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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Uhr "Pavel Bure" und der bunte Pfau "Pascha"

© D. Davies


Seinen sechsten Geburtstag feierte der kleine Gena mit seiner Tante Anna. Es war eine prächtige Feier: es gab Tee, Kondensmilch und Zucker. Viel Zucker! Und natürlich Brot, schwarzes Brot, versteht sich. Gena freute sich unwahrscheinlich darüber, da es nicht jeden Tag so viel zu essen gab wie an diesem Tag. Tante Anna, die tagsüber in einem Kindergarten arbeitete, brachte alles von einem nahliegenden Markt mit.
Es war eine neue Wohnung im Marktviertel, in der Gena mit seiner Tante wohnte, denn in der alten Wohnung lag eine deutsche Bombe. Ja, eine Bombe. Sie fiel, wie all die anderen Bomben auf die Altstadt Leningrads. Sie war durch mehrere Stockwerke gebrochen und nicht explodiert. Eigentlich war sie auch für Gena bestimmt gewesen - aber das Schicksal geht manchmal so seltsame Wege. Nun war die Bombe zwar bereits entschärft, aber sie lag immer noch da - die Entschärfer hatten in diesen Tagen sehr viel zu tun.
Nach dem Essen ging Gena ins Bett und fragte seine Tante, ob er vor dem Zubettgehen noch kurz die Uhr anschauen dürfte. Er fragte jeden Abend danach, denn die Uhr war so ziemlich sein einziges Spielzeug. - Gut, er hatte noch die Eisenstange aus dem Hof, und es ließ sich auch sehr bequem darauf reiten, aber eigentlich war sie ein bisschen zu schwer und man konnte sie nicht bestaunen. - Ganz anders war es mit dieser seltenen Uhr, sie war nämlich eine "Pavel Bure", eine Markenuhr aus der bekannten und von einem Deutschen gegründeten Petersburger Fabrik.
Tante Anna erzählte, dass in alten Zeiten im alten Petersburg dreißigtausend Deutsche lebten, aber Gena konnte sich nicht genau vorstellen, wie viele das sind dreißigtausend. Er konnte aber schon bis zehn zählen und dachte sich, dass das ziemlich viel sein muss: dreißigtausend Deutsche. Mehr als viel! Denn man bekam schon bei einem Deutschen so viel Angst - und bei so vielen?! - Was wäre wenn die wieder kämen und auch auf unsere neue Wohnung eine Bombe werfen würden?!
Dieser Deutsche, namens Pavel Bure, war aber bestimmt nicht der gleiche, wie der, der die Bombe für Gena machte! Es war ein guter, ein ‚Petersburger Deutscher'. Wie hätte er sonst eine so schöne Uhr machen können?
Tante Anna erzählte, dass die Uhr von seinem Vater stamme und dass sein Vater eines Tages vom Krieg zurückkäme, und diese Uhr wieder trage - und auch die Mutter hatte ihm immer erzählt, wie die Zeit vergehe. Tante - Anna wusste aber, dass die beiden nie mehr zurückkommen würden. Bereits vor zwei Jahren hatte sie eine Todesbescheinigung von Genas Vater erhalten; sie war dabei gewesen, als seine Mutter, Tante Anna's Schwester, mit ihren zwei kleinen Kindern während der Evakuierung in den ersten Monaten des Krieges vor Kälte gestorben war. Gena wusste das damals lange Zeit nicht.
Er bewunderte weiter das Feinwerk der Uhr "Pavel Bure".
Sie war für die Hosentasche gearbeitet und hatte eine glitzernde Silberkette. Viele kleine Zeiger zeigten wie die Bogenpfeile in unterschiedliche Richtungen. Gena konnte die Zeit noch nicht lesen, aber er merkte sich die Position der Zeiger bei vier Uhr. Es bedeutete, dass seine Tante wieder nach Hause kam und, dass es Essen gab. Essen! Der verführerische "Essen-Gedanke" lenkte Gena von der Uhrbetrachtung ab, er wand sich vom alten Kamin ab und entschied, nochmals eine Scheibe Brot zu essen. Dann kehrte er wieder zurück und schaute den Engel auf der Uhremalie genau an. Diese Bildzier war etwas verkrazt, aber sie glänzte immer noch in vielen Farben. Des Engels Flügel waren wie die Federn jenes Pfaus, den Gena in seinem einzigen Bilderbuch täglich bewunderte und den er auf den Namen "Pascha" taufte. Komisch, dachte er, dass man auf der Straße nie einen Pfau sieht.
Er wusste nicht, dass es nicht nur keinen Pfau zu sehen gab, sondern auch keine Taube und keine anderen Stadtvögel, denn sie dienten den Menschen in der belagerten Stadt - zusammen mit den anderen Tieren, den Katzen und Hunden - als Nahrung. Auch die Ratten!
