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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Was kommt danach?

© Peter Steding


Arbeitslose sind arbeitsscheu. Wer wirklich arbeiten will, findet auch heute in kurzer Zeit wieder eine neue Arbeitsstelle. Man muss natürlich auch selbst etwas dafür tun und nicht seine Zeit in Gaststätten und Trinkhallen vertun. Man darf nicht immer nur darauf warten, dass ein Wunder geschieht - mit ein wenig Eigeninitiative und der nötigen Flexibilität muss niemand ohne Arbeit und Einkommen bleiben.
Seien Sie ehrlich: Sind Ihnen diese Gedanken völlig fremd? Haben Sie noch nie gedacht "arbeitslos - das liegt wohl auch ein bisschen an jedem selbst"? Oder denken Sie auch, die Arbeitslosen sind immer die anderen, und Ihnen könne so etwas nicht passieren? Aber vielleicht fühlen Sie sich auch nicht mehr ganz sicher auf Ihrem Arbeitsplatz. Vielleicht gab es schon in Ihrer unmittelbaren Umgebung Entlassungen, die Sie nachdenklich machten. Vielleicht verdrängen Sie auch alle bösen Gedanken, die Ihnen kamen, als der freiwerdende Arbeitsplatz gegenüber nicht neu besetzt wurde. Vielleicht zählen Sie aber auch zu jenen, die den Arbeitslosen in Ihrem Bekanntenkreis nach außen bedauern und nach innen verachten?
Wenn Sie aber arbeitslos sind oder waren oder sein werden, sollten Sie trotzdem weiterlesen. Es bringt keinen Trost, zu wissen, dass man nicht allein in dieser Situation ist. Aber vielleicht bleibt Ihnen Ihre Achtung vor sich selbst erhalten, und vielleicht hilft es Ihnen, Ihr Selbstwertgefühl nicht unterkriegen zu lassen und sich von den Zweifeln an sich selbst nicht überwältigen zu lassen. Denn ich will Ihnen erzählen von einem Mann, den eine stürmische Entwicklung einer Branche die Leiter hinauf führte, ohne dass er sich sonderlich darum bemühen musste. Und dann, als er seine Lebensumstände seiner Stufe angepasst hatte und sich dort wohl, zufrieden und sicher fühlte, kam der erste Stoß und ließ ihn schwanken. Und als er gerade gelernt hatte, auf der schwankenden Leiter allein zu stehen, kam die Rezession und schüttelte die Leiter, bis er herunterfiel und sich verletzte. Und weil er sich gerade daran gewöhnt hatte, von seiner Stufe aus etwas mehr Überblick zu haben, fand er sich am Boden nicht mehr zurecht, verlor die Übersicht und verfehlte den Weg zurück zu seiner Leiter.
Gehen wir fünfundzwanzig Jahre zurück. Unser Mann - nennen wir ihn Adolf - war Mitte zwanzig. Er hatte erfolgreich die höhere Schule absolviert, hatte mehrere Jahre Studien an einer Hochschule betrieben, ohne sich sonderlich zu engagieren, und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Taxifahren und Versicherungen verkaufen. In dieser Zeit erlebten Elektronik und Computertechnik eine Phase stürmischen Wachstums. Allerorts wurden Techniker, Bastler, Ingenieure und Mechaniker mit technischem Verständnis für neue Aufgaben gesucht.
Adolf bewarb sich um eine Stelle als Computertechniker. Da er bereits etwas Elektronikerfahrung besaß, nahm man ihn mit Kusshand und schickte ihn sofort auf einen mehrwöchigen Lehrgang, auf dem ihm unter anderem Grundlagen der Datenverarbeitung beigebracht wurden. Fortan reparierte er Drucker und Stanzer, tauschte Baugruppen aus und durfte sich gelegentlich auch mit dem Lötkolben an die Innereien des Computers wagen. Seine Kollegen stammten aus allen Branchen, die meisten waren vorher Rundfunktechniker oder Elektromechaniker gewesen. Keiner verfügte über eine höhere Schulbildung, sodass es Adolf keine Schwierigkeiten bereitete, schon bald in den Ruf eines "Durchblickers" zu gelangen. Er genoss einige Privilegien, arbeitete nicht zu viel und nutzte die Zeit, tiefer in die Logik elektronischer Datenverarbeitung einzudringen, weil ihn das interessierte.
