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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

10 Minuten

© Wibke Oppermann


Ich rauche eine Zigarette. Parisienne Mild. Drei Stockwerke unter mir herrscht ein reges Treiben auf der Strasse. Ich sitze auf dem Dach eines Gebäudes und lasse meine Beine herunterbaumeln. Meine Füsse stecken in schwarzen Chucks. Dazu habe ich mein gelbes XXL-T-Shirt mit den schwarzen Punkten und meiner Lieblingsbluejeans an. Meine Haare sind zerzaust, wie wenn ich gerade erst aufgestanden wäre. In der linken Hand die Zigarette, in der Rechten mein Zeugnis. Es ist nicht gut ausgefallen. Meine Eltern werden mir die Hölle heiss machen. Noch ein Jahr muss ich zur Schule gehen, dann Abi. Danach würde ich so gerne studieren. Am besten in Berlin. Meine Traumstadt. Oft habe ich schon davon geträumt, wie geil das wäre. So weit weg von diesem Kuhdorf. Nie mehr diese beschissene Schule sehen. Aber werde ich nach den Sommerferien überhaupt noch zur Schule gehen? Werden mich meine Eltern nicht zur Arbeit schicken, wie sie es mir schon so oft angedroht haben? Sollte ich nicht gleich hier und sofort den Schlussstrich in meinem kurzen und verkackten Leben ziehen? Nie habe ich Anerkennung bekommen für das, was ich gemacht habe. Immer nur mecker. Immer heisst's, du telefonierst zu viel, hängst zu viel mit deinen Freunden rum, machst nichts Anständiges. Ich hätte keine Zukunft haben mir meine Eltern an den Kopf geworfen. Ich nehme einen Zug von meiner Zigarette. Ah tut das gut, nach diesem Tag. Heute haben die Sommerferien angefangen. Viele aus meiner Klasse fahren in die Ferien. Nach Gran Canaria, Amerika und Tunesien. Die haben ja auch genug Geld. Ich werde wohl wieder in Lidl arbeiten. Meine Eltern können es sich nicht leisten wegzufahren. Haben ja nicht mal ein Auto. Achtzehn bin ich schon lange, aber den Führerschein werde ich bestimmt nicht so schnell sehen. Unten auf dem Bürgersteig zieht gerade eine entnervte Mutter ihr quengelndes Kind hinter sich her. Das Kind hätte gerne ein Eis, aber die Mutter bringt wohl gerade keine Nerven dafür auf. Die Kleine hat noch ihr ganzes Leben vor sich denk ich mir. Hoffentlich geht sie den richtigen Weg, nicht so wie ich. Vieles habe ich falsch gemacht und würde es gerne wieder gerade biegen. Leider ist das nicht so einfach. Schon viel zu lange rauche ich, bin abhängig von diesen scheiss Zigaretten. Kiffen war auch mal ein Thema. Hab aber wieder aufgehört. Mir ging es immer voll mies und ich hatte keinen Bock mehr irgendetwas zu machen. Bin nur noch rumgehangen. Meine Kumpels kannste eigentlich auch vergessen. Fallen einem doch eh nur in Rücken und wollen dann beschützt werden, wenn es ihnen an den Kragen gehen soll. Tolle Freunde, echt! Zu nichts zu gebrauchen. Und die Jungs kannste sowieso vergessen. Ich hätte Liebe bitter nötig, aber denkst du, dass sich irgendwer überhaupt nur ein bisschen für mich interessiert? Ne, nicht die Bohne, nicht ein einziger. Aber umgekehrt würde es da schon jemand geben, den ich mag. Geht in meine Parallelklasse. Kennen tun wir uns schon lange, etwa vier Jahre, haben uns bis heute immer nur gefoppt. Hoffnung besteht für mich aber, denn es heisst doch: "Was sich neckt, das liebt sich." Apropos Jungs. Ein paar Meter weiter, auf einer Wiese spielen ein paar Jungs Fussball. Als ich noch ne Kleine war, war das immer mein grösster Traum. Fussballclub. Warum hab ich mich eigentlich nie darum gekümmert, dass ich mal in eine Fussballmannschaft gekommen bin? Meine Eltern haben sich einen Dreck drum gekümmert und ich, ich war doch noch viel zu jung und unerfahren, als dass ich