. Und auch nur deshalb hat er damals dort eine Lehrstelle bekommen. Sozusagen als Ausgleich zum schlechten Gewissen des damaligen Betriebsleiters. Das wiederum hatte zur Folge, dass der jetzige Betriebsleiter ihn nicht ausstehen konnte. Als Meister der Montage, hatte er sich damals ausgerechnet, dass sein Sohn eine Lehrstelle bei ihm, in "seinem" Betrieb, bekommen würde. Dem war aber nicht so. Denn aus Kostengründen sollte zu der Zeit nur ein Schlosser ausgebildet werden, und der sollte nicht Zuck junior heißen! Die Firma Stein & Sohn, produzierte Bohrmaschinen aller Art und Größen und hatte, außer der in dieser Region, noch zwei weitere Niederlassungen in Deutschland, mit insgesamt dreihundertachtundzwanzig Beschäftigten. Jupp wusste das so genau, weil er bei den letzten Betriebsratswahlen im Wahlausschuss war. Der Hauptsitz war in Berlin gemeldet, weil dort in der Gründerzeit die Steuervorteile gravierend waren.
Frau Kardenbach sagt: "Wie soll es mir schon gehen, Hermann-Josef? Seitdem Vater nicht mehr da ist, ist nichts mehr wie es sein sollte. Und jetzt habe ich noch nicht einmal mehr eine Familie!" "Fängst du schon wieder damit an, Mutter?" Hermann-Josef Kardenbach wurde seit er sich erinnern konnte, von allen Jupp genannt, nur von seiner Mutter nicht. Auch sein um zwei Jahre älterer Bruder rief ihn so; oder auch nur so ähnlich. Oft sagte er zu ihm Juppchen, oder Juppi - oder Mamas kleiner Doofi. Als der Vater starb, war Jupp dreizehn und sein Bruder im freiwilligen sozialen Jahr, weil er unbedingt Krankenpfleger werden wollte. Und das konnte er mit Volksschulabschluss nur, wenn er alternativ ein Jahr in einem Altersheim absolvierte.
Jupp setzt sich auf einen Stuhl, seiner Mutter gegenüber. Er versucht ruhig und sachlich zu bleiben: "Das haben wir doch schon so oft durchgesprochen. Es geht im Moment einfach nicht, Mutter." Maria Kardenbach war zwar geistig auf der Höhe, aber das Laufen fiel ihr schwer. Eine Hüftarthrose machte ihr das Leben schwer. Sie hätte längst schon ein neues Hüftgelenk haben müssen. Aber sie weigerte sich, aus lauter Angst nicht mehr aus der Narkose aufzuwachen. Jupp wollte die Wohnung erweitern und weil das immer mit viel Dreck verbunden war und auch weil sich in der Zeit niemand so richtig um die Mutter hätte kümmern können, hatten sie alle zusammen beschlossen Maria Kardenbach eine Zeit lang - länger als ein Jahr sollte es auf gar keinen Fall werden - in einem Pflegeheim unterzubringen, und sie dann, wenn der Umbau fertig war, wieder zu sich zu nehmen. Glücklicherweise fanden sie einen Platz ganz in ihrer Nähe. Aber sie hätte genauso gut am anderen Ende der Republik betreut werden können - so oft sah man sich. Der Umbau zog sich hin. Die Arbeiten kamen nur schleppend voran. Jupps Arbeitgeber hatte kaum noch Aufträge, die Arbeitsstelle wurde unsicher. Er wollte das Haus nicht aufs Spiel setzen, traute sich nicht Kredite aufzunehmen, und das Pflegeheim selbst war teurer als eingeplant. "Ich muss das Haus erst so umbauen, dass wir auch alle Platz darin haben. Warte doch mal ab, Mutter, später holen wir dich zu uns." Frau Kardenbach sagt: "Später? Wann ist das? Wenn ich nicht mehr da bin? Was ist nur aus unserer Gesellschaft geworden. Noch nicht einmal um die Alten kümmern sie sich." Hermann Josef Kardenbach kannte diese Gespräche in- und auswendig, und manchmal platzte ihm der Kragen: "So wie sich die Alten früher um die Jungen gekümmert haben, Mutter." "Willst du damit sagen, dein