Dann lernte er seine Ehefrau kennen. Sie arbeitete in einem Beruf, der auch heute noch von einem speziellen Flair umgeben ist: Sie war Stewardess. Ihre Erzählungen und ihre Lebensart faszinierten ihn. So gab es kein Überlegen, als sie nach Frankfurt versetzt wurde - die beiden heirateten und er ging mit. Die Entscheidung wurde ihm leicht gemacht, denn seine Firma unterhielt auch dort eine Niederlassung. Dort wurde er von seiner alten Dienststelle als einer der fähigsten Techniker empfohlen.
Seine weitere Karriere erfolgte ohne sein Zutun: Ein Gruppenleiter schied aus und man benannte Adolf als Nachfolger. Fortan leitete er eine Gruppe von Technikern, die im Außendienst Störungen beseitigten. Adolf selbst fuhr jetzt weniger häufig hinaus. Er hatte jetzt auch administrative Aufgaben und leistete nur noch Hilfe und Unterstützung, wenn die auftretenden Schwierigkeiten die Kenntnisse und Fähigkeiten seiner Techniker überstiegen. Adolf gelangte mehr und mehr in den Ruf des Spezialisten, der jedes Problem logisch und analytisch aufklären und beseitigen könne, und hier profitierte er deutlich von seiner besseren Schulbildung. Es dauerte nicht lange, bis Adolf kaum noch Kundendienstaufgaben wahrnahm. Überwiegend wurde er zu Projektgesprächen herangezogen und betreute neue Anwendungen bei neuen Kunden. Dabei löste er sich von Lötkolben und Kneifzange und entdeckte sein Interesse an der Programmierung von Computern.
Anderthalb Jahre nach seinem Umzug verstrickte sich Adolf in eine persönliche Affaire, die durch ihre Entwicklung eine räumliche Veränderung geraten erscheinen ließ. Adolf bewarb sich kurzentschlossen als Lehrer an der Fachschule seines Unternehmens und erhielt sofort eine erfreute Zusage. Er erneuerte die Verbindung zu seiner Frau und zog nach zwei Jahren Stadt wieder weg in ein kleines Dorf auf dem flachen Land.
Es vergingen nur wenige Monate, bis Adolf erneut eine Stufe der Leiter heraufgeschoben wurde. Man übertrug ihm die Verantwortung für die Ausbildung am größten Computer seines Unternehmens. Immer noch hatte Adolf nur getan, was ihn interessierte, und Computer, ihre Technik, ihre Programmierung und ihre Einsatzmöglichkeiten faszinierten ihn. So drang er immer tiefer in diese Materie ein, überflügelte seine Lehrer und hatte bald Schwierigkeiten, kompetente Gesprächspartner für seine Überlegungen zu finden. All das aber erfolgte ohne Anstrengung, ohne Arbeit, ohne Belastung - es war wie ein Spiel, das immer neue Möglichkeiten eröffnete.
So war absehbar, wann Adolf die Vermittlung von Grundlagen und Basiswissen nicht mehr zufrieden stellte. Er wurde ungeduldig gegenüber seinen Schülern, wenn sie ihm in vielen Dingen nicht oder nicht so schnell folgen konnten. Adolf entschloss sich, das Angebot des Unternehmens zum Wechsel in das Produkt-Marketing anzunehmen - entgegen dem eindringlichen Einspruch seiner Frau und entgegen den Warnungen seiner Schwiegereltern. Er verstand nicht, warum er mit dem bis dahin erreichten zufrieden sein sollte.
Zuerst arbeitete Adolf als Spezialist für alle technischen Fragen, und hier fand er Gesprächspartner, die seinem Wissensstand nicht nur entsprachen, sondern schon wesentlich weiter waren. Hier traf er auch auf Kollegen, die in ihrer Vorbildung ähnliche Voraussetzungen mitbrachten wie er. Hier fand er aber auch neue Wissensquellen, von denen er sofort Gebrauch machte. Überfordert war er durch seine Arbeit nie. Im Gegenteil: Es machte Adolf Spaß, neue Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und mit anderen zu verknüpfen. So gelangte er auch hier bald in den Ruf des Spezialisten, der fast jede Frage beantworten, fast jede Aufgabe lösen und jede Diskussion bereichern konnte.
Auch hier trat für Adolf nach einiger Zeit die Übersättigung ein. Seine eigentlichen Aufgaben belasteten ihn nicht - im Gegenteil: Sie waren immer viel zu schnell erledigt. So suchte Adolf nach zusätzlichen Beschäftigungen und fand sie, indem er anfing, zu schreiben. Zunächst waren es nur ausführliche Erläuterungen komplexer Vorgänge, später entstand eine regelmäßige Informationsschrift, die von Adolfs Bereich an alle Niederlassungen herausgegeben wurde und über erfolgte, laufende und geplante Aktivitäten berichtete. Diese Arbeit nahm in Adolfs Bereich immer mehr Raum ein. Nicht zuletzt die Resonanz auf diese Publikationen war dafür verantwortlich, dass Adolf die Projektleitung für das größte Computersystem des Unternehmens übertragen wurde. Auch damit hatte Adolfs Belastung noch bei weitem nicht die Grenze erreicht - noch machte es Spaß.
