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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Versuchung

© Frank Moné


Der Kommunikationsvibrator hüpfte völlig außer sich auf dem Wohnzimmertisch umher. So nannte meine Frau Angelika mein Handy, wenn ich das Anrufsignal auf Vibration gestellt hatte. Bevor sich dieses, über die Tischkante hinweg, in den Freitod stürzen konnte packte ich schnell zu, drückte auf den grünen Knopf und meldete mich: "Bundeskanzleramt. Die Beschwerdestelle hat die Nummer 0...".
"Hallo, Frank, hier ist Paul. Lass den Quatsch."
Oh, Paul war dran. Mein überkorrekter Bankerbekannter. "Hallo, Paul, und, alles senkrecht?"
Ein leicht gequältes Stöhnen drang aus dem winzigen Lautsprecher in mein Ohr. Derartige Konversation war nun gar nicht sein Ding.
"Frank, ich möchte dich hiermit zu meinem Geburtstag einladen. Ich erwarte dich diesen Freitag gegen zwanzig Uhr in der Kutscherstube", eröffnete er mir. "Wir werden zu viert sein und es ist für alles gesorgt. Passt dir das?
In der Kutscherstube. Aha. Das ist ein hervorragendes Restaurant in der Innenstadt, obwohl der proletarische Namen, wie Paul sich ausdrückte, eher an einen Schnellimbiss denken ließ. Das hieß für mich, im Anzug zu erscheinen. Mit Krawatte, Sakko, einer Hose mit deutlichen Bügelfalten, glatt rasiert und ordentlichem Haarschnitt. Und einem anspruchsvollen Geschenk.
"Danke, Paul. Ich komme sehr gern und werde pünktlich sein", antwortete ich paulmäßig, was die Laune von Sensibelchen Paul wieder um einige Nuancen anhob.
"Fein, das freut mich, Frank. Bis am Freitag. Um zwanzig Uhr. In der Kutscherstube."
Ja, ja, Paul. Ich hab's gefressen, dachte ich, und legte auf. Na, das konnte ja was werden.
Nun, besagter Freitag kam und ich hatte dazu alles vorbereitet. Auch ein anspruchsvolles Geschenk in Form einer auffallend modischen Krawattennadel. Ich verabschiedete mich von Angelika, die am heutigen Abend auch mit Freundinnen unterwegs sein würde und fuhr in die Stadt. Hier einen Parkplatz zu finden war ein schwieriges Unterfangen. Immer wieder umrundete ich den Block auf der Suche nach einer frei werdenden Stellfläche. Das Ausmaß meiner Blase nahm langsam eine bedrohliche Form an. Aber das tut hier nichts zur Sache.
Wie auch immer. Sehr zur Freude von Paulchen kam ich rechtzeitig. Die beiden anderen Auserwählten, ich kannte sie nicht, mussten auch Banker oder ähnlich gelagerte Langweiler sein und in diese Bahnen entwickelte sich nun auch das Gespräch. Ich war gerade damit beschäftigt, kleine hässliche Figuren mit der Silbergabel in die Teakholzoberfläche unseres Tisches zu meißeln, als mein Blick auf eine Frau fiel, welche gerade zur Tür herein kam. Himmel, was für ein Wesen. Wie in einem Reflex zog ich den klitzekleinen Ansatz meines Bauches ein, drückte die Brust raus und hielt die Luft an. Es könnte ja sein, sie sieht zu mir her. Rein zufällig, meine ich. Könnte ja sein. Schulterlange, braune Haare. Ein schönes, leicht apartes Gesicht, welches kaum Make-up trug. Weibliche Figur, und ich meine weiblich, kein spreißelverteilender Laufstegspargel. Eng anliegendes, figurbetontes Kleid und lange Beine, endend in hohen Pumps, die sie engelsgleich zu einem Tisch trugen, an dem offensichtlich schon zwei andere Damen auf sie warteten. Bevor ich aufgrund von Sauerstoffmangel vom Stuhl fiel, entließ ich die Luft geräuschvoll aus meinen Lungen. Paul und seine beiden Busenfreunde schauten mich kurz und leicht irritiert an, bevor sie sich wieder in die neue Finanzstrategie von Oma Erna vertieften.
