www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Männer weinen nur im Regen

© Frank Moné


Es ist schön, wenn man Freunde hat. Aus diesem Grund steht man ihnen deshalb auch zu traurigen Anlässen helfend zur Seite. So wurde ich von Markus, einem langjährigen Freund und Arbeitskollegen, letzte Woche darüber informiert, dass Oskar, sein Vater, nach kurzer, heftiger Krankheit verstorben ist. Angelika und ich waren sehr erschüttert, da wir uns mit Oskar sehr gut verstanden hatten. Es war es eine Selbstverständlichkeit für uns, ihm, bei seiner Beerdigung, die letzte Ehre zu erweisen.
Rund sechzig Trauergäste waren schon anwesend, als meine Frau und ich an der kleinen Kapelle, in der die Trauerfeier stattfand, eintrafen. Viele bekannte und unbekannte Hände wurden geschüttelt und die üblichen Betroffenheitsbekundungen ausgetauscht. Wie das eben so ist, bei derartigen Anlässen. Angelika suchte nach Markus und Steffi, Markus´ Frau. In der Kapelle wurde Angelika fündig und winkte mich herbei. Während die beiden Frauen tränenüberströmt und wortreich versuchten, das Ableben Oskars zu verarbeiten, umarmten Markus und ich uns nur kurz und fest. Und schweigsam. Markus´ fünfjährigen Sohn Michael, der etwas verloren neben seinen Eltern stand, strich ich tröstend über den Kopf. Zwischen uns dreien musste nicht gesprochen werden. Männer verstanden sich in solchen Situationen viel besser ohne Worte.
Die Angehörigen des Verstorbenen nahmen ganz vorne in der ersten Bankreihe Platz und Steffi zerrte meine Frau und mich in die Reihe dahinter. Sie wollte uns scheinbar in ihrer unmittelbaren Nähe wissen. Die Gedenkfeier begann und nach einiger Zeit begann ich die Trauernden zu beobachten.
Markus saß schräg vor mir und starrte irgendwohin. Einfach nur geradeaus auf den Boden. Dann bemerkte ich, wie sein Körper leicht durchgeschüttelt wurde. Er atmete zwei oder dreimal tief ein und hatte sich wieder unter Kontrolle. Meine Gedanken schweiften zu Oskar und ich erinnerte mich an unser letztes Grillfest: Oskar stand am Grill, das ließ er sich nie nehmen, und bewirtete seine Gäste. Ich sehe noch heute das kleine, zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht, wenn all seine Schäfchen versorgt waren.
Markus riss mich aus meinen Gedanken, weil er, zwar nur kurz, aber heftig den Kopf schüttelte, als wolle er mit dieser Bewegung einen Ausgleich für seine seelische Anspannung schaffen. Ich sah wie seine Kaumuskeln deutlich hervor traten, als er die Zähne zusammen biss. Ich konnte es ihm nachfühlen, da ich das Gleiche, zwei Jahre zuvor, hinter mich bringen musste. Markus und Oskar, beide standen damals an meiner Seite. Schweigend. Aber es bedurfte auch keiner Worte.
Wieder dachte ich an Oskar, fühlte ich seine Hand auf meiner Schulter, hörte, wie er irgendwann einmal grinsend zu mir sagte: "Du und Markus, ihr seid wie zwei Arschbacken. Wenn man euch auseinander reißt schreit ihr vor Schmerzen. Schon seit der Schule." Und ich focht, hier auf dieser harten, kalten Bank, einen harten Kampf mit mir, um nicht Rotz und Wasser zu heulen. Erst nach ganzen vier Minuten bekam ich meine Gefühlswelt wieder in den Griff.
Markus Fäuste krampften sich um die Sitzfläche und seine Knöchel traten weiß hervor, er zog leise die Nase hoch und zitterte am ganzen Körper.
Nur um mich abzulenken, wandte ich mich wieder den Menschen zu. Die Frauen und Kinder, welche Oskar nahe gestanden hatten, ließen ihren Tränen freien Lauf. Sie trockneten sich die Augen, schnieften in ihre Taschentücher und lehnten sich haltsuchend an ihre Nachbarn. Aber keiner der anwesenden Männer weinte. Rote Augen? Ja. Verstohlenes Wegblinzeln einzelner, winziger Tränen? Vielleicht Einer. Aber weinen? Nein. Es drängte sich mir die Frage auf, welches verfluchte Naturgesetz es Männern verbot zu weinen. Kopfschüttelnd sah ich wieder nach vorne.
Der kleine Michael lehnte sich an den Arm seines Vaters und fragend sah zu ihm hoch. "Papa, ich weiß, das du am liebsten weinen würdest. Warum machst du´s nicht?" Markus sah mit etwas hilflosen Blick zu seinem Sohn runter, legte ihm den Arm um die kleinen Schultern und erwiderte achselzuckend: "Wir sind Männer, mein Schatz. Wir weinen nur im Regen. Wo es keiner sieht."



Eingereicht am 19. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««