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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Apfelblütenblätter und Schneeflocken …

© LiLa


… fielen an diesem Maisonntag sanft auf die Windschutzscheibe ihres Wagens, wurden von den Scheibenwischern hin- und hergeschoben und zu einem weißen Brei verarbeitet.
Muttertag. Mittag. Mittagessen. Andere Mütter. Andere Mütter gehen am Muttertag zum Mittagessen. Mit ihren Kindern, mit ihren Ehemännern. Das kam ihr so in den Kopf.
Schon wieder so ne elende Gedankenkette, die sich aufdrängen wollte. "Gedanken kommen und gehen - da kann man doch nix machen. Nur nicht schon wieder davon in den Keller ziehen lassen. Reiß dich zusammen und tu was dagegen!", dachte sie ganz bewusst. "Verdammt noch mal, irgendwann musst du das doch lernen - loslassen! Loslassen!"
Als wenn das so einfach wäre wie ein Licht an- und ausknipsen. Die Leute reden sich's leicht! "Loslassen" - aber WIE? Wie lässt man denn etwas im Leben los? Keine alte Couch, die man durch eine neue, schöne ersetzen kann. Nein: Erlebnisse, Verletzungen, Erinnerungen. Steckt man die in einen Sack und ab auf den Sperrmüll? Oder in einen Luftballon und tschüss? "Loslassen" - das Zauberwort von Therapeuten, Freunden, Hobbypsychologen. In nahezu jedem Ratgeber wird darüber geschrieben. Aber über das Wie? Oder ist es Sinn und Zweck eines Lebensweges, dies für sich selbst herauszufinden? Keine Ahnung; darüber hatte sie sich schon tausendmal den Kopf zerbrochen, keine befriedigende Lösung gefunden. Also musste man/frau was tun! Irgend so ein Mechanismus wird sich doch finden lassen, der einem die düsteren Wolken rund ums Hirn vertreibt!
Ganz allein fuhr sie an diesem Sonntag, am Muttertag in Richtung See. Um dort mit einem alten Freund einen Museumsbummel zu machen. Etwas für die Kulturschublade in uns zu tun - wie Manfred zu sagen pflegte. Auch gut. Manfred war ein liebenswerter und gebildeter Freund, der Nachmittag mit ihm würde sicher sehr interessant und es gab mit ihm auch immer viel zu lachen.
Ihre Mama hatte sie schon angerufen und pflichtbewusst ihre Glückwünsche zu diesem Ehrentag überbracht, die Jüngste hatte ihr in aller Frühe schon eine liebe SMS geschickt, na, die Große schläft sicher noch und wird sich schon melden.
Ist ja nicht so wichtig, wir telefonieren ja sonst sehr viel. Oder schicken E-Mails.
Hm, wie anders ist dieser Muttertag als der im vergangenen Jahr. Na ja, der letzte Muttertag war ja schon auch etwas "anders". Und der davor auch. Und die beiden davor.
Nach der Scheidung gab es inzwischen ja schon ein paar von diesen "anderen Muttertagen" - ohne den Ehemann, aber mit den beiden Mädels und einem neuen Partner, dann den ersten ohne die älteste Tochter, die schon früh ihre eigenen Wege suchte.
Nun gab es eben einen ohne alle. Einen, an dem man wehmütig sein konnte - oder den man auch als Beginn einer neuen, einer eigenen Zeit nach vielen Jahren in der Familie betrachten durfte. Da hatte sie ja eigentlich die Wahl!
Ablenken - kam es ihr in den Sinn. Einfach immer wieder ablenken und die alten Bilder gegen schöne neue Bilder ersetzen! Auf den See schauen, an dessen Ufer sie nun entlang fuhr, die Schönheiten sehen, die Sonnenstrahlen, die hin und wieder das verrückte Treiben des Wetters unterbrachen und auf den See leuchteten.
Radio an. "Ich mach jetzt einfach das Radio an. Ganz laut! Stört ja keinen hier!" sprach sie zu sich selbst und schon drückte der Zeigefinger ihrer rechten Hand auf den Knopf. Musik war schon immer etwas, was sie mitnahm - so oder so. Musik kann ja so intensiv sein. Kann einen auch ganz prima motivieren!
