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Lili ... ein Mensch

© LiLa


Lili... ja, sie ist "wirklich".. die kleine dralle Italienerin, die so aussieht, wie "Gutemiene" - die Häuptlingsfrau von Asterix.. die sooo viel in ihrem Leben erlebt hat und von Mai bis Oktober auf dem Campingplatz in Istrien in ihrem kleinen Paradies lebt.. seit VIERZIG Jahren.. schon von der Betreibergesellschaft dort geehrt wurde.. alle Nationalitäten hört man tagsüber bei ihr "schnattern"... ihre langen blonden Haare hat sie noch, pflegt sie täglich, mit über 70 Jahren. Hüllt sich in fröhlich-bunte Kleidung oder Tücher, bindet die langen, dicken Haare zu Zöpfen oder steckt sie hoch - immer noch irgendwie ganz eitel.
Italiener, Österreicher, Slowenen, Kroaten.. alles.. sie ist bekannt wie ein bunter Hund, lebt ansonsten in Triest.. im Herbst, Winter, wenn sie dort sein MUSS, um ihren jüngsten Sohn, der schon fast vierzig Jahre alt ist, jeden Tag im Krankenhaus zu besuchen..
Lilis Sohn hat Frau und 2 Kinder und ist vor einigen Jahren einfach ins Koma gefallen... mitten beim Essen mit der Familie, einfach so, der Kopf plötzlich in den Suppenteller, aus.
Seitdem liegt er wohl da, jedes Jahr betet sie, besucht ihn, hofft... hofft und weint... manchmal bei mir, ihrer "Gabriäääla", der Wohnwagennachbarin seit 5 Jahren.
Mit Händen und Füßen und dem bisserl Italienisch, was ich kann, verständigen wir uns. Lasse ich sie erzählen, auch wenn ich es schon so und so oft gehört habe.
Ja, sie tut mir Leid, ihre Lebensgeschichte schmerzt mich sehr. Im Sommer erholt sie sich von den Sorgen und Strapazen. Der älteste Sohn, ein Rechtsanwalt, kommt für die Kosten des Dauerplatzes auf. Er gönnt es seiner geliebten "Mamma", die ihn hat studieren lassen, sie beide, beide Brüder.
Lili kam - wie sie mir erzählte - aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Als junges Mädel - sie mag wohl sehr hübsch gewesen sein, man sieht es ihr heute, mit über 70 Jahren noch irgendwo an - heiratete sie einen sehr reichen Mann. Irgendwas ging schief, ich habe es nicht heraus bekommen. Sie erzählte, dass er bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Das ist schon sehr, sehr viele Jahre her. Deshalb ist sie auch immer in Sorge, wenn sie mich auf meinem Motorrad sieht und erlebt.
Die Familie hat sie wohl nie akzeptiert und so musste sie sich allein mit den beiden Söhnen durchschlagen. Ganz allein, noch ganz jung, und ganz arm.. "povere, cara gabriela… povere" - so sagte sie immer, Tränen in den Augen der Erinnerung.. arm, ganz arm.
Meine Augen werden dann auch ganz feucht. Ob ich alles verstanden habe? Sie spricht ja nur Italienisch und Kroatisch oder Slowenisch. Aber: ist das so wichtig, dass ich ALLES verstanden habe? Ist es nicht der Mensch, das Schicksal, der Versuch des Verstehens, der Abend, die laue Luft, der Espresso mit dem Grappa, die Wärme, die man sich gibt?
Wie oft hat sie mir zugehört, wenn ich mit meinen Sorgen kam oder Tränen. Irgendwie haben wir uns immer verstanden. Immer. Irgendwie.
Es machte mir so viel Freude, wenn ich einmal früher im Jahr dort war als sie, auf diesem schönen Platz - zu Ostern, wenn es dort noch oft kühl und unfreundlich ist, ihre Beete in Angriff zu nehmen und die Blätterhaufen des istrianischen Winters zusammenzuharken und zu entfernen.
Die neuen, jungen, schon durchschießenden Blüten irgendwelcher "Überraschungsblumen" - wie ich es gern nannte - zu befreien und ans Licht zu holen. Ich malte mir dann aus, wie Lili wenige Tage später, wenn ich schon längst wieder daheim sein würde, ihr kleines Hüttchen mit dem angrenzenden Wohnwagen zum ersten Mal nach dem Winter aufsuchte und in mühevoller Arbeit ihre Parzelle bepflanzen und bestellen würde. Und dann der freudige Aufschrei, wenn sie sähe, dass schon ein großer Teil der vielen Arbeit erledigt ist. "Mamma mia!" und sie würde wissen, dass ihre "Gabriääälla" hier Heinzelmännchen gespielt hat… ein wundervolles Gefühl für mich… mein Lebensgefährte hatte dies nie verstanden... all die Mühe und Arbeit, die ich mir machte. Wozu?
Die Leute aus Triest, die im Sommer Istrien überschwemmen, kennen sie alle. Lili.. die gute Seele.. sie verdient sich immer ein wenig nebenbei, indem sie den Leuten die Füße pflegt, die Fingernägel macht.
