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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Wahl ... von Gottes Gnaden?

© Gaby Schumacher


Abertausende standen auf dem Petersplatz in Erwartung der weißen Rauchfahne. Millionen saßen vor den Bildschirmen auf der ganzen Welt, Stunde um Stunde. Die längste Papstwahl hatte um die 54 Tage gedauert. Soviel wusste man.
Aber mit der Blitzwahl, die dann erfolgte, hatte niemand gerechnet, auch niemand rechnen können. Kaum, dass die 117 Kardinäle sich von der Außenwelt abgeschirmt hatten, präsentierten sie uns schon den neuen Papst: "Habemus papam!" Die Öffentlichkeit, Gläubige und Neugierige jubelten los. Insbesondere die deutschen Katholiken, denn der neue Papst entpuppte sich als einer der Ihren. Das hätte keiner vorhergesagt, jeder eher vermutet, ein Italiener käme an die Macht. Es war die(!) Sensation!
Nach der Euphorie der ersten Stunde kamen wir ins Grübeln. Wieso nur ging alles dermaßen schnell und erst recht "wieso?" traf es keinen Italiener??
Direkt nach der Wahl wagte ja keiner, auch nur eine minimale Kritik an deren Ergebnis zu üben. Schließlich ging es um den neuen "Heiligen Vater", den Vertreter Gottes auf Erden. Und demnach war es sozusagen eine heilige Entscheidung von Gottes Gnaden.
Doch dann wich der mystische Eindruck. Die ersten kritischen Stimmen wurden laut.
1.
Kardinal Ratzinger war ein enger Vertrauter von Papst Johannes Paul gewesen, vertrat ähnliche Ansichten, war also erzkonservativ. Er verhielte sich garantiert linientreu und überraschte die Institution Kirche nicht etwa mit unliebsamen und äußerst unbequemen Veränderungen, die wohlmöglich die Hierarchie ins Wanken und der traditionell tief verankerten Einstellung zu manchen Dingen ein Aus bringen könnten.
In dieser Hierarchie haben Frauen nichts oder höchstens in untergeordneter Position etwas zu suchen. Die Kirche ist ein Machtmonopol der Männer. Sie war und ist streng darauf bedacht, dass das ja so bleibt. Oder können Sie sich vorstellen ... eine Frau als Kardinal oder eventuell sogar als Papst? Nicht auszudenken!
Zu den eigentlich dringend notwendigen Umstellung der Kirchenpolitik zählte eine unverkrampftere, den Verhältnissen angepasste Einstellung zur Sexualmoral. Millionen Menschen verhungern in der Dritten Welt. Würde das unverantwortliche Verbot von Pille bzw. Kondom aufgehoben, könnte die Überbevölkerung gerade der ärmsten Regionen der Erde erfolgreich bekämpft und damit das Elend gelindert werden. Doch die Kirche kann beruhigt sein: Auch Benedikt XVI wird das nicht ändern. Er wird sich strikt an das Althergebrachte halten.
2.
Papst Benedikt ist bereits 78 Jahre alt. Ein Fakt, den die Kirche wohlwollend zur Kenntnis nahm. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Papst ebenfalls 25 Jahre regieren könnte, ist damit relativ gering. Somit die Gefahr weitgehendst gebannt, dass in einer denn doch abzusehenden Regierungszeit wider Erwarten grundsätzliche kirchenpolitische Umstürze auf diese Institution zukämen. Vor der Wahl war öffentlich geäußert worden, man wolle es umgehen, dass noch einmal ein Papst eine dermaßen lange Zeit regierte. Also konnten alle Kardinäle, die unter 70 Jahre alt und/oder etwa sehr modern eingestellt waren, die Hoffnung begraben, jemals Papst zu werden. Da hieß es dann doch tatsächlich: Zu jung bzw. zu wenig konservativ!
3.
Es wird gemunkelt, Papst Benedikt unterstütze sogar eine bestimmte, relativ radikale religiöse Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder teilweise sogar Selbstgeißelung vornehmen. Das allerdings wäre alles andere als eine heilige Verhaltensweise, brächte seinen Ruf ins Wanken.
Aber selbst all diese kritischen Stimmen hatten zuzugeben:
Mit der Wahl dieses Papstes hat die Kirche einen überaus fähigen Führer gefunden. Als ehemaliger Professor und Mitglied der Akademie der Wissenschaften zählt er zur Intelligenzelite, bringt also die besten Voraussetzungen mit, um als Vertreter einer weltweiten, so bedeutenden Institution wie der katholischen Kirche auch als Politiker klug und geschickt agieren zu können.
Also geben wir ihm die Chance, sich zu bewähren!



Eingereicht am 25. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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