Vater und ich hätten uns nicht um euch gekümmert?" "Wann denn? Ihr habt doch nie richtig Zeit für uns und unsere Probleme gehabt. Immer war etwas wichtiger." Maria Kardenbach kann ihre Hände nicht mehr ruhig halten. Das war das falsche Gespräch. Sie hatte ein anderes gesucht. Es tut ihr weh von der Familie getrennt zu sein und unter den vielen Alten leben zu müssen. Dafür war der Mensch nicht gemacht. Die Natur verlangte nach Ausgleich, nach Gegensätzen, nach stark und schwach, nach groß und klein, jung und alt. Einsamkeit, auch die unter vielen Leuten, machte müde, lebensmüde. Sie versucht das Thema in andere Bahnen zu lenken, sie sagt: "Wie geht es euch denn? Warum hast du Nicole nicht mitgebracht?" Jupp ist kämpferischer Stimmung. Mit den Aufträgen verloren sich auch gute Laune und die Bereitschaft auf andere Menschen einzugehen. Die Nerven liegen blank, er ist nervös und gereizt. Trotzdem versucht er ruhig zu bleiben: "Gabi ist zur Vorsorgeuntersuchung, Nicole ist auf einem Kindergeburtstag. Und ich hab gedacht, ich schau mal bei dir vorbei." Auch die Mutter gibt sich ruhig: "Das ist lieb von dir, mein Junge. Gestern hat Harald geschrieben. Er kommt bald zurück. Dann ist seine Zeit beim Deutschen Entwicklungsdienst zu Ende."
Harald Kardenbach ist seinen Weg gegangen. Über Koblenz quer durch Deutschland nach Wächtersbach, das in der Nähe von Frankfurt am Main liegt. Dort holte er sich in den vorbereitenden Kursen den letzten Schliff, bevor es weiter nach Brasilien ging. Er sollte Entwicklungshilfe leisten und staunte nicht schlecht wie viel er noch lernen konnte. Bald heiratete er eine einheimische Krankenschwester und erzählte es niemandem. Nach Hause schrieb er immer, seine Ablösung sei noch nicht eingetroffen, aber bald käme er heim. In Wirklichkeit dachte er nicht im Traum daran jemals wieder deutschen Boden zu betreten. Seine Mutter ahnte es. Mütter ahnen so was immer. Mütter sind Künstler im Zwischen-den-Zeilen-lesen.
Jupp sagt: "Schön für ihn." Frau Kardenbach hat den Unterton sehr wohl bemerkt: "Früher habt ihr immer so schön zusammengehalten!" Jupp schüttelt den Kopf: "Du irrst, Mutter, das täuscht. Das war keine Bruderliebe, das war eine Zweckgemeinschaft." Maria Kardenbach glaubt nicht was sie hört: "Wie ist das denn schon wieder zu verstehen?" Jupp hat wieder einen Aufhänger: "Eure Erziehung bestand doch im Wesentlichen darin uns gefügig zu machen, uns ruhig zu halten." Die Brüder lernten schnell. Ihre Zwistigkeiten regelten sie außerhalb der elterlichen Aufsicht und zu Hause machten sie einen auf heile Welt. Mutter durfte sich nicht aufregen, damit Vater nicht erziehen musste. Frau Kardenbach sagt: "Es waren Zeiten, die uns viel abverlangt haben. So leicht war es nun wieder auch nicht mit zwei Kindern, die großgezogen und versorgt werden wollten, gleichzeitig ein Heim aufzubauen. Wer hat denn dafür gesorgt, dass ihr immer etwas auf dem Tisch und ein warmes Zuhause hattet?"
Was die Alten da auf die Beine gestellt hatten war enorm. Feierabend kannten die kaum, und auch erst in späteren Jahren gönnten sie sich überhaupt etwas in der Art. Jupps Vater war so einer, der konnte bis zum Umfallen schaffen. Er konnte aber auch mal nichts tun. Später gewöhnte er sich dann an, samstags zum Kegeln zu gehen und am Sonntagmorgen zum Skat. Der Sonntagnachmittag war normalerweise für die Familie. Die Mutter ging immer noch zu einem Bauern, auf dem Feld helfen. Von dort brachte sie dann frische Lebensmittel mit.
