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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Palast und seine Bewohner

© Patrick Hehn


Es war einmal in einem Palast, da regierten die unterschiedlichsten Könige, Kaiser und Sultane. Wobei, eigentlich sah ich sie nie regieren und wusste auch nicht aus welch prächtigen Reichen sie kamen. Diese Könige, der Einfachheit wegen fasse ich all diese Majestäten zu Königen zusammen, waren einfach da und weiter nichts. Auf jeden Fall herrschte in diesem Palast ein großer Wirrwarr, da jeder der Könige und seine Gefolgschaft einer anderen Sprache mächtig waren. Natürlich trafen sich ab und zu auch Könige und ihre Gefolgschaft, welche die gleiche Sprache verstanden. Aber das war nicht oft der Fall.
Wie für einen Palast üblich gab es nicht nur Könige und Gefolgschaft, sondern auch Diplomaten, Beamte, Händler, Sklaven, Soldaten und auch Diebe, die man zum Glück nicht allzu oft erblickte. Es herrschte also fleißiges Treiben in diesem merkwürdigen Palast, der sich so von allen anderen Palästen unterschied. Er war zum Beispiel in zwei Etagen aufgeteilt. In der oberen da lebten die Könige mit ihren höchsten Diplomaten, Beamten und Generälen. Reiche Händler waren ebenso zahlreich vertreten. Dieses Stockwerk war nun in die verschiedenen herrschaftlichen Gemächer und Säle der Könige und Händler unterteilt. Umgeben von all diesen Räumen befand sich in der Mitte ein Springbrunnen, in welchem das Wasser lustig plätscherte. Dieser, man könnte sagen Garten, wurde von einer riesigen Kuppel aus feinstem Glas, das bestimmt von den kunstfertigsten Glasbläsermeistern des gesamten Erdenballs gefertigt wurde, überdacht. Tagsüber spazierten die Könige und Kaufleute durch den Garten und bewunderten die Architektur des Brunnens und der gläsernen Kuppel, ruhten sich auf Bänken aus, zogen sich aber nach einiger Zeit wieder in ihre Säle und Gemächer zurück.
In der unteren Etage ging das Leben ein wenig hektischer und impulsiver zu. Allerlei Menschen verschiedenster Herkunft und Rassen bevölkerten dieses künstliche Habitat. Von vereinzelten Marktständen hallten die kräftigen Stimmen der kleinen Händler, welche ihre Waren anpriesen. Dazwischen ruhten auf langen Bankreihen Männer, Frauen und Kinder, die vom Schwimmen im Mahlstrom dieses Stockwerks ermüdeten. Wie gut es wohl tat, seine Glieder vom rastlosen Treiben einige Minuten erholen zu lassen, um sich anschließend wieder mitten hinein in das tosende Gewässer zu stürzen. So schwammen nun die Menschen in diesem Strom und mich wunderte es, wie all das so reibungslos funktionierte. Jeder von seinem Ziel angezogen, schwärmten sie durch die Halle der ersten Etage. Da geschah es nun, dass ein Mohrenkönig aus dem zweiten Stockwerk hinab kam und sich zwischen den Marktständen umsah. Auf seinem Kopf saß ein großer Turban und an seinem prachtvollen Gewand aus Seide, das mit goldenen Sternen und Halbmonden bestickt war, hing ein reichlich mit Gold- und Silbermünzen gefüllter Beutel aus Gazellenleder. So schlenderte er zwischen den Ständen und sah sich nach den frischsten und saftigsten Früchten um. Wie es so kommen musste, pirschte sich nun ein Dieb an und stahl dem König den Beutel, worin sich die Gold- und Silbermünzen befanden, als dieser sich gerade über einen der Marktstände beugte um das Obst zu begutachten. Aber der Dieb kam glücklicherweise nicht weit, da der König den Raub bemerkte und sofort um Hilfe rief, sodass zwei Soldaten der Schildwache die Verfolgung aufnahmen und den Unhold schon nach wenigen Minuten seiner Flucht fassten. Der König bekam seinen Münzbeutel zurück und die Soldaten führten den Dieb ab. Was aber geschah während diesem Spektakel? Natürlich gab es einige Schaulustige, welche dies staunend beobachteten, aber der Großteil der Menschen folgte zielstrebig seinem eingeschlagenen