Es dauerte aber nicht lange, bis Adolf auch hier sich zu langweilen begann. Hinzu kam, dass er sich in seiner Ehe unglücklich fühlte und unzufrieden war. Auch hing ihm nach neun Jahren das Unternehmen zum Hals heraus. So begann Adolf, Stellenangebote der Fachzeitschriften zu studieren. Nach einiger Zeit fand er eines, das sehr reizvoll klang: Gesucht wurde jemand mit Computererfahrung, der schreiben konnte. Der Inserent war ein Unternehmensberater im Rhein-/Main-Gebiet. Man einigte sich schnell: Adolf sollte wenige Monate später in seinem neuen Job anfangen. Er fällte diese Entscheidung gegen den Willen seiner Frau, gegen die Einwände seiner Schwiegereltern, gegen die Ratschläge aller Bekannten. Er wollte weg vom Land, weg von der Umgebung, weg von der Firma und auch weg von seiner Frau. Es ging schneller als erwartet.
Adolf kehrte in die Main-Metropole zurück. Er sollte zunächst drei Monate allein dort leben, um in Ruhe eine Wohnung zu suchen. Seine Frau sollte inzwischen den ländlichen Haushalt auflösen und dann nachkommen, aber dazu kam es nicht mehr. Wenige Wochen der Trennung genügten, um Adolf so weit von seiner Frau zu entfernen, dass er eine Fortführung der Ehe für nicht mehr vertretbar hielt. Erleichtert wurde dieser Schritt für Adolf durch die Bekanntschaft mit einer anderen Frau, woraus bald eine enge Beziehung entstand. Adolfs Frau reagierte konsequent: Sie erklärte, sich nach Ablauf des Jahres sofort von ihm scheiden zu lassen und zog zurück zu ihren Eltern.
Zu Beginn machte Adolf seine neue Arbeit sehr viel Spaß. Er betrat völliges Neuland, als er erstmalig mit professioneller Öffentlichkeitsarbeit in Berührung kam. Es gab für ihn viel zu lernen, und die Aufgaben waren interessant und abwechslungsreich. Besonders angenehm war, dass seine neue Gefährtin ebenfalls bei diesem Unternehmen arbeitete. Zu Beginn wurde die Beziehung verheimlicht, aber nach einiger Zeit wurde die Freundschaft offiziell bekannt gegeben. Die gemeinsame Arbeit profitierte davon, denn es bedurfte nicht vieler Worte zu erläutern, wie etwas gemeint war.
Nach einigen Monaten musste Adolf jedoch feststellen, dass die Seriosität seines neuen Arbeitgebers zu wünschen übrig ließ. Er war zwar ein Mann vieler markiger Sprüche und zahlloser hochfliegender Pläne, aber die Wirklichkeit seiner Arbeit für andere stand im krassen Widerspruch zu seinen Ankündigungen und Versprechungen. Sein Name wurde in der Branche mit Luft in Verbindung gebracht - es hieß, er würde seinen Auftraggebern Luft verkaufen. Adolf wurde es im Lauf der Zeit unerträglich, die großen leeren Worte seines Chefs in Gegenwart von Kunden anzuhören und dabei genau zu wissen, wie wenig davon den Tatsachen entsprach. So wurde er immer missmutiger und einsilbiger gegenüber seinem Chef. Auch der Kundschaft seines Arbeitgebers musste der Unterschied zwischen versprochener und berechneter Leistung gegenüber dem tatsächlichen Erfolg bewusst geworden sein. So vergingen Monate, ohne dass ein neuer Auftrag einging. Über seine Gefährtin wusste Adolf, wie die finanzielle Situation des Unternehmens beschaffen war. Als dann zum ersten Mal der Gehaltsscheck mit mehreren Tagen Verspätung ausgehändigt wurde, stand sein Entschluss zum Wechsel fest.