Jupp war nicht nach Lobgesang zu mute, er wollte streiten: "Andere Väter und die Generationen vor euch hatten noch mehr Kinder, und haben es geschafft." "Für wen hat sich euer Vater krumm und bucklig geschafft, wenn nicht für euch?" "Wenn du damit seine Skatabende und seine Kegelleidenschaft meinst - für sich selbst?" "Na ja, ein wenig Ablenkung nach den vielen Arbeitsstunden hatte er sich schließlich auch verdient." "Und das Auto vor der Türe? Er ist doch immer mit dem Bus zur Arbeit gefahren, genauso wie ich später auch. Hat er das tatsächlich nur wegen uns gekauft, oder doch eigentlich mehr wegen den Nachbarn, weil die auch eines hatten, und er nicht zurückstehen wollte?" Jupp ist an das Fenster gegangen, von wo aus der Parkplatz gut zu übersehen war. Hier hat seine Mutter bestimmt gestanden und gehofft sein Auto zu sehen. "Sag nicht es hat was damit zu tun, dass ihr uns fast jeden Sonntag dazu gezwungen habt, bei Wind und Wetter, einmal um den Losheimer Stausee zu marschieren." Frau Kardenbach ist entrüstet: "Komm, komm, so oft war das auch wieder nicht. Außerdem war dein Vater immer bestrebt aus euch anständige Kerle zu machen." Jupp wird laut: "Ja - mit dem Ochsenziemer." Seine Mutter sieht ihn flehend an: "Jetzt übertreibst du aber maßlos. Du bist verbohrt und ungerecht und alles andere nur nicht objektiv." Jupp sagt: "Du warst es doch, die ihrem Mann immer die Ohren vollgejammert hat, was wir alles angestellt haben. So lange bis er uns Vernunft eingebläut hat und du ihn in Ruhe sein Bier hast trinken lassen." Maria Kardenbach wird müde - und traurig. Sie fühlt sich nicht verstanden. Sie hat gehofft ihren Sohn dafür gewinnen zu können, sie bei wenigstens für ein paar Tage zu sich zu nehmen. Sie sagt: "Du musst wissen was du tust! Hoffentlich ist es auch so wie denkst das es ist!" "Mutter, wann akzeptierst du es endlich: ich bin erwachsen!" Als Jupp das Pflegeheim verlässt, steht die alte Frau am Fenster und sieht ihm nach.
Klar laufen die Dinge immer anders, als man denkt … Als Jupp von der Arbeit heimkommt, hat Gabi das Essen fertig. Nicole vertreibt sich die Zeit damit, den kleinen Hundemischling Tobi zu ärgern. Mutter und Tochter warten immer auf den Vater, um zusammen mit ihm Mittag zu essen. Die Kleine sagt: "Du, Papa, spielen wir nachher was?" Hermann-Josef Kardenbach sagt: "Später, Prinzesschen. Mach erst einmal deine Hausaufgaben." Nicole protestiert: "Aber du hast es versprochen, Papa!" Der Vater sagt: "Machen wir ja auch. Aber nicht jetzt - wir spielen zusammen wenn ich zurückkomme." "Wo gehst du denn hin?" Die Mutter sagt: "Dein Papa will noch unbedingt an den Weiher." "Stimmt das, Papa?" Er antwortet nicht darauf. Was soll er auch dazu sagen, weiß er doch worauf das Gespräch hinausläuft. Er begnügt sich damit seine Frau von der Seite her vorwurfsvoll anzuschauen. Gabi hat "Verheiratete" gemacht - das sind Kartoffeln und Knödel durcheinander. Eines seiner Leibgerichte. Schweigend genießen sie die Mahlzeit, als das Telefon läutet. Gabi geht zum Apparat und meldet sich: "Kardenbach …?", danach drückt sie die Lautsprechertaste, legt den Hörer neben das Telefon und geht in die Küche zurück. Sie sagt zu Jupp: "Der Limbacher will dich sprechen." Jupp springt auf und macht: "Pssst! Wenn der das hört!" Er nimmt im Flur den Hörer auf und meldet sich: "Kardenbach…?" Am anderen Ende der Leitung poltert die Stimme seines Betriebsleiters: "Kardenbach? Zuck hier! Du musst morgen früh nach Hannover. Dort streikt mal wieder eine unserer Maschinen." Jupp schluckt, nicht nur weil er noch was im Mund hat. Er sagt: "Muss das sein? Das kommt mir sehr ungelegen …". Herr Zuck unterbricht ihn: " Weißt du wie viel Bewerbungen ich in der Schublade liegen habe, Kardenbach? Hör mal - du musst überhaupt nichts. Sag einfach du willst nicht, und jemand anderes fährt, so einfach ist das." Jupp beeilt sich sein Firmeninteresse zu bekunden: "Nein, nein, Herr Zuck, so war das nicht gemeint. Selbstverständlich fahre ich. Wie …?" Der Limbacher, Herr Zuck, sagt zufrieden: "Gut so, Kardenbach. Morgen früh in der Firma erfährst du alles was du wissen musst." Der Betriebsleiter legt auf. Jupp setzt sich zerknirscht an den Tisch zurück. Das Essen will ihm nicht mehr so recht schmecken. Gabi hat mitgehört. Auch ihr ist der Appetit vergangen.