Weg und schenkte diesem wohl nicht alltäglichen Ereignis keinerlei oder kaum Beachtung. Da war zum Beispiel dieser Mann, der an einem hölzernen Tisch, mit seiner Flasche Preiselbeerschnaps, vor einer Taverne saß und in unregelmäßigen Abständen daran nippte. Er machte insgesamt einen traurigen und betrübten Eindruck, vielleicht war er ein Sklave, jedoch fand ich, dass er zu gut gekleidet war, denn er trug die Tracht der Händler. Aber der Tisch, an dem er saß, stand direkt in der Nähe des Geschehens und trotzdem blickte der Mann nicht auf, als der König um Hilfe rief. Ich fragte mich, woran er dachte, welche Träume er hegte, als er seine Flasche fast apathisch anstarrte. Oder dachte und träumte solch ein Mensch schon gar nicht mehr? Es schien so, als wäre er an eine unsichtbare Kette gefesselt, die ihn langsam in eine tiefe Kluft hinab zog und der einzige Gegenstand, an dem er sich festhalten konnte die Flasche Breieselbeerschnaps war.
Ganz in der Nähe saßen zwei weitere Menschen, ein Mann und eine Frau. Beide über ihr Getränk gebeugt. Er stütze mit der Faust in der Wange seinen Kopf, sie verschränkte die Arme auf dem Tisch, eins aber hatten sie gemein: Beide beschäftigten sich emsig mit dem Inhalt ihres Bechers, oder zumindest versuchten sie dies vorzugeben, denn ab und an blickten sie für einen kurzen Moment, wohl nicht länger als ein bis zwei Sekunden, zu einander herüber. Natürlich geschah das nicht gleichzeitig, sondern, so wie der Zufall es vorsah, abwechselnd. Warum setzte er sich nicht zu ihr, oder warum sprach sie ihn nicht an? Es kam mir vor, als befand sich zwischen ihnen eine Mauer, an der beide sacht am Torf kratzten. Keiner aber hatte den Mut aufzustehen und die Mauer niederzureißen. Wie sollten sie auch, die Mauer wurde von ihnen gebaut, zwar nicht aus dem eigenen Willen, aber mit ihrer Kraft. So saßen die beiden noch einige Zeit da, während ungefähr zehn Meter von ihnen entfernt eine Gruppe Kinder spielte. Es waren überwiegend Jungen, die mit ihren Spielsachen und in kleinen fleißigen Schritten den Boden des Palastes erkundeten. Wenn man sie so ansah, wünschte man sich wieder Kind zu sein und die Welt neu zu entdecken. Wie eine Gruppe von Abenteurern auf einer Expedition durch einen undurchdringlichen und verworrenen Urwald zogen die Kinder weiter, zwischen den Marktständen hindurch und schlugen sich ihren Pfad durch die Menschenmassen, bis sie ihr Eldorado fanden und sich niederließen. Dort beschäftigte die Gruppe sich nun mit einem anderen Spiel, als mir ein Junge, der ein wenig abseits der anderen stand, auffiel. Er war schmächtiger und kleiner, im Gegensatz zu den restlichen Jungen. Die Gruppe ignorierte ihn einfach und so schaute er ihnen beim Spielen zu, bis er selbst eine kleine Figur aus der Tasche nahm und sich mit ihr beschäftigte. Jedoch nur halbherzig, da er immer wieder kurz zu den anderen aufsah. Dies ging noch eine Weile so weiter, als der Gruppe das Spiel fad wurde und sie beschlossen sich etwas lustigerem zu widmen. So liefen sie auf den kleinen Jungen außerhalb ihrer Gruppe zu, begannen ihn zu zwicken und entrissen ihm sein Spielzeug. Ihr Opfer schlug um sich, rannte schließlich davon und die übrigen Kinder ihm hinterher, bis ich sie aus den Augen verlor. All diese Ereignisse spielten sich im gleichen Moment ab, in welchem dem König der Münzbeutel gestohlen wurde. Natürlich gab es noch viele weitere Geschehnisse, aber …"Die Fluggäste des Oceanic International Airlines Fluges OA 542 werden zu Gate zwölf gebeten", verkündete eine sanfte Frauenstimme aus den Lautsprechern. Ich faltete meine Zeitung zusammen, trank den letzten Schluck Kaffee aus dem Becher vor mir, nahm meinen Aktenkoffer und ging zum Gate zwölf.
Ist das Leben nicht herrlich?



Eingereicht am 18. Mai 2005.
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