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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Joanas Welt

© Elke Link


Joana saß gedankenverloren vor der großen weißen Tür, die sich bis jetzt noch nicht öffnete.
Sie saß schon eine ganze Weile hier auf diesem ebenfalls sterilen weißen Stuhl, der ihr unbehaglich war. Sie war die einzige Patientin, die jetzt noch, spätnachmittags, hier auf den Professor wartete. Nein, sie wartete nicht auf den Professor, "man" wartete auf sie. Sie wäre niemals freiwillig hierhin gegangen, wenn Mutter es nicht unbedingt verlangt hätte.
Ihre Hände verkrampften sich in ihr Taschentuch, sie versuchte sich immer wieder den Schweiß abzuwischen, der sich unwillkürlich und unbeabsichtigt bildete.
Ihr Blick haftete auf der Tür, die sich einfach nicht öffnete.
"Was soll ich hier?", war ein kurzer widerspenstiger Gedanke, der "ihre Welt" streifte.
Es gingen Hunderte von Gesprächen voraus, die sie mit ihrer Mutter geführt hatte. Mutter wollte, aber konnte sie wohl nicht verstehen und bekam jedes Mal rote Flecken und einen schrecklich traurigen Blick, wenn dieses Thema, "ihr" Thema, immer wieder "auf den Tisch" kam.
Wie glücklich wäre Joana gewesen, hätte es einen Menschen gegeben, der sich für "ihre Welt" interessiert und ihr zugehört hätte.
Aber sie lebte alleine mit ihrer Mutter, einen Vater hatte es nie gegeben. Und Geschwister konnte sich Mutter, damals, als Alleinerziehende, als Joana noch klein war, "nicht leisten".
Wenn Joana einen Menschen auf dieser Welt liebte, dann war es ihre Mutter. Joana hatte nur einen einzigen Wunsch: sie fieberte dem Moment entgegen, wo Mutter sie verstehen und sie wieder froh und unbeschwert in die Arme nehmen würde.
Joana wünschte sich nichts MEHR, als dass Mutter sie nicht als KRANK abstempeln würde, sondern DAS verstehen könnte, was sie ihr mitteilen wollte - DAS, was die meisten Menschen noch nicht in der Lage waren, zu verstehen.
Der verträumte Ausdruck ihrer Augen verriet Zufriedenheit. Joana träumte.
Und sie merkte gar nicht, wie gut es ihr tat, dass der Professor immer noch nicht diese gottverdammte Türe öffnete. Sie war in ihren Gedanken - zurück …
Sie schwebte an der Decke der Intensivstation und betrachtete ihren leblosen Körper, der ihr zwar vertraut, aber trotzdem irgendwie fremd vorkam. Sie betrachtete sich, dort unten, ihr Gesicht, ihre reine Haut, sie entdeckte das Rouge, welches sie sich kurz vorher aufs Gesicht gepudert hatte, ihre Augenwimpern, die sie noch kurz vorher, im Bistro, nachgetuscht hatte, sie sah ihre Hände, mit den kurzen Fingernägeln, die sie sich gerne länger gewünscht hätte, sie erkannte den Ring an ihrem Finger, einen billigen Freundschaftsring, den ihr Christian noch am letzten Wochenende schenkte. Sie bemerkte ihre Blässe, die ihr - wie Marmor - vorkam. Joana bemerkte das Lächeln um ihren Mund, und sie wusste warum, WARUM ihr Mund, ihr lebloser Mund lächelte. Ihre Augen hatte sie gesehen … die Zukunft …
Sie befand sich in einem langen Tunnel, einem Tunnel, der einem entfernten Ziel entgegenführte, ein Ziel, welches anfangs nur stecknadelgroß ein Licht erahnen ließ, welches immer größer werdend, sich wie ein Magnet verhielt, sich unentbehrlich machte und nur ein einziges Ziel zu haben schien, Joana zu "verschlingen". Joana war ohnmächtig sich dagegen zu wehren, denn dieser Reiz, diese Gier, diese Unbedingtheit dieses Ziel, dieses wahnsinnig wohltuende Licht zu erreichen, lähmte sie. Sie ließ sich mitreißen, mitreißen … Sie begegnete Freunden, Verwandten, Menschen, die ihr zuwinkten, Menschen, deren reiner Anblick ihr ungeheuerliches Wohlbehagen brachte. Und es war so angenehm warm, so ruhig und glückselig - alles.
Und alles Irdische verlor an Gewicht. Es interessierte sie überhaupt nicht mehr. Auch Mutter schien ihr weit entfernt. Joana ahnte, dass dies etwas Himmlisches sein musste. Es konnte nicht sein, dass es nur ein Traum sei.
"Oh Gott, nein, lass es nicht nur ein Traum sein", entfuhr es ihr, als der Professor sie am Arm rüttelte, ihr in die Augen schaute und sie ohne ein Wort zu sprechen in sein Behandlungszimmer führte ...
Seine Augen verrieten ihr seine Gedanken.
Und seine Gedanken gefielen ihr nicht.
"Sein Bestes wolle er geben" - waren nur leere Worte, mit der er Joanas Mutter beruhigen wollte. Joana wusste es besser. Der Professor wollte sie in die Psychiatrie einweisen. Er hatte schon ein Zimmer für sie bereitstellen lassen.
Sie konnte mancher Leute Gedanken lesen. Seit vor ein paar Tagen - als sie mit Christian - verunglückte, und nur für einen kurzen Moment in den Himmel schauen konnte.
Christian hatte es "gepackt".
Wie gerne wäre sie ihm damals gefolgt. Er hatte ihr noch ein letztes Mal zugewinkt, ihre Finger berührten einander und ließen sich schließlich los, ihre Augen wollten sich nicht von einander trennen, aber plötzlich hörte sie die Stimme ihrer Mutter: "Joana - ich brauche Dich, Joana, mein Leben."
Viel zu gerne wollte sie Christian folgen - denn die Wärme und die ALLES versprechende Atmosphäre, die das Licht, welches Christian umhüllte, wollte sie verleiten, dem Leben gerne "Adieu" zu sagen.
Doch Mutter … unten neben ihrer menschlichen Hülle stehend … erstickte fast an ihren Tränen.
"Joana …"
Joana saß gottverloren auf der schmalen Pritsche, mit der sterilen Papierabdeckung. Sie hatte den Kopf gesenkt, als sei sie von der Welt verstoßen und wäre bereit alles, aber auch wirklich alles, zu ertragen. Sie wusste, was der Professor mit ihr vorhatte, sie wusste, dass "dies hier" für sie die Endstation war. Und dennoch freute sie sich …
… ENDLICH ohne Störenfriede, ohne verständnislose Menschen, ohne Besserwisser, ihren Gedanken nachhängen zu können - endlich in die wunderbare Welt, die sich ihr - wenn auch nur für einen kurzen Moment - der ihr aber für ihr Leben genügte - einzutauchen.
Nur schade … dass Mutter nicht mitkommt!



Eingereicht am 26. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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