Nicole ist fertig und setzt sich an den Wohnzimmer-Tisch. Fleißig übt sie im Heft Buchstaben zwischen zwei Zeilen unterzubringen. Gabi Kardenbach sagt bei der abschließenden Tasse Kaffee: "Andere Väter nehmen sich Zeit für ihre Kinder!" Jupp sagt: "Ich kümmere mich schon noch um unsere Tochter." Gabi hat eine andere Vorstellung von einer intakten Familie: "Wann?" sagt sie, "Du hast ja mittlerweile noch nicht einmal mehr an den Wochenenden Zeit für uns! Entweder du hängst von morgens bis abends in der Firma herum, oder bist am Umbau, oder in deinem blöden Angelsportverein!" Viel Zeit verbrachte er nicht mit der Familie, das stimmte. Gemeinsames Mittagessen und ab und zu noch abends ein paar Minuten vor der Glotze. Meistens wurde es so spät, dass sein Prinzesschen noch schlaftrunken "Nacht, Papi" murmelte, weil sie schon am Einschlafen war, wenn er heimkam. Jupp fühlt sich in der Zwickmühle, er sagt: "Es war unsere gemeinsame Entscheidung, diesen Umbau in Angriff zu nehmen - erinnere dich. Und was die Arbeit betrifft: Ohne meine Bereitschaft auch mal auf die Baustelle hinauszufahren, wäre ich schon längst arbeitslos!" Gabi winkt ab, sie sagt: "Kennen wir schon. Wann hast du mal keine Ausrede! Außerdem rede ich nicht nur von deiner Arbeit, sondern von deinem Verein. Für die anderen bist du immer da, das scheint deinem Ego mächtig zu schmeicheln. Und die Familie stellst du ganz weit hinten an - immer nur nachher! Warum wolltest du überhaupt eine Familie, wenn du eh keine Zeit für uns aufbringen willst? Tu bei wenigstens was für dein Kind - spiel mit deiner Tochter!" Jupp rutscht auf seinem Stuhl hin und her und sagt: "Was soll das? Ich habe den Vorstand im Angelsportverein nun einmal übernommen." Er ist praktisch mit ihm groß geworden. Konrad, der Bruder seines Vaters und auch sein Pate, hat ihn immer an den Weiher mitgenommen. Und weil sein Vater mit der Fischerei absolut nichts am Hut hatte, und auch Harald nicht, gefiel es ihm dort am allerbesten. Saugut, würde er selbst sagen. "Soll ich jetzt hingehen und sagen: Tut mir Leid, meine Frau hat es sich für mich anders überlegt?" Gabi sagt: "Du musst wissen, was du tust, Jupp! Du selbst bist es, der sich aus all den Möglichkeiten das raussucht, womit er am ehesten zufrieden ist - und anscheinend gehören deine Tochter und ich nicht dazu." Jupp lässt die Tätigkeit in "seinem" Verein nicht in Frage stellen. Und das in einer Zeit, wo niemand etwas machen wollte. Jeder zeigte auf den anderen - der soll doch auch mal was machen, die Faulsau! Und dann kam auch noch die Umweltbehörde. Um den Damm des Weihers zu stabilisieren, sind sie hingegangen und haben Kiefern und Fichten an den Fuß des Dammes gepflanzt, zumal zwei-, dreihundert Meter weiter ein Fichtenhain stand. Wahrscheinlich passten deshalb die Nadelbäume nicht ins Landschaftsbild und sollten wieder entfernt werden. Jupp deklarierte alles als Weihnachtsbaumbewirtschaftung des Vereins und hatte Erfolg, die meisten Bäumchen