"I still got sand in my shoes" klang es von Dido zuerst aus dem kleinen Kasten im Armaturenbrett. Ja, Sand in den Schuhen. Das kann man wohl so sagen. Das hatte sie auch noch. Den Sand von dem schönen Campingplatz am Meer, wo sie die letzten Jahre oft und gern mit "ihm" glückliche und fröhliche Zeiten verbracht hatte. Wie sehr hatte sie geweint, als von Trennung die Rede war im vergangenen Jahr, und die letzten Aufräumarbeiten im Wohnwagen vor der Winterpause "abgewickelt" werden mussten. "Abgewickelt" wie auf einmal die ganze Beziehung von ihm abgewickelt wurde. Einfach so. WEG mit diesen Gedanken… DAS war ja nun wirklich gegessen. Darüber zu sinnieren brachte nichts mehr.
Aber dennoch: sehr geweint hatte sie. All die Sachen einpacken, auseinanderdividieren, die man jahrelang zusammengetragen hatte. Die netten Campingnachbarn, die man vielleicht nicht mehr wieder sehen würde. Nein, dass könnte sie nicht ertragen, hier wieder herzukommen. All die Erinnerungen. Nein. Nein. Das konnte sie sich damals einfach nicht mehr vorstellen.
Damals. Inzwischen hatte sich viel getan, geändert. Gott sei Dank! Aus Vergangenem lernen, nicht stehen bleiben, immer weniger zurück blicken. Ändern kannst du eh nichts, also "Augen zu und durch"? Nein, das war auch nicht der Weg. Augen aufmachen, alles aufnehmen was einem begegnet und neue Schlüsse daraus ziehen. Eigene Wohnung, eigenes Leben, neue Perspektiven. Menschen, die plötzlich auf sie zu kamen, sie stärkten, bestärkten. Viele neue Menschen, viele neue Erfahrungen. Und die Erkenntnis: je mehr sie sich dem Leben zuwandte und positiv in die Zukunft blickte, sich freute über ihre Unabhängigkeit und neu gewonnene Lebenslust, desto mehr Menschen fühlten sich angezogen, hingezogen und es gaben sich interessante und auch sehr warme Momente und Begegnungen.
Sicher, etwas fehlte. Obwohl für alle Gelegenheiten und Bedürfnisse immer wieder jemand da war, zur Verfügung stand - wenn sie nur wollte… es blieb dabei: etwas fehlte hin und wieder ganz gewaltig!
Die Vertrautheit mit einem Partner, mit dem man seine liebevollen Gefühle teilen konnte, kuscheln auf der Couch mit einem Glas Rotwein, Gespräche, innige Gesten, ein T-Shirt, in das man auch mal hineinweinen durfte - einfach so.. ohne etwas sagen zu müssen oder gefragt zu werden. Achja… das und noch einiges mehr…
Aber sie wollte sich bewusst nicht gleich wieder auf eine Beziehung festlegen, wenn die alten Wunden noch nicht verheilt sind. Nicht schon wieder eine neue Partnerschaft mit den negativen Gefühlen, den "Altlasten", angehen. Nein, diesmal nicht. Diesmal erst einmal auf sich selber schauen und sich selber "aushalten" lernen. Alles andere würde sich dann schon zeigen. Diesmal die Lektion richtig lernen.
"I walk this empty street on the Boulevard of Broken Dreams" - eines ihrer Lieblings-Rocksongs von "Green Day". So richtig schön fetzig. Radio laut! Die Bässe brummten unter den Füssen, die hart geschlagene Gitarre war so richtig… so richtig "geil".
"Scheiß was auf die zerbrochenen Träume! Dann bastele ich mir neue Träume! Schönere Träume, besser, interessanter…" schoss es ihr in den Kopf. In der "Lebensmitte" angekommen zu sein, heißt noch lange nicht, zum alten Eisen zu gehören. Im Gegenteil, jetzt fängt der Spaß erst an!
