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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Casanovas Schwur

© Frank Moné


Steve hieß eigentlich Stefan Kowalsky, aber dieser Name war zu gewöhnlich für einen Typen wie ihn. Er war auf dem Weg zu Christa Schellard. Sie wohnte in der Vorstadt, war wie er verheiratet und ging mit ihm fremd. Das gehörte einfach dazu. Ein Mann wie er war quasi dazu verdammt, auch anderen Damen seine Qualitäten angedeihen zu lassen. So fegte er mit seinem neuen, tiefer gelegten Sportwagen durch den Schnee, der schon seit zwei Tagen unermüdlich in großen dicken Wattebäuschen vom Himmel fiel. In der Vorstadt angekommen, suchte er sich einen Parkplatz und ging die restlichen 300 Meter zum Haus der Schellards zu Fuß. Er schlug, zum Schutz vor dem eisigen Wind, den Kragen seines teuren, dick gefütterten Ledermantels hoch und kämpfte sich durch den dichten Vorhang aus weißen Schneekristallen. Er fluchte, weil die Nässe seine Frisur zu ruinieren drohte. Außer dem war es schon stockdunkel und die verblendete Sonnenbrille, die er noch immer auf der Nase hatte, tat ihr Übriges. Steve bog rechts in den noch unbefestigten Vorgarten Christas ab, nahm mit einem Satz die kleine Treppe zur Eingangstür und wäre beinahe auf den glatten Ledersohlen seiner Edeltreter ausgerutscht. Dann klopfte er gegen die Tür. Erst ein Mal, dann drei Mal, dann wieder ein Mal. Es war ihr Erkennungszeichen. Keine fünf Sekunden später öffnete Christa die Tür, das heißt, lediglich ihr rotblond gefärbter Schopf erschien in dem Spalt zwischen Türblatt und Zarge. Ihr restlicher Körper wurde von der Tür verdeckt. "Komm rein, mein Hengst", hauchte sie und machte Steve Platz zum Eintreten. In viel zu enger Schwesterntracht wippte sie aufreizend vor ihm her, auf der Treppe nach oben, ohne Höschen, in den ersten Stock. Mit Sicherheit hatte sie wieder das Schlafzimmer entsprechend vorbereitet. Das konnte nur Eines heißen: kein langes Vorspiel, sondern sofort zum Wesentlichen kommen. Das war es, was er an Christa so mochte. Keine vier Tage vor dem Sex schon schön Wetter machen, damit dann auch die Stimmung nicht getrübt wurde, durch einen kleinen Streit der schon zwei Tage zurück lag. Keine hundert Kerzen und Räucherstäbchen, keinen Rotwein, der sich Regent - das erste Rendezvous schimpfte, und und und. Hier wurde gleich Tacheles geredet, beziehungsweise gemacht. Ergo ließ er sich nicht lange bitten und die beiden fielen übereinander her ... bis Christa, auf Steve reitend urplötzlich inne hielt und lauschte. Das schwere Brummen eines achtzylindrigen Fahrzeuges drang von draußen herein. "Herrje, Olaf kommt", kreischte Christa mit blankem Entsetzen im Gesicht. Ach du Scheibenkleister. Olaf. Ein großer bäriger Typ mit Händen wie Kohleschaufeln und sehr, sehr nett. Außer man riskierte einen zu langen Blick auf seine Frau. Dann konnte er sehr schnell, sehr, sehr böse werden. Steve hatte in einer Bar, in der sie öfter gemeinsam verkehren, mit bekommen, wie Olaf ausklinken konnte. Zu dritt mussten sie ihn nieder ringen, sonst hätte er wohl ein Blutbad angerichtet. Nicht auszudenken, wie er Amok laufen würde, wenn er ihn, Steve, hier vorfinden würde. Katzengleich floh Christa aus dem Bett und begann sofort alle Spuren ihres so unsanft unterbrochenen Liebeaktes zu beseitigen. Unten hörten sie schon wie sich die Haustür öffnete. Hastig streifte er sich Hose, Hemd und Schuhe über. Die Unterwäsche und Strümpfe stopfte er einfach in die Hosentasche. Mit Sakko und Mantel beladen flüchtete er sich auf den Balkon, der sich ans Schlafzimmer anschloss. "Christa, ich bin zuhause", rief von unten der tiefe Bass Olafs. "Oh, was für eine Überraschung", flötete Christa zurück, "Ich komm runter." "Bin schon auf dem Weg nach oben, mein Morgentau", tönte Olaf zurück und schwere Schritte ließen die Treppendielen knarren. Der eiskalte Wind pfiff Steve um die Ohren, während Christa die Balkontür schloss, die Vorhänge leise zuzog und ihn komplett vergaß. Er hörte Olaf das Schlafzimmer betreten, stieg über die Brüstung und hielt nach Rettung Ausschau. Sein Herz klopfte bis zum Hals und die pure Angst kroch im wie altes Motorenöl durch die kalten Glieder. Einfach springen? Gott, dafür war es zu hoch. Aber hier, links neben dem Balkon, erhob sich bis auf halbe Höhe des ersten Stockwerkes ein nur undeutlich zu erkennender großer Haufen, den er bei seiner Ankunft wegen des Schneegestöbers nicht bemerkt hatte. Egal aus was dieses Ding bestand, es war seine einzige Hoffnung um sich nicht beide Beine zu brechen. Olafs Stimme näherte sich bedrohlich dem Balkon. Steve warf sich schnell das Sakko und den Mantel über, kletterte über die Brüstung, schätze gefühlsmäßig die Entfernung und stieß sich ab. Und während sein Körper dem Sog der Gravitation folgte machte er gedanklich sein Testament und ihm schossen Bilder durch den Kopf: seine Frau, mein Gott, was hatte er getan, ihr angetan? Wo er tatsächlich doch nur sie liebte. Seine beiden Kinder. Gesund, hübsch und intelligent. Würde er sie wieder sehen? Jemals wieder in die Arme schließen können? Sein Haus, sein Auto, sein Job, all sein Geld, die berufliche Anerkennung? War es das wert gewesen? Nein. Gott verflucht, nein. Wenn er das hier tatsächlich überleben würde, wird sich vieles ändern. Das schwor er. Sich, seiner Frau, seinen Kindern. Dann schlug er auf.
Der fast einen Meter hoch liegende Schnee federte die größte Wucht seines Falles ab und Steve rappelte sich unverletzt auf. Klopfte sich den Schnee von der Kleidung und während er wieder seine Designer-Sonnenbrille aufsetzte dachte er an die letzten zehn Sekunden zurück. Kopfschüttelnd murmelte er vor sich hin: "Was einem manchmal für ein Scheiß durch den Kopf geht ..."



Eingereicht am 12. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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