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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Beförderungen

© Angela Lampe


Ich saß wie immer um diese Zeit und dank meines verbilligten Studententickets an einem Fensterplatz im Bus Münster - Ibbenbüren-Bahnhof.
Gerade als ich mir zu den vorrüberziehenden Landschaften, die ich sah und zu der Musik die durch meine Köpfhörer klang, kleine Träumereien zurechtbasteln wollte, berührte mich jemand an der Schulter.
Ich hob meinen Kopf und blickte in die Augen eines ziemlich großen, hageren Mannes, mittleren Alters, der nun seine Lippen zu "Innuendo" von Queen bewegte.
Ich nahm die Kopfhörer ab und bat ihn zu wiederholen, was er gesagt hatte.
"Hier, Ihr Rucksack ist nach hinten gepurzelt. Als vorhin diese harte Erschütterung war, ist er bei mir gelandet."
"Ja, diese Erschütterung vorhin - ziemlich heftig." Antwortete ich.
"Ich denke doch, Sie würden ihn vermissen, wenn er sich auf diese Art von Ihnen verabschiedet."
"Oh, ja. Das würde ich zweifellos. Vielen Dank. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er weg war. Da ist mein Ausweis, mein Führerschein, mein Studentenausweis und so ziemlich alles was sonst noch wichtig ist, drin."
Wirklich dankbar nahm ich meinen Rucksack entgegen und legte ihn behutsam auf meinem Schoß ab.
"Mmh. Woher konnte er denn wissen, dass es mein Rucksack ist, ich sitze in der Mitte der Reihe und bin nicht unbedingt die Einzige die hier einen Rucksack mit sich herum schleppt?" Fragte ich mich.
Er setzte sich auf den freien Platz, den vorher mein Rucksack eingenommen hatte.
"Ich darf doch? Danke. Wie heißen Sie? Stört es Sie, wenn ich mich hier einfach hin setze?"
Drei Fragen und jede Antwort gab er sich selbst.
"Nein, nein, ist schon gut." Viel Auswahl blieb mir bei meiner Antwort ja nicht mehr.
"Also?" Begann er.
"Also was?" Fragte ich verdutzt zurück.
"Ich fragte gerade nach Ihrem Namen." Erklärte er.
"Ach so, ja ... Petra." Der Name kam definitiv zu zögernd.
Er lachte.
"Petra Schmidt, Müller oder Meier vielleicht?"
Ich spürte wie mir das Blut in den Kopf schoss.
So gewöhnlich war der Name "Petra" ja nun auch wieder nicht. "Unverschämt", rief ich in Gedanken.
War ich denn gezwungen einem mir Wildfremden, meinen Namen zu verraten?
Aber hätte ich jetzt, nachdem meine Gesichtsfarbe sich so schlagartig von eher blass zu dunkelrot geändert hatte, noch auf "Petra" bestanden, wäre es wohl peinlicher geworden als es ohnehin schon war. Für mich zumindest.
"Ich heiße Thamaris." Gab ich mit einem unbeholfenen Lächeln zurück.
"Daniel, angenehm. Ich sehe Sie fast jeden Tag in diesem Bus."
Fragend zog er die Augenbrauen hoch.
"Ach so?"
"Na und? Ist das etwa verboten, was will der eigentlich von mir?"
"Ja, das liegt wohl daran, dass ich ihn fast jeden Tag benutze um von A nach B zu kommen." Meine Stimme klang wohl schon etwas genervt. Aber zu Recht!
Was sollte das Ganze eigentlich?
Langsam bekam ich ein mulmiges Gefühl bei der Sache und mein leerer Magen meldete sich protestierend zu Wort.
"Haben Sie denn gar keine Angst?" Fragte er und sah an mir vorbei zum Fenster hinaus.
"Angst? Nein. Wovor denn bitte?"
Dieser seltsame Kerl, begann mir immer unheimlicher zu werden und das, was er darauf hin sagte, bestärkte mein Gefühl nur noch.
" Busunglücke, Straßenschäden, Zufälle die es nicht geben darf, ein schlechtes Gefühl im Bauch, das Ihnen sagt, besser nicht eingestiegen zu sein. Derartiges meine ich."
Also mit dem Bauchgefühl lag er ja schon mal gar nicht so falsch.