durften bis zur Aberntung stehen bleiben. Niemand durfte etwas über seine Arbeit am Weiher sagen. Das war ein wunder Punkt bei ihm. Auch Gabi nicht: "Komm mir jetzt nicht damit! Wo kämen wir denn hin, wenn jeder nur sagen würde, lass das mal die anderen machen?" Gabi schüttelt nur den Kopf, sie sagt: "Frag dich doch mal selbst: Die Menschen, um die du dich am meisten kümmerst, sind das auch die, die dich am meisten brauchen? Denn das kann man auch so sehen: Alles andere ist wichtig, nur nicht die Familie. Niemand hat was dagegen, wenn du dich für andere einsetzt. Aber wann gedenkst du dir Zeit für uns zu nehmen? Wir sind doch auch noch da! - Etwa wenn deine Tochter verheiratet ist und selbst Kinder hat? Willst du dann mit ihr spielen? Mau-Mau? Oder Blinde Kuh?" "Nun übertreibst du aber …" Jupp steht auf und geht. In der Türe dreht er sich noch einmal um. Er zögert, sagt dann aber: "Am Samstag habe ich mit Onkel Konrad Dienst am Weiher." Gabi sagt: "Aber nur, wenn du bis dahin schon zurück bist! Da fällt mir ein, wolltest du am Samstag nicht Nicoles Roller flicken?" "Ja …"
Als Nicole längst schon ihre Aufgaben für die Schule fertig hat, kommt ihr Vater mit dem Auto vorgefahren. Jupp und Elmar steigen aus. Beide gehen hinüber zu dem Haus, in dem Elmar wohnt. Nicole sieht es. Darauf hat sie nur gewartet. Schnell läuft sie mit Tobi in den Garten; klettert mit dem Hund auf dem Arm über einen Jägerzaun; läuft strahlend zu ihnen. Jupp hat mittlerweile eine Flasche Bier in der Hand und diskutiert angeregt mit Elmar. Das Mädchen sagt: "Bist du fertig, Papa? Spielen wir jetzt was zusammen?" "Später", sagt der Vater. "Geh mit Tobi gucken was die anderen Kinder treiben. Ich ruf dich dann." Nicole trollt sich in Richtung Eisenbahnschienen, dorthin, wo die Kinder der Jabacher Straße auf dem Bahngelände ihren Abenteuerspielplatz gefunden haben; eine stillgelegte Strecke, auf der zwischengelagert wird - und der Hund hinterher.
Elmar und Jupp haben gerade über den neuen Besatz für den ersten Weiher gesprochen und eine neue Flasche Bier aufgemacht - es sollte nach eigener Bekundung die letzte sein - als der kleine Peter angelaufen kommt. Er ist gerade mal zwei Jahre älter als Nicole. Aufgeregt fuchtelt er mit den Händen in der Luft herum. Elmar sagt: "Ei, Peter, was hast du denn?" Peter ringt nach Luft und nach Worten, er stammelt: "Dem Jupp … sein Mädchen …" Jupp sagt: "Was ist mit Nicole?" "Schnell … es ist was passiert …!" Peter läuft vor und die anderen hinterher. Vor einem riesigen Haufen Eisenbahn-Schwellen bleibt er stehen. "Da!" Aber niemand sieht etwas.
Peter beginnt auf den Haufen zu klettern, die anderen ihm nach, und dann sehen sie das Mädchen und den kleinen Hund. Nicole liegt zwischen den Balken und rührt sich nicht. Tobi läuft in ihrer Nähe aufgeregt auf und ab, kommt nicht zu ihr.
Die Kinder sind über die Balken geklettert, jedes wollte schneller als das andere sein. Eine Bohle hatte nachgegeben und hat Nicole mitgerissen.