Ein wundervolles Vier-Sterne-Menü wurde uns aufgetragen, über welches die drei Möchte-gerne-Tycoons herfielen wie ein Rudel verhungernder Eisbären, denen die Pinguine und Robben davon gelaufen waren. Während ich meines nicht anrühren konnte. Weltvergessen starrte ich diese Frau an und ein verwegener Plan nahm in meinem hormondurchfluteten Hirn Gestalt an. Ich musste diesen Inbegriff paradiesischer Schönheit kennen lernen. Diese Fleisch gewordene Manifestation göttlicher Genialität. Und wenn es mein Leben kostete. Ich vergaß alles. Mich, meine Familie, Freunde, Beruf. Einfach alles. Meinen ganzen Mut zusammen nehmend stand ich auf und machte mich auf den Weg zu ihrem Tisch. Meine Kehle war trocken wie die Kalahari im August und meine Seele flatterte wie ein zerfetztes Segel im Passatwind als ich den Tisch erreichte.
Mit einem kleinen Räuspern zog ich die Aufmerksamkeit der Damen auf mich. Auch das Haupt der Aparten wandte sich mir zu und ich versank augenblicklich im Sog ihrer azurblauen Augen.
"Ähm, verzeihen Sie mir, meine Damen, wenn ich Sie unterbreche. Ich weiß, es ist vielleicht etwas ungewöhnlich", startete ich meinem Feldzug, und dann, direkt an die Angebetete gerichtet, "aber ich muss Sie kennen lernen. Unbedingt." Schnell fügte ich hinzu: "Bitte, verstehen Sie das nicht falsch, doch ..." Ihr leicht missbilligendes Lächeln ließ mich verzagt abbrechen.
"Wieso möchten Sie das?", hauchte ihre erotische Altstimme.
"Weil ... ich ... nun, wissen Sie ...", stammelt ich und fiel in ein großes schwarzes Loch. Aus. Vorbei. Das war's. Ich hatte es versaut. Wie hatte ich auch nur annehmen können, dass eine solche Frau sich gerade für mich interessieren könnte. Sie musterte mich von oben bis unten.
"Nun, vielleicht ...", begann sie zu antworten. Ich verstand. Sie spielte mit mir, ließ mich an der langen Hand verhungern, gab mich vor ihren Freundinnen und den anderen, inzwischen aufmerksam gewordenen Gästen, der Blamage preis.
"... möchten Sie sich einen Augenblick setzten?", vollendete sie ihre Antwort. Jäh glomm wieder Hoffnung in mir auf, nur um sich im nächsten Moment mit angespannter Vorsicht zu mischen. Was hatte sie vor? Ich setzte mich. Ungelenk und unsicher wie ein Verurteilter auf dem Weg zum Schafott.
"Sie haben meine Frage nicht beantwortet", flötete sie mir entgegen. Unheimliche Stille breitete sich auf ein Mal im Lokal aus und die neugierigen Blicke Dutzender Gäste klebten an meinen Lippen. Ein Kellner, der gerade im Begriff war einem Gast Rotwein nach zu schenken, vergaß seine Aufgabe komplett und nässte dessen Schritt ordentlich ein. Was dieser gar nicht wahrnahm, da seine Aufmerksamkeit ausschließlich mir galt.
"Aber Liebes", begann eine der am Tisch meiner Angebeteten sitzenden Damen, "du kannst doch nicht einfach einen wildfremden und dazu noch unverschämten Mann, an unseren Tisch bitten."
"Halt die Klappe, du unromantisches Ding", sagte eine ältere Frau, zwei Tische weiter und sah mich aufmunternd an. Bis Paul und seine beiden Finanzverräter. Sie waren noch immer damit beschäftigt die arme Oma Erna ins Armenhaus zu bringen.
"Lassen Sie uns gehen", versuchte ich einen letzten verzweifelten Versuch. "Ich möchte Ihnen so viel sagen, soviel geben und ... ich möchte Sie eine wundervolle Nacht lang verwöhnen. Ich will Ihr Ritter sein, Ihr Sklave, was immer Sie möchten." Erschöpft und am Ende meiner seelischen Belastbarkeit verstummte ich. Ihr undefinierbarer Blick sezierte mein Innerstes. Abrupt erhob sie sich, nahm meine Hand, zog mich vom Stuhl und unter den fassungslosen Blicken der Gäste verließen wir das Lokal.
Ohne an etwas anderes zu denken nahm ich sie mit zu mir. Sie erfüllte meine ganze Welt, es war nur noch Platz für sie. Erst zärtlich, dann leidenschaftlich, dann wieder einfühlsam liebten wir uns die ganze Nacht. Dann, nach Stunden, sanken wir so herrlich erschöpft in die Kissen.
Sanft lächelnd sah mich Gottes bestes Geschöpf an und sagte: "Es war ein wunderschöner Abend für mich, mein Schatz. Aber du weißt, dass du tierisch einen an der Klatsche hast?"
Was sollte ich darauf sagen? Angelika musste es ja wissen.



Eingereicht am 16. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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