Aber sein Tonfall klang äußerst merkwürdig, seine durchdringenden Blicke machten mich nervös und seine Fragen hätten von meinem schon etwas debilen Philosophie Professor stammen können. Ob Professor Dr. Harsmann ihn geschickt hatte um meine Abhandlung über Kafka infrage zu stellen? Zuzutrauen wäre es ihm ja.
Die Ernsthaftigkeit der Mimik meines Gegenübers, ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen.
Aber wahrscheinlich kam er darauf, weil er selbst Angst hatte, wegen der Erschütterung vorhin.
Bestimmt ein fieses Schlagloch oder der Busfahrer wollte sich den Bürgersteig näher ansehen, irgendetwas in der Art, das aber durchaus gereicht hatte, dem Fremden eine Gänsehaut zu verpassen.
Vielleicht wollte er deshalb mit jemandem darüber reden und nicht alleine sitzen.
Dann dachte ich daran, dass er wohl auch oft diesen Bus nimmt und ich ihm wieder begegnen würde. Ich hatte keine Lust auf eine kleine Busfeindschaft.
"Wissen Sie, ich kenne solche Vorfälle aus den Nachrichten auch." Erklärte ich. "Leider lässt sich so etwas nicht verhindern, man kann nur Anteil daran nehmen. Aber mit dem Bus zu fahren ist immer noch sicherer, als mit dem Auto oder dem Fahrrad. Kleine, mehr oder weniger schwere Rüttler sind nicht so wild, glauben Sie mir. Dieser Bus ist auch nicht gerade mehr der Jüngste."
Zum Beweis klappte ich das kleine, am Platz befestigte Tablett nach vorne und hatte es schließlich vollständig in der Hand.
Um dem Ganzen noch ein wenig Nachdruck zu verleihen fuhr ich fort: "Wenn wir uns jetzt in einem Flugzeug unterhalten würden, würde ich schweißgebadet nach der Stewardess winken, die dem Piloten von mir ausrichten muss, er soll mich gefälligst unverzüglich, egal wie, auf sicheren Boden zurück bringen, weil ich definitiv zu jung zum Sterben bin."
Ich klang wirklich sehr beruhigend, der Vergleich war lustig. Sicher würde es die Situation etwas auflockern. Das war auch nötig.
Ich lächelte ihm freundlich zu, doch erschrak, als seine Mine sich zu verfinstern begann und er mich mit seinen dunklen Augen fixierte.
"Reden Sie keinen Unsinn. Sie müssen mich nicht aufmuntern. Ich habe keine Angst." Rief er schroff.
Sprachlos starrte ich ihn an. "Willst du mich dumm anmachen, Kerl? Dann frage mich gefälligst nicht so einen Mist."
Kurz darauf sagte er wieder freundlich : "Entschuldigen Sie. Laut werde ich eigentlich nur selten."
Ich wünschte mir, dass der Bus anhalten und mich aussteigen lassen würde.
Doch noch waren wir nicht am Ziel.
Einige Zeit lang versuchte ich mich so weit wie möglich von ihm abzuwenden, schob meine Knie gegen den Vordersitz und ließ mich zurücksinken.
Ich hätte ihn nur zu gerne aufgefordert, sich woanders hin zu setzen, aber das wäre doch etwas zu unhöflich gewesen.
Als ich gerade meine Kopfhörer wieder aufsetzten wollte, fragte er mich, ob ich die Papstwahl verfolgt hätte und wie es mir denn gefallen hat.
"Verdammt, wieso lässt er mich nicht einfach in Frieden?" Dachte ich genervt.
"Ich weiß es nicht." Antwortete ich knapp.
"Aber Sie haben es doch mitbekommen, oder? Bestimmt haben Sie es sich am Fernsehen angesehen? " Fragte er auf das Thema beharrend.
"Nun, ja. Wer nicht? Also schön. Ehrlich gesagt habe ich vom alten Papst nicht besonders viel gewusst, nur hin und wieder etwas durch die Nachrichten aufgeschnappt. Seinen richtigen Namen wusste ich bis vor kurzem auch noch nicht." Ich zuckte mit den Achseln.
"Stört es sie denn nicht, dass alle anderen besser Bescheid wissen als Sie?"
"Was? Wie meinen Sie das?" Hakte ich dann doch stirnrunzelnd nach.
"So viele Menschen waren noch nie bei einem Konklave oder bei der Beerdigung des Pontifex. Wer geht denn bitte zu einer Beerdigung, wenn man denjenigen, der gestorben ist gar nicht kennt?" Er grinste.