Morgens in aller Frühe - meist schlafen die Dauergäste rundherum noch, da steht sie auf.
Nimmt den kilometerlangen schweren Wasserschlauch und gießt die bunten und lieblichen Beete, die rund um ihr Quadrat wie von Zauberhand entstehen. Jedes Jahr. Und jedes Jahr anders! Und jedes Jahr irgendwie immer mehr Blumen, Blüten, kleine Kostbarkeiten.
Auch die Beete der Nachbarn werden mit gepflegt - einmal malte ich ein kleines Aquarell.. "Gutemiene" inmitten eines blühenden Märchens. Sie hat sich so sehr gefreut!
Jeden Morgen, in der Zeit, in der ich dort verweile, verfluche ich sie wegen dem Geplätschere.. dann bekomme ich aber wieder liebevolle Gedanken.. bin dankbar, dass auch unsere Blumen in Abwesenheit immer versorgt werden.. mahne mich an, ihr mal wieder ein wenig Kleingeld für ihre Mühe zuzustecken.. "Ma Gabriäääla... no no no..." - sagt sie jedes Mal, wenn ich ihr einen kleinen Geldschein in die Hand drücke.. und nimmt ihn doch.
Manchmal nistet sich wohl jemand in ihrer engen kleinen Hütte mit ein und lässt sich ein paar Tage von ihr "versorgen".. dann wird schon kurz nach dem Frühstück "geköchelt", es wird in wundervollem Operetten-italienisch geschwafelt, jede Tomate, jede Zwiebel, jede weitere Zutat eines noch so einfachen Gerichtes wird besprochen und gemeinsam seiner Verwendung, der Zubereitung zwecks Genuss, zugeführt. eine Zeremonie!
Ich gebe es zu: hin und wieder kann das ganz schön nerven, will man selbst vielleicht auf seinem Liegestuhl die Sonne in Ruhe aufsaugen. Aber dann sage ich mir einfach: "Wundervoll! Wie wundervoll, dass es so was gibt! Wie schön, diese Sprache zu hören - ja: auch vieles davon zu verstehen, schmunzeln zu können über diese einfachen, menschlichen Dinge, die da so salbungsvoll besprochen werden!"
Ich LIEBE meine kleine Lili, den drallen italienischen Rohrspatz!
Vergangenes Jahr wurden die Preise auf dem Campingplatz erhöht. Drastisch. Jeder, der im Laufe der vielen Jahre sein "Quadrat" verschönert, verfeinert, verbaut, angebaut hat, muss mehr zahlen.
Dieses Geld hat Lili nicht aufbringen können, von ihrem Sohn wollte sie nicht so viel verlangen.
Die neue Betreibergesellschaft kannte kein Erbarmen, keine Ausnahme.
Lili musste zahlen - oder die kleine Hütte, die sie noch mit Genehmigung der alten Betreiber an ihren Wohnwagen angebaut hatte, entfernen.
Entfernen. Das sah so aus, dass ein großes Gefährt kam, die Hütte aus der Verankerung riss und sie auf einen Lastwagen hievte. Was blieb, war ein unschönes Loch in ihrem kleinen Vorgarten.
Wir standen alle drumherum. Alle Nachbarn - in so vielen Jahren in Gemeinschaft gewachsen. Hilflos, traurig. Alle Vermittlungsversuche mit der kroatischen Obrigkeit waren gescheitert.
Es regnete. Es regnete so sehr, dass das Bild, was sich bot, einem förmlich einen Pfeil ins Herz bohrte. Alle Gegenstände und Habseligkeiten unserer Lili standen vor dem Loch, was die abtransportierte Hütte hinterließ, wurden nass.
Heinz fotografierte das Ganze, seine Frau stand da, ihre Hand vor dem Mund, fassungslos. Vierzig Jahre - die Regel kannte keine Ausnahme.
Lili weinte. Stand am Rande und konnte die Welt, ihre Welt nicht mehr verstehen.
Ich ging zu ihr hin, nahm sie in den Arm, sprach zu ihr: "Mia cara… meine Liebe. mia cara Lili…" und weinte mit ihr. Hielt sie ganz fest in meinen Armen, drückte sie, streichelte ihr blondes Haar, ihre Tränen und küsste ihr nasses Gesicht. Was sollte ich nur tun, sagen, in diesem Moment…?
Eine neue Saison beginnt, übermorgen fahre ich wieder hin, nach Istrien auf den Campingplatz.
Ich vergehe vor Freude! Habe gehört, dass Lili schon da ist, man hat ihr einen neuen Wohnwagen zur Verfügung gestellt, es geht ihr soweit gut.
Ich freue mich.. freue mich, wenn sie mir entgegenkommt, ich vom Motorrad absteige und sie umarme und sie mir wieder ins Ohr quäkt: "Gabriäääla! Ma bella! Come sta?!"
Und dann werde ich mir die neuesten italienischen Geschichten anhören.. bei einem guten Essen und Wein.. Espresso, Grappa und sicher werden wir wieder die ein oder anderen Tränen vergießen.. denn sie hat ihre Hütte verloren.. und ich meine Liebe.
Aber was macht das, wenn man sich "hat"? Das Leben geht weiter. Das Leben ist so bunt!



Eingereicht am 12. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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