so was selber in die Hand nehmen könnte. Hey, Fussball. Das wär's doch jetzt. Einen kurzen Augenblick ringe ich mit mir, ob ich runter zu den Jungs gehen soll, um mitzuspielen. Aber ich bin mal wieder zu faul und bleibe sitzen, um meine Zigarette fertig zu rauchen. Sollte eh mal langsam nach Hause gehen. Sonst heisst's wieder; "Wo warst du noch so lange?" Was machen meine Eltern eigentlich gerade? Ich habe sie schon gar nicht mehr richtig wahrgenommen, in den letzten Jahren. Wann haben wir eigentlich das letzte Mal was zusammen gemacht? Wann waren wir das letzte Mal zusammen in den Ferien? Ich glaube seit Nenas Tod nicht mehr. Nena, meine grosse Schwester, ist vor vier Jahren bei einem Motorradunfall gestorben. Hatte keinen Helm an. Sie fehlt mir. Wenn sie noch da wäre, hätte ich wohl diese ganze Scheisse nicht durchmachen müssen. Mit ihr war es immer so cool. Am Strand in Frankreich haben wir immer stundelang Muscheln gesucht. Oft sassen wir einfach nur neben einander und haben dem Meer zugesehen und nicht miteinander gesprochen, denn Schwestern verstehen sich auch ohne Worte. Nena war immer überall beliebt. Hatte nie Feinde. Sie war auch so hübsch und intelligent. Warum nur war sie in dem einen Augenblick auf dem Motorrad so leichtsinnig und hat sich keinen Helm aufgesetzt? Sie war doch auch sonst immer so vernünftig. Sie hat immer geschaut, dass es mir gut ging, denn schon damals wurde ich meines Wissens nicht übermässig von meinen Eltern beachtet. Ach Nena, wenn du doch da wärst. Du wüsstest jetzt einen Rat, würdest mich trösten. Alle Jungs in der Schule waren verknallt in dich. Und ich, mich meidet man. Alle nennen mich nen Freak. Nur weil ich nicht so nen bescheuerten nullachtfünfzehn Look habe. Die haben doch keine Ahnung, echt. Was ich später werden will weiss ich schon lange. Schriftstellerin oder Journalistin. Ich möchte den Menschen etwas näher bringen mit meinem schreiben. Möchte ihnen mit meinem Schreiben mein Leid schildern und so eine Verbindung zu Menschen aufbauen, die genau das gleiche durchmachen und diese möglicherweise aus dieser Krise mit heraus begleiten. Und wenn ich das Abi nicht schaffe, was dann? Keine Uni, keine Schriftstellerin und vor allem eins nicht. 'nen guten Job. Knete. Kies. Gut, es haben schon viele geschrieben ohne Uniabschluss oder gar Abi. Aber bist jetzt hat mich die Muse noch nicht mal geküsst, geschweige denn überhaupt angeschaut. Studieren wäre eh voll geil. Mein Vater erzählt heute immer noch wie geil seine Unizeit war. Die geilste seines Lebens sagt er immer. Tja, aber was soll in einem Jahr sein, wenn ich nicht mal weiss ob ich morgen überhaupt noch lebe? Ach, wäre Nena doch hier. Nur du könntest meine Eltern überzeugen, dass aus mir was werden kann. Nur dir würden sie glauben. Mit deiner Überzeugungskraft bist du immer weit gekommen. Meine Alten glauben ja eh, dass ich für den Rest meines erbärmlichen Lebens hinter der Kasse von irgendeinem Supermarkt sitzen werde. Die trauen mir gar nichts mehr zu. Vielleicht wissen die gar nicht, was alles in mir schlummert. Geheime Kräfte oder so was. Meine Fähigkeiten halten sich zwar in Grenzen, aber das was ich kann, kann ich dann auch. Es heisst ja auch, mit nem Willen erreicht man was. Ist bloss der Wille da, schaffst du's auch. Ich habe zum Beispiel Jahre lang Klavierunterricht gehabt. Ich bin zwar nicht Mozart, kann aber Noten lesen und all das Zeugs. Und hey, für nen Sekretärinnenjob könnte ich mich auch bewerben, falls ich mal Knete bräuchte, denn in der Achten haben mich meine Eltern zum Zehnfingersystemschreibkurs in der Schule geschickt. Hat sich ja wohl auch gelohnt.