Er ging ins Bett und schlief sehr schnell ein. Man kann niemals genau sagen, wovon man so im Schlaf träumt, aber Gena wusste es genau: von einem schönen Pfau und von seinem Vater, der bald wieder zu Hause war und stolz die Uhr "Pavel Bure" trug.
Ein Paar Tage später klingelte es an der Tür. Gena ging zur Tür, und fragte, wer da sei.
"Das bin ich, eine Freundin deiner Mutter", antwortete eine Unbekannte.
"Meine Mutter ist im Urlaub", sagte Gena.
"Und mit wem wohnst du hier?", fragte Stimme.
"Mit Tante Anna, aber sie ist jetzt im Kindergarten", erwiderte Junge.
"Natürlich! Ich komme mit einer Botschaft von deiner Tante Anna aus dem Kindergarten. Öffne die Tür."
Gena öffnete die Tür und sah eine sehr bunt gekleidete Frau mit einem Kopftuch. Was für Farben, dachte sich der Junge. "Wie Pascha! Sind Sie ein Pfau ‚Pascha'?" - fragte er.
"Pfau Pascha? Unsinn, ich arbeite mit deiner Tante zusammen", sagte die Frau ungeduldig und marschierte herein. - In Wirklichkeit war das eine Zigeunerin, eine von jenen Zigeunern, die nach dem Krieg zu den Stadtbewohnern zählten und nicht selten ein schmutziges Geschäft betrieben. - "Deine Tante bat mich ein Paar Kleider zu ihr in den Kindergarten zu bringen!"
"Natürlich", sagte Gena und zack war die Frau schon am Kleiderschrank und wühlte in den Schuhbladen. "Und was machst du so?", fragte sie nebenbei, vertieft in ihre Suche.
"Ich gehe bald in die Schule und zu Hause höre ich Radio und spiele Soldat, wie mein Vater!", sagte der Junge brav.
"Guter Junge", murmelte die Frau, während sie aufmerksam und konzentriert die ärmliche Einrichtung betrachtete. "Deine Tante wird sehr stolz auf dich sein."
Als die Frau weg war, rannte der Junge zum Kamin, um auf die Position der Zeiger zu gucken, denn er konnte kaum erwarten, dass seine Tante um vier Uhr nach Hause käme und stolz auf ihn wäre.
Doch er konnte die Zeit nicht erfahren, denn die Uhr war weg, genau wie die Frau in den bunten Kleidern.
‚Das ist aber komisch', dachte sich Gena, wieso brauchte Tante Anna im Kindergarten plötzlich die Uhr? ‚Na ja, sie wird bald kommen und es erklären!'
Es bleibt wohl für immer ein Geheimnis, ob die Tante Anna an jenem Tag pünktlich daheim war, denn die von der Zigeunerin entwendete Uhr "Pavel Bure" war die einzige Uhr in diesem Hause.
Am nächsten Tag sah Gena vor dem Fenster einen Vogel. Es war aber nur ein ganz kleiner Vogel, und lange nicht so schön wie der im Buch. Da er aber noch nie einen gesehen hatte, schrie er begeistert aus dem Fenster zeigend: "Ein Pfau! Ein Pfau ‚Pascha'!"
Und ein Alter auf der Straße brummte herauf: "Das ist ein Spatz, du kleiner Dummkopf", und hinkte weiter.
***
Etwa fünfundvierzig Jahre später brach das Imperium zusammen, das Land stand am Rande eines Bürgerkriegs, das Geld wurde über Nacht wertloses Papier und es kam wieder der Schatten des Hungers über jede Wohnung und jede Familie. Mehrere Monate lang gab es in den Geschäften gar nichts mehr zu kaufen. Es war sehr furchtbar.
Da Gena längst erwachsen geworden war und eine eigene Familie hatte, fing er wie Millionen Anderer an Vorräte anzulegen, denn, wenn man ein Mal im Leben richtigen Hunger erlebt hat, dann vergisst man das nie.
In dieser unvergesslichen Zeit kamen sehr viele Essenspakete aus vielen Ländern: USA, Kanada, Spanien, … Man nannte sie damals ‚humanitäre Hilfe', und Gena bekam von einem speziell dazu bestimmten Verteiler auch ein Essenspaket.
Sein Paket kam aus Deutschland. Es waren viele leckere Sachen drin: Fleischkonserven, Kaffee, Crackers und Schokolade - und auf einer Schokoladentafel war ein bunter Pfau.
Das war wie ein Geburtstag!
Nur die schöne Uhr "Pavel Bure" war leider nicht dabei, da die Sendung nicht vom gleichen Deutschen, jenem "Petersburger Deutschen" kam.



Eingereicht am 08. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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