Adolf brauchte nur wenige Wochen, um mit einem neuen Arbeitgeber einig zu werden: Seine langjährige Computererfahrung bei einem renommierten Unternehmen und seine neu erworbenen Kenntnisse in Werbung und Öffentlichkeitsarbeit zahlten sich aus. Seine neuen Aufgaben kamen seinen Interessen auch sehr entgegen: Er sollte den Vertrieb seines neuen Arbeitgebers unterstützen, wozu zahlreiche ihm bestens vertraute Aufgaben gehörten. Bald geriet Adolf in Konflikt mit dem Werbeleiter des Unternehmens, weil dieser Adolfs Arbeit als einen Eingriff in sein Aufgabengebiet ansah. Es kam zu Konkurrenzverhalten und Auseinandersetzungen, die dazu führten, dass der Werbeleiter das Unternehmen nach einem Jahr verließ. Wenige Wochen später wurde Adolf zum neuen Werbeleiter ernannt. Adolf fühlte sich sehr wohl in seiner neuen Firma und in seiner neuen Aufgabe. Er brauchte nicht lange, um sich in die neuen Aufgaben einzuarbeiten, es machte ihm Spaß, Neues zu lernen und das Gelernte bei seiner Arbeit einzusetzen. Er beschaffte sich Lehr- und Informationsmaterial über verwandte Gebiete, lernte Grundwissen und beschäftigte sich ausführlich mit Veröffentlichungen, die zu seinem Arbeitsbereich passten. Er kaufte Fachbücher über Marketing und verwandte viel Zeit darauf, sich mit Inhalt und Aussagen auseinander zu setzen. Er hatte das Gefühl, die Aufgabe gefunden zu haben, die er bis an sein Lebensende ausführen könnte. In seiner neuen Funktion war er direkt dem Geschäftsführer unterstellt, das mit der Funktion und Position verbundene Ansehen genoss er. Er verdiente gut, er fuhr einen Dienstwagen, er hatte viel Freiheit in der Ausführung seiner Aufgaben und in der Gestaltung seines Arbeitsablaufs.
Adolf war inzwischen mit seiner neuen Freundin zusammengezogen und bewohnte mit ihr ein Reihenhaus. Die günstigen wirtschaftlichen Voraussetzungen erlaubten, dass sie ihren Job als Sekretärin an den Nagel hängte und eine Ausbildung als Volontärin in einem Verlag begann. Viele Gesprächsthemen ergaben sich aus der unterschiedlichen Seite im gleichen Bereich: Adolf als Werbeleiter als Anzeigen-Auftraggeber, aber Werbender um Journalisten und sie als angehende Redakteurin mit der Aufgabe kritischer Berichterstattung aus ihrem Metier. Ein Jahr später fügte der glückliche Zufall, dass seine Gefährtin nach Abschluss ihrer Ausbildung eine Funktion mit hohem Ansehen übertragen bekam: Sie wurde die Pressesprecherin einer ausländischen Behörde.
Aus dieser Situation heraus entschlossen Adolf und seine Gefährtin sich, einen alten Traum zu verwirklichen: Sie kauften ein Grundstück und bauten ein Haus, um zusammen darin alt zu werden. An dieser Stelle könnte die Geschichte enden: Ein Mann steigt auf, findet seine berufliche Befriedigung und sein persönliches Glück und lebt bis an sein Lebensende glücklich und zufrieden. Aber es sollte alles ganz anders kommen.
Der Wettbewerb auf dem Computermarkt wurde härter, neue Anforderungen entstanden und die Rezession warf ihre Schatten voraus. Adolfs Unternehmen, die Niederlassung eines ausländischen Konzerns, hatte lange Zeit die Zeichen ignoriert. Nun rächte sich, dass man sich nicht rechtzeitig auf geänderte Verhältnisse eingestellt hatte. Der Umsatz ging drastisch zurück, Gerüchte liefen um über radikale Maßnahmen, aber keiner wollte so recht daran glauben. Dann gab es eine große Veranstaltung, auf der große Worte von erfolgreicher Zukunft fielen, und manche der Redner erweckten den Eindruck, sie glaubten sogar, was sie erzählten.
Aber die Zeichen mehrten sich. Das Unternehmen zog in neue, billigere Geschäftsräume mit deutlich weniger Bürofläche. Adolf, der zuvor über ein großes eigenes Büro verfügt hatte, wurde zusammen mit Sekretärin und Mitarbeiter in ein kleines Zimmer gezwängt, aber er sträubte sich gegen Schlussfolgerungen. Dann blieben Anfang Januar nach der Rückkehr aus den Weihnachtsferien mehrere Schreibtische leer, und im Kollegenkreis wurde von Auflösungsverträgen und Abfindungen erzählt. Adolf konnte nicht glauben, dass auch er betroffen sein wurde. Schließlich hielt er Werbung und Öffentlichkeitsarbeit für unverzichtbar. Dann erhielt er die Nachricht zugespielt, der gesamte Werbeetat sei gestrichen. Der Geschäftsführer versicherte ihm jedoch, alle qualifizierten Mitarbeiter würden selbstverständlich weiterbeschäftigt.