Jemand ruft: "Den Notarzt! Schnell!" Jupp steht da und weiß nicht was zu tun ist. Sein Kopf ist leer; es ist ein lähmender Gefühlssturm, der in dieser Intensität normalerweise nicht oft erlebt wird. Aber die Nachbarn reagieren. Schon bald sind die ersten Sirenen zu hören. Die Leute reden durcheinander, jeder weiß etwas; einige tun das Richtige. Die Leute beginnen die Balken abzutragen, legen das Mädchen frei; Jupp kniet neben ihr, traut sich nicht sie anzufassen. Der Not-Arzt kommt. Hände, die genau wissen was sie tun, untersuchen das Kind. Sie legen behutsam einen Zugang für die Infusion, spritzen ein Mittel, schließen eine Flasche über einen Schlauch an. Nicole lebt. Schließlich landet der Rettungshubschrauber und bringt sie nach Saarlouis in die Klinik. Den Jupp nehmen sie auch mit.
Die Nacht ist furchtbar. Die Ärzte operieren die Verunglückte sofort. Sie hat bei dem Sturz schwere innere Verletzungen abbekommen. Der Leiter der Kinderstation, ein Privat-Dozent, versucht anschließend Jupp die Lage zu erläutern, aber der steht nur da und versteht nichts - nur, dass sich sein Prinzesschen in einem sehr kritischen Zustand befindet.
Gabi war beim Arzt, beim Frauenarzt, und erst als Nicole schon längst aus dem OP war, hat Jupp sie zu Hause erreichen können. Die Nachbarn hatten bereits alles erzählt was passiert ist. Und als Gabi endlich im Krankenhaus ist, fallen sie sich um den Hals und weinen miteinander. Gabi fängt sich zuerst, sie sagt: "Kopf hoch, Alter! Das packen wir schon noch." Sie bleiben die ganze Nacht im Krankenhaus.
Es ist auf einmal Zeit da, viel Zeit. Weil sich in Bedeutungslosigkeit verliert, was eben noch wichtig war. Alles verschiebt sich. Aus Wissen wird Verunsicherung, aus Angst wird Wut. Ein Martyrium zwischen Hoffen, stillen Zwiegesprächen und Selbstvorwürfen; Gedanken, die einen erdrücken: Hätte ich doch nur …
Eine Schwester versorgt die beiden mit belegten Broten und Kaffee. Immer wieder stehen sie zusammen im Flur vor der Scheibe, die sie von ihrem Mädchen trennt - von ihrer kleinen Nicole, ihrem Prinzesschen; das auf ihrem Bettchen, umgeben von Apparaten und Schläuchen und Ärzten und Schwestern, liegt. Rein zu ihr dürfen sie nicht.
Jupp geht in einen angrenzenden Allzweckraum. Dessen Fenster zeigen nach Norden, dorthin, wo das Unglück seinen Lauf nahm. Er hält sich am Fensterbrett fest. Die frühe Luft lässt die beiden Sendetürme auf dem Hoxberg aus dem Dunst auftauchen. Hatten sie sonst bei Aufenthalten in der Klinik allein dadurch dass sie da waren Trost gespendet, kamen sie ihm nun wie zwei riesige Mahnmale vor. So sehr auch jeder in seinem Leben der für ihn einzig gültigen Ideallinie zu folgen versucht, verdrängt er Fragen aus dem unmittelbaren Umfeld: Kümmere ich mich auch wirklich um meine Familie oder rede ich mir nur ein, dass ich es tue? Wenn ein anderer das täte, was ich jetzt tue - wie würde ich darüber denken? Er öffnet ein Fenster, inhaliert tief die frische Luft. Gabi kommt zu ihm. Er schaut sie an und weiß: es gibt nichts Neues. Jupp kann nicht anders, er muss reden. "Wie sich alles von einem Augenblick zum anderen ändern kann. Du denkst, du hast alle Zeit der Welt, du denkst alles muss eine bestimmte Ordnung haben. Aber nichts stimmt. Du denkst nur, dass alles so ist. In Wirklichkeit lebst du nicht dein Leben, du wirst gelebt. Die Werte verlieren schneller ihre Bedeutung als du sie in ihrem ureigenen Zusammenhang erkennst." Er geht durch den Raum. Gabi schaut ihm traurig zu. Ihre Augen sind gerötet. Jupp geht zu ihr. Er stellt sich einen Stuhl zurecht, setzt sich neben sie und nimmt eine Hand von ihr in die seine. Dabei hängt sein Blick gedankenverloren irgendwo im Raum. Er sagt: "Warum tun wir in unserem Leben immer das Verkehrte? Wir glauben immer das Richtige zu denken, aber was herauskommt ist Schmerz!" Er saugt die kühle Luft ein, die an ihnen vorbei nach draußen, in den Vorraum zu den Fahrstühlen und dem Treppenhaus zieht, atmet ein paar Mal tief ein. Gabi laufen Tränen über das Gesicht. Jupp sagt: "Herrgott noch mal", und noch einmal lauter, "Herrgott noch mal, lass dieses kleine Mädchen leben!" Die Türe öffnet sich; ein bekanntes Geicht, ein Körper in weißem Kittel erscheint. Der Privat-Dozent räuspert sich, bevor er sagt: "Frau Kardenbach, Herr Kardenbach - es tut uns Leid, Ihre Tochter hat es nicht geschafft."