"Waren Sie denn auch da?" Fragte ich tonlos. "Idiot."
"Nein. Wissen Sie, ich habe weder eine Digitalkamera noch einen Camcorder, ich hatte keinen Grund dort hin zu fahren." Wieder strich ein Lächeln über seine Lippen.
Langsam reichte es mir, darauf wollte ich ihm nicht antworten, vielleicht konnte ich es auch einfach nicht.
Mir war es egal, ob ich ihn beleidigen würde, wenn ich ihn ignorierte. Also knautschte ich meinen Rucksack zusammen, verkroch mich unter meiner Jacke und presste meine Wange an die kühle Scheibe des Busses.
Danach war es ruhig.
Außer dem dumpfen Gemurmel der anderen Fahrgäste, welches durch meine Jacke drang, hörte ich nichts mehr.
Einige Zeit später muss ich eingeschlafen sein froh darüber, keine weitere Frage mehr beantworten zu müssen.

"Der Notarzt blickte auf die Uhr und bestimmte den Todeszeitpunkt, nachdem der Herzschlag endgültig ausgesetzt hatte und alle weiteren lebensrettenden Maßnahmen vergebens waren."
Kurz darauf umschloss ein Blechsarg den toten Körper.
Viele solcher Särge waren an diesem Tag dort zu sehen und der Arzt hatte schon oft auf die Uhr sehen müssen.
Als die Wrackteile von der Feuerwehr weg geschaffen wurden und mehrere Abschlepper sich um die noch verbleibenden Autos stritten, die in den Unfall verwickelt worden waren, trat ein Polizist zu dem Arzt.
"Niemand außer dem Busfahrer - Ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause bin." Sagte er mit gepresster Stimme und strich sich kraftlos über die Stirn.
Die letzte Tote, hatte noch ihren Discman eingeschaltet und wir wussten nicht, wo wir das dämliche Ding ausschalten sollten. Es war so laut, dass die Musik durch die Kopfhörer die ganze Zeit zu hören gewesen ist, während wir versucht haben sie zurückzuholen."
"Ja, diese Teile kann man bis zum Anschlag aufdrehen, ein Wunder dass davon noch keiner taub geworden ist."
"Habt ihr schon alle identifizieren können?" Fragte der Arzt.
"Wir sind noch dabei, ist nicht gerade einfach in der Asche etwas zu finden. Aber wir scheinen Hilfe zu haben. Der Busfahrer - fast schon beängstigend, dass er so heil davon gekommen ist - hat Rucksäcke und Handtaschen, sowie Geldbörsen bei uns abgegeben. Irgendwie schon komisch, dass meine Leute nichts gesagt haben, er muss ja in dem Wrack einige Zeit herum gestochert haben, bis er etwas gefunden hat." Antwortete der Polizist.
"Hat noch etwas dazu gesagt? "
"Er hat die Klamotten Köhler, unserem Jungspund, in die Hand gedrückt. Köhler meinte, der Busfahrer hätte so was gesagt wie "nicht gerade klug sein Leben in kleinen Portionen in Taschen zu transportieren", na ja, so was ähnlich soll er jedenfalls gesagt haben. Köhler guckte ganz andächtig aus der Wäsche, als er mir davon erzählt hat. Sie wissen ja, unsere Kadetten sind noch leicht zu beeindrucken. Was ich nicht schon alles erlebt habe - Köhler würde Augen machen. Er hat noch eine Menge zu lernen. Wenigstens hat er eine Zukunft vor sich und gammelt nicht auf der Straße herum oder sitzt den ganzen Tag vor der Playstation. Meine Tochter hat von so was schon viereckige Augen." Der Polizist lächelte leicht und blickte für einen Moment gedankenverloren zum Himmel.
"Ja. Meine Kinder sind schon aus dem gröbsten raus. Einer studiert in Heidelberg Medizin und der andere Sport im dritten Semester in Osnabrück. Herr Gott, es ist schon halb sechs, ich muss noch Berichte schreiben." Der Arzt reckte den Kopf und massierte seine verspannte Schulter.
"Ja, das hab ich jetzt auch vor. Also dann, auf in den Stress. Wiedersehen."
"Wiedersehen." Antwortete der Arzt.



Eingereicht am 25. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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