"Genau", dachte sie sich. "Warum soll ich mir selbst durch meine dummen Gedanken das Leben schwer machen und auf die Dinge verzichten, die ich so gern gemacht habe? Tu ich nicht!" Und sie begann sofort, noch fröhlich rockend und wippend hinter dem Steuer, ihre Gedanken zu vertreiben und malte sich den Urlaub aus, den sie bald auf dem Campingplatz am Meer verbringen würde. Dann eben ein anderes Quartier dort beziehen! Warum nicht?
Und ALLEIN wollte sie fahren, mit ihrem über allem geliebten Motorrad. Jawohl! Allein über Alpen, Dolomiten, die ganze Strecke hinunter.
Die Freunde hatten ihr den ganzen Winter über geschrieben, gemailt, ihr die Stange gehalten, sie getröstet und bestärkt - warum also nicht wieder im Kreis dieser Lieben das Leben genießen.. und die Vorfreude kroch mehr und mehr in ihr hoch.
Ach, wie schön, wenn Hans und Brigitte nebenan auch da wären! Toni und Christl waren ja schon unten.. Susanne aus Österreich kommt ja auch schon ne ganze Weile allein. Die Müllers haben sie ja bereits im Voraus zum Essen eingeladen zu Pfingsten. Und meine liebe kleine dicke italienische "Mamma Lili" von gegenüber, die immer alle Blumen rundherum versorgte, wenn die anderen nicht da waren. Morgens um sieben mit schönster Regelmäßigkeit mit dem Wasserschlauch über die Beete plätscherte und die Parzellen rundherum in kleine blühende Paradiese verwandelte. Daher ward ihr das Geplatsche in der Früh auch von allen gnädig verziehen.
Klein und stämmig - in ihrem Alter von über siebzig immer noch eitel die langen, blonden Haare täglich pflegend… diese Ähnlichkeit mit der Frau des Häuptlings aus Asterix "Gute-Miene" - lustig wars immer. Mit Händen und Füssen sich verständigen und beim gemeinsamen voluminösen italienischen Menu sich einfach nur verstehen.
Sie hörte sie in diesem Moment im Geiste schon bei ihrer Ankunft über den Platz rufen: "Gabriäääla! Come sta? Ma bellla Gabriäääla!" und die Tränen der Wiedersehensfreude würden ihr über die runden roten Wangen laufen.
Sie mochten sich und Lili war schon letztes Jahr sehr enttäuscht über die plötzliche Trennung... schimpfte oft wie ein kleiner, draller, italienischer Rohrspatz. Wie konnte dieser böse, böse denn "ihrer" Gabriäääla so was antun…
Schon bald würde sich ihre Ankunft rumsprechen und all die anderen zur Begrüßung herüber eilen. Die ersten Schnäpse würden getrunken werden auf eine schöne und lustige Zeit.
Sie freute sich nun auch schon ganz gewaltig auf die entzückende kleine Hafenstadt. Es gab ja kaum einen Laden, ein Eiscafe, ein Restaurant, das sie nicht kannte. Nico würde schon von weitem winken und breit und freudig grinsen, wenn sie mit ihrem Motorrad seine Eisdiele ansteuerte und umgehend einen frischen, heißen Cappucino aus der Maschine lassen. Und erst Toni, der Charmeur. Sie immer umgarnend, wenn sie abends in seinem Restaurant bei ihm gegessen hatten. Immer ihre Blicke suchend, weil er ihre grünen Augen ja so schön fand.
Und dann die schönen Touren in der Umgebung! Auch endlich mal nach ihrem eigenen "Gusto" den Tag verleben. Ohne dass jemand an ihrer Schürze hing. Stundenlang auf der kleinen Insel gegenüber hocken und übers Meer schauen, den Schiffen nach, jeden Sonnenstrahl aufsaugend. Auftanken. Keine Uhr, keine Eile, keine Zwänge.
JA, genau! DAS würde sie machen! Genau
das! Und allein, ganz allein. Das erste Mal nach über 20 Jahren. Und herrlich würde es sein. Sie wusste es jetzt schon ganz genau und dabei fühlte sie schon ihr Herz jubeln!
Und sie würde nichts vermissen. Nichts!
Einfach zufrieden sein, Frieden haben und genießen!
Neue Träume träumen… loslassen.



Eingereicht am 08. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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