Es ist ein Irrglaube anzunehmen, die Zeit heile alle Wunden. Wir versuchen mit dieser unseren Verletzlichkeit den inneren Kräften entsprechend umzugehen. Und manchmal gelingt es uns auch eine gewisse Stärke an den Tag zu legen - mehr oder weniger. Dass Gabi wieder schwanger war, erfuhr er erst nach der Beerdigung seiner Mutter, die kurz nach Nicole verstarb. Als Maria Kardenbach erfuhr, dass ihr Ältester gar nicht daran dachte nach Deutschland zurückzukehren, und nachdem auch noch das mit der kleinen Nicole passiert ist, wollte sie auch nicht mehr. Sie starb einen stillen Tod, ohne noch einmal das Gefühl einer intakten Familie erleben zu dürfen. Die Schwestern sagten, sie sei nachts einfach weggeschlafen. Gabi, die seit dem Tag des Unfalls um den erneuten Nachwuchs wusste, konnte es Jupp nicht früher sagen, sagt sie. Trotz der, zugegebenermaßen etwas verhaltenen, Freude darüber - es brachte ihm seine Tochter nicht zurück. Jupp stürzte sich nicht in Alkohol, wie die meisten Leute mit großer seelischer Pein es tun, er stürzte sich in Arbeit. Was nicht viel besser war. Und es brachte ihm auch nicht den Seelenfrieden, den er sich erwünscht hat. Aber er lernte. Vor allen Dingen lernte er öfter "nein" zu sagen. In der Firma und auch im Angelsportverein, wo er alle Ämter niederlegte. Er wollte nur noch zum Entspannen dorthin, zur Erholung - mit der Familie. Und bald hatte er alles unter Kontrolle, und auch mehr Zeit für seine Familie.
Als Jupp mit seiner Gabi durch die City geht, hört er einen gellenden Pfiff und eine ihm wohlbekannte Stimme, die da: "He, Kardenbach! Komm mal da her, Kardenbach" ruft. In diesem Moment hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man überhört es oder man kuscht. Gabi geht mit dem Kleinen weiter, während Jupp zu den Tischen des Stadt-Cafes eilt, an dem der Rufer mit einem ihm Unbekannten sitzt. "Kardenbach" legt der auch gleich los, "du wolltest doch wegfahren! Da bist du aber nicht weit gekommen, nicht?" Jupp erwidert: "Kann es sein, dass mein Betriebsleiter mich eben zu sich gepfiffen hat?" Herr Zuck kann seine Freude über Jupps Ärger nur schlecht verbergen, sogleich eröffnet er dem Überrumpelten: "Gut, dass ich dich hier treffe, du musst morgen zu einem Kunden, dort muss ganz dringend eine unserer Maschinen montiert werden." Jupp windet sich: "Wenn ich mich nicht irre, dann habe ich Urlaub. Und der ist vom Betriebsleiter persönlich genehmigt worden." Nun war es so, dass die Verhältnisse in der Firma recht unscharfe Konturen angenommen haben. Nahm man zum Beispiel den Zuck aus der Firma, lief alles wunderbar weiter. Das sah man jedes Mal wenn der in Urlaub oder bei einem Kunden war. Kaum war der aber zurück, begann das Verwirrspiel. Und daran waren bestimmt nicht die Leute schuld. Aber erzähl das mal einer dem Unentbehrlichen! Diese Doppeldeutigkeit half zwar alles besser zu ertragen, aber es drückte auch die Stimmung im Betrieb, und warf ein schlechtes Licht auf diesen Standort. "Jetzt nicht mehr" antwortet der große Chef, "alles weitere erfährst du morgen früh in der Firma. Du kannst gehen." Dabei macht er eine Handbewegung, als wolle er Mücken verscheuchen. Jupp denkt nicht daran, und damit wird der Übergang zur dritten Möglichkeit eingeleitet. Das war er seinem Prinzesschen und seinem Sohn schuldig. Jupp wagt es seinem Chef zu widersprechen: "Meine Leute rechnen fest damit, dass ich mit ihnen wegfahre." Das gefällt dem überhaupt nicht: "Kardenbach, ich werfe dich raus, dann kannst du wegfahren so oft und wohin du willst." Gabi ruft: "Jupp, kommst du?" Jupp dreht sich halb zu ihr und winkt: "Sofort." Und dann wendet er sich wieder seinem Chef zu: "Wenn es dich glücklich macht, Limbacher."