Adolfs Aufgaben reduzierten sich von Tag zu Tag, denn alles, was Geld kostete, war gestrichen worden. Es gab keine Werbung mehr, es gab keine Prospekte mehr, keine Visitenkarten und keine Veranstaltungen. Aber Adolf wartete und hoffte. Ihm war der Gedanke, den Job zu verlieren, so fremd, dass er wie ein Kaninchen auf die Schlange auf die Entwicklung im Unternehmen starrte, sah, wie sich die Anzahl leerer Schreibtische mehrte und hörte, wie in erregten Diskussionen über die erstreitbare Höhe der Abfindung gesprochen wurde.
Dann kam der Tag, wo der Geschäftsführer Adolf zum Gespräch bat, unter einem Vorwand das Thema wechselte und Adolf zu verstehen gab, dass seine Zeit im Unternehmen begrenzt sei. Er forderte ihn auf, sich Gedanken über eine Auflösungsvereinbarung und die Höhe der Abfindung zu machen. Adolf verließ das Büro wie ein Traumwandler. Die Überlegungen währten nicht lange. Die angebotene Abfindung war attraktiv, das Ende ohnehin absehbar und die Zukunftsaussichten scheinbar nicht schlecht. Adolf hatte durch seine Arbeit viele Kontakte zu einflussreichen Personen geknüpft. Sie hatten häufig zu verstehen gegeben, dass sie bei einem geplanten Firmenwechsel sehr interessiert an Adolf wären. So entschloss er sich, das Abfindungsangebot anzunehmen und begann unverzüglich, nach einer neuen Arbeitsstelle zu suchen.
Zunächst setzte er sich mit all jenen in Verbindung, die ihm in der Vergangenheit Angebote unterbreitet hatten. Das Ergebnis hätte nicht schlimmer sein können: Entweder standen die Angesprochenen selbst unmittelbar vor dem Ende ihrer Anstellung oder fürchteten bereits um ihren Job. Der andere Teil sah sich angesichts der wirtschaftlichen Situation außerstande, frühere Angebote zu erneuern. Selbst angeblich gute Freunde in angeblich einflussreichen Positionen bedauerten, aufgrund des herrschenden Einstellungsstops keine Möglichkeit zu haben, Adolf ein Angebot zu unterbreiten. Alle jedoch waren sich einig, dass Adolf mit seiner Qualifikation sicherlich doch keine Schwierigkeiten hätte, überall und jederzeit eine neue Arbeitsstelle zu finden.
Adolf studierte jedes Wochenende den Stellenteil der Tageszeitungen und bewarb sich für alle Funktionen, die er glaubte, ausfüllen zu können. Danach folgte dann immer wieder die Woche mit dem täglichen Blick in den Briefkasten, mit dem Warten auf eine Reaktion und der Hoffnung, dass dieses Mal doch etwas dabei sein musste. Dabei rückte der Termin seines Ausscheidens immer näher, und Adolf bemerkte mit Schrecken, wie ihm die Zeit davonlief. Er wusste, dass sich seine Chancen radikal verschlechterten, wenn er erst angeben müsste, derzeit stellungslos zu sein. Zwar sicherte die Abfindung für einige Zeit das notwendige Einkommen, aber was danach kommen könnte, erfüllte Adolf mit Angst und Schrecken: Er würde das Auto einbüßen, dann müsste er das gerade fertiggestellte Haus verkaufen - trotz stagnierender Nachfrage, und danach würde er ohne Einkommen auf dem Rest der Schulden hängen. Und jeder Tag mehr, den er ohne Stellung wäre, würde seine Aussicht mindern, einen neuen Job zu bekommen. Das Einkommen seiner Gefährtin hätte ihnen zwar bei äußerster Sparsamkeit den Lebensunterhalt gesichert, aber wenn Adolf erst mehrere Monate arbeitslos gewesen wäre, hätte kaum noch Aussicht bestanden, wieder in eine Funktion gelangen, die seiner vorherigen entsprochen hätte.
