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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Liebe ist ...

© Frank Moné


Als Mark mit 27 Jahren die 24-jährige Sabine kennen lernte war er sicher, die Frau fürs Leben gefunden zu haben. Sie verstanden sich hervorragend und ergänzten sich in vielen Dingen. Wenn sie sich gemeinsam einen Sonnenaufgang anschauten und Sabine ihre Gefühle darüber ausdrücken wollte, fing sie einen Satz an und er war in der Lage ihn so zu beenden, wie Sabine es getan hätte. Sie liebte es zu wissen, dass er zuhörte, ihre Gedankengänge verstand. Mark war im siebten Himmel. Zwei Jahre später bekamen sie ihr erstes Kind, Felitia, und wieder zwei Jahre später kam Thomas zur Welt. Der Himmel auf Erden. Mark verdiente genug, sodass Sabine zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern konnte. Sogar für die monatlichen Raten zur Abzahlung des kleinen Häuschens am Stadtrand reichte es. Und jeden Tag dankten sie Gott für alles und im Besonderen, dass er den Menschen die Liebe und das Glück schenkte. Besser konnte es nicht mehr werden, dachten sich Sabine und Mark. Und sie sollten Recht behalten.
Es war Freitagabends, schon nach 21 Uhr, als Mark Sabine vom Büro aus anrief und sie bat, ihn abzuholen. so musste er nicht mehr bis zur U-Bahn laufen und an der Haltestelle noch auf den Bus warten. Also packte Sabine die beiden Kinder ins Auto, alleine lassen konnte sie sie ja nicht, und machte sich auf den Weg.
Doch statt seiner Familie kamen zwei Polizeibeamte zu Marks Arbeitsstelle. Sie teilten ihm mit, dass es einen furchtbaren Unfall gegeben hatte und sowohl Sabine als auch seine beiden Kinder dabei ums Leben kamen.
Aus Verzweiflung wurde Trauer, aus Trauer Leere, aus Leere Angst und wie immer, aus Angst wurde Hass. So verfluchte Mark Gott und die Welt. Vor allem Gott. Wie konnte er ihm das nur antun? Hatten sie denn nicht nach seinen Vorgaben gelebt, hatten sie ihm nicht Tag für Tag für ihre Liebe und ihr Glück gedankt? Wieso gab Gott ihnen diese wunderbaren Dinge, wenn er sie ihnen auf diese grausame Art wieder nahm? Und in seinem Wüten, Toben und Schreien verlangte Mark eine Antwort.
Doch die kam nicht von Gott. Der Teufel kam.
"Wieso glaubst du, kommt die Liebe von Gott? Und wieso glaubst du, du wüsstest was Liebe ist? Mit einem amüsiert überheblichen Blick sah der Teufel Mark an.
Mark gefror das Blut in den Adern. Aber sein Leid, der Schmerz und vor allem der Hass gaben ihm die Kraft zu antworten. "Was ... was willst du von mir?"
"Was ich will? DU wolltest den Verantwortlichen sehen. Nun, hier bin ich." Des Teufels Stimme donnerte auf Mark herab: "Die Liebe kommt nicht von Gott, ich habe sie über euch gebracht. Die Liebe", lachte der Gehörnte, "hat mehr Leid über die Menschheit gebracht als du dir vorstellen kannst. Sie hat euch Menschen zum Lügen, Betrügen und Töten gebracht. Sie hat euch blutige Kriege entfachen lassen. Ja, sie hat euch all die zehn ach so richtigen Gebote brechen lassen. Zu jeder Zeit. Gestern, heute und in alle Zukunft."
Marks Herz pumpte wie eine alte Dampflok, ihm brach der Schweiß aus und er hatte das Gefühl das allein die Präsenz des Bösen ihn ersticken ließ. "Aber wieso, wieso? Nein", schrie Mark, "nein, die Liebe kann nicht von dir kommen. Verschwinde du Ausgeburt der Hölle. Gott soll dich verfluchen"
Unbändig amüsiert verhöhnte ihn der Teufel: "Das hat er schon, mein Sohn, das hat er schon. Du weißt doch nicht, was die Liebe ist, nein, das tust du nicht. Aber ich werde es dir erklären und dann ... wirst du verstehen."
Mark musste sich setzen. Haltlos glitt er an der Wand entlang zu Boden. Ihm wurde speiübel und alles drehte sich um ihn. Seine Kleidung war völlig durchnässt vom Schweiß und er hatte Angst. Angst vor dem Teufel? Nein, aber Angst vor dem, was Satan ihm nun sagen würde. Angst vor der Wahrheit.
"Warum hast du deine Frau geliebt?", fragte der Fürst der Unterwelt fast freundlich. "Weil sie dich verstanden hat. Weil sie dir das Gefühl gab, du seiest etwas Besonderes. Weil sie zu dir hoch geschaut, dich bewundert hat. Weil sie dir zwei Kinder schenkte. Und so weiter." Jetzt schrie der Satan ihn an: "Weil sie dir jedes Mal etwas gab. Du hast sie nur geliebt, weil du immer etwas bekamst. Hättest du sie geliebt, wenn sie dich nicht beachtet hätte? Hättest du sie geliebt, wenn du ihr gleichgültig gewesen wärst? NEIN, das hättest du nicht. Niemand würde das tun. Liebe ist nur eines: Haben wollen und sich dies nehmen. Sonst nichts. Und wenn man dem Anderen etwas gibt, dann nur weil man dafür wieder etwas erwartet. Jedes Mal, wenn ein Mensch einem anderen sagt, ich liebe dich, denkt er in Wahrheit nur an sich. Die Liebe ist eine Illusion. Sie ist nicht Uneigennütziges. Die Liebe ist in der Tat das Niederträchtigste, mit dem ich die Menschheit je gegeißelt habe."
Mark starrte den Höllenherrscher völlig entsetzt an und die grausame Erkenntnis kam wie ein wütender Wirbelsturm, wie ein fürchterlicher Vulkanausbruch. Er musste sich erbrechen. "Du gottverdammter Hundesohn ..." Doch er hörte nur noch das höhnische Gelächter des Teufels verklingen.
Mark sah aus dem Fenster auf die kalte, regennasse Straße hinaus. Er dachte nichts, er fühlte nichts. Er sprang.



Eingereicht am 26. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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