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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Drachenflug

© Ulrich Rakoún


Die Idee von etwas kann einen Menschen oft glücklicher
machen, als ihre ausschließliche Erfüllung.
Mein Traum ist es, dass sich meine Wünsche niemals ganz erfüllen werden, weil ich in diesem Moment aufgehört haben werde, zu träumen und damit mein Traum vorbei sein wird. Durch die Nichterfüllung aller meiner Wünsche werde ich weiterhin von etwas Schönerem träumen, das, wenn es wirklich in Erfüllung gehen sollte, nur ein Teil einer ganz alltäglichen Realität sein würde, die mir dann vielleicht das Träumen verbieten und mich traumlos glücklich machen könnte.
Mein großer Traum ist aber dennoch, mit einem Drachen hoch oben am Himmel dahin zu gleiten. Über den Landschaften, Flüssen und Seen zu schweben, fast schwerelos, so als wäre ich eine Möwe, die nach einem festen Eiland sucht. Mit einem Zweig im Schnabel, um sich ein Nest zu bauen, vielleicht auch, um eine Familie zu gründen. Sie gleitet dahin, über Dächer von Städten und Dörfern und weiter über Bäche, Teiche, Moore und Tümpel, bis sie schließlich ihren Platz gefunden hat, wo sie sich häuslich niederlassen kann.
Mit meinem Drachen dahin gleitend, kann ich die Welt von oben aus der Vogelperspektive beobachten. Sie kommt mir jetzt ganz klein vor, und auch meine Ängste und Sorgen von dort unten, nämlich von der Erde, kommen mir plötzlich hier oben unbegründet und klein vor.
Immer kleiner werden sie, bis ich sie schließlich gar nicht mehr erkenne, weil ich zu einem Teil des sichtbaren blauen Himmels und der Wolken, vielleicht auch zu einem Teil des Weltalls, des Universums, geworden bin.
Vielleicht kann ich dann mit meinem Drachen auch irgendwo landen, wo es besonders schön ist und die Sonne an einem hellen Sommertag scheint. Ich könnte auf einer grünen Wiese landen, die gerade mit gelben Butterblumen übersät ist und auf der einige Kinder spielen, die eilig herbeigelaufen kommen, um mich und meinen Drachen staunend zu begrüßen. Nachdem ich mich auf der bunten Wiese genug ausgeruht hätte, könnte ich meinen Höhenflug mit dem Drachen fortsetzen und hoch oben am Himmel einer Schar von Singvögeln begegnen, die gerade aus ihren südlichen Winterquartieren zurückgekehrt wären, um die Sommerzeit in nördlichen Gefilden zu verbringen, wo es jetzt um diese Jahreszeit gewiss auch wärmer wird. Eventuell würde ich den Vogelschwarm eine Zeit lang begleiten oder hinter ihm her segeln, bis sich schließlich irgendwo und irgendwann unsere Wege von allein trennen. Mensch und Tier verschiedene Wege gehen. Verzeihung - wollte sagen, fliegen.
Ja, und je mehr sich der schöne Sommertag seinem Ende nähert, würde ich versuchen, den großen Drachen wieder dahin zu steuern, von wo mein Flug seinen Ausgang genommen hat.
Vielleicht bin ich aber auch an einem schönen Sommerabend noch bis zur anbrechenden Dunkelheit mit meinem Fluggerät unterwegs. Die Wärme des Tages, die noch am Abend über der Landschaft liegt, wird durch die leichte Sommerkleidung meine Haut erwärmen und ein leichter Sommerwind wird mir durch die Haare fahren, wenn ich tief unter mir die ersten Lichter erkenne. Dort unten, wo die Menschen leben, für die sich jetzt der Tag seinem Ende zuneigt. Der schöne Sommertag, der ein Sonntag gewesen sein könnte. Ich denke, ich möchte jetzt auch wieder dort unten bei den Menschen in ihren Häusern und Wohnungen sein und nicht mehr einsam und allein, wie ein von seinen Artgenossen verlassener Vogel, hoch oben am Himmelszelt kreisen. So ändern sich meine Stimmungen und demgemäß meine Wünsche, ganz wie die Tageszeiten.
Als ich unten wohl gelandet bin und mich schon wieder auf dem Heimweg und danach in meiner kleinen Wohnung in der Nähe der Menschen, die ich kenne und die mich auch kennen und lieben, wie ich denke, befinde, überblicke ich in Gedanken noch einmal den schönen Tag und überlege mir, was ich alles erlebt und gesehen habe. Ich habe plötzlich das Gefühl, das ich keine Minute lang während meines Fluges allein war, sondern ständig mehr oder weniger stille, sichtbare und unsichtbare Begleiter um mich hatte. Nicht nur die Vogelschar, die sich auf der Durchreise befand, sondern auch Berge, Wälder, Seen, Flüsse und Bäche, die meine Augen deutlich erkennen konnten. Und sogar die kleinen Tümpel mit den Fischen darin, die ein Menschenauge von oben gar nicht mehr sehen und die ich mir deshalb nur vorstellen kann. Aber auch die Städte und Dörfer, in denen Menschen leben, von denen mein Flug seinen Ausgang genommen hat. Auch die Sonne, der Wind und die Wolken waren meine Beobachter und Begleiter. Und sicher wohl auch Gott, den nur mein inneres Auge sehen konnte und den ich mir deshalb nur vorstellen kann. Und alle haben sie die ganze Zeit über zu und mit mir gesprochen, sich freundlich mit mir unterhalten. Leise, ruhig und fast schon still, sodass ich die Gegenwart der Menschen, mit Ausnahme die der spielenden Kinder, gar nicht gebraucht oder vermisst habe.
Und wenn ich dann spät am Abend, matt und müde von der Flugreise, in meinem Bett liege und aus dem Fenster schaue und so den Sternenhimmel betrachte, habe ich das Gefühl, dass ich immer noch dort oben am Himmel mit meinem Drachen über oder zwischen den Wolken gleite und kreise. Irgendwo zwischen Mond und Sternen, ganz weit am dunklen Firmament.
Dann schlafe ich ruhig und glücklich ein und träume von dem nächsten Sonntag, wo ich wieder mit meinem Drachen zu einem Flug aufbrechen werde. Ich denke an die vielen schönen Dinge, die ich von oben schon gesehen habe und male mir all die Dinge aus, die ich noch nicht gesehen habe und sehen möchte, und erst in den frühen Morgenstunden, als der neue Tag einer neuen Woche für mich endgültig anbricht, bin ich mir ganz sicher, dass mein Traum Wirklichkeit geworden ist, auch wenn ich in meinem ganzen Leben noch niemals mit einem Drachen geflogen bin...



Eingereicht am 05. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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