All diese Belastungen übertrugen sich auf sein privates Leben, auf seine Gedanken, seine Äußerungen, auf seine Beziehung zu seiner Gefährtin. Kaum ein Abend verging, wo nicht über die "Wenns" und "Abers" diskutiert wurde. Adolfs Verstörtheit wirkte sich auf die intimsten Bereiche seines Lebens aus, und die daraus entstehenden Spannungen blieben nicht ohne Einfluss auf sein sonstiges Verhalten. Zwar bemühte sich seine Gefährtin, ihm Mut zuzusprechen und ihm zu versichern, dass sie alles nicht sehr tragisch nähme - schließlich kämen sicherlich bald bessere Zeiten. Aber sie konnte ihre Enttäuschung in jeder Beziehung nicht gut genug verbergen, als dass Adolf, der in dieser Zeit besonders empfindlich war, es nicht gespürt hätte. So kam zu seinen Befürchtungen über die ungewisse Zukunft das Bewusstsein, die eigene Gefährtin zu enttäuschen. Adolf wurde darüber so unsicher, dass er bei einem vorgesehenen Besuch bei einem möglichen zukünftigen Arbeitgeber so zerfahren, so unkonzentriert, so schwach wirkte, dass er unmittelbar nach dem Beginn des Gesprächs wieder verabschiedet wurde.
Dann fand er endlich, nach Monaten, einen neuen Job. Gemäß der Aufgabenbeschreibung führte er ihn zurück auf seine Arbeit vor mehreren Jahren, sein Einkommen war deutlich reduziert, aber das Warten hatte ein Ende, bevor es in die kritische Phase trat. Adolf begann wieder, Mut zu schöpfen. Bereits nach wenigen Wochen zeigte sich, dass er bei seinen Kenntnissen und seinen Erfahrungen viel mehr aus dem Job machen konnte, als ursprünglich vorgesehen. In kurzer Zeit erhielt er immer mehr Kompetenzen und wurde für seine Ergebnisse honoriert. Seine Aufgabe war, ein völlig neuartiges Produkt in den Markt einzuführen und alle Maßnahmen zu koordinieren, die für den erfolgreichen Vertrieb erforderlich waren. Sein Anreiz wurde dabei durch eine ansehnliche Provision aus den zu erwartenden Verkäufen erhöht.
Der erste Auftrag war da, die Vorbereitungen für zahlreiche weitere liefen hervorragend und Adolf stellte schon Überlegungen an, wie er die zu erwartende Provision verwenden würde, da schlug die Bombe ein: Die ausländische Muttergesellschaft beschloss von einem Tag zum anderen, den Vertrieb des Produkts einzustellen und die dafür eingesetzte Mannschaft zu entlassen. Adolf wurde mit sofortiger Wirkung in Urlaub geschickt, und nur wenige Tage später teilte man ihm das Ende seiner Beschäftigung zum nächstmöglichen Termin mit. So war er plötzlich wieder zu Hause und wusste nichts mit seiner Zeit anzufangen. Dieses Mal waren alle Umstände wesentlich ungünstiger: Er war nur sehr kurz bei dem Unternehmen und hatte daher keinen Anspruch auf eine Abfindung. Dass er dennoch einen geringen Betrag erhielt, war dem Engagement seiner Vorgesetzten zuzuschreiben. Zwischenzeitlich hatte die Rezession auch voll die Computerbranche erfasst, Konkurse, Betriebseinstellungen und Entlassungen waren an der Tagesordnung, und sogar große Unternehmen gerieten in den Strudel.
So zeigte bereits der erste Blick in die Tageszeitungen, dass das Angebot entsprechender Funktionen, Aufgaben und Positionen in zuvor nicht gekanntem Maß geschrumpft war. An manchen Wochenenden standen zwei, drei neue Stellungen zur Verfügung, an anderen war das Angebot Null. Und auch alle Kontakte, Verbindungen und Beziehungen waren völlig unergiebig im Hinblick auf eine neue Stellung. So vergingen die Wochen im Warten und der Hoffnung, dass vielleicht die nächste Wochenendausgabe der Zeitung ein Angebot enthielte. Dann gab es immer wieder jene Angebote, die vielversprechend über Expansion und Erweiterung und gute Ergebnisse sprachen. Dann formulierte Adolf sorgsam sein Bewerbungsschreiben, stellte alle erforderlichen und angeforderten Unterlagen zusammen, schaffte alles auf dem schnellsten Weg zur Post und wartete. Nicht gezählt hat Adolf alle jene Bewerbungen, auf die er nie eine Antwort erhielt, auf die nach Wochen eine lapidare Absage erfolgte oder die sich in leeren Versprechungen und Ankündigungen erschöpften. Er weiß heute, wieviele Stellungen angeboten werden, denen überhaupt kein Bedarf zugrunde Iiegt, deren einzige Aufgabe ist, den Mitbewerb zu verunsichern oder die Gläubiger zu beruhigen.
