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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Totenwache

© Anja Posner


Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist. Vor ein paar Stunden ist die Sonne aufgegangen. Gleißendes Licht fällt durch die halb aufgezogene Gardine. Die Staubkörnchen machen einen auf Fröhlich, und während ich das denke, muss ich grinsen. So weit ist es mit mir gekommen. Ich fühl mich vom diffusen Tanz unschuldiger Staubkörnchen verarscht. Nennte man es verschaukelt, dann klänge es nicht so hart, aber es ist hart. So wie das Leben, wie mein Leben, das seit letzten Dienstag keines mehr ist, nicht so wie ich es kannte. Es war der Abend bei Luigi.
Rolf und ich haben immer darüber gelacht, dass unser Italiener ausgerechnet Luigi hieß. Unser Italiener, unser Grieche, unsere Straße, unser Lied. Die ganze Welt gehörte uns. So war das. Und dann dieser Abend. Nach den Antipasti folgte der Hauptgang. Und dann sagte Rolf, er würde mich verlassen. Er sagte es ganz nebenbei, so als hoffte er, es würde so an Bedeutung verlieren, so als würde das nebenbei Gesagte auch nebenbei empfunden. Vielleicht wollte er unbemerkt entkommen. Ein irres Hoffen in einem Moment, in dem es für mich und ihn keine mehr Hoffnung gab. Die hatte Rolf längst aufgegeben, ohne jemals mit sich gerungen zu haben. Es sei nicht meine Schuld. Er wäre schuld. Ganz und gar schuld. Und wie leicht er diese Schuldbürde trug. Ich hörte kaum noch, was er sagte. Das Blut rauschte durch meinen Kopf. Ich stand auf und rannte hinaus. Und Rolf, der folgte mir nicht. Blieb drinnen während ich mich im Rinnstein erbrach. Sommerlicher Regen und die Pasta des Abends im Rinnstein flossen davon und mein Herz brach. Entzwei und irreparabel. Fast konnte ich es krachen hören, als ich vornüber gebeugt am Bordstein stand und starb.
Irgendwann hatte Rolf drinnen die Formalitäten erledigt. Er kam hinaus, wollte helfen. Wollte mich trösten. Wollte, oder vielleicht dachte er auch nur, er sollte, mich in den Arm nehmen. Erst ließ ich es zu. Dann wurde der Schmerz nur noch schlimmer. Seinen Arm wie eine Injektion in eine offene Wunde. Ich hätte geschrien, wenn ich gekonnt hätte. Wenn ich doch nur gewollt hätte. Aber ich wollte nichts mehr tun. Nur noch sterben. Mein Herz war gebrochen und seine Fraktur so kompliziert, dass es keine Rettung gab. Nicht für mein Herz, nicht für mich. Ich riss mich los und rannte. Es regnete und regnete. Im strömenden Regen verlor einen meiner Schuhe und das letzte bisschen Achtung vor meinem Leben, das seit ein paar Minuten nichts mehr wert war.
In dieser Nacht lief ich heim. Eine halbe Autostunde lief ich mit nur einem Schuh. Regengetränkte Kleidung und ein schwarzes Loch in meiner Brust.
Ich habe seit dieser Nacht mein Bett nicht mehr verlassen. Nur von Zeit zu Zeit geh ich zum Pinkeln ins Badezimmer. Und manchmal trinke ich Wasser aus dem Hahn. Ich habe das Telefon ausgestöpselt und meine Uhr aus dem Fenster geworfen. Deshalb weiß ich nicht, wie spät es ist. Inzwischen gibt es ganz tief in mir drin etwas, das schmunzeln will. Darüber, wie sehr ich nicht mehr leben will und wie vehement ich es tue. Jede Minute, die ich verbringe, in einer Art Sitzstreik für die Liebe. Und für wahre Gefühle.