Na ja, was ich vor allem kann ist eben schreiben. Deutsch ist mein Lieblingsfach. Wir schreiben ja fast nur Aufsätze, was ne gute Übung für mich ist und schlecht bin ich da nicht drin. Ach, das Leben ist einfach nicht fair. Aber wer hat dies schon behauptet? Warum muss das Leben so kompliziert sein? Wofür leben wir eigentlich? Der Sinn des Lebens. Viele haben sich schon damit beschäftigt, aber gibt's auch Lösungen? Ich sehe keinen Sinn im menschlichen Leben, Leben allgemein. Guck dir mal uns an; werden geboren, kommen in Kindergarten, dann in die Schule, haben Ferien, gehen zur Schule, haben Ferien, machen Abschluss, gehen zur Uni( oder Arbeit), haben Ferien, und dass 20 - 30 Jahre lang und dann kommen wir in Rente und sind ganz ausgelaugt und wollen all das machen, was wir bisher verpasst haben, aber was haben wir denn schon verpasst? Und Gott? Gott soll dies alles gemacht haben, glaubst du ja wohl selbst nicht! Ein Einziger und der soll auch noch allmächtig sein. Das haben sich doch die MENSCHEN alles nur ausgedacht, damit sie etwas haben, woran sie glauben können und wissen, dass man sie mag und dieser Gott gibt ihnen auch noch gleich den Sinn des Lebens. Scheisse, habe mir meine Finger verbrannt, die Zigarette ist zu Ende gegangen. In dieser ganzen Denkerei hab ich die ja voll vergessen. Easy, zünde mir eben ne neue an. Ja,ja, der Mensch. Schon ne komische Gestalt. Wir empfinden uns als schöne Wesen, aber ich wette, dass irgendwo da draussen im All, dass genau dort gerade irgendwelche anderen Wesen sitzen, sich uns anschauen und auslachen, da sie denken, boah eh, sind die hässlich. Ich muss grinsen, lustige Vorstellung. Warum müssen wir uns eigentlich immer weiter entwickeln? Immer neue Dinge erfinden? Alles erforschen und entdecken? Wozu und für wenn? Die Hälfte der Menschheit hat eh nicht mitgekriegt, dass die ollen Amerikaner schon auf em Mond rumgelatscht sind, denn die sind eher damit beschäftigt, dass sie etwas zum essen finden. Die armen Schlucker. Tun mir voll Leid. Na ja, ich sollte mich mal um meine Probleme kümmern, aber ich glaube, dass genau das das Problem von uns Menschen ist, wir sind zu egoistisch. Ich krieg gerade ne SMS. Meine Clique schreibt, ich soll in nen paar Minuten zu unserm Treffpunkt kommen. Was soll das? Ich denk mir nicht viel dabei und leg das Handy zur Seite. Soll ich nun springen oder nicht? Ich weiss, dass muss doch unheimlich weh tun, wenn ich unten aufschlage, und was ist überhaupt, wenn ich dadurch nicht sterbe? Das wäre ja total beschissen. Aber wenn ich nicht springe muss ich mir das Geschrei meiner Alten anhören. Ich müsste mir keine Sorgen mehr wegen meiner Zukunft machen. Ich würde nicht miterleben, wie sich die Welt verändert. Nie mehr könnte ich im Meer baden, die Sonne geniessen. Nena würde ich im Himmel wieder treffen. Aber gibt es überhaupt einen Himmel? Ich würde nie mehr meine Freunde sehen. Und mein Schwarm wäre dann auch für mich gestorben. Hm, wenn ich jetzt so abwäge was ich alles verpasse, wenn ich springe würde, überleg ich mir das noch mal ernsthaft. Man sollte sich halt schon an den kleinen Dingen freuen, die uns das Leben bittet. Die Sonne, Freunde, Natur usw. Nach dieser ganzen Denkerei bin ich ziemlich erschöpft und nehm erstmal nen Schluck Cola aus der Dose neben mir. Ich hab auf jeden Fall bemerkt, dass ich mal wieder mit meinen Eltern reden sollte, komm ja eh nicht drum rum, wegen dem Zeugnis und ich weiss, dass ich das Abi schaffe und dann, in ein paar Jahren, bring ich mein erstes Buch raus. Ich lebe und ich muss mich eben damit abfinden und versuchen, das Beste daraus zu machen. Das Leben hat zwar keinen Sinn für mich, aber ich kann ihm ja einen Sinn geben. Und überhaupt, die Sonne scheint, der Himmel ist knallblau und es ist Sommerzeit. Ein viel zu schöner Tag um zu sterben. Da heisst's nur eins: Baggersee ich komme!



Eingereicht am 07. April 2005.
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