Adolf begann, sich auch Unternehmen anzubieten, die keine entsprechende Stellung ausgeschrieben hatten. Dazu studierte er die Stellenangebote der Tageszeitungen und leitete aus der Art der gesuchten Mitarbeiter Rückschlusse auf den möglichen Bedarf der Unternehmen ab. Auch verwendete er seine privaten Unterlagen und Informationen über Unternehmen, die in der Vergangenheit als expansiv und profitabel aufgetreten waren. Die Enttäuschungen blieben nicht aus: Viele waren zwischenzeitlich aufgekauft worden, andere stagnierten oder waren schon wieder vom Markt verschwunden.
In dieser Zeit begann Adolfs private Beziehung auseinander zu brechen. Er wurde unter dem Eindruck ständiger Erfolglosigkeit immer mutloser und unsicherer, und das nicht nur im geschäftlichen Bereich. Weil er aber nicht ständig darüber reden wollte, verstärkte sich in seiner Gefährtin der Eindruck, er habe kein Interesse mehr an ihr. Das machte sie aufgeschlossener gegenüber Flirts mit anderen, womit sie Adolf sehr empfindlich traf: Er sah einen direkten Zusammenhang zwischen beruflichem und privatem Misserfolg. Deshalb zog er sich immer mehr in sich zurück und beobachtete nur noch, wenn seine Gefährtin mit anderen fröhlich war, denn er konnte es nicht mehr. Manchmal kam dann sein Ärger und sein Zorn darüber zum Vorschein und rief Unverständnis und Verärgerung hervor. Dann fühlte sich Adolf unheimlich einsam und verlassen, weil er niemand zu haben glaubte, der ihm Verständnis entgegenbrächte. Dann kam eine unerwartete Antwort: Ein junges Unternehmen, dem er sich als der neue Werbeleiter angeboten hatte, zeigte Interesse an seiner Bewerbung. Adolf bereitete sein erstes Gespräch sorgfältig vor. Er informierte sich über den speziellen Markt, er machte sich Gedanken über Verfahren zur Erschließung und er formulierte Aussagen zu aktuellen Aufgaben. Sein erster Besuch verlief erfolgversprechend: Seine Gedanken und Ideen wurden positiv aufgenommen, seine Erfahrung bewertet und geschätzt. Nach zwei weiteren ausführlichen Gesprächen war Adolf am Ziel: Er wurde eingestellt.
Die ersten Wochen in seiner neuen Stellung verliefen merkwürdig. Trotz der ursprünglichen Übereinstimmung über kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen traten immer wieder Differenzen über die Vorgehensweise auf. Adolf verunsicherte, dass Ergebnisse langer und ausführlicher Diskussionen durch spontanen Beschluss des Geschäftsführers über den Haufen geworfen wurden. Er wurde den Eindruck nicht los, dass der Geschäftsführer nachträglich die Einstellung bedauerte, denn nie wurde die von Adolf geleistete Arbeit positiv bewertet oder anerkannt. Im Gegenteil: Mit überraschenden Entscheidungen entgegen vorherigen Planungen förderte Adolfs Chef den Eindruck, die erreichten Ergebnisse seien unzureichend.
In dieser Situation verfiel Adolf der ersten Versuchung, die an ihn herantrat und sein Selbstwertgefühl ansprach. Er war sehr empfänglich für jegliche Art von Bewunderung und Anerkennung, und er traf auf eine junge Frau, die fasziniert von ihm war und ihm das auch sagte und zeigte. So war auch er hingerissen von ihr, sodass es nur einer Gelegenheit bedurfte, um die beiden zusammenzuführen. Die Gelegenheit kam schnell auf einer Veranstaltung, die beide besuchten, und die Folgen waren vorhersehbar. Adolfs Gefährtin nahm den Vorfall jedoch als Bestätigung ihrer Vermutung, Adolf habe kein Interesse mehr an ihr. Das beeinflusste ihr weiteres Verhalten
Adolf wartete sehnsüchtig auf das Ende seiner Probezeit. Täglich fürchtete er, seine Entlassung mitgeteilt zu bekommen, und jede Nacht zerbrach er sich den Kopf darüber, was danach käme. Eine Kollegin war kurz zuvor wegen Unfähigkeit entlassen worden. Unter all dem litt nicht nur seine Arbeit. Die Beziehung zu seiner Gefährtin wurde immer angespannter, aber sie wusste nicht oder wollte nicht wissen, wo die wirklichen Ursachen dafür lagen. Sie sah nur, was geschehen war, als Adolf seine Affaire hatte, sie sah ihn nur immer nervöser, immer aggressiver werden und sie führte alles auf die zwischen ihnen gestörte Beziehung zurück. Sie wollte von ihm die Sicherheit, dass er nur Interesse an ihr habe und dass alles andere unwichtig sei, und genau das, die Sicherheit, konnte er ihr nicht geben. So suchte sie nach Alternativen.