Ich war nie wirklich verliebt gewesen. Bis Rolf kam. Überredet hat er mich. Nicht mit Worten. Nein. So viel subtiler. Mit echten Gefühlen. Mit wahrer Gefühligkeit und diesen wunderbaren Augen. Er war da, immer dort, wo ich es bis dahin allein geschafft hatte. Und dann schaffte ich gar nichts mehr allein. Unser Wir wurde bedeutender als jedes Ich. Doch was ist schon ein Ich wenn wahre Liebe im Spiel ist? Nichts. Und jetzt? Jetzt gibt es nichts mehr, das mich umgibt, was nicht voller Rolf ist. Mein Heim, zum Bersten voll mit Erinnerungen. Rolf in allem, das Rolf einmal nicht gekannt hatte. Und ich sitze mitten in all dem, was mal meins war. Und mein Schmerz gestattet mir nur noch ein minimales Leben zwischen Klo und Bett.
Gestern Morgen hatte ich einen Einfall. Ist der Hunger, der meine Gedanken langsam abstrus werden lässt. Aber abstruse Gedanken tun nicht so weh. Nicht so wie mein Magen, der immer mehr schmerzt weil ich nicht essen kann. Ich will ja, aber ich denke an Luigi, und dann denke ich an Antipasti und an Nudeln. Dann ist der andere Schmerz wieder da. Magenschmerz weg und mein Herz bricht erneut. Immer wieder wie letzten Dienstag im Rinnstein. So oder so. Es tut weh. Rein vegetativ oder metaphorisch. Wenn es schmerzt, ist das egal. Dann schmerzt es, und man will, dass es aufhört.
Der Einfall war gut. Er war originell und er könnte meine Seele retten. Temporär oder fragmentarisch, irgendwie oder genau so, wie auch immer, wer weiß das schon? Immerhin habe ich inzwischen Hoffnung, das hier zu überleben.
Ich beschloss, Rolf sterben zu lassen. Ich stand aus meinem Bett auf, räumte auf, wusch mich und stöpselte das Telefon wieder ein. Dann rief ich meine engsten Freunde an und sagte ihnen, ich hätte einen Verlust zu beklagen. Es gäbe eine Art Totenwache und die würde um 18 Uhr beginnen. Wer gestorben sei, wollten sie wissen, und ich sagte, es sei Rolf, der gestorben sei. Gott sei seiner Seele gnädig. Bestürzt waren sie, aber auch irgendwie erleichtert, das merkte ich gleich. Sie hätten sich gefragt, was nur mit mir los sei, sagten sie, aber nun war zum Glück nur Rolf gestorben. Das erklärte Einiges und war für sie kein wirklicher Verlust, jedenfalls keiner, der sie schmerzen würde. Sie kannten Rolf ja viel zu wenig. Das versteh ich.
Ich kramte etwas Geld zusammen und ging Einkaufen. Eine Sauerscharfsuppe wollte ich kochen. Die passte zu diesem Anlass, fand ich. Dem Kochen wohnte dann etwas Tröstliches inne und ich bedauerte, dass ich mich für Tiefkühltorte entschieden hatte. Hätte ich selbst gebacken, dann hätte mich meine Küche noch länger trösten können. So nutzte ich die verbleibende Zeit und band schwarze Bänder um gerahmte Fotos, von denen mir Rolfs und mein Wir entgegen strahlte.
Kurz nach 18 Uhr kamen die ersten Gäste. Die letzten gingen nur wenige Stunden später. Ich spürte ihre Ratlosigkeit, als sie verstanden, welchen Tod ich beweinte. Ihre Versuche, mich zu trösten waren ungelenk und Manchem peinlich. Ich nahm ihre Beileidsbekundungen dennoch dankbar an und verspürte zu keiner Zeit das Bedürfnis, mich zu schämen. Am Ende des Abends räumte ich auf, wusch mich und begab mich wieder in mein Bett.
Hier werde ich noch ein wenig verweilen. Jedes Mal wenn der Schmerz aufkommt und ich ihn an mich heran lasse, habe ich Angst, daran zu sterben. Doch immerhin habe ich wieder Angst vorm Sterben.
Ich war immer bemüht um Normalität. Ich wollte von der Norm nie abweichen und allen gefallen. Ich wollte funktionieren und nur kalkulierbare Risiken eingehen. Niemals wollte ich mein Gesicht verlieren und die Kontrolle schon gar nicht. Und jetzt? Jetzt habe ich alles verloren. Ich habe nichts mehr. Und auch nichts mehr zu verlieren. Wenn das kein Anfang ist.



Eingereicht am 11. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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