Manchmal wird man in der Firma tatsächlich gebraucht. Aber in der Regel macht man sich mit dem Glauben daran nur selbst froh. Man versucht sich eine unbequeme Tatsache etwas erträglicher zu machen. Es soll aber auch Leute geben, denen Arbeit tatsächlich Spaß macht. Wobei wieder die Gretchenfrage des normalen arbeitenden Volkes aufgeworfen würde: Leben wir um zu arbeiten, oder arbeiten wir um zu leben? Jupp hat eine Antwort für sich selbst gefunden.
Das Gesicht seines Chefs wechselt die Farbe: "Mehr Respekt, Kardenbach, mehr Respekt. Seit wann duzen wir uns!" "Seit eben" sagt Jupp, und: "Vor wem soll ich noch Respekt haben? Vor einem, der sich von seinen Leuten Siezen lässt und selbst alle Welt duzt? Vor einem, der mich mitten vor all den Leuten und meiner Familie zu sich pfeift?" Chef: "Kommst du mir wieder mit deiner Mitleidsmasche? Glaubst du wirklich du kannst dir das erlauben? Wovon lebt deine Familie? Ohne mich wärst du doch längst verhungert." Jupp hatte nichts zu verlieren. Der Limbacher war voll auf einen fahrenden Zug aufgesprungen und hatte vergessen eine Fahrkarte zu lösen. Er besuchte Lehrgänge über modernes Betriebsmanagment und dessen Auswirkung ohne überhaupt zu verstehen worum es geht. Trotzdem versuchte er es in diesem Werk umzusetzen und verlor dadurch in der Firmenleitung immer mehr an Ansehen. Das war ein offenes Geheimnis. Und Jupp war lange genug in der Firma um sich anderweitig den Rücken zu stärken. Er sagt: "Meinst du, nur weil du der Betriebsleiter bist, kannst du dir alles erlauben?" Es ist am Limbacher nach Luft zu japsen: "Morgen bist du beim Kunden, oder auf dem Arbeitsamt. Und jetzt geh!" Jupp entgegnet: "Da bin ich aber anderer Meinung! Wenn du der Ansicht bist, dass du mir ans Bein pissen musst, lassen wir Leute zu Wort kommen, die mehr Ahnung von den Dingen haben!"
Wieder wechselt das Gesicht des Vorgesetzten die Farbe, diesmal von dieser fast gesunden rötlichen Tönung in eine fahle, eher blasse: "Du drohst mir …?" Jupp schüttelt den Kopf: "Davon kann keine Rede sein. Wenn du willst, klären wir das sofort." Jupp holt ein Handy aus der Tasche: "Wen sollen wir anrufen - den Personalleiter oder den Gesamt-Betriebsrat?" Der Unterkiefer des Chefs driftet bedenklich dem Boden entgegen: "Wieso hast du ein Handy? Ich denke so was kommt für dich nicht in Frage." "Damit du mich nicht erreichen kannst! Aber Denken war noch nie deine Stärke, Limbacher", sagt Jupp und fühlt sich richtig gut dabei. Der Limbacher fühlt sich nicht so gut: "Mach dass du wegkommst", sagt er, "aber wir sprechen uns noch. Das war nicht das letzte Wort!" Jupp steckte das Handy wieder weg: "Davon bin ich überzeugt, aber das ist dein Problem!" Denn eines war sicher: Nie wieder würde er für seine Familie keine Zeit haben!



Eingereicht am 21. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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