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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

In die Nacht

© Felix Clervaux


Ich sehe auf die Uhr. Es ist kurz nach elf; abends.
Ich bin nicht müde.
Obwohl es nur um null Grad ist, habe ich das Schlafzimmerfenster in Kippstellung, und es weht ein leicht frostiger Wind zu mir herein.
Ich höre die wenigen Autos, die rumpelnd über das Kopfsteinpflaster der jenseits der Hofmauer liegenden Straße fahren. Ich bin nicht müde.
Ich beschließe, hinaus zu gehen.
Doch einen Spaziergang würde ich es nicht nennen.
Spazieren gehen hört sich nach positiver Stimmung an.
In der bin ich aber nicht. Ich bin ruhig, auch ohne Tränen, aber nicht in positiver Stimmung.
Ich möchte durch die Nacht gehen. Einfach so. Ohne Ziel. Von diesem Platz fort. Und dann irgendwann wieder zurück.
Wenn ich das bisher getan habe, gab es immer einen unbestimmten Punkt, an dem ich mich einfach ganz plötzlich entschied, kehrt zu machen. Um dann, zumeist auf einem alternativen Weg, wieder nach Hause zu gehen.
Ich weiß nicht, was den Ausschlag gibt dafür, wo ich meinen mich von meinem Zuhause entfernenden Weg beschließe zu beenden und zurückgehe.
Es ist einfach der Gedanke: jetzt.
Nicht anderes. Keine Kälte, kein Niederschlag, keine Ermüdungen. Auch nicht das Gefühl, wieder schnell in meinen eigenen vier Wänden sein zu wollen. Dass etwas, jemand auf mich warten könnte.
Einfach der Gedanke: jetzt.
Ich stehe vom Schreibtisch auf, wo ich - wie üblich - nur in T-Shirt, Unterhose und Socken sitze. Zwar habe ich so etwas, was man vielleicht landläufig Hauskleidung nennt: eine leichte Hose, einen Jogginganzug, selbst einen Kaftan, den mir ein Freund mal aus Marokko mitgebracht hat. Aber all das ziehe ich nie an.
Ich komme von der Arbeit in meine Wohnung und ziehe mich nur aus.
Auf dem roten Sessel mir gegenüber liegen Kleidungsstücke, die ich in den letzten Tagen am Tage getragen habe: Hosen, Hemden. Ich lege sie immer dorthin.
Um sie entweder morgen, vielleicht übermorgen noch einmal zu benutzen oder sie doch nur in einem spontanen Anfall von Ordnungswut kurzfristig in die Waschmaschine zu stecken.
Sie sind meist nicht verschwitzt, nur im Sommer vielleicht, aber da ich sie sehr achtlos dort liegen lasse, oft zu zerknittert, um sie einfach wieder anzuziehen. Und bereits getragene Hemden bügele ich nicht.
Die Hosen ziehe ich jedoch bisweilen eine ganze Woche an. Sie sind ja nie wirklich verschwitzt oder zerknittert.
In der Nacht ist das allerdings mit den Hemden anders.
Ich kümmere mich nicht um ihren Zustand. Auch nicht darum, was ich überhaupt am Leib habe und wie es aussieht. Das ist mir nur am Tage wichtig.
Ich entscheide mich nüchtern für das, was am besten wärmt und nehme heute das rotschwarzkarierte mit den langen Ärmeln und die Kapuzenjacke aus Sweatshirtstoff. Und die schwarze Hose, welche ich schon tagsüber trug.
Ich ziehe alles an.
In der Küche liegen Handschuhe und eine Wollmütze auf dem Fensterbrett. Ich habe keinen Flur. Direkt hinter der Wohnungstür befindet sich gleich die Küche, die somit eine Doppelfunktion erfüllen muss.
Und so liegen unter jenem Fenster Schlüssel, Kaugummis, ungeöffnete Post, Werbeblätter und auch das, was man Accessoires nennt.
Oder gibt es für Mütze und Handschuhe noch einen anderen Oberbegriff?
Mir fällt jedenfalls keiner ein.
Ich stopfe meine Haare unter die Mütze und ziehe sie mir hinten ganz tief in den Nacken hinunter. Und natürlich über beide Ohren. Die frieren bei mir als aller erstes. Die Handschuhe ziehe ich noch nicht an.
Erst die Schuhe. Die schwarzen.
Dann vergewissere ich mich, ob mein Walkman in der Jackentasche steckt.
Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und öffne eine der Schubladen, in der ich meine Kassetten aufbewahre. In jeder Hülle steckt auch ein selbst gemachtes Coverblatt, auf dem eine Eigenkreation von Titel steht.
Ich stelle mir Kassetten immer selbst zusammen, für jede Stimmung gibt es irgendetwas. Und der Titel ist dann natürlich auch bezeichnend für das Aufgenommene.
Ich überfliege die Titel und wähle "Lieder von Hoffnung und Verzweiflung". Das scheint mir passend.
Für die Nacht. Und für meine Stimmung.
Ich nehme das Gerät aus der Jacke und entferne die zuletzt gehörte Kassette, lege sie auf das Fensterbrett und schiebe "Lieder von Hoffnung und Verzweiflung" ein. Dann ziehe ich die Jacke an, stecke mir die Ohrstöpsel so fest es geht unter der Mütze in die Ohren.
So verlasse ich die Wohnung.
Vor dem Haus drücke ich auf die Starttaste des Walkman und ziehe meine Handschuhe an.
Und gehe in die Nacht.



Eingereicht am 07. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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