Adolfs Probezeit lief ohne besondere Ereignisse ab. Unvermindert hielten jedoch ständige Auseinandersetzungen über die Differenz zwischen ursprünglich gemeinsamer Strategie und die spätere tatsächliche Ausführung an. Adolf wurde im Lauf der Zeit langsam verbittert und aggressiv, sodass es ihn sogar freute, wenn sich Nachteile für das Unternehmen ergaben, wenn gegen seine Vorstellungen gehandelt wurde. Das Klima zwischen ihm und dem Geschäftsführer wurde zunehmend frostiger.
Dann brach seine Beziehung auseinander. Seine Gefährtin traf einen Mann, der ihre alle Sicherheiten vermittelte, derer sie so dringend bedurfte. Der Trennnungsprozess war langwierig und schmerzhaft, weil viel gemeinsam Geschaffenes zerbrochen wurde. Von einem Tag zum anderen stand Adolf mit allen eingegangenen Verpflichtungen und Verbindlichkeiten allein, und auch das großzügige Angebot seiner ehemaligen Gefährtin, ihn bis auf weiteres zu unterstützen, konnte nur einen Aufschub bewirken. So war Adolf über Wochen damit beschäftigt, nach Alternativen zu suchen, um seinen Verpflichtungen nachzukommen oder sie abzuwälzen. Er musste sich entscheiden, entweder alles bis dahin Geschaffene aufzugeben oder seine Ansprüche drastisch zurückzuschrauben. Er entschloss sich, lieber anspruchslos zu sein, aber dafür das Geschaffene zu bewahren.
Dann wurde Adolf mit einem neuen Vorgesetzten konfrontiert, der ihm von der Geschäftsleitung ohne besondere Ankündigung vor die Nase gesetzt wurde. Obwohl dieser neue Mann über keine der Eigenschaften verfügte, die Adolf für seine Qualifikation hielt, stieg sein Ansehen bei der Geschäftsleitung von Tag zu Tag. Mehr und mehr demonstrierte dieser Mann auch seine Eigenschaft als Vorgesetzter und isolierte Adolf von seinen Aufgaben. Adolf wurde in die Rolle des Ausführenden gedrängt, der übertragene Arbeiten ausführt, ohne Fragen zu stellen.
Seitdem ist Adolf wieder auf Stellungssuche, aber sein Selbstbewusstsein ist gestört. Eigentlich will er nur seine Ruhe haben, gute hochwertige Arbeit leisten, ohne sich in endlose Diskussionen zu verlieren und ohne ständig kämpfen zu müssen - für seine Überzeugung. Jetzt hat er Zweifel an seinem Können, Unsicherheit über seine Fähigkeiten und kein Vertrauen mehr. Kein Selbstvertrauen, kein Vertrauen in die Honorierung beruflichen Engagements, aber auch kein Vertrauen mehr in den Bestand zwischenmenschlicher Beziehungen bei auftretenden Schwierigkeiten. Adolf will sich nur noch auf sich selbst verlassen, er will die Abhängigkeit meiden und versuchen, sich dort zu engagieren, wo sein Engagement nicht umsonst ist.
Adolf war nur einmal drei Monate stellungslos und nur einmal sechs Wochen im Zwangsurlaub. Er hat noch nicht in der Schlange vor dem Arbeitsamt gestanden, und er musste auch noch nicht in der Bierflasche am Kiosk Vergessen suchen. Aber er ist tief verunsichert. Er hielt sich früher für eine qualifizierte Arbeitskraft und für einen verlässlichen Gefährten. Er konnte sich engagieren im Vertrauen auf das Engagement des anderen - beruflich und privat. Heute hat er wieder einen Arbeitsplatz. Es ist nicht mehr das Einkommen wie früher. Aber damit kann er inzwischen leben. Aber inzwischen ist er deutlich älter und weiß: Das nächste Mal wird er nicht so glimpflich davonkommen. Und wenn Hartz IV zuschlägt, ist er nach spätestens zwei Jahren ganz am Boden - noch weiter unten, als er zu Beginn seiner Berufstätigkeit war. Er darf sich selbst nicht aufgeben. Aber was kommt danach?



Eingereicht am 08. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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